Gegen 10.000 Gebote – Adam Smith

Adam Smith wird immer wieder gegen Klischeevorstellungen verteidigt. Und da er weit mehr als nur der Ökonom war, wird er für eine realistischere Sichtweise in ganz unterschiedlichen Bereichen (Ökonomie, Moralpsychologie, Politische oder Rechtsphilosophie) empfohlen. Zu den prominenten Beispielen für eine solche “Wiederentdeckung” Smiths (hier des öfteren schon erwähnt) gehören unter anderem Ernst Tugendhat, Martha Nussbaum, Amartya Sen und Lisa Herzog. Das Spektrum der damit verbundenen Leitfragen erstreckt sich dabei bis weit ins Sozialdemokratische hinein.

Eine libertäre Sicht auf Adam Smith – also vom anderen Ende des Spektrums – hat der Ökonom Daniel D. Klein von der George Mason University. In diesem Vortrag will er zeigen, dass Smith schon in der Theorie der moralischen Gefühle subtil gegen Überregulierung und staatliche Eingriffe argumentiert habe.

Lisa Herzog über Märkte: Das Kriterium ist die Freiheit

3AM interviewt Lisa Herzog. Dabei geht es vor allem um die Überlegungen von Adam Smith und Hegel zu Märkten und wie diese heute noch relevant sind.

2014 hat Lisa Herzog zusammen mit Axel Honneth bei Suhrkamp eine Textsammlung zu Marktansichten vom 18. Jahrhundert bis heute veröffentlicht: “Der Wert des Marktes: Ein ökonomisch-philosophischer Diskurs vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“. Dazu hat es einige Rezensionen gegeben – die informativste ist wohl die im Blog “Wirtschaftliche Freiheit“.

Elisabeth von Tadden hat Lisa Herzog im März 2014 interviewt. Ein Interview eher auf Internet-Niveau ist bei ZEIT-Campus Anfang 2015 erschienen.

Auf YouTube gibt es ein Interview mit ihr sowie eine Vorlesung über Schädigungen im Markt:

Adam Smith und Immanuel Kant über Glückseligkeit

1759 veröffentlichte Adam Smith seine “Theorie der ethischen Gefühle” – sein philosophisches Hauptwerk, auch nach Smiths eigener Meinung. Eine erste deutsche Übersetzung erschien erst in den 1790er Jahren.

Seine Ausführungen über die Stoa (VII,2,1) sind bemerkenswert umsichtig und einfühlsam. Er buchstabiert aus, wie es sich anfühlt, ein Stoiker zu sein. Dabei wird man an Kants “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” erinnert. Smith thematisiert Aspekte, die Kant in seinem später erschienenen Buch ebenfalls diskutiert. Man würde sich allerdings wünschen, Kant hätte in sprachlicher Hinsicht von Smiths Ausführungen profitieren können. Kants Sprache ist bekanntlich nicht der Inbegriff von Eleganz, obwohl man sich durchaus darin vertiefen und sie gelegentlich schätzen kann, was dann aber wohl auf Kosten der Mitteilungsfähigkeit gegenüber den Mitmenschen geht.

In einer seiner ersten Arbeiten (1756) berichtet Smith über die Literatur auf dem europäischen Kontinent. Darin bedauert er auch, dass die Deutschen so daran gewöhnt seien, in einer fremden Sprache zu sprechen und zu denken (Latein, Französisch), dass es erklärbar sei, dass “sie nicht imstande sein könnten, sich glücklich oder treffend auszudrücken, sobald es sich um Themen heiklerer oder feinerer Natur handelt.” (Theorie, Hamburg 1994, S. XV).

Es ist eine interessante Spekulation, was bei der großen Nähe Smith über Kants Buch und Kant über Smiths Buch gedacht oder beide miteinander besprochen hätten. Dass sie nie einander begegneten oder brieflich miteinander verkehrten, ist bedauerlich.

Nachruf auf Albert Hirschmann von Francis Fukuyama

Der Ökonom und Soziologe Albert O. Hirschmann ist am 10. Dezember 2012 gestorben. Francis Fukuyama hat einen Nachruf auf Hirschmann geschrieben, in dem er einen Überblick über dessen Arbeit präsentiert.
Hirschmann hat weniger quantitative Forschung betrieben, als es heute in der Ökonomie üblich geworden ist. Vielmehr hat er die der Ökonomie angelegten methodologischen Grenzen überschritten und sich auch mit Disziplinen wie Politik und Philosophie beschäftigt, um die “intellektuelle Armut in diesem Gebiet” zu vermeiden.
Eines der bekanntesten Werke Hirschmanns ist “Exit, Voice, and Loyalty” (1970). Um die Performance öffentlicher Institutionen zu verbessern, hat man in der Ökonomie Maßnahmen diskutiert, die Wettbewerb einführen und den Subjekten Exitoptionen gewähren, so dass schlechtes Management durch Marktmechanismen bestraft würde. Diese Mechanismen sind seit Reagan und Thatcher und dem Aufstieg der orthodoxen Marktökonomie überall in den westlichen Gesellschaften vorangetrieben worden. Hirschmann hat auf die kaum beachteten Nachteile dieser Mechanismen hingewiesen. So wird die Exitoption insbesondere von den Gutgestellten in Anspruch genommen, so dass die verbliebenen Teilnehmer ärmer, ungebildeter und anspruchsloser zurück blieben. Außerdem untergräbt die Exitoption die Wirksamkeit von Feedback und Kritik (“Voice”), mit denen eine Änderung herbeigeführt werden könnte. Die Drohung mit Exit hat unmittelbarere und größere Konsequenzen als die Formulierung von Kritik, so dass Kritik in ihrer Relevanz abgewertet wird.

