Bla bla: (Nicht nur) akademischer Unsinn

Die Verpeiltheit in mehr oder weniger öffentlichen Diskussionen konnte sich in ihrer kosmischen Pracht zwar in den letzten Jahren durch das Internet voll entfalten, war für den sensibel veranlagten Beobachter aber immer schon auch in ihrer nicht-elektronischen Ubiquität zu bewundern. Hier ein Beispiel aus dem akademischen “Diskurskontext”.

Bertrand Russell über Klarheit

Aristoteles hat die Suche nach Erkenntnis als eine Frage der Einstellung gesehen (Zweite Analytik, II, 19; 99b17), wobei uns die antiken Philosophen die Rationalität als Ausweg aus dem bloßen Meinen und dem gewaltsamen Übertrumpfen anempfehlen. Rationales, nachvollziehbares Argumentieren ist die demokratische, intersubjektive Methode, die von allen denjenigen, die die Welt mit ihrer Überzeugung beglücken wollen, ohne kritische Fragen zuzulassen – auch besonders heute wieder – verachtet wird.

Für die rationale Einstellung sprach sich der Pazifist, Logiker, Lebensberater, Schriftsteller, Philosoph und Nobelpreisträger Bertrand Russell aus:

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Für das Meckern, gegen das Meckern

Vor einer Woche hielt Sascha Lobo auf Spiegel Online ein Plädoyer für das Meckern, insbesondere in der allseits geschätzten Form, wie es im Internet praktiziert wird. “Ein besseres Internet, eine bessere Welt muss herbeigemeckert werden“. Es sei die Pflicht eines jeden “vernünftigen Bürgers” sich über “störende Umstände laut zu beschweren, in meckerndem, keine Zweifel am Unmut lassenden Ton.

Zweifellos ist eine Hauptzutat dieses Lobs der “Nölpest” die Ironie, und vermutlich war es für Lobo auch nur eine Fingerübung, der als geübter Rhetoriker auf Wunsch zu einem frei gewählten Standpunkt eine unterhaltsame Rede aus den Ärmeln schüttelt. Oft gelingt ihm dies brilliant, und nicht selten kokettiert er dabei mit einer Bescheidenheit, mit der er zeigt, dass er die Fallstricke des Dogmatismus vermeiden möchte. Im Gegensatz zu vielen Lobohassern nehm ich ihm das ab – nämlich weil er es sagt.

Nur eine Woche nach dem Lob des Meckerns kritisierte er auf Spon das “Netz der Besserwisser“, wobei er von dem Prinzip “Alles zu allem und auch das Gegenteil davon” verblüffenderweise selbst Gebrauch macht. Mit seiner Kritik der “gefühlten Experten” scheint er das genaue Gegenteil des vorherigen Lobs der Meckerkultur zu behaupten: Ausgerüstet “mit der Normalimpertinenz des erfahrenen Internetnutzers” würde jedes Geschehen der Weltgeschichte “durch immense Hinterher-Klugheit” kommentiert, oft nur einen “Schritt von der Verschwörungstheorie entfernt“. Das Internet laufe Gefahr, zur Besserwissensmaschine zu werden. (Dazu passt es dann, wenn auch unfreiwillig, dass er ausgerechnet Michael Seemann als “Netzdenker” zitiert, der hauptsächlich durch selbstgerechtes Rumpöbeln und beliebiges Buzzwording auffällt, und es nicht fertigbringt, bei Sachfragen außerhalb seines vertrauten Vorurteilshorizonts im Internet zu recherchieren, geschweige denn in einem Buch wie bspw. einem Standard-Philosophielexikon nachzuschlagen.) Lobo hat völlig recht, wenn er feststellt, dass zum Suchen von Informationen auch die “Kenntnis um ihre Relativität, Subjektivität und eventuelle Falschheit” gehört.

Tatsächlich ist das Ventilieren dogmatischer Vorurteile, Rumposen und Pöbeln, das auch euphemistisch als Internetdiskurs gehandelt wird, kein guter Garant für die Wissensvermehrung. Und auch als Unterhaltungsfaktor fehlt ihm das zeitlose Etwas – wer lacht heute schon noch über Pocher und Raab? Wer nicht auf das argumentative Niveau von Sarah Palin absinken will, muss sich an anderen Kriterien orientieren: Guter Ton, Vielfalt, Sorgfalt, kritische Reflexion, und weniger Rumposen. Es ist wahr: Was Street Credibility und Ruhm angeht, sind Wirkung und Schein die ausschlaggebenden Kriterien. Wissen dagegen braucht die von Lobo zurecht hervorgehobenen epistemologischen Kriterien, zu denen auch noch ein Schuss Argumentationstheorie gehören dürfte. Insofern sind Sokrates und Aristoteles kein bisschen 350 v.u.Z. (Sagt ja auch der Lobo.)

Es ist richtig, dass die Meinungsvielfalt im Netz gut ist für eine bessere Welt – vielleicht erleben wir sie ja dereinst einmal. Das Meckerartige des Meckerns aber, nämlich Dummheit und Dogmatismus, führen geradewegs in die Hölle.

Für eine Kultur respektvoller Debatten – Martha Nussbaum

Martha Nussbaums Buch “Not for Profit” über die Relevanz der Geisteswissenschaften wird in Großbritannien und den USA viel diskutiert. Völlig zu Recht weist sie darauf hin, dass es sich um ein weltweites Problem handelt.

