Condorcet gegen den Egoismus

“Wenn dir gute Taten und zärtliche Neigungen zur Gewohnheit werden, so liegt darin die reinste, unerschöpflichste Quelle des Glücks. […] Vergiss niemals, dass derjenige, der empfängt, von Natur aus dem gleich ist, der gibt, dass alle Unterstützung, die Abhängigkeit nach sich zieht, keine Gabe mehr ist, sondern ein Geschäft, und dass sie, wenn sie demütigt, zur Beleidigung wird.”

[Condorcet (1743-1794): Ratschläge an seine Tochter; übersetzt und ausführlich diskutiert von Dieter Thomä in Figurationen 02/05]

Sokrates über die Debattenkultur im Internet

Die sozialpsychologischen Mechanismen der Internetkultur sind einigermaßen trivial. Um hierzu dennoch große “Netzphilosophien” und “Systemtheorien” anzubieten, muss man denn schon die schlichten Sachverhalte möglichst obskur und getragen von religiösem Bekehrungseifer darstellen.

Einen der zentralen Mechanismen der “Netzdebatten” hat Sokrates beschrieben: “Denn was nach seinem eigenen Sinn gesprochen wird, daran freut sich ein jeder, was aber aus einem fremden, das ist ihm zuwider.” (Platon: Gorgias, 512b) Und wegen dieser nüchtern-realistischen Einschätzung empfiehlt Sokrates Vernunft und Moral als einzige intelligente Option.

“Die Würde der menschlichen Natur” – 1779

Vor 234 Jahren, am 12. November 1779, appellierte eine Gruppe von 20 Sklaven, die im Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatten, in New Hampshire für ihre Freilassung. In ihrer Petition argumentierten sie: “public tyranny and slavery are alike detestable to minds conscious of the equal dignity of human nature.”

Dass dies damals nicht umgesetzt wurde, sei beschämend, sagte die heutige Gouverneurin. In einem offiziellen symbolischen Akt wurde nun der Petition auf Emanzipation der Gruppe entsprochen.

Philosophische Probleme: Die Morgenzigarette

Jetzt wird es etwas verqualmt. Wir reisen in die mannhaften 1950er Jahre, kurz bevor alle philosophischen Probleme endgültig geklärt waren.

Nehmen wir an, dass Sie, mein Leser (gleich mir), mit Vorliebe beim Erwachen auf nüchternen Magen eine Zigarette rauchen und sie sehr vermissen, wenn Sie keine haben können. Dieser Sachverhalt ist eine primäre Bewertung ihrerseits. … Morgens früh, noch im Bett liegend, zünden Sie eine Zigarette an, tun einen tiefen Zug und fallen mit einem genießerischen “Ah!” in die Kissen zurück. Sie haben nichts “ausgesagt”, sondern Ihrer Primärbewertung der Morgenzigarette Ausdruck verliehen. Warum sollten Sie nicht? … Über Ihre Lebensgewohnheiten sprechend sagen Sie: “Für mich ist der höchste Genuss die erste Zigarette am Morgen.” Das ist eine “Ist-Aussage”, und als solche völlig legitim.

(Theodor Geiger, Das Werturteil – eine ideologische Aussage (1953), in: H. Albert / E. Topitsch (Hg.), Werturteilsstreit, Darmstadt 1990, S. 36 f.)

Sicherheitshinweis: Don’t try this at home! Rauchen Sie nicht im Schlafzimmer!

Voltaire über Descartes’ Irrtum und Verdienst

Voltaire ist nach wie vor ein glänzender Stilist, wie es sie in der Philosophie nicht oft gibt. Und nicht selten ist es noch ein Vergnügen, seine absurdesten Behauptungen zu lesen. (Allerdings muss zugegeben werden, dass er auch manche seichten und langatmigen Stellen aufweist – insofern wäre er also völlig qualifiziert für das heutige Berufsdenken und -schreiben.) Bei einigen Punkten hat man den Eindruck, dass mit ihm die Pferde durchgehen, um anschließend zu einem umsichtigen, brilliant formulierten Urteil zu gelangen.
So schreibt er über Descartes in einem Vergleich mit Newton:

Er irrte sich, aber … er lehrte die Menschen seiner Zeit zu denken und sich gegen ihn seiner eigenen Waffen zu bedienen. Wenn er nicht mit gutem Geld gezahlt hat, dann ist es schon viel, das schlechte in Verruf gebracht zu haben.” (Philosophische Briefe, Nr. 14)

Adam Smith über den Egoismus

“Diese ganze Darstellung der menschlichen Natur jedoch, die alle Gefühle und Neigungen aus der Selbstbliebe ableitet und die so viel Lärm in der Welt erzeugt hat, jedoch, so weit ich weiß, bisher noch nie vollständig und im Detail erklärt worden ist, scheint mir aus einer verwirrten Fehlwahrnehmung des Systems der Sympathie herzurühren.” (Adam Smith, Theory of moral sentiments, Part VII, Section III, Chapter 1; meine Übersetzung)