Die Kunst zu leben – Die Aktualität der antiken Philosophie

Eine beim Publikum beliebte Geschmacksrichtung von Philosophie besteht darin, Philosophien und Fragestellungen der Vorgänger für obsolet zu erklären (siehe Nietzsche, Heidegger, Wittgenstein, Foucault …).

Die Philosophie der Antike mit der für sie zentralen Frage nach einem guten, gelingenden Leben erfreut sich in der letzten Zeit wieder eines lebendigen Interesses bezüglich ihrer praktischen Bedeutung, abzulesen an einer Vielzahl von Publikationen sowohl im akademischen Bereich als auch für ein breiteres Publikum. Hier aus der großen Menge von Publikationen nur zwei Beispiele von Einführungen in diesen Themenbereich:

Christoph Horn veröffentlichte 1998 sein Buch “Antike Lebenskunst. Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern” (3. Auflage im Jahr 2014). Es ist eine sehr gute Übersicht zu den wichtigsten Begriffen und Positionen der antiken Ethik. Zur Orientierung und für ein systematisches Verständnis eine zuverlässige Hilfe.

Auch im englischsprachigen Bereich gibt es eine große Auswahl an guter Literatur zur antiken Ethik. Eine Darstellung stoischer Positionen zur “Kunst des Lebens”, die die Begriffe und Positionen anschaulich auch im Kontext anderer (z.B. moderner) Auffassungen diskutiert ist “The Art of Living: The Stoics on the Nature and Function of Philosophy” von John Sellars, in 2. Auflage 2009 bei Duckworth (mittlerweile Bloomsbury) erschienen.

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Weiterer Schritt zur Entzifferung der Schriftrollen von Herculaneum

Beim Ausbruch des Vesuv vor 2000 Jahren wurden bekanntlich Pompeji und Herculaneum von einer meterdicken Schuttschicht begraben. In der Villa dei Papirii hat man eine komplette Bibliothek mit verkohlten Papyrusrollen gefunden, die zum großen Teil epikureische Schriften des Philosophen Philodemus enthalten. Allerdings sind die meisten Rollen derart verkohlt, dass sie nicht zerstörungsfrei entrollt werden können. Nun hat ein Team mithilfe eines speziellen Tomografieverfahrens erfolgreich griechische Schriftzeichen lesen können ohne die Rollen zu öffnen. Anders als in manchen Berichten angegeben, ist man aber noch nicht soweit, zusammenhängende Textstellen im Ganzen entziffern zu können.

Berichte gibt es unter anderem beim Smithsonian und der NZZ. Der Originalartikel des Forscherteams erschien bei Nature.

Hier ein Video von Vito Mocella, dem Leiter des Teams

Kurt Lampe veröffentlicht Monografie über Kyrenaiker

Es gibt nicht viele Monografien, die sich dezidiert mit den Kyrenaikern beschäftigen – einer Schule, die vom Sokratesschüler Aristipp in Cyrene begründet und von dessen Tochter Arete und wiederum deren Sohn Aristipp weitergeführt wurde. Kurt Lampes neue Veröffentlichung “The Birth of Hedonism: The Cyrenaic Philosophers and Pleasure as a Way of Life” ist bei Princeton University Press erschienen und wird hier bei NDPR rezensiert.

Neuausgabe der Briefe Senecas

Bei Reclam ist eine neue vollständige, übersetzte Ausgabe der Briefe Senecas an Lucilius (der epistulae morales) erschienen. Herausgegeben wurde das 780 Seiten umfassende Werk von Marion Giebel, die schon zahlreiche Werke der antiken Philosophie und Literatur übersetzt und herausgegeben hat. Auch eine Biografie zu Seneca hat sie im Rowohlt-Verlag veröffentlicht. Ob die Übersetzungen für diese Ausgabe neu angefertigt wurden oder aus den zahlreichen deutsch-lateinischen Einzelausgaben der Briefe bei Reclam stammen, kann ich nicht sagen, da ich noch keinen Blick ins Buch werfen konnte und die Reclam-Webseite dazu nichts sagt. Ergänzt wird diese Ausgabe um Zugaben wie Anmerkungen, eine Übersicht über die stoische Philosophie, ein Literaturverzeichnis und ein Nachwort.

