In der New York Times beschreibt der Physiker und Nobelpreisträger Steven Weinberg, wie er als junger Mann an Deutsch- und Philosophiekursen interessiert war – und daran scheiterte. Ob man das als Beleg nehmen kann, dass Weinberg taub für philosophische Probleme ist? Umgekehrt haben ja auch Philosophen und Geisteswissenschaftler oft genug ihre Taubheit gegenüber den Naturwissenschaften als geradezu konstitutiv für ihre Disziplin zelebriert. Ich fand jedenfalls während des Studiums Weinbergs Buch “Die ersten drei Minuten” faszinierend und philosophisch inspirierend, und ebenso habe ich später seinen “Traum von der Einheit des Universums” genossen – als wohltuenden Lichtblick nach der Lektüre von Hegel, Habermas oder MacIntyre.
Rezension von Gatteis “Karl Popper’s Philosophy of Science”
Friedrich Stadler und Miles MacLeod rezensieren in den Notre Dame Philosophical Reviews Stefano Gatteis “Karl Popper’s Philosophy of Science: Rationality Without Foundations” (Routledge, 2009):
In sum, Gattei’s Karl Popper’s Philosophy of Science is an important reassertion of the value, novelty, and coherency of Popper’s programme. It is an important historiographical contribution, particularly because it leads us to reevaluate our tradition of painting Kuhn as an epistemological radical, when that title more properly belongs to Popper.
“Spektrum der Wissenschaft” philosophisch interessant
Selbst wenn man in seinem philosophischen Weltbild den Naturwissenschaften keinen Platz in der 1. Reihe einzuräumen bereit ist, hat die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Spektrum der Wissenschaft” einige Beiträge zu bieten, die von besonderem philosophischen Interesse sind.
Da ist einmal ein Beitrag von Martin A. Nowak (Harvard), der mich schon vor über zehn Jahren in einem Vortrag an der Uni Bremen zur Simulation der Evolution von kooperativem Verhalten inspirierte. Nun erläutert er anhand mathematischer Modelle: “Großzügige Menschen sind erfolgreicher.”
Christoph Pöppe rezensiert ein neues Buch von Bernulf Kanitscheider: “”Entzauberte Welt – Über den Sinn des Lebens in uns selbst”.
Der Historiker James Webb veröffentlichte zwei Studien über die Ursprünge und Entwicklung des Zeitalters des Irrationalen. Hakan Baykal findet dieses Werk epochal und rezensiert es – “The Occult Establishment” (1976) liegt nun auf Deutsch vor, die Übersetzung von “Flight from Reason” (1972) ist für September vorgesehen.
Bloggerkollege Lars Fischer vom Fischblog hat übrigens auch einen Artikel zur Ausgabe beigetragen.
Zweifel an der Existenz von Spiegelneuronen?
Spiegelneurone sind eine verheißungsvolle Entdeckung – wenn es sie denn wirklich gibt. Derzeit bestehen noch Zweifel:
- All smoke and mirror neurons?
- Can fMRI adaptation demonstrate (or refute) the existence of mirror neurons?
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Moral und Gefühl bei Säugetieren?
Der Ökologe Marc Bekoff (University of Colorado, Boulder) glaubt, dass in den Gehirnen aller Säugetiere eine moralische Komponente hart verdrahtet sei. Bekoff, der zusammen mit Jane Godall ein Buch über die Verpflichtung zum Erhalt der Umwelt geschrieben hat, hat jetzt mit der Moralphilosophin Jessica Pierce “Wild Justice” veröffentlicht, worin argumentiert wird, dass es bei Säugetieren einen angeborenen Sinn für Gerechtigkeit und Empathie gebe, der helfe, in sozialen Gruppen Aggression einzudämmen und Kooperation zu fördern. Es gäbe immer mehr Belege dafür, heißt es in einem Artikel des Telegraph: “Recent neurology work has also revealed that distantly related mammals such as whales and dolphins have the same structures in their brains that are thought to be responsible for empathy in humans. Other findings have also suggested that some animals may even be capable of showing empathy with the suffering of other species.”
