Archive for category Wissenschaft

Akademische Philosophie in Deutschland

Bei Brian Leiter gibt es eine Diskussion über die Situation und Zukunft der akademischen Philosophie in Deutschland. Ausgangspunkt ist ein Beitrag von Detlef von Daniels, der die Einrichtung eines “Exzellenzclusters” in Frankfurt unter den “Auspizien” von Rainer Forst und Klaus Günther kritisch in einem größeren Zusammenhang diskutiert.

Verschiedene Thesen stehen im Verlauf der Diskussion im Raum. Im Mittelpunkt dürften die Fragen stehen, ob die akademische Philosophie in Deutschland noch internationalen Rang hat, und ob man die negativen Effekte der schlechten Finanzierung der Universitäten durch Konzentration auf Exzellenzinitiativen in irgendeiner Hinsicht wettmachen kann.

Für den Außenstehenden, aber nicht ganz Uninformierten ist die Diskussion auch deshalb interessant (oder uninteressant), weil sie auch – wie immer bei solchen Themen – einen Einblick in die Sozialpsychologie der akademischen Elite gewährt.

, , , ,

1 Comment

Die Ordnung der Nervenbahnen im Gehirn

Wer schon einmal Bilder aus Rechenzentren und Serverräumen gesehen hat, weiß, dass eine geordnete, strukturierte Verkabelung ein Problem der Kreativität und der Effizienz ist. Man erlebt das täglich mit dem halben Dutzend Kabeln unterm Schreibtisch. Was aber, wenn es ein paar hundert Kabel sind, wie in einem halbwegs ausgestatteten kleineren Serverschrank? Und was, wenn es um ein paar Milliarden Leitungen geht – wie im menschlichen Gehirn? Die müssen erst einmal “gepackt”, verstaut werden – und dabei auch noch flexibel bleiben, denn das Gehirn unterliegt im Laufe eines Lebens dem Wandel.

Offenbar sind die Nervenbahnen im Gehirn nicht angeordnet wie in einer Schüssel Spagetti – also ohne besonderes Ordnungsprinzip, sondern folgen einem simplen Muster, wie bei der Erstellung eines Textilgewebes: die Bahnen verlaufen im Wesentlichen schön geordnet zwischen links und rechts oder rechtwinklig dazu. Und dann gibt es natürlich noch die Orientierung nach oben und unten. Aber bitte immer schön einfach und geordnet – nicht wie in einem heillos verknoteten Kabelsalat. Diese geometrische Struktur der Nervenbahnen beschreiben Van Wedeen und Kollegen in Science (hier die Pressemitteilung).

Das folgende Video visualisiert ein solches Muster der Nervenbahnen im menschlichen Gehirn, und im darauffolgenden Video erläutert Van Wedeen, der mit seinem Team dieses Muster visualisiert hat, diese neuronale Gewebestruktur.

Visualisierung der “Hirnverkabelung” (ohne Ton)

.
Van Wedeen erläutert die 3d-Struktur der Nervenbahnen im Gehirn:

, ,

No Comments

Die professionelle Unfähigkeit zu schreiben

John Gray rezensiert in der Literary Review ein Buch von Mikkel Borch-Jacobsen und Sonu Shamdasani über Sigmund Freud und die frühen Jahre der Psychoanalyse: “The Freud Files: An Inquiry into the History of Psychoanalysis“. Er geht auf bekannte Streitpunkte der “Freud Wars” ein, gibt seine eigene Einschätzung dazu ab und ergänzt ein paar interessante Details. So soll Karl Popper seine Kritik, dass Freuds Psychoanalyse unfalsifizierbar und deshalb nicht wissenschaftlich sei, nicht erst in der “Offenen Gesellschaft” und in “Conjectures and Refutations”, sondern bereits um 1919 formuliert haben.

Aber ein anderer Aspekt der Rezension von John Gray beschäftigt mich hier: Freud sei ein deutlicher und direkter Autor gewesen, wohingegen das besprochene Buch von Borch-Jacobsen und Shamdasani oft unverständlich sei (als Gegenbeispiel lobt er Janet Malcolms “Psychoanalysis: The Impossible Profession” und “In the Freud Archives“). Gray bezeichnet dies als “the professional inability to write, which has become a requirement of academic life” – also die professionelle Unfähigkeit zu schreiben, die eine Anforderung des akademischen Lebens geworden sei.

