Das Ausbleiben (und das Verschwinden) der Konsumenten

Wenn ich Paul Krugman richtig verstanden habe, bekommt die chinesische Ökonomie ein Problem damit, dass die chinesischen Konsumenten nicht genug Geld haben, um zu konsumieren. Und das ist nicht gut für China. Und für den Rest der Welt.

A propos, wenn mein laienhafter Blick nicht täuscht, verschwinden in dem Rest der Welt, der konsumiert, zunehmend die Konsumenten. Und die bevorstehende massive Roboterisierung wirft diesbezüglich einige Fragen auf.

Jedenfalls bekommen wir mit der knappen Ressource Konsumenten ein Problem.

Ist China konfuzianisch?

Ist China konfuzianisch? Diese Frage wird immer wieder mal gestellt. Dabei ist sie gar nicht so einfach zu beantworten. Man muss dazu natürlich historische und soziologische Fakten heranziehen. Aber das größte Problem besteht darin, dass hier zwei Kollektivbegriffe im Spiel sind, nämlich “China” und “konfuzianisch” – also Begriffe, mit denen in diesem Fall nach Eigenschaften von Kollektiven gefragt wird.

“China” ist ja zunächst einmal die Bezeichnung eines Staates, und mit der Frage könnte die Regierungsform, die Verfassung oder die Gesetze, die Kultur oder die Mentalität der Bevölkerung usw. gemeint sein. Wenn dies geklärt wäre, müsste man außerdem wissen, nach welchen Kriterien man einen Staat oder eine Kultur usw. als “konfuzianisch” bezeichnen könnte. Es liegt auf der Hand, dass dies nur sehr ungenau geschehen kann, als eine Pauschalisierung, die notwendig Phänomene außer Acht lässt, die ebenso für ein kollektives Gebilde von Bedeutung sind. Genau das Gleiche ist der Fall bei Fragen wie “Sind die Deutschen sozialdemokratisch” oder “Ist Skandinavien liberal?”

Dies wird anhand der Frage, ob China konfuzianisch ist, besonders deutlich.
Der Konfuzianismus war in den letzten Jahrhunderten des Kaiserreiches Staatsreligion. Von Konfuzius, der sich keineswegs als Prophet oder Religionsstifter verstand, war dessen Lehre niemals so intendiert gewesen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben Chinesen den Konfuzianismus als lähmend empfunden und als Ursache für die kulturellen und sozio-ökonomischen Probleme des Landes gesehen. Deutlich kam dies damals in der Losung “Zerschlagt den Konfuzius-Laden!” zum Ausdruck.

Einen Höhepunkt dieses chinesischen Anti-Konfuzianismus stellt die maoistische Kulturrevolution dar mit ihrer Zerstörung geschichtlicher Artefakte und der ideologischen Umorientierung. Seit der Öffnung Chinas hat es hier ein allmähliches Umdenken gegeben, und mittlerweile ist der chinesischen Staatsführung eher daran gelegen, Konfuzius wieder als Nationalheiligen zu installieren. Dass der Bruch jedoch tief ist, bestätigt der chinesische Philosoph Tu Weiming, der in einem Dialog mit Francis Fukuyama in Stanford 2012 von der “totalen Zerstörung der kulturellen Tradition” spricht (s. Video hier ab 43:50 min). Konkret zeige sich das darin, dass höchstens 10 Prozent selbst der besten Studierenden in Peking die Bedeutung zentraler Textstellen des Konfuzianismus verstünden.

Abgesehen davon, dass das 20. Jahrhundert die kaiserlichen konfuzianischen Institutionen hinweggefegt hat, zeigt sowohl die alte als auch die moderne Praxis der Berufung auf Lehrsätze des Konfuzius, dass damit oft recht willkürlich umgegangen wird, so dass Gegensätzliches mit dem Anspruch vorgetragen wird, durch den Meister legitimiert zu sein. Dies ist natürlich ein typisches Fundament für ideologische Schlachtfelder, wenn auch keineswegs im Sinne des Konfuzius.

Der Münchener Sinologe Hans van Ess hat 2003 darauf hingewiesen, dass nicht immer, wenn es heißt, dass ein modernes soziokulturelles Phänomen Ostasiens typisch konfuzianisch sei, es sich auch um eine spezifisch konfuzianische Eigenschaft handelt. Familienbindung und sozialer Zusammenhalt beispielsweise habe es in Europa auch lange gegeben und seien heute für Regionen in Italien oder im Vorderen Orient ebenfalls kennzeichnend. Oder der Gegensatz von Kollektivismus zum angeblich europäischen Individualismus sei problematisch, weil sich der konfuzianische Gelehrte allzuoft und zu seinem Leidwesen als Individuum gegenüber der Gesellschaft wiedergefunden habe, und weil Chinesen sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Vergleich zu Japanern als individualistisch verstanden hätten.

