Bescheidenheit, Rücksichtnahme, Freundlichkeit? Intellektuelle Tugenden auf dem Rückzug

In den Medien, der Politik und im Internet sowieso haben die intellektuellen Tugenden, die Konfuzius, Aristoteles oder Mark Aurel als Voraussetzung für durchdachte und sachliche Überzeugungen hervorgehoben haben, keinen Ort mehr. “Prahlerische Angeberei” ist eine Haltung, die zu den am wenigsten vertrauenswürdigen gehört, wenn es um die sachliche Zuverlässigkeit von Äußerungen geht; -so eine Meinung von gestern, nämlich von Aristoteles. Und doch beherrschen Blender, “Lautsprecher” und Schaumschläger den öffentlichen Diskurs. Um so wichtiger, wenn der Ort nüchternen wissenschaftlichen Nachdenkens, die Universität, davon verschont bleibt. Aber auch hier droht die aufgepeppte Fassadenrhetorik das Ruder zu übernehmen, aus verschiedenen Gründen (wie z.B. ideologische Grabenkämpfe, ökonomische Zwänge, bildungspolitische Verbesserungen usw.). Einen aktuellen Trend beschreibt Jonathan Wolff im Guardian.

Verursachen radikale pädagogische Reformen die schwedische Schulmisere?

Das schwedische Schulsystem ist in den PISA-Studien in den letzten Jahren dramatisch abgerutscht. Was ist der Grund? Privatschulen und freie Schulwahl werden oft als Verursacher genannt.

Tino Sanandaji hat in der konservativen National Review eine andere Meinung: “Sweden Has an Education Crisis, But It Wasn’t Caused by School Choice“. Die radikalen pädagogischen Reformen weg vom klassischen Unterricht hätten ungünstige Auswirkungen (siehe unteres Drittel des Artikels). Das “Rousseauian experiment in pedagogic method” habe zu einem Kollaps der Disziplin und der nicht-kognitiven Fähigkeiten der Schüler geführt, der auch von der PISA-Studie angesprochen wird. Auch die Lerndaten wie beispielsweise das Lerntempo zeigten einen massiven Rückgang.

Zwar gibt es in Schweden viele frei wählbare private Schulen, diese seien in der Pädagogik aber an die staatlichen Vorgaben gebunden. Daher gäbe es gerade keinen freien Markt in der Pädagogik, an dem man ablesen könne, welche Pädagogik bessere und welche schlechtere Ergebnisse zeitige.

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In Deutschland plädieren gerade zwei Philosophen für eine Reform des Schulwesens: Julian Nida-Rümelin und Richard David Precht haben je einen eigenen Vorschlag in Buchform vorgelegt, die Bildung in Deutschland zu reformieren.

Wunschdenken – Funktionieren MOOCs nicht?

Mark Guzdial, Professor an der Georgia Tech, schreibt in seinem Computing Education Blog:

Our data about MOOCs says that they’re not working. So, belief in MOOCs is “ineffable.” It’s about having warm feelings for technology and the hopes for its role in education.

Und in den Kommentaren erläutert er, dass es keine datenbasierten Belege für die Effektivität von MOOCs gäbe.

Monetarisierung von Universitäten – US-Style

Bei Time – Ideas beklagt Paul Campos die Folgen der ausufernden Ökonomisierung der Universitäten in den USA, insbesondere die damit verbundene Megalomanie der akademischen Administration, die immer größer und immer teurer werde. Auch den Evaluationszirkus hält er für überzogen. Das was Investmentbanker den “Markt” nennen, präge immer mehr jeden Aspekt der amerikanischen Kultur. Dem hält Campos entgegen: “Universities are not businesses”.

Jon Cogburn, bei dem ich den Hinweis auf den Artikel gefunden habe, fühlt sich bei diesem Thema an den Zwang erinnert, seinen Enthusiasmus durch Mitsingen der Gemeindelieder zu bezeugen.

Dazu passend, wenn auch aus einem anderen Zusammenhang, ein Interview mit Julian Nida-Rümelin über die Zukunft der Philosophie (und Geisteswissenschaften) bei Tabula Rasa.