In seiner berühmtgewordenen Studie “Leidenschaften und Interessen” hat Hirschmann gezeigt, dass Montesquieus, John Millars und Adam Smiths Argumente für den Kapitalismus politisch-moralisch und nicht ökonomisch waren, wie Marxisten und heutige neoklassische Ökonomen behaupten. Ihr Anliegen war humanistisch, was aus Sicht der jetzt vorherrschenden Rational Choice Theorie geradezu außerirdisch ist. Die Denker des 17. und 18. Jahrhunderts versprachen sich von der freien Wirtschaftsweise eine Verbesserung der Moral und einen substanziellen Beitrag zum internationalen Frieden.

In einem seiner letzten Bücher, “The Rhetoric of Reaction” (1991), untersucht Hirschmann konservative Strategien, mit denen progressive Reformer, die sich um sozialen Wandel bemühen, kritisiert werden. Er zeigte, dass die konservativen Argumente in der gleichen Weise auch schon im 18. und 19. Jahrhundert von Gegnern der Französischen Revolution (z.B. Edmund Burke) und der britischen Armengesetzgebung vorgebracht wurden. Die von diesen Konservativen durchgesetzte Antireformpolitik war sozial so desaströs, dass sie anschließend für Jahrzehnte desavouiert war.

Statt Revolution befürwortete Hirschmann langsame, aber stetige Verbesserungen unter einem demokratischen Regime. Dies tat er auch in den 1960ern explizit, als viele Andere ihre Hoffnung eher in Revolutionen nach kubanischem Stil setzten.

In seinem Fazit bedauert Fukuyama, dass Entwicklungsökonomen wie Albert Hirschmann heute nicht mehr ausgebildet würden.

Adam Smith über den Egoismus

“Diese ganze Darstellung der menschlichen Natur jedoch, die alle Gefühle und Neigungen aus der Selbstbliebe ableitet und die so viel Lärm in der Welt erzeugt hat, jedoch, so weit ich weiß, bisher noch nie vollständig und im Detail erklärt worden ist, scheint mir aus einer verwirrten Fehlwahrnehmung des Systems der Sympathie herzurühren.” (Adam Smith, Theory of moral sentiments, Part VII, Section III, Chapter 1; meine Übersetzung)

Der Sozialdemokrat Adam Smith

Wieder ein interessantes Stück über Adam Smith, das gängige Fehlinterpretationen sowie die üblichen Auswüchse der Ökonomie ins richtige Licht rückt, diesmal beim American Conservative:

“For one thing, Smith roundly mistrusted businessmen. In addition to the sallies already quoted, he insisted that businessmen, for all they may talk of freedom and fairness, ‘generally have an interest to deceive and even oppress the public.‘ One example out of many from The Wealth of Nations:

Our merchants and master-manufacturers complain much of the bad effects of high wages in raising the price, and thereby lessening the sale of their goods both at home and abroad. They say nothing concerning the bad effects of high profits. They are silent with regard to the pernicious effects of their own gains. They complain only of those of other people.'”

Adam Smith – der Philosoph

Es ist erstaunlich, welches Bild von Adam Smith heute allgemein verbreitet ist. Nun, er war sozusagen im Zentrum der großen ideologischen Auseinandersetzungen der letzten zweihundert Jahre – allerdings von Gegnern und Anhängern dieser Ideologien dort hingestellt. In der Politik wird bekanntlich grob gehobelt, da nimmt man auf Einzelheiten keine Rücksicht. Dennoch ist es unverständlich, dass ausgerechnet ein Wissenschaftler, der auf ein überhöhtes Podest gehoben wird, so wenig bekannt, sein Bild so verzeichnet ist.
Nicholas Phillipson hat jetzt eine neue Adam-Smith-Biografie geschrieben, die beim New Statesman rezensiert wird. Eine kurze, aber vorzügliche deutsche Biografie hat Gerhard Streminger schon vor einigen Jahren in der Reihe Rowohlts Monographien veröffentlicht.

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Jeremy Rifkin setzt seine Hoffnungen auf Spiegelneurone

Seit Jahrzehnten entwickelt Jeremy Rifkin Visionen für die gesellschaftliche Entwicklung und versucht mit seinen zahlreichen Büchern seine Leser zu diesen Veränderungen zu motivieren (u.a. “Das Ende der Arbeit”). Derzeit wirbt er für die empathische Gesellschaft. Als wissenschaftlichen Unterbau beruft er sich dabei auf Spiegelneurone, die, wie hier, hier und hier berichtet, nicht ganz unumstritten sind. Allerdings schon ohne Spiegelneurone hegte Adam Smith Sympathie für die Empathie (“Theorie der ethischen Gefühle”).


[via Nerdcore]

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Philosophielinks

Ronald Dworkins Analysen und Rezensionen bei der New York Review of Books finden sich online hier.

Freges ‘Die Grundlagen der Arithmetik’ als pdf, via Stanford Encyclopedia of Philosophy

Das erste Kapitel aus Samuel Fleischacker: ‘On Adam Smith’s Wealth of Nations – A Philosophical Companion’