Bekoffs Thesen stoßen auf Skepsis und Widerspruch bei anderen Wissenschaftlern. Der Telegraph zitiert Frans de Waal: “I don’t believe animals are moral in the sense we humans are – with well developed and reasoned sense of right and wrong – rather that human morality incorporates a set of psychological tendencies and capacities such as empathy, reciprocity, a desire for co-operation and harmony that are older than our species. Human morality was not formed from scratch, but grew out of our primate psychology. Primate psychology has ancient roots, and I agree that other animals show many of the same tendencies and have an intense sociality.” [via]
Die Analytische Philosophie verhilft der Philosophie zu Fortschritten
Brian Leiter zitiert eine interessante Passage von Jeff McMahan, in der dieser konstatiert, dass die Philosophie, und speziell die Ethik, in den letzten Jahren gute Fortschritte gemacht hat. Es kommt heute nicht mehr darauf an, ein persönliches philosophisches System zu verteidigen und die interessanten Fragen dadrunter abzuhandeln. Stattdessen würden einzelne Fragestellungen sehr detailliert behandelt und in einem kollektiven Unternehmen (der Diskussion) viel gründlicher beantwortet als dies eine einzelne Person je leisten könnte:
“Unlike many other disciplines in the humanities and social sciences, which in recent years were seduced by bad French philosophy into a lot of silly “post-modern” theorizing that exposed them to derision and reduced them to irrelevance, analytic philosophy is flourishing. … philosophy has become more of a collective endeavour than it was in the past … When the results of the individual efforts are combined, we may achieve a collective product that exceeds in depth, intricacy, and sophistication what any individual could have produced by working on the larger problem in isolation.” (Jeff McMahan, zitiert bei Brian Leiter)
3D-Periodensystem und andere
In Second Life gibt es bei der American Chemical Society ein dreidimensionales Periodensystem, das offenbar als Freebie (kostenlos) erhältlich ist.
Auch im Internet gibt es beeindruckende und sehr informative Darstellungen des Periodensystems, wie diese interaktive Version und diese Seite der Universität Nottingham mit Videos zu jedem Element.
Und hier schließlich eine gesungene Version des Periodensystems:
[via Glaserei]
AC Grayling über die herausragende Bedeutung der Wissenschaft
Bei Edge gibt es einen Artikel (und ein Video) von AC Grayling über die Bedeutung der jüngeren wissenschaftlichen Entwicklungen. Die Wissenschaft sei eine wunderbare kollektive Unternehmung und eine großartige Errungenschaft der Menschheit. Es komme darauf an, mehr Menschen an Kenntnissen darüber teilhaben zu lassen, auch um den bevorstehenden Wandel von kompetenten Leuten beurteilen zu lassen: “The point here is not about making more scientists necessarily, but making more people who are competent to observe what’s happening in science, to be interested in reading about it, to keep abreast of developments, to be excited by what is happening in science. And as responsible and informed citizens of this world of ours, to be part of the discussion about what we should and shouldn’t do with our science.” (Pressing questions for our century – A Talk With AC Grayling)
Ned Block über aktuelle Bewusstseinstheorien
Ned Block hat einen Artikel über drei in den Neurowissenschaften wichtige Bewusstseinstheorien als PDF-Dokument online gestellt: Comparing The Major Theories Of Consciousness.
Naturalismus als Lebensform
Kann der Naturalismus auch in der Praxis des alltäglichen Lebens gute Antworten liefern? Das Center for Naturalism sagt “Ja”. Living in Light of Naturalism – First Person Accounts:
What would it be like to discover yourself a fully natural creature, completely embedded in the world science reveals? It would mean discarding any remnant of supernaturalism about who you are.
Weitere Ansichten der Naturalisten auf naturalism.org. Und es gibt ein Weblog: Memeing Naturalism.
[via]
Experimental Philosophy here to stay?
Ein weiterer Artikel über “Experimental Philosophy”: “Philosophy’s great experiment” von David Edmonds und Nigel Warburton: “X-phi [ = experimental philosophy; B.H.] looks like it’s here to stay, and contemporary philosophy should surely take notice.” [via Brian Leiter]
Aufsatzfabrik
Brian Leiter hat einen interessanten Link zu einem Artikel über “essay mills” – Aufsatzfabriken, die gegen Seitenhonorar Arbeiten über Heidegger, Ethik oder Elektrotechnik liefern. Ob Seminararbeit oder Dissertation, alles scheint möglich. Das Gewerbe scheint zu blühen. Der Artikel im Chronicle erlaubt einen Blick auf ein Phänomen, von dem man schon viel gehört hat, aber nichts Bestimmtes darüber weiß: Cheating Goes Global as Essay Mills Multiply