Dem kann man hinzufügen, dass die Ethik des Konfuzius und des Meng Zi die individuelle Verantwortung betonen, selbst in unhinterfragten Unterordnungsbeziehungen. Ein bedingungsloses Mitlaufen mit dem Kollektiv ist für sie moralisch inakzeptabel.

Für eine moderne Moralphilosophie können die konfuzianischen Quellentexte interessante und ergiebige Ausgangspunkte sein. Entsprechende Untersuchungen hat es einige in den letzten Jahrzehnten gegeben. Weniger aussichtsreich scheint dagegen der Versuch zu sein, mit dem Adjektiv “konfuzianisch” einen angeblich besonderen, eigenartigen chinesischen oder asiatischen Charakterzug auszuzeichnen, der unvergleichbar sein soll – sei er nun, je nach ideologischer Geschmacksrichtung, positiv oder negativ.

. .

Zwischen Russell und Konfuzius – Zhang Shenfu

1920 traf der chinesische Philosoph Zhang Shenfu in Shanghai den Autor, den er in den letzten Jahren übersetzt und kommentiert hatte – Bertrand Russell. Im gleichen Jahr war Zhang auch Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Chinas. 1927 übersetzte er Wittgensteins “Tractatus”.

Über Zhang Shenfu, die Entwicklung seiner Philosophie und die zeitgeschichtlichen Umstände seines Lebens berichtete Vera Schwarcz 1991 im Journal des Bertrand Russell Archivs. Sie hatte 1979 Gelegenheit, nach der vorsichtigen Öffnung Chinas als erste westliche Wissenschaftlerin wieder mit Zhang zu reden.

Zhangs eigene philosophische Entwicklung wird vielleicht deutlich in einem Bild, das er selbst in diesen Gesprächen benutzt:

“Russell himself did not understand Confucius. But, in fact his thought is very close to Confucius. … My philosophy brings them together. I am like a bridge”.

Die enorme Popularität Michael Sandels in Asien

China Newsweek hat Michael Sandel als “die einflussreichste ausländische Person” des Jahres in China bezeichnet, wie die Harvard Gazette oder auch die New York Times berichten.

Sandels Popularität verdankt sich offenbar seinem regelmäßig abgehaltenen Harvard-Kurs “Justice”, den mittlerweile über 15.000 Studenten absolviert haben sollen und der laut Wikipedia mit 1115 Zuhörerinnen im Jahr 2007 der größte jemals durchgeführte Kurs in Harvard gewesen sein soll. Sandels erfolgreicher Kurs wurde auf Video aufgezeichnet, im öffentlichen Fernsehen ausgestrahlt und wird als Videoserie von der Universität Harvard auf einer eigenen Webseite präsentiert (alternativ die zugehörige Playlist des Harvard-YouTube-Kanals).

Sandel hat ein Buch zu dieser Veranstaltung veröffentlicht – “Justice: What’s the Right Thing to Do?“, das allein in Ostasien über eine Million mal verkauft wurde. In Japan ist Sandel nämlich eine Art Rockstar, nachdem das japanische Fernsehen NHK die Aufzeichnungen von Sandels Kurs übersetzt und ausgestrahlt hat. Das Buch dazu kletterte auf Platz 1 der ausländischen Veröffentlichungen bei Amazon Japan. Die japanischen Sendungen wurden wiederum chinesisch untertitelt und auf chinesischen Webseiten veröffentlicht, wo sie Millionen von Aufrufen haben sollen. Michael Sandel hat danach eine erfolgreiche Lesetour durch Japan unternommen sowie Vorlesungen in China gehalten.

.

. .

Milton Friedman in China

Bertrand Horwitz ergänzt in der NYRB Paul Krugmans Aufzählung der Dinge, mit denen sich Milton Friedman beschäftigt hat. So hat Friedman die chinesische Regierung in den Zeiten nach Mao offenbar zweimal in kritischen ökonomischen Phasen beraten. Und er hat die “negative Einkommenssteuer” propagiert: Familien, die unter eine bestimmte Einkommensgrenze fallen, sollten Schecks zur freien Verfügung erhalten.