Brain scan scandal? Offenbar fehlerhafte MRT-Analysesoftware

Vor einiger Zeit wurde unter dem Stichwort “Voodoo” Kritik an der Hirnforschung laut. Nun scheint es einen neuen Anlass zur Kritik zu geben: die Universität von Linköping meldet, dass die verwendete Analysesoftware offenbar zu hohe Raten von False Positives erzeugt.

Berichte dazu hier:
http://www.eurekalert.org/pub_releases/2016-06/lu-sff062716.php
http://www.heise.de/newsticker/meldung/Hirnforschung-Fehlerhafte-MRT-Software-schuert-Zweifel-an-Zehntausenden-Studien-3257319.html
http://www.theregister.co.uk/2016/07/03/mri_software_bugs_could_upend_years_of_research/
http://www.theregister.co.uk/2016/07/07/the_great_brain_scan_scandal_it_isnt_just_boffins_who_should_be_ashamed/

Update: Und der Neuroskeptic äußert sich nun auch endlich.

Interview mit Michael Ruse

Michael Ruse, Wissenschaftsphilosoph und Wissenschaftshistoriker, ist hierzulande der breiteren Öffentlichkeit vielleicht noch am ehesten durch seine Auseinandersetzungen mit dem Kreationismus bekannt. Clifford Sosis hat ein ausführliches Interview mit ihm geführt, das interessante biografische, wissenschaftshistorische und zeitgeschichtliche Aspekte berührt.

Texte des Wiener Kreises

Moritz Schlick hatte 1904 bei Max Planck über klassische Strahlenoptik promoviert. Die philosophischen Grundlagen und Konsequenzen der Naturwissenschaften waren in seiner akademischen Tätigkeit eines seiner Hauptarbeitsgebiete. Seit 1915 pflegte er einen regen Briefwechsel mit Albert Einstein, der öfter bei Schlick in Rostock Station machte. Nachdem Schlick an die Universität Wien gekommen war, begründete er den Wiener Kreis, dem Rudolf Carnap, Otto Neurath, Herbert Feigl, Victor Kraft und andere angehörten. In diesem Kreis gab es intensive Diskussionen über die Prinzipien einer wissenschaftlichen Weltauffassung, die entscheidend zur Herausbildung der Analytischen Philosophie und der Wissenschaftstheorie im 20. Jahrhundert beitragen sollten.

Bei Reclam ist 2013 eine Sammlung einiger zentraler Texte des Wiener Kreises erschienen: “Der Wiener Kreis: Ausgewählte Texte” – darin das Gründungsmanifest, Aufsätze zur Protokollsatzdebatte und zur wissenschaftlichen Erkenntnis allgemein oder auch die frühe Auseinandersetzung mit Poppers Falsifikationismus. Die Texte stammen von Schlick, Carnap und Neurath und der Vollständigkeit halber wurde im Anhang auch ein Text von Popper abgedruckt.

Eine umfangreichere Textsammlung (mit 803 Seiten) ist 2009 unter dem Titel “Wiener Kreis: Texte zur wissenschaftlichen Weltauffassung” bei Meiner erschienen.

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Philosophie in Frankreich: Claudine Tiercelins

Außerhalb Frankreichs sind insbesondere die Namen französischer Philosophen der Vergangenheit bekannt, aber wie man in diesem Video der Librairie Mollat sieht, bleibt die französische Philosophie lebendig und aktuell: Claudine Tiercelin ist Professorin für Philosophie am Collège de France und berichtet von ihrem jüngsten Buch. 2011 erschien “Le ciment des choses” bei Editions Ithaque.

Carrier über Werte und Objektivität in den Wissenschaften

Anfang der Woche habe ich kurz Martin Carriers “Einführung zur Wissenschaftstheorie” vorgestellt. Das letzte Kapitel dieses Einführungsbuches ist eine Darstellung der aktuellen Diskussionslage über Werte, Wertfreiheit und Objektivität in den Wissenschaften. Diese Diskussion ist ja schon lange Bestandteil des Nachdenkens über wissenschaftliches Arbeiten. Martin Carrier ist zusammen mit Gerhard Schurz Herausgeber einer 2013 bei Suhrkamp erschienenen Aufsatzsammlung “Werte in den Wissenschaften”. Darin werden historische Schlüsseltexte der Werturteilsdebatte (von Max Weber über Jürgen Habermas bis zu Carl G. Hempel) ebenso präsentiert wie aktuelle Aufsätze zu diesem Thema (z.B. von Noretta Koertge, John Dupré oder Gerhard Schurz). Carrier ist mit einem Beitrag zum Thema “Wissenschaft im Griff der Wirtschaft” vertreten.

