Neutraler Monismus bei Bertrand Russell

Der Neutrale Monismus ist eine Alternative zu den Klassikern Dualismus, Idealismus und Materialismus. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde er von verschiedenen Autoren diskutiert, und findet sich in den aktuellen Überlegungen bei David Chalmers und Thomas Nagel wieder.

1921 schreibt Bertrand Russell in “The Analysis of Mind”, dass er der Auffassung von William James und den “Amerikanischen Realisten” teilweise zustimme, dass Geist und Materie aus einem neutralen Stoff (“stuff”) bestehen, der nicht geistig oder materiell sei.

“The Analysis of Mind” kann man bei Gutenberg.org und bei Archive.org lesen.

Das Musical zu John Rawls: A Theory of Justice

Anfang des Jahres machte die Nachricht die Runde (z.B. beim Blinden Hund), dass es zu John Rawls’ Klassiker “A Theory of Justice” nun ein Musical in Großbritannien gibt. Rebecca Reilly-Cooper, Philosophin an der Universität Oxford, hat nun einen Bericht dazu im Philosopher’s Magazine geschrieben.

Sie ist begeistert davon, dass das Stück sowohl komisch sei als auch philosophische Tiefe habe. So wirft Immanuel Kant auf John Rawls Ausruf “Das ist ja phänomenal!” ein: “Nein, es ist noumenal!” Und Robert Nozick kündigt auf der Bühne an, in einigen Jahren mit einer Oper herauszukommen. (Ob das allerdings eine verdienstvolle Leistung im Sinne des Internetphilosophen Michael Seemann ist, vermag ich nicht zu sagen.)

Das Musical “A Theory of Justice” ist bei Vimeo als On-Demand-Video für 10 Dollar zu sehen.
Hier ist der Trailer dazu:


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Die Principia Mathematica von Russell und Whitehead wurden übrigens auch kürzlich als Musical aufgeführt.

Zwischen Russell und Konfuzius – Zhang Shenfu

1920 traf der chinesische Philosoph Zhang Shenfu in Shanghai den Autor, den er in den letzten Jahren übersetzt und kommentiert hatte – Bertrand Russell. Im gleichen Jahr war Zhang auch Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Chinas. 1927 übersetzte er Wittgensteins “Tractatus”.

Über Zhang Shenfu, die Entwicklung seiner Philosophie und die zeitgeschichtlichen Umstände seines Lebens berichtete Vera Schwarcz 1991 im Journal des Bertrand Russell Archivs. Sie hatte 1979 Gelegenheit, nach der vorsichtigen Öffnung Chinas als erste westliche Wissenschaftlerin wieder mit Zhang zu reden.

Zhangs eigene philosophische Entwicklung wird vielleicht deutlich in einem Bild, das er selbst in diesen Gesprächen benutzt:

“Russell himself did not understand Confucius. But, in fact his thought is very close to Confucius. … My philosophy brings them together. I am like a bridge”.

Principia Mathematica als Musical

Am 20. Februar wurde in London das Musical “Principia Mathematica” aufgeführt. Grundlage ist natürlich das berühmte Monumentalwerk von Alfred North Whitehead und Bertrand Russell, dessen dritter und letzter Band vor 100 Jahren veröffentlicht wurde. Die Principia sollten die logischen Grundlagen der Mathematik darlegen, und so ist es erklärlich, dass man sich einige Seiten hindurcharbeiten muss, um bspw. zu dem Ergebnis zu gelangen, dass 1+1=2 ist.

