Klangkörpermoden

Der Perlentaucher berichtet, wie in den Feuilletons Nikolaus Harnoncourts “prophetische” Mission gegen den “Schönklang” als “Urknall” der “historischen Aufführungspraxis” gefeiert wird. In der Tat quietscht es auf Klassiksendern an allen Ecken und Enden schön historisch – die Gravitationswellen der “Ohrenputzer”-Mission haben sich lange schon flächendeckend ausgebreitet. Wenn sich die Kritiker darüber einmal beruhigt haben werden, wird das “Festliche”, “Karajaneske”, “Schöne” dann wieder in einem anderen Licht erscheinen? Oder ist diese “Antiterrormission” nur die erste Etappe einer weltverbessernden Dauerdekonstruktion? Oder fällt der Klassikbetrieb eh in sich zusammen – vielleicht weil man nicht Karajans Technikcredo, sondern Harnoncourts Antiquitätenmission gefolgt ist, oder weil das Publikum weg ist?

Zweifelhafte Meldungen in Medien

Wer sich regelmäßig am Zeitungsstand oder bei Google News einen Überblick über die Meldungen verschafft, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich das Niveau nicht wesentlich von Internetmedien unterscheidet – es geht um Sensationen, Schlagzeilen, Empörungswellen. Darin unterscheiden sich Blätter mit vermeintlich “kleinen Buchstaben” nicht von solchen mit großen. In der NZZ kritisiert Walter Krämer den “groben Unfug”, den Medien und Zeitungsredaktionen mit Statistiken anstellen. Die “Unstatistik des Monats” kürt regelmäßig schlecht konstruierte Behauptungen, die uns in den Medien oder im Internet begegnen.

Was ist eigentlich los?

Wirrnis allüberall. Ezra Klein verweist bzgl. des amerikanischen Nominierungswahlkampfs auf ein Posting von Matthew Yglesias bei vox.com. Mir fallen besonders – in hypothetisch auf demokratische Gesellschaften verallgemeinerter Form – die Punkte 7 und 8 auf:
7. Die “Linken” sind hochgradig ideologisch.
8. Die “Rechten” sind überhaupt nicht ideologisch.

Alles aua sowieso. Aber stimmt das? Irgendwie, irgendwo, irgendwann? Ich sehe den Punkt. Aber ich weiß es doch auch nicht.

Sind Moral und Vernunft nichts als hübsche Verpackung?

Dass Menschen nicht wirklich moralisch, geschweige denn vernünftig seien, ist eine These, die in verschiedenen Geschmacksrichtungen (sprich: unterschiedlichen philosophischen Denkrichtungen) immer mal wieder auf den Markt gebracht wird, wo sie nicht zuletzt aufgrund ihrer Steilheit und “überraschenden” Originalität Anhänger findet.

Massimo Pigliucci beschäftigt sich (mit Bezug auf eine Rezension von Tamsin Shaw in der NYRB) mit den Positionen von Jonathan Haidt, Steven Pinker, Paul Bloom und Joshua Green. Shaw und Pigliucci identifzieren einen bekannten Fehlschluss in diesen Positionen, in deren deskriptive Theorien sich normative Prämissen einschleichen, die von den Autoren nicht begründet werden. Diese Kognitiven und Moralpsychologien seien eher ein Paradebeispiel für Bias.

Awesomeness

Being awesome – was ist das? Und braucht man das? Und das Gegenteil ist der zynische Sucker (also der miesepetrige Besserwisser, der das deutschsprachige Internet beherrscht). Und was ist (und was bedeutet) “High Five”? Nick Riggle klärt bei Aeon auf. Es geht weniger um Tugend als um Massenpsychologie. Da stellt sich natürlich die Frage, ob das immer so gut ist. Aber letzten Endes ist die Welt des Zynikers nichts anderes als ein elendes “black hole of the suckiverse” (Riggle). Dann lieber eine Ethik der Awesomeness. Nick Riggle jedenfalls ist “game”. Wäre Aristoteles das auch?

Qualitätsprobleme bei eBooks

Ein derzeit augenfälliger Nachteil von E-Books ist die nicht selten geringe Textqualität. Zahlreiche Rechtschreibfehler, manchmal kuriose Absätze, nicht funktionierende oder nicht existente Seitenverweise, überhaupt eine meistens fehlende Referenzierbarkeit (“Seitenzahlen”), Formatierungsprobleme, die sich offenbaren, wenn man die Schriftgröße ändert – dies sind einige der Ärgernisse, denen man als E-Book-Leser regelmäßig begegnet.

Joanna Cabot berichtet bei Teleread, dass Texte offenbar nach der Konvertierung ins E-Book-Format nicht mehr geprüft werden.

Ist die Vermögenssteuer oder eine andere Steuer die richtige Maßnahme?

Die Steuerdiskussionen sind für Laien nur schwer nachvollziehbar, insbesondere weil man schnell den Eindruck gewinnt, dass dabei Dinge als ausgemacht postuliert werden, deren Für und Wider man als Rezipient der Rhetorik nicht einmal ansatzweise kennt.

Durch Thomas Piketty ist die Diskussion um die Vermögenssteuer wieder in den Blickpunkt gerückt. Kenneth Arrow denkt bei Crooked Timber darüber nach, ob sie das Ungleichheitsproblem zu lösen in der Lage wäre, welche nachteiligen Effekte sie hätte und ob man nicht eine andere Alternative erwägen sollte.

Utilitaristen sind keine Psychopathen

In den letzten Jahren konnte man von sozialpsychologischen Experimenten lesen, deren Resultate zeigten, so hieß es, dass Personen mit utilitaristischen Überzeugungen seltener Mitleid und Hilfsbereitschaft an den Tag legten als der Durchschnitt. Massimo Pigliucci weist nun im Philosophers’ Magazine und in seinem Weblog darauf hin, dass es sich bei dem hier so bezeichneten Utilitarismus gar nicht um Utilitarismus, sondern um rationalen Egoismus handele – zwei in der Moralphilosophie klar voneinander unterschiedene Positionen. Wenn eine ganze moralphilosophische Strömung aufgrund mangelnder Philosophiekenntnisse durch eine falsche Assoziation mit psychoptahischen Tendenzen diskreditiert werde, so sei das eine Mahnung, mit Bezeichnungen und Begriffen behutsam umzugehen, so Pigliucci.