In der Information Philosophie 4/2013 hat Carrier einen kurzen Aufsatz veröffentlicht, in dem er diskutiert, welche – positive und negative – Bedeutung Werte für die Objektivität haben. Der Aufsatz ist dort online abrufbar: “Werte und Objektivität in der Wissenschaft“.

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“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier

In manchen Diskussionen kann man aufgrund der vorgebrachten methodologischen Einwände (zuverlässig funktionierende Stichworte sind bspw. Empirismus, Naturalismus, Reduktionismus usw.) den Eindruck gewinnen, dass die Wissenschaftstheorie mit dem Positivismusstreit oder mit Kuhn an ihr Ende gelangt sei. Dem ist natürlich nicht so. Allerdings war die Diskussionslage schon in den 1960ern und 70ern fasst nur noch für Spezialisten übersichtlich. Und in den letzten Jahrzehnten hat die Spezialisierung in allen Bereichen noch einmal erheblich zugenommen – auch in der Wissenschaftstheorie. Da sind gute Einführungsbücher natürlich willkommen.

“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier liegt mittlerweile (seit 2011) in der 3. erweiterten Auflage vor. Carrier, Wissenschaftsphilosoph und Leibnizpreis-Träger (2008) gibt einen didaktisch gut konzipierten, aber auch durchaus anspruchsvollen Überblick über die Entwicklung wissenschaftstheoretischer Positionen von Bacon bis ins 21. Jahrhundert. Dabei werden die zentralen Elemente einer Position so beschrieben, dass deutlich wird, welche Leistung man sich von den jeweiligen Annahmen erhoffte, und welche tatsächlich erreichbar sind. Die wichtigsten Konzepte und Forderungen werden im Gang der Darstellung einander gegenübergestellt (z.B. Induktivismus, Deduktivismus, Verifikation, Falsifikation, Theoriebeladenheit, Unterbestimmtheit, Bestätigungstheorie, Werte und Wertfreiheit). Gut ist auch die Darstellung neuerer Themen der Wissenschaftstheorie. Die Sozialwissenschaften werden nicht methodologisch gesondert behandelt. Der Streit über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sozial- und Naturwissenschaften hat ja ein Spektrum von Positionen hervorgebracht, auf deren Darstellung offenbar zugunsten der Konzentration auf die Grundprobleme der Hypothesenbeurteilung verzichtet wurde. Eine Lektüre fachspezifischer Methodologien sollte die Leserin, sofern Bedarf besteht, ergänzen.

Carrier setzt offenbar eine Leserin voraus, die nicht eine autoritativ vertretene Position erwartet, sondern die selbst Vorzüge und Probleme von Hypothesen und Regeln abwägen will. Dazu enthält das Buch eine Vielzahl von Beispielen, die – wie im Kapitel über Werte und Wissenschaft – nicht immer abschließend bewertet werden, sondern offenbar so gewählt wurden, dass weder Kontroversen noch die Schwierigkeiten einer konsistenten Bewertung verdeckt werden. Daher ist das Buch gut für Einführungsseminare geeignet, in denen den Studierenden eigenständiges Denken auf anspruchsvollem Niveau vermittelt werden soll.

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Rudolf Haller gestorben

Am 14. Februar ist der österreichische Philosoph Rudolf Haller (1929-2014) gestorben. Haller hat die gesammelten Schriften Otto Neuraths herausgegeben und ist durch Arbeiten zum Wiener Kreis und zum Neopositivismus in der philosophischen Öffentlichkeit bekannt. Er war Mitbegründer der Österreichischen Ludwig-Wittgenstein-Gesellschaft und gründete die “Grazer Philosophische Studien. Internationale Zeitschrift für analytische Philosophie”. Er war langjähriger Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Instituts Wiener Kreis.

Haller gehört zu der Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg die von den Nazis vertriebene und ausgeblendete Vernunft – insbesondere österreichische Philosophen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – überhaupt erst wieder zugänglich und einer breiteren deutschsprachigen Öffentlichkeit bekannt gemacht hat.

