John Searle: “Elektronische Medien verarmen unsere Sinne”

Mit über 80 Jahren hat es John Searle nicht mehr nötig, aufgeregt den neuesten Moden das Wort zu reden. Und als einer der herausragenden Philosophen in der Philosophie des Geistes, der Sprache und des Sozialen hat er eine dezidierte Meinung zu den aktuellen Entwicklungen in Philosophie, Technologie und Gesellschaft.

In einem Interview im New Philosopher hält er denn auch nicht hinterm Berg. Von dem “Unsinn”, der gegenwärtig in der Philosophie veröffentlicht wird, hält er nichts. Insbesondere wenn er über die Theorie des “extended mind” (Chalmers u.a.) liest, könne er sich übergeben. Die “overexposure to electronic media” verarme unsere Sinne. Er will noch weitere Bücher über die Philosophie des Geistes veröffentlichen, und sich insbesondere mit den Klassikern “Kant, Descartes, Berkeley, Hume, Leibniz, Spinoza” auseinandersetzen. Kant sei der vermutlich größte Philosoph und eine Obsession, aber seiner Theorie von der Unerkennbarkeit des Dings an sich liege ein Fehler zugrunde.

Kürzlich hat Searle auf der TEDxCERN-Konferenz lebhaft die ganz unmodische Auffassung vertreten, dass Menschen ein Bewusstsein haben. Das Video dazu gibt es hier.

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Erfahrungen mit Naturalisten

Stephan Schleim hat mir per E-Mail eine Antwort auf diesen Beitrag zum Naturalismus geschickt, bei dem die Kommentarfunktion schon geschlossen ist. Gerne gebe ich seine Antwort hier wieder.

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Stephan Schleim:
“Sie haben Recht, dass sich meine Kritik vor allem gegen Schmidt-Salomon und ähnlich auftretenden Vertreter eines sognenannten wissenschaftlichen Humanismus richtet. Ich verstehe jedoch nicht das von Ihnen ausgedrückte Befremden darüber, dass ich in diesem Beitrag auch Gerhard Vollmer erwähne.

Dass ich Vollmers Text besprach, war ein vor langem geäußerter Wunsch mancher meiner Leser (Ist Naturalismus widerspruchsfrei vertretbar? Ein philosophisches Gedankenexperiment, 15. September 2009). Vollmer scheint von manchen sozusagen als deutscher Vorzeigenaturalist verstanden zu werden und ich stimme dem auch insoweit zu, als sein Text zu dem deutlichsten gehört, das ich bisher zum Thema gelesen habe.

Die Frage scheint dann also zu sein, warum ich Schmidt-Salomon und Vollmer zusammen in einem Beitrag bespreche. Liegt das nicht auf der Hand, dass das naturalistische Programm in Deutschland vor allem auch von der Giordano-Bruno-Stiftung in der Öffentlichkeit dargestellt wird, deren Sprecher nun einmal Schmidt-Salomon ist?

Gegen Vollmer und seinen Text habe ich gar nichts – ist das nicht auch im Blog deutlich? Vollmer weist sehr deutlich auf die philosophische Versprechenskomponente des naturalistischen Programms hin; und fügt dem Text am Ende sogar noch ein deutlich abgegrenztes persönliches Glaubensbekenntnis bei. Diese Freiheit räume ich nicht nur persönlich jedem ein, sondern ich fordere sie auch politisch für jeden.

Wenn Sie hingegen noch keine Erfahrungen mit deutschen Naturalisten gemacht haben, die ihr Programm als rein wissenschaftlich und alternativlos darstellen, dann will ich Sie bei Gelegenheit auf entsprechende Beispiele hinweisen. Wenn ich Zeit habe, werde ich vielleicht einmal eine Auslese für meinen Blog zusammenstellen.”

Fähigkeiten schaffen – Martha Nussbaums neues Buch

Bei Harvard University Press erscheint Martha Nussbaums neues Buch “Creating Capabilities: The Human Development Approach” (Amazon-Link).

Die Lebensqualität nur am Bruttoinlandsprodukt eines Landes zu messen hält Martha Nussbaum seit langem schon für fragwürdig, weil dadurch die wichtigsten und grundlegendsten Bedürfnisse der Menschen nicht in den Blick geraten. Zusammen mit Armatya Sen hat sie den Fähigkeitenansatz entwickelt, den sie in ihrem neuen Buch erneut vorstellt, aber auch durch neues Material bekräftigen will.
Anfang März sprach sie an ihrer Heimatuniversität in Chicago über dieses Buch. Die Audiodatei dazu ist hier verfügbar.

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Theorieblog – ein neues, philosophisch interessantes Blog

In meinen Referrern habe ich ein neues Blog aus Deutschland gefunden – Das Theorieblog von Cord Schmelzle, Thorsten Thiel und Daniel Voelsen. Sehr erfreulich!
Das Theorie-Blog ist ein neues Blog für Politische Theorie und Philosophie. Uns, dem Team, geht es darum, ein Forum für die deutschsprachige Theorie-Community im Netz zu schaffen – einen Ort, wie wir ihn bisher vermisst haben.
In Deutschland ist die philosophische Blogszene nach vielen Jahren immer noch sehr dünn. Eine Vernetzung gibt es gar nicht, mangels kooperativer Plattformen herrschen eher die gewöhnliche Vereinzelung und akademische Konkurrenz. Das Theorieblog macht zwar keine Ansprüche, diese Situation zu ändern (was wohl nicht ganz leicht zu schaffen sein dürfte). Dafür allerdings erklärt man sich dort für programmatisch / theoretisch offen: “Wir wollen uns dabei bewusst nicht eingrenzen: weder auf bestimmte Denker, Theorien oder Traditionen noch auf eine fixe politische Meinung oder Richtung.” Das ist – in Deutschland jedenfalls – ungewöhnlich.
Die bislang veröffentlichten Inhalte sind sehr gut – beispielsweise die Auseinandersetzung mit Enzensbergers jüngst geäußerter Europakritik. Ich stimme nicht mit Allem überein, habe mich aber trotzdem sehr gefreut, einen Beitrag zu lesen, der sowohl nachvollziehbar argumentiert als auch gut lesbar ist – eine Kombination, die in der ganzen deutschen Blogosphäre bei kontroversen Fragen leider viel zu selten ist.
Bin gespannt, was da noch kommt. Herzlich Willkommen und viel Erfolg fürs Theorieblog!