Rationale Moral vom Feinsten – Derek Parfit erhält Rolf-Schock-Preis 2014

Derek Parfit (Oxford) erhält den Rolf-Schock-Preis für Philosophie 2014. Es ist der höchstdotierte Preis in der Philosophie, vergeben von der Royal Swedish Academy of Sciences. Zu den vormaligen Preisträgern gehören Thomas Nagel, John Rawls und W.V.O. Quine.

Parfit hat die Philosophie der letzten Jahrzehnte vor allem mit seinen beiden Büchern “Reasons and Persons” und “On what matters” geprägt. Seine Auseinandersetzung mit klassischen Positionen und Argumenten ist bahnbrechend und hat in weiten Teilen der Philosophie zu fruchtbaren Neubewertungen altbekannter Probleme geführt (und wird dies vermutlich noch auf Jahre hinaus tun).

Parfit vertritt in kritischer Auseinandersetzung mit Subjektivismus, Naturalismus und anderen prominenten Positionen eine objektive Ethik. Diese Ethik ist von unterschiedlichen Konzeptionen aus zugänglich – nämlich denen von Kant, Scanlon oder Sidgwick, die entgegen der üblichen Sicht nicht widersprüchlich zueinander sind. Kants Gesetzesformel hält er für die größte Errungenschaft seit der antiken Ethik. Die Achtung vor der Würde des Menschen und damit das Verbot der Instrumentalisierung – angelehnt an Kants Formel von der Menschheit als “Zweck an sich” – gehört zu den Prinzipien seiner Ethik.

Update: Das Preisgeld, das Michael Quante bei der Verleihung des “Deutschen Preises für Philosophie und Sozialethik” erhält (100.000 Euro) (Der blinde Hund berichtete), ist offenbar höher als das des Rolf-Schock-Preises (600.000 Schwedische Kronen, also ca. 68.000 Euro).

Wilhelm Vossenkuhl über Derek Parfits “On What Matters”: “Ein Werk der Superlative”

Wilhelm Vossenkuhl rezensiert in der NZZ Derek Parfits voluminöses neues Buch “On What Matters“. (Weitere Hinweise zu dem Buch hier.)

Vossenkuhl gibt einen guten Überblick von Parfits Argumentation. Mit seiner Einheitstheorie der Moral, die das “richtig zusammengefügte und von Fehlern bereinigte Alte” der Konzeptionen von Kant, Scanlon und Sidgwick enthalte, tritt er gegen “internalistische” Moraltheorien an, die sich auf Hume berufen und “auf die Kraft von Motiven, Wünschen und Willensakten” setzen. Seiner wertbasierten Theorie fällt auch die mikroökonomische Theorie des Begehrens zum Opfer.

Da man mit Parfits Theorie Schritt für Schritt zu konkreten Zielen moralischen Handelns – wie dem Verzicht von Reichen auf einige Luxusgüter oder die Bewahrung des Planeten – kommt, “ist «On What Matters» trotz den erwähnten Defiziten ein Werk der Superlative, das die geduldige Lektüre lohnt“.

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Zu Derek Parfits “On what matters”

In den “Notre Dame Philosophical Reviews” ist eine ausführliche Rezension von Mark Schroeder zu Derek Parfits “On what matters” erschienen.

Bei “New APPS” diskutiert Eric Schliesser “Parfit’s fanaticism” (“On wasted philosophic lives…”).

Der neue “New Yorker” hat ein interessantes Stück (vollständig nur auf Subskription) über Parfit und sein neues Buch. Es enthält einige Trivia zu Parfits Person, bspw. dass er kürzlich seine langjährige Lebensgefährtin Janet Radcliffe Richards geheiratet hat.

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Tyler Cowen rezensiert Parfits “On what matters”

Interessante Rezension bei Marginal Revolution zu Derek Parfits “On what matters“:

Tyler Cowen ist nicht überzeugt von Parfits – einem seiner “favorite philosophers” – Hauptargumenten. Der zentrale Teil des Buches schreie nach Formalisierung “or at the very least citations to formalized game theory“. Und nicht nur das:

Parfit is operating in the territory of solution concepts and game-theoretic equilibrium refinements, but with nary a nod in their direction. By the end of his lengthy and indeed exhausting discussions, I do not feel I am up to where game theory was in 1990.