Dieses Werk hat Tyrone Landau nun als Musical in der Conway Hall in London, die offenbar als progressiver Veranstaltungsort der Londoner Kulturszene bekannt ist, zur Aufführung gebracht. Das Werk ist “scored for singers, dancers, musicians and philosophers” – was schon einmal vielversprechend klingt. Wenn es sich bei Tyrone Landau um den Tenor Tyrone Landau handelt, konnte möglicherweise dieser Videomitschnitt einer anderen Veranstaltung in London mit Beteiligung eines Tyrone Landau einen Hinweis darauf geben, wie man sich die musikalisch-tänzerische Darbietung der Principia vorzustellen hat:

Möglicherweise wird die oft belächelte Fähigkeit, seinen Namen zu tanzen, durch diese mathematisch-logische Musik- und Tanzperformance ja rehabilitiert. Meldungen über das Ereignis scheint es jedenfalls so gut wie keine zu geben – außer bei einem Online-Journal für Internationale Konzert-, Opern- und Balletkritiken. Dort heißt es, das Musical sei in 10 Szenen mit Gesang, gesprochenem Wort, Tanz und aufgezeichneter Violine aufgeführt worden. Anklänge von Debussy und Cabaret-Liedern seien vernehmbar gewesen. Das Werk leide aber darunter, Kurt Gödels Antwort auf Russell und Whitehead nicht berücksichtigt zu haben, zumal das Publikum es dann sicher besser verstanden hätte.

Bertrand Russell für die gute Sache (Macht sowas ein richtiger Philosoph?)

Über Bertrand Russell liest man immer mal wieder, dass seine philosophisch bedeutenden Leistungen aus seiner ersten Lebenshälfte stammen. Gelegentlich wird dann noch freundlich ergänzt, dass er in der zweiten vor allem durch sein öffentliches Engagement gegen Krieg und für soziale Gerechtigkeit in Erscheinung getreten ist – sowas kann einem schon mal passieren, wenn man alt und schrullig wird.

Russell hielt allerdings zeitlebens nichts von der Auffassung, dass Philosophie eine staubtrockene Scholastik von größtmöglicher Irrelevanz sei und ein Einsetzen für eine gute Sache eher ein Ausweis von mangelnder intellektueller Stringenz (siehe zum Beispiel das Abschlusskapitel von “Problems of Philosophy” (1912)). Insofern ist er natürlich vollkommen veraltet, wie auch dieser pathetische Ausschnitt aus einem Bollywood-Streifen aus dem Jahr 1967, in dem der 95-jährige Russell von einem indischen Studenten besucht wird. Es gibt einige Filmaufnahmen aus diesen Jahren von Russell in seinem Heim, aber dies ist wohl die einzige in guter Farbqualität.

[via Open Culture]

Als die Principia Mathematica frisch aus der Presse fielen

B. Russell, 1907

Der letzte der drei Bände der “Principia Mathematica“, die Bertrand Russell und Alfred North Whitehead verfasst hatten, erschien 1913.

Zu dieser Zeit war die London Underground schon recht weit ausgebaut. Der Linienplan des Jahres 1913 mutet auch aus heutiger Sicht modern an:

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Eine größere Version kann man beim Retronaut betrachten.

Über den ontologischen Gottesbeweis

John Haldane (St Andrews), Peter Millican (Oxford) und Clare Carlisle (Religionsphilosoph, London) diskutieren morgen auf BBC4 über den Ontologischen Gottesbeweis. Vermutlich wird die Sendung danach auf der Webseite des Programms abrufbar sein.

Anselm von Canterbury hat im Jahr 1077 die erste Version des Ontologischen Gottesbeweises formuliert. Es ist ein rein logisch-begriffliches Argument, das darauf hinausläuft, dass aus dem Begriff Gottes logisch auch seine Existenz bewiesen werden kann. Bekannte Varianten stammen von Descartes und Leibniz.
Als Kritker haben Thomas von Aquin, David Hume, Kant, Gottlob Frege, Bertrand Russell und Norbert Hoerster die logischen Mängel dieses Arguments aufgezeigt.

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Technikträume

Während rund ums iPhone die Infantilisierung munter voranschreitet, hat Kalifornien ein Gesetz verabschiedet, das führerlose Autos, sogenannte Autonome Fahrzeuge, auf öffentlichen Straßen legalisieren soll. Ein Traum wird also bald Wirklichkeit, wie die Huffington Post schreibt – ist er ja eigentlich schon längst im Zeitalter autonomer Drohnengeschwader und von Robotern, die Menschen identifizieren und isolieren können.

