Open MIND – Wissenschaft frei zugänglich

Der menschliche Geist ist ein erstaunlich Ding: nach Monaten kann er aus dem Nichts Informationen an die Oberfläche spülen, die vorher durch einen Berg konkurrierender Daten verschüttet waren.

Bereits im Februar hatte mich Thomas Metzinger auf Open MIND hingewiesen: eine Textsammlung mit aktuellen Beiträgen zu den Themen Geist, Gehirn und Bewusstsein. Zu jedem der 39 Aufsätze gibt es einen Kommentar und eine Replik. All dies kann man – Open Access eben – einzeln oder auch im Paket auf der Seite von Open MIND herunterladen, als epub- oder als pdf-Datei. 90 sowohl jüngere als auch altbekannte Autorinnen und Autoren sind beteiligt, darunter Andreas Bartels, Ned Block, Paul M. Churchland, Daniel Dennett, Thomas Metzinger, Albert Newen, Alva Noe und Jennifer Windt

E-Learning wirft massive Probleme auf

Michael Sandel hat in den letzten Jahren einige Vorträge und Kurse gehalten, die mit großem Erfolg im Internet als Videos frei zugänglich gemacht wurden (siehe diesen älteren Philoblog-Artikel).

Nun hat ein Kurs von Sandel, der als MOOC an Universitäten angeboten werden soll, zu massiver Kritik geführt, die die problematischen Aspekte des e-Learnings beleuchtet.

Das militaristisch anmutende Akronym MOOC steht für Massive Open Online Course. Das sind meist auf Video aufgzeichnete Vorlesungen, die online bereitgestellt werden. Das MIT und die Harvard University haben jeweils 30 Millionen Dollar in die Gründung der MOOC-Plattform edX gesteckt. Dort wird auch die Online-Vorlesung von Sandel vertrieben.

Das Philosophy Department der San Jose State University hat nun einen offenen Brief an Michael Sandel geschrieben, in dem die Professoren darlegen, warum sie das Ansinnen, dieses Online-Material in ihre Ausbildungstruktur aufzunehmen, ablehnen. Der Brief ist im Chronicle of Higher Education nachzulesen.

Es gäbe keine pädagogische Lücke, die das edX-Angebot schließen würde, argumentieren sie. Solche Online-Kurse stellten eine Einbuße an Qualität der Bildung und einen Fall von sozialer Ungerechtigkeit dar. Man bewundere zwar Sandels Fähigkeit, engagiert vor großem Publikum vorzutragen, aber das sei eher ein Beleg dafür, wie gut und wichtig es sei, dass ein Lehrer direkt mit den Studierenden interagiere, als dass Studierende Videos eines anderen Lehrers ansähen, in dem dieser mit seinen Studenten kommuniziere.

Dieser Brief hat in englischsprachigen Philosophieblogs viel Rückhalt gefunden. So weit ich sehe, schließen sich die meisten der Kommentatoren der Kritik an. Es wird bemängelt, dass MOOCs Konsequenzen hätten, die den Zielen der Bildung widersprächen. Außerdem sieht man diesen Fall in einem größeren Zusammenhang, in dem Aufgaben der Bildung immer mehr Unternehmen überantwortet werden. Deren industrielle Interessen prägten dann die Bildung.

Michael Sandel hat auf den Brief seiner Kollegen geantwortet. Er stimmt zu, dass der direkte Kontakt zwischen Studierenden und Lehrenden von herausragender Bedeutung sei, insbesondere in den Geisteswissenschaften. Von den Modalitäten zwischen edX und der San Jose State University wisse er kaum etwas. “My goal is simply to make an educational resource freely available–a resource that faculty colleagues should be free to use in whole or in part, or not at all, as they see fit.” Dass der massive Einsatz von Online-Kursen Institute an staatlichen Universitäten schädigen könne, sei eine legitime Besorgnis. Das Letzte, was er wolle, sei, dass die Kurse dazu verwendet würden, die Position seiner Kollegen zu untergraben.

Dieser Fall ist auch deshalb besonders interessant, weil Sandel a) ein engagierter Kritiker des Vordringens der Marktwerte in alle Lebensbereiche ist, und er sich b) gerade deshalb viel davon erhofft, dass moralische Probleme wieder demokratisch in der Öffentlichkeit diskutiert werden.

Einen Bericht dazu von Alva Noe gibt es auch bei NPR. Diskussionen finden sich beispielsweise hier und hier im New-APPS-Blog.

Hier der berühmte “Justice”-Kurs von Sandel in Harvard:

Sandels TEDTalk aus dem Jahr 2010 findet man hier. Und hier ein Ausschnitt aus einer globalen Videokonferenz mit Sandel und Zuhöreren aus Tokyo, Shanghai und Harvard.

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