Schaut man sich die im akademischen Betrieb jeweils vorherrschende Scholastik an – Analytische Philosophie, Postmoderne, “Kontinentale” Philosophie oder welche Geschmacksrichtung auch immer – so fällt die fehlende Bereitschaft, und möglicherweise ja auch Unfähigkeit, auf, den einen oder anderen allgemein verständlichen Text zustande zu bringen. Nun kann man über die Kriterien für Verständlichkeit geteilter Meinung sein. Ich würde hier zwei Anforderungen in Anschlag bringen: Nachvollziehbarkeit der Position für Interessenten mit anderen Hobbies, sowie einen Informationsgehalt, der über die 5 oder 6 Jahre, nach denen eine heiße Spezialistenthese wieder für alle Zeiten vergessen wird, erhalten bleibt.

Ich will damit nicht sagen, dass dies Standards für akademische Forschung sind. Es sind ausreichend Megabytes vorhanden, um kurioses Vokabular, interessante Formeln und kreative Schlussfolgerungen zu veröffentlichen. Verständlichkeit, Klarheit, Nachvollziehbarkeit sind vielleicht keine Kriterien, oder keine wichtigen, für wissenschaftliche Forschung. Aber zur Darstellung für ein interessiertes Publikum, dass über die drei Dutzend Fachkollegen hinausgeht, sind sie es. Die Fähigkeit, diese Kriterien anzuwenden, wird nur selten unter Beweis gestellt. Vielleicht ja auch, weil es mit dem Kult von Superhelden nicht vereinbar wäre.

, , , , , ,

7 Comments

Konferenz der Gesellschaft für Wissenschaftsphilosophie

Die neugegründete Gesellschaft für Wissenschaftsphilosophie (Gründungsmitglieder u.a. Andreas Bartels, Carsten Held, Holger Lyre, Meinard Kuhlmann, Gregor Schiemann) wird vom 11. bis 13. März 2012 ihre erste internationale Konferenz, die zugleich Kick-Off-Meeting ist, in Hannover veranstalten.

Thema der Konferenz ist “How Much Philosophy in the Philosophy of Science?” Es geht um die Frage, wie weit sich die Wissenschaftstheorie den methodologischen Standards der Einzelwissenschaften angenähert und dabei möglicherweise von der philosophischen Tradition entfernt hat, und wie dies zu bewerten ist. Gibt es zwischen Philosophie der Physik, Philosophie der Biologie, Philosophie der Sozialwissenschaften etc. etwas Verbindendes? Und zeigen die jüngsten Debatten um Begriffe wie Kausaliät, Mechanismen und Komplexität, dass es einheitliche Hintergrundorientierungen in diesen zunächst disparaten Bereichen gibt?

Keynote-Speaker der Konferenz sind Peter Godfrey-Smith, Stephan Hartmann, James Ladyman, Sandra Mitchell, Chrysostomos Mantzavinos, Margaret Morrison und Wolfgang Spohn.

, , , , , , , , , , , , , , ,

No Comments

Newtons Apfel, Hawking und die Philosophie

In einem ausführlichen Interview bei The Atlantic beschreibt Tim Maudlin, der zusammen mit Kollegen von Columbia, Yale und NYU das “neue Feld” (siehe dazu hier) der Philosophie der Kosmologie ins Leben gerufen hat, unter anderem worin die besondere Bedeutung von Newton liegt – was exemplarisch ja gern anhand des “Apfel-Ereignisses” veranschaulicht wird. Es sei nicht die Entdeckung der Tatsache, dass auf der Erde Schwerkraft herrsche – das habe natürlich jeder gewusst. “Es ist nicht so, dass er die Schwerkraft tatsächlich entdeckt hat.” Aber seit der Antike habe man in der Astronomie Himmelsobjekte anders behandelt als Objekte auf der Erde. “Dies waren total verschiedene Bereiche … Newton erkannte, dass es eine Kraft geben muss, die den Mond im Orbit um die Erde hält, die ihn hindert, davon zu wandern, und er wusste auch, dass es eine Kraft gibt, die den Apfel runter auf die Erde zieht. Was ihm also plötzlich aufging war, dass dies ein und dieselbe Sache sein könnte, dieselbe Kraft.” Dies sei eine enorm wichtige Entdeckung gewesen, sowohl physikalisch als auch philosophisch, denn zwei bislang getrennte Bereiche wurden nun in ein einheitliches Bild eingefügt.

Zu Hawkings Behauptung, dass die Philosophie tot ist (siehe dazu hier und hier), stellt Maudlin fest, dass Hawking brilliant sei, aber kein Experte für Philosophie. Philosophie der Physik sei seit 30 Jahren nahtlos in die Arbeit an Grundlagenfragen in der Physik integriert. “Tatsächlich ist die Situation das genaue Gegenteil von dem, was er beschreibt. Ich denke, er weiß einfach nicht, wovon er da redet.

