Gen-Google

Das Bio-Googling ist da – Humangenome werden im industriellen Stil ausgelesen und gespeichert. Für das erste Genom hat das vor 10 Jahren noch 3 Milliarden US $ gekostet. Ein chinesisches Unternehmen hat 2010 128 Sequenziermaschinen für eine halbe Million Dollar das Stück gekauft, und erzeugt nun beim Sequenzieren 6 Terabyte Daten pro Tag, wie die MIT Technology Review berichtet. Die Kosten pro Genom liegen jetzt bei wenigen tausend Dollar, und sollen auf wenige hundert Dollar fallen.
Technik und Erfolge erzeugen jedenfalls eine enthusiastische Stimmung. Das alles ist sehr aufregend, faszinierend, beeindruckend und die beteiligten Wissenschaftler sind sehr optimistisch, wie man dem Bericht entnehmen kann. Die Mission des Unternehmens ist übrigens – richtig geraten – Gutes zu tun.

Oldie but goldie – “… und die Behandlung von Krankheiten”

Man liest über einen neuen sozialen Roboter, ein aktuelles Resultat der Hirnforschung, die neueste Wunderkombination aus der Gentechnologie, eine sensationelle Maschinenprothese für Menschen – und das bedeutet, man liest mit ziemlicher Sicherheit auch, dass diese neuen Errungenschaften Anlass sind für vielversprechende Aussichten für die Behandlung von Krankheiten.

Der Neuroskeptiker berichtet von einer Episode der Wissenschaftsgeschichte: Der Neurowissenschaftler Angelo Mosso hat am Ende des 19. Jahrhunderts eine Apparatur zur Messung des Gewichts von Hirnaktivitäten entwickelt. Nette Geschichte, mit einem ironischen Nebenaspekt: eine französische Zeitung feierte 1908 Mossos Entwicklung enthusiastisch und glaubt, sie führe zu einer Verbesserung der Therapie von neurologischen und psychischen Erkrankungen.

“Die Behandlung von Krankheiten” ist der “amerikanische Wissenschaftler” der Wissenschafts-PR. Wenn Boulevardblätter berichten, “amerikanische Wissenschaftler” hätten festgestellt …, so verleiht das der Information die notwendige Autorität sowie eine herausgehobene Relevanz. Der Verweis auf die in Aussicht stehenden Therapiemöglichgkeiten erfüllt mediensoziologisch die gleiche Funktion.

Jalees Rehman hat im Guardian gerade einen Artikel veröffentlicht, in dem er dafür plädiert, dass Wissenschaftsjournalismus mehr sein sollte als bloßes Infotainment – er sollte ein kritischer Wissenschaftsjournalismus sein. Rehman schlägt einige Kriterien dafür vor.

Versagt die Bioethik?

Tom Koch schreibt in der Huffington Post, dass die Bioethik keine robuste Ethik sei, sondern sich der neoliberalen, postmodernen ökonomischen Betrachtungsweise von Gesundheit als Ware angedient habe. Deshalb habe Bioethik weniger mit Ethik oder Philosophie zu tun, sondern vielmehr mit Geld und Macht. Moralphilosophen von Platon bis Kant seien aber keine Cheerleader, sondern Kritiker.
Tom Kochs Abrechnung mit der Bioethik ist als Buch unter dem Titel “Thieves of Virtue: When Bioethics Stole Medicine” gerade bei MIT Press erschienen.

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