Damit liegen die Briefe Senecas in ihrer erschwinglichsten deutschsprachigen Version vor (39,95 Euro). Soweit ich weiß, gibt es dann noch derzeit auf dem Buchmarkt die zweisprachige und zweibändige Ausgabe in der Reihe “Tusculum”, die aber Einiges mehr kostet, sowie die zweisprachige Studienausgabe der Philosophischen Schriften Senecas von Manfred Rosenbach in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, deren Übersetzung sich bewusst eng an das Lateinische anlehnt und damit für heutige deutschsprachige Ohren manchmal ungewohnt ist.

Seneca hat diese Briefe in den letzten Lebensjahren geschrieben. Sie enthalten einige markante Passagen, die oft zur Erläuterung der stoischen Philosophie herangezogen werden, aber auch interessante, manchmal kuriose Details über das Leben zu Senecas Zeiten, wie etwa die Schilderung des übermäßigen Luxuslebens der Begüterten, das der Stoiker Seneca naturgemäß weder für vertretbar noch für heilsam hält.

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Julia Annas im Interview über Tugendethik

Bei Philosophy Bites ist ein Interview mit Julia Annas erschienen (in Englisch), in dem sie erläutert, was die Tugendethik ist und wie man sie sich konkret in der Praxis vorzustellen hat – auch gegen Einwände von konkurrierende Ansätzen. Julia Annas ist eine der prominentesten Philosophinnen im Bereich der antiken Philosophie.

Die Tugendethik ist eine der Hauptrichtungen der Moralphilosophie der letzten Jahrzehnte. Wie der Name vermuten lässt geht sie zurück auf antike Konzeptionen, insbesondere von Aristoteles. In der Tugendethik ist der Charakter von Personen (der hier dynamisch, nicht statisch verstanden wird) von entscheidender Bedeutung, denn er ist es, der die Menschen gut macht, der sie gute Handlungen tun lässt, und der sie letztlich auch glücklich macht. Glück und Ethik waren schon in der Antike eng miteinander verbunden.

Habermas und die Römer

Rechtzeitig zum Fest stellt Spiegel-Online einige neue Bücher vor. Unter den Kurzrezensionen befindet sich auch die Habermas-Biografie von Stefan Müller-Dohm und ein neues Buch über Augustus von Ralf von den Hoff, Wilfried Stroh und Martin Zimmermann. Geeignete Lektüre, um aus den intellektuellen Höhen von Twitter und Facebook hinabzusteigen in die Welt der Information und Argumente.

Bücher zur Geschichte des antiken Griechenland

Für den Laien ist es nicht leicht, Bücher zur antiken Geschichte zu finden, die einen guten Überblick bieten ohne zu sehr durch die für ihn kaum durchschaubare fachwissenschaftliche Diskussion einer aktuellen Historikerkontroverse geprägt zu sein. Hier eine Auswahl von drei Büchern zur Geschichte Athens und Spartas, die dies zu leisten scheinen:

Martin Drehers “Athen und Sparta” liegt im Beck-Verlag in zweiter, aktualisierter Auflage mit 223 Seiten vor. Preis: 19,95 Euro.

Charlotte Schuberts Studienbuch “Athen und Sparta in klassischer Zeit” gibt es bei Lehmann Media (258 Seiten). Ein Buch gleichen Titels von ihr erschien 2003 im Metzler-Verlag – dies scheint also eine Neuauflage / Neuausgabe zu sein. Preis: 14,95 Euro.

Athen und Sparta” von Raimund Schulz erschien 2011 in vierter, aktualisierter Auflage mit 180 Seiten bei der WBG. Preis: 17,95 Euro.

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Kochen wie die alten Griechen

“Kochen wie die alten Römer” ist ja schon einigermaßen bekannt. Manche Volkshochschule bietet entsprechende Kurse an. Für das antike Griechenland habe ich das noch nicht gesehen.

Ein griechisches Produktionsteam hat zwei Filme über altgriechische Küche hergestellt, die anders als TV-Kochshows angenehm gemächlich daherkommen. Der Reiz dabei besteht nicht allein in dem, was damals auf den Tisch kam, sondern besonders auch darin, dass Vieles, was heute zur alltäglichen Küche gehört, seinerzeit unbekannt war (z.B. Tomaten, Kartoffeln, Reis, zahlreiche Gewürze).

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