Karl Philipp Moritz – Aufklärer und früher Psychologe

Karl Philipp Moritz, Autor des “Anton Reiser“, war Schriftsteller und Spätaufklärer. Heinriche Heine hebt ihn in seiner “Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland” besonders hervor:

“Da ich von den philosophischen und religiösen Zuständen jener Zeit einen Begriff geben möchte, muß ich hier auch derjenigen Denker erwähnen, die mehr oder minder in Gemeinschaft mit Nicolai zu Berlin tätig waren und gleichsam ein Justemilieu zwischen Philosophie und Belletristik bildeten. Sie hatten kein bestimmtes System, sondern nur eine bestimmte Tendenz. Sie gleichen den englischen Moralisten in ihrem Stil, und in ihren letzten Gründen. … Ihre Tendenz ist ganz dieselbe, die wir bei den französischen Philanthropen finden. … In der Moral sind sie Menschen, edle, tugendhafte Menschen, streng gegen sich selbst, milde gegen andere. Was Talent betrifft, so mögen wohl Mendelssohn, Sulzer, Abbt, Moritz, Garve, Engel und Biester als die ausgezeichnetsten genannt werden. Moritz ist mir der liebste. Er leistete viel in der Erfahrungsseelenkunde.”

Moritz war der Herausgeber des “Magazin zur Erfahrungsseelenkunde als ein Lesebuch für Gelehrte und Ungelehrte” – eine der frühen psychologischen Zeitschriften.

Die Universitätsbibliothek Bielefeld hat die Zeitschrift digitalisiert und macht sie online zugänglich: “Gnothi sautón oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Adam Smith und Immanuel Kant über Glückseligkeit

1759 veröffentlichte Adam Smith seine “Theorie der ethischen Gefühle” – sein philosophisches Hauptwerk, auch nach Smiths eigener Meinung. Eine erste deutsche Übersetzung erschien erst in den 1790er Jahren.

Seine Ausführungen über die Stoa (VII,2,1) sind bemerkenswert umsichtig und einfühlsam. Er buchstabiert aus, wie es sich anfühlt, ein Stoiker zu sein. Dabei wird man an Kants “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” erinnert. Smith thematisiert Aspekte, die Kant in seinem später erschienenen Buch ebenfalls diskutiert. Man würde sich allerdings wünschen, Kant hätte in sprachlicher Hinsicht von Smiths Ausführungen profitieren können. Kants Sprache ist bekanntlich nicht der Inbegriff von Eleganz, obwohl man sich durchaus darin vertiefen und sie gelegentlich schätzen kann, was dann aber wohl auf Kosten der Mitteilungsfähigkeit gegenüber den Mitmenschen geht.

In einer seiner ersten Arbeiten (1756) berichtet Smith über die Literatur auf dem europäischen Kontinent. Darin bedauert er auch, dass die Deutschen so daran gewöhnt seien, in einer fremden Sprache zu sprechen und zu denken (Latein, Französisch), dass es erklärbar sei, dass “sie nicht imstande sein könnten, sich glücklich oder treffend auszudrücken, sobald es sich um Themen heiklerer oder feinerer Natur handelt.” (Theorie, Hamburg 1994, S. XV).

Es ist eine interessante Spekulation, was bei der großen Nähe Smith über Kants Buch und Kant über Smiths Buch gedacht oder beide miteinander besprochen hätten. Dass sie nie einander begegneten oder brieflich miteinander verkehrten, ist bedauerlich.

Deutsche Philosophie des 18. Jahrhunderts vor Kant

In der Stanford Encyclopedia of Philosophy ist Brigitte Sassens Eintrag “18th Century German Philosophy Prior to Kant” gründlich überarbeitet worden. Der Artikel bietet einen guten ersten Überblick über dieses interessante Thema.

Die Aufklärungsphilosophie hat in Deutschland in Christian Thomasius einen wichtigen frühen Vertreter, wobei der Pietismus den Hintergrund der intellektuellen Auseinandersetzungen abgibt. Christian Wolff ist der nächste größere Meilenstein, und etwa gegen Mitte des 18. Jahrhunderts waren immer mehr Übersetzungen der englischen, schottischen und französischen Aufklärungsphilosphie in Deutschland verfügbar, so dass der Eintrag feststellt: “after 1750 and before 1781 was a period not of any one dominant school“.

Interview mit Simon Blackburn über David Hume

Vor einem Jahr hat Nigel Warburton ein Interview mit Simon Blackburn über David Hume veröffentlicht. Blackburn empfiehlt fünf Bücher dazu: Humes ersten Enquiry und die Dialoge, die Hume-Bücher von Mossner und Kemp Smith, sowie Kants erste Kritik. Die Bemerkungen im Interview sind sehr interessant – man erfährt eine Menge darüber, wie Hume diskutiert wurde, und was er selbst dachte.