Plädoyer für Humanities

Rachel Maddow, in den USA bekannt als Fernsehmoderatorin und Aktivistin, hebt in einem Vortrag an der Stanford University die Bedeutung der Humanities hervor, wie die News Seite von Stanford berichtet. Sowohl beruflich als auch politisch sei es entscheidend, Argumente gut zu formulieren. Und das würden eben Disziplinen wie Philosophie oder Sprachwissenschaften vermitteln. Neben guten Ingenieuren, Ärzten, Wissenschaftlern etc. bräuchte die Gesellschaft auch gute Schriftsteller, Journalisten, Künstler …

Texte zur Philosophie der Bildung – Rezension von „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“

Hans-Ulrich Lessing und Volker Steenblock haben im Verlag Karl Alber eine Sammlung klassischer Texte zur Philosophie der Bildung mit dem Titel „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“ (Link zur Verlagsseite) herausgebracht. Die Textsammlung ist aus Lehrveranstaltungen an der Ruhr-Universität Bochum hervorgegangen und liegt 2013 bereits in 2. Auflage vor. Sie enthält Auszüge aus klassischen Bildungstexten von Platon über Pico und Comenius, Schiller, Humboldt und Herder bis zu Adorno, Gadamer und Bieri.

Den Schwerpunkt haben die Herausgeber auf das Bildungsideal der Deutschen Klassik gelegt, weil sie diese Tradition für besonders relevant halten, insbesondere in Auseinandersetzung mit der heutigen Situation in der Bildungspolitik, die von Ökonomisierungsgesichtspunkten gerade auch in der Definition der Aufgabe von Bildung geprägt ist. (Dazu haben sich in jüngster Zeit auch Philosophen wie Martha Nussbaum, Julian Nida-Rümelin oder Reinhard Brandt geäußert.) In der Tat sind demgegenüber solche Bildungskonzeptionen ein notwendiger und höchstaktueller Beitrag zur Verständigung über Bildungsaufgaben, die a) die Ausbildung der individuellen Persönlichkeit zur Bewältigung einer komplexen Zivilisation und b) die kulturellen Grundlagen einer demokratischen und kritischen Zivilgesellschaft in den Blick nehmen.

Die Auswahl dieser Klassiker ist also durchaus aktuell. Vollständigkeit würde den Rahmen jeder handlichen Textsammlung sprengen – auch wenn hier beispielsweise Beiträge von Mill, Dewey, Russell, oder Martha Nussbaum das Spektrum gut ergänzen würden. So haben Lessing und Steenblock einen handhabbaren Textband mit einem klaren Fokus und einer fundierten Auswahl vorgelegt.

An der zentralen Bedeutung von Schiller und Humboldt für die Bildungsphilosophie besteht kein Zweifel, zumal sie auch in der angelsächsischen Philosophie zu diesem Thema ihre Spuren hinterlassen haben (Humboldt z.B. in Mills „On Liberty“, Schiller bspw. über Moritz Schlick, einem der Begründer der Analytischen Philosophie).

Ein für mich noch blinder Fleck war die Auffassung Droysens, der eine auch heute noch informative Theorie der historisch geprägten individuellen Entwicklung der Persönlichkeit vorträgt, die er aber mit einer nicht ganz unproblematischen, an Hegel angelehnten Geschichtsphilosophie verbindet. Ein weltgeschichtlicher Bildungsbegriff läuft Gefahr, Imperative des “Systems” oder des “Ganzen” – und dazu gehören eben auch die heutigen angeblichen „Sachzwänge“ – über das Individuum zu stellen. Es ist ja nicht a priori ausgemacht, wer befugt ist, die relevanten Imperative oder Sachzwänge auf die Agenda zu heben und andere dafür zu streichen, und zudem – so stellt Droysen gleich zu Beginn des ausgewählten Textes fest, darf das Individuum nicht „Opfer der Mittel“ werden.

Dazu passt dann gut Nietzsches Klage – wenn auch auf das wilhelminische Gymnasium bezogen – über das uninspirierte Pauken der Klassiker sowie von Mathematik und Naturwissenschaften. Es gehe eben nur um eine “Abrichtung”, um das hastige “Fertig”-werden für den Beruf und den Staat – was Nietzsche “unanständig” findet, weshalb er an den Schulen und Universitäten auch nur “gelehrte Rüpel” als Lehrer ausmacht – von Ausnahmen abgesehen. Was ihm demgegenüber fehlt, das ist mit und in den Bildungsinhalten auch zu leben, sie als ein Vermögen zu erwerben, so dass man von einem “wirklichen Können” sprechen kann.

Dass diese Mängel nicht geringer geworden sind, und wie relevant das heute schon kaum noch vernehmbare Bewusstsein der Notwendigkeit von auf die Person bezogener, also humanistischer Bildung ist, stellen zum Schluss der Sammlung Texte von Adorno, Jörg Ruhloff und Peter Bieri dar.

Die Textsammlung “Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …” ist als Übersicht klassischer Positionen zur Bildungsphilosophie, für Einführungsseminare und zum Nachschlagen einiger der zentralen Textstellen von Platon, Schiller, Humboldt oder Bieri sehr gut geeignet. Eine Literaturliste enthält weitere Hinweise zur Lektüre – so z.B. auf den Sammelband von Cahn, “Philosophy of Education”, der klassische Texte aus angloamerikanischer Perspektive enthält.