Auch zur Feinabstimmung des Universums äußert sich Maudlin. “Keiner der Physiker, mit denen ich rede, möchte sich auf die Feinabstimmungsargumente stützen, um für eine Kosmologie zu argumentieren, die viele Welten hat.” Wenn man das theoretische Ziel der Physik anstrebt, tendiere das Feinabstimmungsproblem dazu, zu verschwinden.

.

. .

, , , , , , , , ,

No Comments

Templeton Foundation fördert Philosophie der Kosmologie

Die Templeton Foundation möchte die “Etablierung” des “neuen” Feldes des Philosophie der Kosmologie fördern. Simon Saunders, Joe Silk und David Wallace von der Oxford University sowie John Barrow and Jeremy Butterfield von der Cambridge University sollen durch die Förderung die Forschung in diesem Bereich voranbringen. Unter anderem geht es um Selektionswirkungen, wie sie in der Diskussion um das Anthropische Prinzip eine Rolle spielen.

Ganz neu ist dieses Sachgebiet allerdings nicht. Kosmologie ist ja eher ein klassisches Thema der Philosophie und spielt nicht zuletzt in der Gegenwart eine Rolle. Auch die Thesen von John Barrow und Frank Tipler zum Anthropischen Prinzip werden schon seit zwei Jahrzehnten kritisch diskutiert. In Deutschland sind mehrere Philosophen Fachleute auf dem Gebiet der Kosmologie, beispielsweise Bernulf Kanitscheider und Manfred Stöckler.

.

. .

, , , , , , , ,

1 Comment

Geld als Kriterium für Philosophie

Clark Glymour hatte ja in seinem Manifest zur Philosophie (Bericht hier) aufgrund der von ihm diagnostizierten Nutzlosigkeit der “kontinentalen” und der “analytischen” Philosophie geschlussfolgert, dass man auf verschiedene Philosophiedepartments verzichten könnte – außer sie würden Förderbeträge in Millionenhöhe akquirieren.

Das führt unmittelbar zu der Frage, woher Geld zur Förderung von Philosophie kommt. Natürlich nur von da, wo es welches gibt. Und das würde dann faktisch definieren, was praktizierte Philosophie ist. Es gibt nämlich bestimmte typische Arten von Geldgebern. Eine Art, die Kennern sofort ins Auge springt, hat Keith de Rose erwähnt. Sein Beispiel ist die Templeton Foundation, die in den letzten Jahren schon diverse Millionen verteilt hat, um philosophische Untersuchungen von Spiritualität und Religion zu fördern (siehe zum Beispiel diese kommentarlose Notiz) – und dies in Zukunft weiter tun wird. Also ein Sachgebiet, das Clark Glymour vermutlich eher nicht im Sinn hat. Zurecht stellt Keith de Rose fest: Man kann, wenn man Glymours Kriterium anwendet, daraus nur schließen, dass das, was in den nächsten Jahren richtige Philosophie ist, mit Religion und Glauben zu tun hat.

Man sieht daran ganz gut, 1.) welche Kanalisierungseffekte ein Vorschlag wie der von Glymour haben wird, und 2.) wie gut sich ein “Szientismus” / “Positivismus” im schlechtesten Sinn und religiöse Vorstellungen ergänzen.

Nüchtern soziologisch muss man aber wohl auch feststellen, dass wir in einer Glymour-Welt leben. Als Beleg ein Zitat von Eric Schwitzgiebel: “In ancient Greece, the sophists were the ones getting grants”.

, , , , ,

1 Comment

Fuck logic

Aus der Abteilung therapeutisches Lachen: Spongebob fucks logic.

, ,

No Comments

Stephan Schleim hat Probleme mit dem Naturalismus

Stephan Schleim diskutiert in seinem Blogbeitrag “Deutungshoheit: Brights, Vollmer und die ‘rechten Dinge’” den Naturalismus. Dazu beschäftigt er sich mit Gerhard Vollmers Aufsatz “Geht es überall in der Welt mit rechten Dingen zu?“, der bei den Brights veröffentlicht wurde.
Schleim möchte einen “intoleranten Humanismus und Denkverbote” demaskieren: “Den selbsternannten Verfechtern der Wissenschaft, die sich gern ins aufklärerische Gewand kleiden, stünde etwas mehr Bescheidenheit und Toleranz gut zu Gesicht. Anstatt sich über Menschen mit anderer Meinung lustig zu machen, sich selbst als die Gescheiten und die anderen für die Hinterwäldler zu halten, anstatt vorauseilenden scheinwissenschaftlichen Erklärungen zum Opfer zu fallen, könnten auch sie vom kritischen Dialog miteinander und der Reflexion ihrer eigenen Ansichten lernen.

