Rudolf Haller gestorben

Am 14. Februar ist der österreichische Philosoph Rudolf Haller (1929-2014) gestorben. Haller hat die gesammelten Schriften Otto Neuraths herausgegeben und ist durch Arbeiten zum Wiener Kreis und zum Neopositivismus in der philosophischen Öffentlichkeit bekannt. Er war Mitbegründer der Österreichischen Ludwig-Wittgenstein-Gesellschaft und gründete die “Grazer Philosophische Studien. Internationale Zeitschrift für analytische Philosophie”. Er war langjähriger Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Instituts Wiener Kreis.

Haller gehört zu der Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg die von den Nazis vertriebene und ausgeblendete Vernunft – insbesondere österreichische Philosophen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – überhaupt erst wieder zugänglich und einer breiteren deutschsprachigen Öffentlichkeit bekannt gemacht hat.

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DerStandard, ORF

via Richard Zach’s Logblog

Ernest Gellner über Wittgenstein und Sprachphilosophie

Im vorigen Beitrag habe ich Ernest Gellners Buch “Words and Things” erwähnt, das von Ushanov kritisiert wird. Das Buch ist online hier zugänglich, und auf den ersten Blick scheint Gellners Argumentation nicht völlig daneben zugehen.

In der Einleitung zum Buch stellt Bertrand Russell fest, diese Sprachphilosophie enthalte als essentiellen Bestandteil einen Mystizismus, der schon in Wittgensteins Tractatus zu finden sei. Im Abschnitt über den Naturalismus enthüllt uns Gellner dann ironisch “DAS Geheimnis des Universums”, wie es sich aus Sicht der Philosophie der normalen Sprache darstellen soll:

“Seine Formulierung lautet: Die Welt ist das, was sie ist.”

Gegen die damit einhergehende abstinente Neutralität gegenüber der Welt beschließt Gellner das Buch mit den Worten:

“Philosophy is expliciteness, generality, orientation and assessment. That which one would insinuate, thereof one must speak.”

Philosophie der normalen Sprache – Ein Rückblick

T. P. Uschanov schreibt in “The Strange Death of Ordinary Language Philosophy” über die Attacken von Ernest Gellner auf die Philosophie der normalen Sprache in seinem Buch ‘Words and Things’ (1959). Das Buch erregte viel Aufsehen und eine Kontroverse. Bald darauf wurde es still um die Philosophie der normalen Sprache (Wittgenstein, Ryle, Austin u.a.). ‘Words and Things’ sei ein schlechtes Buch, das für viele falsche Auffassungen in der nachfolgenden Literatur verantwortlich sei.

Uschanovs Artikel ist recht umfangreich – er selbst nennt ihn einen “Leviathan”. Zahllose Thesen und Details werden aufgeführt. Darunter auch humorige, wie die von Mary Warnock wiedergegebene Beobachtung, es sei in Oxford ein running joke gewesen, dass Ryle nur deshalb die Idee eines “inneren Lebens” in Frage stellen konnte, weil er selbst keines gehabt habe.

Eine (gar nicht so) kurze Geschichte der Analytischen Philosophie von Stephen P. Schwartz

Stephen P. Schwartz hat eine vielversprechende Geschichte der Analytischen Philosophie veröffentlicht: “A Brief History of Analytic Philosophy. From Russell to Rawls“. Was ich bisher davon gelesen habe, bestärkt den Eindruck, dass es sich um einen gut informierten, gut lesbaren und mit realistischen Urteilen ausgestatteten Text handelt.

Ein solcher Überblick ist in der derzeitigen Spezialisierung und Zersplitterung hoch willkommen. Aktuelle Themen in der Analytischen Philosophie sind kaum länger als ein paar Jahre von Interesse, bevor sie von einem Gebirge neuer Publikationen und Forschungsprojekte begraben werden. Und es wird immer schwieriger, dem geneigten Publikum zu vermitteln, was der “aktuelle Stand der Forschung” in der analytischen Philosophie ist – sofern es überhaupt jemanden gibt, der das noch weiß. (Vielleicht will es gar niemand mehr wissen.)

Insofern ist es hilfreich, sich Gedanken über einen roten Faden zu machen, der die bisherigen Diskussionen zusammenbringt. Schwartz’s “Brief History of Analytic Philosophy” ist nicht der erste Beitrag in dieser Hinsicht, aber eben ein neuer aus Sicht des Jahres 2012. Einen ersten Eindruck vermittelt die Leseprobe auf der Webseite des Verlages, wo ein Probekapitel zur Verfügung gestellt wird.

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Was ist Analytische Philosophie? Nichts als Anti-Metaphysik oder Logik?

Pierre Wagner schreibt bei Eurozine über falsche, weil verkürzende Vorstellungen von Analytischer Philosophie: “The linguistic turn and other misconceptions about analytic philosophy“. Ist Analytische Philosophie dezidiert antimetaphysisch? Heute macht Metaphysik einen großen Teil der analytischen Forschung aus – wenn auch nicht in der Art, wie sie von Hegel oder Bergson betrieben wurde. Ist Analytische Philosophie unhistorisch? Schon einer der “Gründerväter”, Bertrand Russell, hat umfangreich über die Geschichte der Philosophie geschrieben. Wichtige Interpretationen von Platon und Aristoteles stammen aus der Feder von analytischen Philosophen. Ist Philosophie die “Magd der Wissenschaften”? Nicht bei Quine, nicht bei Wittgenstein, und es lassen sich viele Belege in der heutigen Analytischen Philosophie für eine gegenteilige Meinung finden. Sind analytische Philosophen hauptsächlich linguistische Philosophen? Wie ist der “linguistic turn” zu verstehen? Jedenfalls nicht eindeutig in der Weise, so Wagner, dass alle analytischen Philosophen damit auf ein Programm festgelegt wären. Die Analytische Philosophie ist zu vielfältig, als dass sie sich ausschließlich mit einem der genannten Programmpunkte charakterisieren ließe.