I read the standard game-theoretic results as implying that ethics is a far more indeterminate enterprise than Parfit might like to see. Any particular specification of rule consequentialism tends to require increasingly baroque refinements to cover all the different possible kinds of situations.

Parfits Diskussion des Konsequenzialismus verfehle “the questions defined by where the frontier — choice theory and not just philosophic ethics — has been for some time“. Bis diese Fragen nicht geklärt seien, sei eine Integration mit dem Kontraktualismus nicht möglich.

Außerdem wundert sich Cowen – wie ich auch – über die Danksagungsliste im Vorwort. Und er verweist neben der hier im Blog schon verlinkten positiven Rezension von Peter Singer auf eine weitere, eher kritische von Constantine Sandis.

Nachtrag: Jussi Suikkanen, der zusammen mit John Cottingham das Buch “Essays on Derek Parfit’s On What Matters” (Blackwell, 2009) herausgegeben hat, schreibt eine Kurzrezension, in der er einige Probleme von Parfits Buch anspricht, die sich seiner Methode verdanken: “What strikes me most now is the philosophical method which Parfit employs again and again throughout the book. It is the oldest tool in the philosophers’ kit. Parfit proceeds by attacking familiar versions of general ethical principles with innovative counterexamples. He then makes these principles more and more sophisticated until they survive the thought-experiments.

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Simon Blackburn über Parfits “On what matters”

Simon Blackburn hat eine Rezension zu Derek Parfits neuem Buch “On what matters“, die ursprünglich von der Financial Times beauftragt, dann aber nicht abgedruckt wurde, auf seiner eigenen Webseite veröffentlicht.

Blackburn nimmt eine kritische Haltung zu Parfits Position ein. Anders als Peter Singer, sieht er nicht, was Parfit zu einer realistischen Aufklärung über Moral beiträgt.
Er zitiert einen Satz vom Anfang des Buches: “‘It would be a tragedy’ he tells us on page 2, ‘if there is no single true morality’” und antwortet darauf: “Well, outside the charmed walls of All Souls College, there actually are tragedies.” Innerhalb der Mauern handele es sich vielleicht aber eher um die Komödie von “Don Quixote tilting at windmills“.


Weitere Informationen (und Links) zu Parfits neuem Buch habe ich in diesem Blog hier und hier gepostet.

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Links zu Parfits “On what matters”

Bei Political Theory – Habermas and Rawls gibt es einen Beitrag zu Derek Parfits neuem Buch “On what matters” mit einigen Links, darunter zu Entwürfen, die bereits in den letzten Jahren zirkulierten.

Brad Hooker hat bei TPM über Parfits “On what matters” geschrieben. Das Buch sei wahrscheinlich die wichtigste moralphilosophische Veröffentlichung seit Henry Sidgwicks “Methods in Ethics” von 1873.

Weitere Links habe ich in diesem Posting angeführt.

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Derek Parfits “On What Matters” – und das Coverfoto

On What Matters” von Derek Parfit ist nun endlich in zwei Bänden bei Oxford University Press erschienen. Man kann Band 1 und Band 2 einzeln beziehen oder als Set, was durchaus Sinn macht, je nachdem ob man den Haupttext in Band 1 lesen will oder / und Diskussionen und Antworten in Band 2.
Eine vorläufige Version unter dem Titel “Climbing the Mountain” war schon einige Jahre im Umlauf und wurde bspw. im Philosophieblog PEA-Soup diskutiert. Hier Empfehlungen von Peter Singer und Tyler Cowen.

Nun also die Veröffentlichung. Warum aber sind auf dem Cover Fotos von St. Petersburg abgebildet? Ein Zusammenhang schien mir nicht ersichtlich.

Möglicherweise stammen die Fotos von Parfit selbst, der leidenschaftlicher Fotograf ist und offenbar ein Buch über die Architektur in St. Petersburg plant (und ein weiteres über Venedig) – wie man einer biografischen Information der NYU entnehmen kann.

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