Virtual Reality, Marketing und überhaupt

James Au ist bekannt als Blogger und Experte für Virtual Reality und Second Life. Mit den für die nächsten Monate angekündigten neuen Produkten für Virtual Reality ist auch wieder die Erwartung gestiegen, dass es mit den neuen Optionen zu einigen Veränderungen im Userverhalten kommen wird. James Au gibt in einem Artikel den Erwartungen aus Sicht der Marketingwirtschaft einen Dämpfer, der darüberhinaus aber auch – jedenfalls für Kenner – Rückschlüsse darauf zulässt, wie die Entwicklung in den nächsten Jahren aussehen könnte.

Jaron Lanier – Kritik und Konzeption

Jaron Lanier ist deshalb einer der interessanten Autoren in Fragen der digitalen Kultur, weil er in seinen Texten philosophische Reflexionen mit Kritik verbindet, die sich aus einem phänomenologischen Gespür für wahrnehmungsästhetische, techniksoziologische, kulturelle und ethische Fragen ergibt. Und diese Kritik geht sodann einher mit einer positiven Konzeption einer humanen Technologie.

Lanier reflektiert über neue und alte Selbstverständlichkeiten und zeigt eine deutliche ideologiekritische Skepsis bezüglich quasireligiöser Aufladungen technologischer Weltbilder. Gerade die seit den 50er-Jahren etablierte Ideologiekritik (in Deutschland z.B. Frankfurter Schule, Topitsch, Kritischer Rationalismus) scheint im Bereich der Digitalen Technikutopien noch gar nicht verfangen zu haben, und daher ein ergiebiges Betätigungsfeld zu sein. Jaron Lanier gehört zu den Autoren, die diese Notwendigkeit bereits seit einigen Jahren ansprechen.

Entfaltung der Persönlichkeit trotz Internet

In Freundschaften geht man ein Risiko ein – im Internet geht dieser Aspekt realer Beziehungen verloren, schreibt Roger Scruton in “Hiding behind the screen“. Fernsehen, Facebook, Second Life, iPod – deren Dominanz reduziert die Erfahrungsmöglichkeiten, die man braucht, um Selbstbestimmung (Fichte), Anerkennung (Hegel) und Entfaltung (Marx) zu erleben. Demgegenüber wird die Entfremdung durch den Fetischismus der Massenkultur (Adorno, Horkheimer) immer subtiler – und umfassender. Es fehlt an einer kritischen Haltung, die es den Menschen erlaubt, auf reale Erfahrungen und reale Emotionen Wert zu legen. Dazu gehört das Eingehen von Risiken – auch realer emotionaler Risiken, wie sie in naturwüchsigen Beziehungen drohen. Um zu einem moralischen Wesen zu wachsen, braucht es “risk, embarrassment, suffering, and love.

Die Zukunft virtueller Welten

Nachdem Philip Rosedale, der Gründer von Second Life, das dahinter stehende Unternehmen Linden Lab verlassen wird (weiterer Link), um sich seiner Neugründung LoveMachine zu widmen, stellt sich für die Nutzer die Frage, wie die Zukunft virtueller Welten für sie aussehen wird. John Lester, ehemals in der Second-Life-Community als Pathfinder Linden bekannt, resümiert die positiven Aspekte kreativer Kollaboration und erinnert daran, dass “there is no fate but what we make“:
Take a long hard look at those words, and think about all the things you can control. Think about the communities you belong to that can help you. Think about how you can help others. Then stand up, crack your knuckles, and get to work making your own future.

In den Kommentaren dazu fand ich eine Aussage bemerkenswert:
virtual worlds will keep on being “reinvented” and resold as new and shiny…and each time, they will be used to make us, more like them, coded. unless we value them less than their users.
In diesem Punkt – dem Wert, oder man kann genauso gut sagen: der Würde der Benutzer sind sich der Optimist John Lester und sein Kritiker jedenfalls einig.

Über Lesters Ausführungen hinausreichend in Richtung Enhancement ist Jaron Laniers Artikel im Wall Street Journal: “On the Threshold of the Avatar Era” – eine Zukunft, die auch in Anbetracht des Enthusiasmus ihrer Protagonisten wohl Grund zur Sorge ist.