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Georgia Tech startet massives Online-Studien-Programm

Das Georgia Institute of Technology will ein Online-Master-Studium einführen, das mit 6.630 US-Dollar nur einen Bruchteil eines Campusstudiums kostet, berichtet Inside Higher Ed. 10.000 Absolventen sollen damit in wenigen Jahren gewonnen werden – verglichen mit 2.000 Abschlüssen, die dort seit den 1990er Jahren erreicht wurden, ist dies eine massive Ausweitung. Kooperationspartner sind die Unternehmen Udacity und AT&T.

Planung und Entscheidung für diese neue Initiative gingen offenbar so schnell über die Bühne, dass ein Großteil der Lehrenden am Georgia Institute of Technology davon überrascht war. Nun gibt es wohl erhitzte Diskussionen darüber, ob das Programm gelingen kann, und wie es durchgeführt werden soll.

E-Learning wirft massive Probleme auf

Michael Sandel hat in den letzten Jahren einige Vorträge und Kurse gehalten, die mit großem Erfolg im Internet als Videos frei zugänglich gemacht wurden (siehe diesen älteren Philoblog-Artikel).

Nun hat ein Kurs von Sandel, der als MOOC an Universitäten angeboten werden soll, zu massiver Kritik geführt, die die problematischen Aspekte des e-Learnings beleuchtet.

Das militaristisch anmutende Akronym MOOC steht für Massive Open Online Course. Das sind meist auf Video aufgzeichnete Vorlesungen, die online bereitgestellt werden. Das MIT und die Harvard University haben jeweils 30 Millionen Dollar in die Gründung der MOOC-Plattform edX gesteckt. Dort wird auch die Online-Vorlesung von Sandel vertrieben.

Das Philosophy Department der San Jose State University hat nun einen offenen Brief an Michael Sandel geschrieben, in dem die Professoren darlegen, warum sie das Ansinnen, dieses Online-Material in ihre Ausbildungstruktur aufzunehmen, ablehnen. Der Brief ist im Chronicle of Higher Education nachzulesen.

Es gäbe keine pädagogische Lücke, die das edX-Angebot schließen würde, argumentieren sie. Solche Online-Kurse stellten eine Einbuße an Qualität der Bildung und einen Fall von sozialer Ungerechtigkeit dar. Man bewundere zwar Sandels Fähigkeit, engagiert vor großem Publikum vorzutragen, aber das sei eher ein Beleg dafür, wie gut und wichtig es sei, dass ein Lehrer direkt mit den Studierenden interagiere, als dass Studierende Videos eines anderen Lehrers ansähen, in dem dieser mit seinen Studenten kommuniziere.

Dieser Brief hat in englischsprachigen Philosophieblogs viel Rückhalt gefunden. So weit ich sehe, schließen sich die meisten der Kommentatoren der Kritik an. Es wird bemängelt, dass MOOCs Konsequenzen hätten, die den Zielen der Bildung widersprächen. Außerdem sieht man diesen Fall in einem größeren Zusammenhang, in dem Aufgaben der Bildung immer mehr Unternehmen überantwortet werden. Deren industrielle Interessen prägten dann die Bildung.

Michael Sandel hat auf den Brief seiner Kollegen geantwortet. Er stimmt zu, dass der direkte Kontakt zwischen Studierenden und Lehrenden von herausragender Bedeutung sei, insbesondere in den Geisteswissenschaften. Von den Modalitäten zwischen edX und der San Jose State University wisse er kaum etwas. “My goal is simply to make an educational resource freely available–a resource that faculty colleagues should be free to use in whole or in part, or not at all, as they see fit.” Dass der massive Einsatz von Online-Kursen Institute an staatlichen Universitäten schädigen könne, sei eine legitime Besorgnis. Das Letzte, was er wolle, sei, dass die Kurse dazu verwendet würden, die Position seiner Kollegen zu untergraben.

Dieser Fall ist auch deshalb besonders interessant, weil Sandel a) ein engagierter Kritiker des Vordringens der Marktwerte in alle Lebensbereiche ist, und er sich b) gerade deshalb viel davon erhofft, dass moralische Probleme wieder demokratisch in der Öffentlichkeit diskutiert werden.

Einen Bericht dazu von Alva Noe gibt es auch bei NPR. Diskussionen finden sich beispielsweise hier und hier im New-APPS-Blog.

Hier der berühmte “Justice”-Kurs von Sandel in Harvard:

Sandels TEDTalk aus dem Jahr 2010 findet man hier. Und hier ein Ausschnitt aus einer globalen Videokonferenz mit Sandel und Zuhöreren aus Tokyo, Shanghai und Harvard.

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