Man gewinnt den Eindruck, dass sich diese Kritik besonders gegen Michael Schmidt-Salomon richtet, dem er den von ihm beanspruchten Humanismus nicht recht glauben zu wollen scheint. Die Vorwürfe jedenfalls, “blind dafür [zu sein], dass sie mit ihrer oberflächlichen Scheinwissenschaft Denkverbote verhängen“, “Andersdenkende ins Abseits der Lächerlichkeit drängen” und nicht zuletzt der Vorwurf der “gelebten Intoleranz” ist im Zusammenhang mit Gerhard Vollmer allerdings befremdlich.

Offenkundig werden hier Probleme des sachlichen und fairen Diskussionsverhaltens mit der fraglichen Sache selbst (hier: Naturalismus) vermischt. In der Tat – Menschen mit ungebührlichem Sozial- und Diskussionsverhalten sind leider viel zu häufig anzutreffen, unabhängig vom verhandelten Thema. Beispielsweise konnte man in den letzten Tagen Einlassungen von katholischer Seite zu Moral- und Weltanschauungsfragen lesen, die parteilich und polemisch waren. Auf diese Weise werden die in Frage stehenden Sachverhalte verzerrt. Polemik taugt nur als politisches, nicht als wissenschaftliches Werkzeug.

Update: Hier eine Antwort von Stephan Schleim.

.

.

, , , ,

No Comments

Carnap-Video auf YouTube

Auf YouTube und anderen Videoplattformen gibt es nur wenige deutschsprachige Videos zur Philosophie. Noch weniger Philosophievideos gibt es dort, die nicht der Postmoderne, Heidegger oder Frankfurter Schule gewidmet sind.

Der blinde Hund hat erfreulicherweise bemerkt, dass vor kurzem ein dreiteiliges Video eines Interviews, das Willy Hochkeppel 1964 mit Rudolf Carnap geführt hat, gepostet wurde. So hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, Carnap im Originalton zu hören und zu sehen. Dem Urteil des blinden Hundes kann ich mich anschließen: “sympathisch zurückhaltend”. Unter anderem betont Carnap, dass Wissenschaftlichkeit Kooperation möglich macht, im Unterschied zu einer “monologischen” Philosophie. Weitere Themen sind Fortschritt in der Philosophie, Bedeutung und Entwicklung der Logik, insbesondere der induktiven Logik, und am Ende des letzten Teils gibt es ein paar interessante Bemerkungen zu Tatsachen- und Wertfragen.

Der erste Teil scheint unvollständig zu sein – er läuft nur 36 Sekunden und enthält offenbar nur das Intro. Der zweite und dritte Teil scheinen vollständig zu sein.

.

.

Mehr zu Carnap.

, , , , , ,

2 Comments

Der angebliche Tod der Philosophie

Schlechte Nachrichten verbreiten sich bekanntlich besonders gut. Und so dürfte Stephen Hawkings Mitteilung, dass die Philosophie tot sei und die Physik alle Fragen beantworte, allgemein geläufig sein (siehe auch hier). Sie findet sich in einem Buch, das Hawking zusammen mit einem der Autoren der Star-Trek-Episoden veröffentlicht hat.

Umberto Eco ist jedoch skeptisch, ob es klug ist, diese Frage von Star-Trek-Charakteren entscheiden zu lassen. Schon die grundlegenden Fragen der Physik dürften ohne Philosophie gar nicht zu beantworten sein. Und so seien auch die Antworten in diesem Buch typisch philosophisch.

, ,

No Comments

Galileos Pisa-Experiment auf dem Mond

Mit einem einfachen Experiment, das allerdings vermutlich nie real durchgeführt wurde, dafür aber ein berühmtes Beispiel für ein Gedankenexperiment ist, konnte Galileo Galilei die physikalischen Annahmen von Aristoteles über die Fallgeschwindigkeit unterschiedlich schwerer Körper als falsch erweisen. Man stelle sich auf den schiefen Turm von Pisa (der Ort wurde nur der Anschaulichkeit wegen gewählt) und lasse eine 10 Pfund schwere sowie eine 1 Pfund schwere Kugel gleichzeitig fallen. Nach Galileo haben beide Objekte die gleiche Fallgeschwindigkeit.

Der Astronaut David Scott stellte während der Apollo-15-Mission dieses Experiment auf dem Mond nach – mit einem Hammer und einer Feder. Die Bedingungen sind auf dem Mond aufgrund des nicht vorhandenen Luftwiderstands natürlich ideal. Das Ergebnis ist hier zu sehen:

, , , , , , ,

2 Comments