So heißt es über die “Dialoge über natürliche Religion”, dass Hume seinen überraschenden Rückzieher im 12. Kapitel wohl deshalb macht, weil er nicht mehr zeigen wollte als dass aus Überzeugungen zur Existenz eines Gottes oder einer finalen Ursache keine moralischen Implikationen folgen. All die Kriege, Dogmen und religiös begründeten Gesetze beruhen allein auf menschlichen Entscheidungen. Blackburn fasst dies so zusammen: “So, in a nutshell, as I like to put it, Hume’s position is you can’t check out of Hotel Supernatural with any more baggage than you took into it.

Viele weitere Themen werden in dem Interview angerissen: z.B. die Karrikatur der Aufklärung als vernunftfixiert. Und Kemp Smith habe gezeigt, dass Hume nicht beim Skeptizismus stehen bleibt, sondern eine naturalistische Position vertritt: “He’s interested in the mechanisms of the mind that lead to natural belief.

Und schließlich, die alles entscheidende Frage nach seinen persönlichen Favoriten beantwortet Blackburn wie folgt: Hume und Wittgenstein, und auch Aristoteles und Kant.

Lütkehaus über Geiers Buch “Aufklärung”

Ludger Lütkehaus, unter anderem bekannt durch sein Buch “Nichts” und als Herausgeber der Schopenhauer-Ausgabe im Haffmanns-Verlag, rezensiert in der Neuen Zürcher Zeitung Manfred Geiers Buch “Aufklärung. Das europäische Projekt“.
Vor einigen Jahren schon hatte Geier “Kants Welt” geschrieben, das ich gut, aber ambivalent finde. Von der Kritik hochgelobt, enthält es zu den wichtigsten Aspekten des Kantschen Denkens hervorragende Beschreibungen, die manchmal ein wenig ins Mäandern geraten.

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Nussbaum-Interview: Aufklärung im 21. Jahrhundert

Die RSA hat in der letzten Zeit Videos einiger Vorträge veröffentlicht, die im Netz viel Aufmerksamkeit fanden. Vor zwei Monaten war Martha Nussbaum eingeladen, über Aufklärung im 21. Jahrhundert zu sprechen. In den USA und Großbritannien ist ihr kürzlich erschienenes Buch “Not for Profit: Why Democracy Needs the Humanities” viel diskutiert worden, weil die Relevanz der Geisteswissenschaften in der politischen Agenda in Frage gestellt wird.
Im Video legt Martha Nussbaum einige ihrer Positionen zu Fragen der Moral und Politik in kurzer, anschaulicher Form dar. Es kann hier heruntergeladen werden (hier nur Audio).

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Literatur, Kultur, Politik, Internet

Drei Artikel:

Die Provinz, die Schweden ist: Schwedische Kommentatoren sind mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Mario Vargas Llosa nicht einverstanden – weil er auf der falschen politischen Seite stehe. Johan Norberg wundert sich über seine Kollegen: disqualifiziert sich ein Schriftsteller, weil er einen Liberalismus in der Tradition von John Locke und Adam Smith befürwortet? Weil er sich vom Kommunismus abgewendet hat, weil er entsetzt ist über das Leid, das sozialistische Machthaber verursacht haben? “He moved on not because he was no longer able to sympathise with the poor and oppressed, but because he still did when others began to identify more with the revolutionaries than with the people in whose name they made the revolution. He saw that Castro persecuted homosexuals and imprisoned dissenters. While other socialists kept quiet and thought that the dream justified the means, Vargas Llosa began to ask himself the difficult questions about why his ideals looked more like prison camps than socialist utopias when realised.

James Buchan rezensiert beim Guardian Peter Watsons Buch “The German Genius”

Braucht Poesie Papier? Gefährdet die Veränderung der Medien den Reichtum und die Vielfalt künstlerischen Schaffens? Schrumpft der Kontext und veräbdert dadurch die Sprache, wie Don DeLillo meint?

Neue Einträge in der Stanford Encyclopedia of Philosophy

In der Stanford Encyclopedia of Philosophy tut sich so viel, dass man allein hier genug Lesestoff für lange Herbstabende findet. Unter anderem zu folgenden Personen und Themen gibt es neue (oder revidierte) Artikel, die ich besonders interessant finde:

Jean Jacques Rousseau (neu)

Carl Hempel (neu)

Charlie Dunbar Broad (neu)

Hume’s Moral Philosophy (revidiert)

Leukipp (revidiert)

Demokrit (revidiert)

Aristoteles’ Psychologie (revidiert)

Aufklärung (neu)

Simone de Beauvoir (revidiert)

Otto Neurath (neu)

Folk Psychology als Theorie (revidiert)

Philosophie der Psychiatrie (neu)