Sicherlich wird alles immer besser und schöner, auch wenn Bertrand Russell vor 50 Jahren schon konstatierte: “Das ungeheure Wachstum der Macht der Technik machte das Leben viel komplizierter, als es zuvor war.” (Denker des Abendlandes)

Wer solche sinistren Grübeleien gleich wieder verscheuchen möchte, der kann im Web dank WebGL das Innere der Kathedrale Saint Jean betrachten und virtuell mittels Cursortasten durchlaufen. Das Laden der Seite dauert etwas länger, lohnt aber den Vergleich mit ähnlichen Bauten in Second Life (Kölner Dom, Mont Saint Michel, Chou Chou).

Ernest Gellner über Wittgenstein und Sprachphilosophie

Im vorigen Beitrag habe ich Ernest Gellners Buch “Words and Things” erwähnt, das von Ushanov kritisiert wird. Das Buch ist online hier zugänglich, und auf den ersten Blick scheint Gellners Argumentation nicht völlig daneben zugehen.

In der Einleitung zum Buch stellt Bertrand Russell fest, diese Sprachphilosophie enthalte als essentiellen Bestandteil einen Mystizismus, der schon in Wittgensteins Tractatus zu finden sei. Im Abschnitt über den Naturalismus enthüllt uns Gellner dann ironisch “DAS Geheimnis des Universums”, wie es sich aus Sicht der Philosophie der normalen Sprache darstellen soll:

“Seine Formulierung lautet: Die Welt ist das, was sie ist.”

Gegen die damit einhergehende abstinente Neutralität gegenüber der Welt beschließt Gellner das Buch mit den Worten:

“Philosophy is expliciteness, generality, orientation and assessment. That which one would insinuate, thereof one must speak.”

Ignoranz

Ignoranz ist ein großes Problem für die Menschheit – nicht nur theoretisch, sondern auch moralisch. Philosophie als sokratisches Unternehmen ist die Auseinandersetzung mit dieser Herausforderung. Wie alle ethischen Probleme bleibt die Ignoranz eine ständige Herausforderung, die nicht irgendwann einmal überwunden wäre.

Es ist nicht immer leicht, das Problem zu identifizieren, weil es psychologische Schutzmechanismen gibt, sich gegen die Kritik der Ignoranz zu immunisieren. Entsprechend stellte Bertrand Russell fest: “The trouble with the world is that the stupid are cocksure and the intelligent are full of doubt.” Die philosophische Haltung ist daher eine, die eine gewisse Bescheidenheit und Offenheit praktiziert. Ignoranz ist unvermeidlich, Arroganz dagegen schon. Oder wie Alfred North Whitehead sagte: “Not ignorance, but ignorance of ignorance, is the death of knowledge.

Schon vor Russell formulierte der amerikanische Schriftsteller Josh Billings: “The trouble with people is not that they don’t know but that they know so much that ain’t so.” Er scheint das sokratische Problem verstanden zu haben, denn von ihm sind auch die Worte überliefert: “Wisdom don’t consist in knowing more that is new, but in knowing less that is false.

Aber das muss man erst einmal wissen. Warum das nicht immer der Fall ist, zeigt uns auch die Psychologie. Im Jahr 2000 erhielten Justin Kruger und David Dunning den Ig-Nobel-Prize für die Entdeckung des nach ihnen benannten Dunning-Kruger-Effekts: eine kognitive Verzerrung, “nämlich die Tendenz inkompetenter Menschen, das eigene Können zu überschätzen und die Leistungen kompetenterer Personen zu unterschätzen” (Wikipedia). Oder, wie David Dunning sagt: “Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist.” Und deshalb kommt es eben auf eine Haltung an, die respektvoll und offen ist. Es ist sowohl aus theoretischer als auch aus psychologischer Sicht besser, eine ethische Einstellung zu eigenem Wissen und Argumenten zu haben.