Ende letzten Jahres wurde im Blog “In Socrates’ Wake” in mehreren Beiträgen über “Not for Profit” diskutiert, und am 8. November 2010 antwortete Martha Nussbaum auf die Diskussion. Sie wies auf einige positive Aspekte des amerikanischen Systems hin, die es in dieser Form in Deutschland nicht oder nur ansatzweise gibt.
Außerdem diskutiert sie die Verantwortung der Geisteswissenschaft – und dieser Teil scheint mir in Manchem übertragbar auf die Situation in Deutschland, aber auch von ganz eigener Wichtigkeit zu sein.
Sie hält in den akademischen Disziplinen einen Respekt für ernsthafte Argumente ebenso für erforderlich wie das Ideal, dass widerstreitende Positionen mit Respekt und verständnisvoll untersucht werden müssen. Beides vermisst sie insbesondere in den Literaturwissenschaften (“literature departments”). Sie diskutiert dann einige amerikanische Besonderheiten, und streicht dann noch einmal die Bedeutung des “respektvollen Argumentierens” für die demokratische Kultur heraus.

Sowohl, was ihre Einschätzung dieser Wichtigkeit, als auch was die typischen Symptome des Ignorierens dieses Werts angeht, stimme ich ihr zu. Hiesige Debatten, etwa in der Politik oder im Internet, lassen in ganz erstaunlichem Maß die Fähigkeit und Bereitschaft vermissen, Themen sachgerecht darzustellen und alternative Positionen angemessenen zu diskutieren. Stattdessen werden die eher üblichen, ohnehin schon unverzeihlichen rhetorischen Fouls nicht selten von mehr oder weniger verschleierten ad-hominem-Attacken gekrönt.

Tatsächlich haben die Geisteswissenschaften die Aufgabe, den Studierenden die Fähigkeit zu intellektuellem Respekt beizubringen, und tatsächlich ist es erforderlich, diese Fähigkeit möglichst weit zu verbreiten. Destruktive Machtkämpfe in Debatten sind psychologisch und kulturell krank.
In Martha Nussbaums Worten: “I so often see opposing positions demonized and not engaged with seriously, and I think this is a grave failing of our culture.” Erforderlich ist “a way of putting forward one’s own position (by persuasive argument) that is not insulting but deeply respectful.

Araucaria – Tool zur Argumentanalyse

Argunet von Gregor Betz – eine Software zur Rekonstruktion und Visualisierung der Struktur von Argumentationen – habe ich schon erwähnt (hier und hier). Ein weiteres Argumentanalysetool ist Araucaria, dass ebenfalls zur Rekonstruktion dient und Argumente in Diagrammform stellt. Es wurde von Chris Reed and Glenn Rowe an der Universität von Dundee entwickelt.

Frust in der deutschen Internetdebatte

Die Debatten in deutschen Weblogs über die sozialen und kulturellen Implikationen des Internet laufen oft auf einem frustrierenden argumentativen Niveau, auf dem “Arschloch” symptomatisch für den Stil der sachlichen Auseinandersetzung und der menschlichen Anerkennung von Diskussionsteilnehmern ist. Die Auffassung, dass das Gift der Polemik erforderlich ist und zur Klärung eines Sachverhaltes beiträgt, ist bedauerlicherweise verbreitet. Natürlich ist diese Auffassung sachlich und moralisch falsch. Auch psychologisch scheint es nachgewiesen zu sein, dass ausgewogene Argumente, die die Gegenpositionen angemessen darstellen, wirkungsvoller als polemische Verzerrungen sind.

Update: Anderswo geht es ja auch: Gastautor William B. Irvine plädiert auf Boing Boing für einen “Insult Pacifism” [via Philoblog]. Derzeit habe ich noch einen Beitrag in Arbeit: in der amerikanischen Bildungsdebatte plädiert Martha Nussbaum für faire Argumente und eine entsprechende kulturelle Ausbildung, um nicht auf das Niveau rechtspopulistischen Geiferer a la Fox News zurückzufallen.

Hysterie statt Rationalität

Was ich in der letzten Zeit als lähmend empfinde, und was meines Erachtens tatsächlich auch Beobachter und Teilnehmer in verschiedenen Bereichen lähmt, ist das implizite Verbot, die “nicht-richtigen” Positionen zur Kenntnis zu nehmen, zu untersuchen und zu diskutieren – und das auf ganz unterschiedlichen Feldern der Politik, der Kultur, der Technologie. Wer es dennoch wagt, kann mit hysterischen Reaktionen rechnen.
Es ist der Mechanismus des Schulhofs, des Fanclubs, des Stammtischs, der die wichtigen Debatten prägt.

Der Nutzen von Rhetorik

“before some audiences not even the possession of the exactest knowledge will make it easy for what we say to produce conviction. For argument based on knowledge implies instruction, and there are people whom one cannot instruct. Here, then, we must use, as our modes of persuasion and argument, notions possessed by everybody”

(Aristoteles, Rhetorik, Buch I, Kapitel 1 (Alternativlink), in der Übersetzung von W. Rhys Roberts)

“we must be able to employ persuasion, just as strict reasoning can be employed, on opposite sides of a question, not in order that we may in practice employ it in both ways (for we must not make people believe what is wrong), but in order that we may see clearly what the facts are, and that, if another man argues unfairly, we on our part may be able to confute him.”

(Aristoteles, ebd., m. Hvh.)