Nachrufe:
DerStandard, ORF

via Richard Zach’s Logblog

Philosophie der Positiven Psychologie

Aus philosophischer Sicht lädt die Positive Psychologie natürlich besonders gut zu methodologischen Überlegungen ein. Dieser Umstand trifft auf ein zunehmendes Interesse daran, einen Naturalismus zu beschreiben, der sozialphilosophisch und psychologisch sinnvoll ist. Über verschiedene Bemühungen in diese Richtung habe ich in der Vergangenheit schon berichtet.

In der Tidsskrift for Norsk Psykologforening, 42/10, 2005, 885-896 untersuchen Ingvild S. Jørgensen und Hilde Eileen Nafstad philosophische und epistemologische Grundlagen der Positiven Psychologie: “Positive Psychology: Historical, Philosophical, and Epistemological Perspectives“. Sie sehen die Positive Psychologie in einem weiteren Sinn in der Tradition der eudämonistischen Sozialphilosophie der Griechen, und insbesondere in psychologischer Hinsicht durch die Entwicklungstheorie des Charakters bei Aristoteles inspiriert.

Es bietet sich an, diese aristotelische Entwicklungsperspektive in einem naturalistischen Rahmen anzuwenden. Dazu ein paar Hinweise:

Einen Überblick über den Naturalismus findet man z.B. bei Gerhard Vollmer: “Auf der Suche nach der Ordnung” und in der leider vergriffenen, aber hervorragenden Textsammlung “Naturalismus” von Geert Keil und Herbert Schnädelbach. Keils kritischen Aufsatz “Naturalismus und Intentionalität” findet man hier.

Der Naturalismus ist selbst umstritten, und in der Debatte streitet man unter anderem um das, was Karl Popper das Demarkationsproblem genannt hat: was ist noch Wissenschaft, und was nicht? (Astrologie etc.) Massimo Pigliucci und Maarten Boudry haben 2013 eine aktuelle Aufsatzsammlung dazu herausgegeben: Philosophy of Pseudoscience: Reconsidering The Demarcation Problem.

Pigliucci (CUNY) ist bekannt als Kritiker von Pseudowissenschaften (Kreationismus …) einerseits, und Szientismus andererseits. In seinem Buch “Answers for Aristotle: How Science and Philosophy Can Lead Us to a More Meaningful Life” plädiert er dafür, naturwissenschaftliche und philosophische Methoden zu kombinieren.

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Philosophie und Physik – Videos der Vorlesungsreihe an der Universität Ulm

Im Wintersemester 2011/2012 fand an der Universität Ulm eine Ringvorlesung zum Thema “Philosophie und Physik – eine Frage der Übersetzbarkeit” statt. Wie für eine Ringvorlesung üblich, wurden verschiedene Referenten eingeladen, die einen Überblick zu einem Aspekt des Themas geben, der auch für Fachfremde geeignet ist. In der Ulmer Ringvorlesung haben zu jedem Thema je ein Physiker und ein Philosoph mit anschließender Diskussion gesprochen. Dabei ging es um Themen wie Ontologie, Erklärung, Kausalität, Raum, Zeit, Verschränkung, Zufall und Information.

Die Videos der einzelnen Vorträge sind hier oder hier abrufbar.

Methodolatrie – Quine über Ablenkung durch technische Gadgets

Ein Problem, das verschärft in der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts auftrat und sich nun anschickt, weite Teile der menschlichen Kultur zu prägen – nach Überlegungen zu den Erfolgen und Vorzügen der Mathematik erwähnt Quine folgende Stolperfalle:

Es gibt die Methodolatrie oder den Hang zum technischen Schnickschnack (gadgetry): die Neigung, mehr Befriedigung in den Methoden als in den Resultaten zu finden. Außerdem gibt es das Ausruhen, das Aufschieben von anstrengendem Nachdenken und haarigen Entscheidungen, das ein reibungsloser Algorithmus mit sich bringen kann. Auf diese Weise kann man zu Problemen gelockt werden, die sich für die bevorzugten Techniken eignen, obwohl sie möglicherweise nicht die Probleme sind, die für die eigenen Belange besonders zentral sind. Der Aufstieg des Computers vergrößert diese Gefahr.

(Quine, W. V. (1978), Success and Limits of Mathematization, In: W. V. Quine (1981), Theories and things (S. 153 f.). Cambridge, MA: Harvard University Press. Meine Übersetzung.)

Dies sind methodologische Überlegungen Quines zur Funktion der Mathematik. Die Parallele zur kulturellen Funktion der Technik heute liegt auf der Hand. (Man denke nur an die merkwürdige Idolatrie des “Digital Native”.)