Archive for category Second Life
Seriösität, Business und Prekariat
Posted by Björn in Second Life, Sozialphilosophie on 2006/11/07
Einige stichpunktartige soziologische Beobachtungen:
Obwohl (oder weil) Second Life eine durchaus unseriöse Umgebung darstellt – nach Maßstäben der Hausordnung von Firmen, Büros und Akademien – darf man mit weiterem Zustrom von Unternehmen aus der Fleischwelt in die virtuelle Gummizelle rechnen. Denn Geschäfte werden dort gemacht, wo sich das Volk tummelt. So lange man für die virtuelle Firmenlobby einen Sicherheitsdienst und für die Privatinsel eine Zugangssperre hat – wo ist das Problem mit Elfen, Pelztieren, Griefern, Erotikhype, Gamern, pöbelnden Teenies etc.
Die meistgestellte Frage von “frischgeborenen” 3D-Teilnehmern lautet: “Wo / Wie kann ich zu Geld kommen.” Die lakonische Antwort lautet: “Kauf dir welches.” (1000 virtuelle Linden-Dollar sind nach aktuellem Wechselkurs für ca. 3 bis 4 reale US-Dollar zu haben (zahlbar per PayPal oder Kreditkarte)). Die solidarische Antwort lautet: Es gibt Moneytrees, Camping-Chairs und Dance Pads – da kannst du alle 10 Minuten 3 oder 4 Dollar verdienen. Oder du arbeitest als Türsteher, Tänzerin, Hostess bzw. Escort (sprich: virtuelle Prostituierte), dann bekommst du ein paar Dollar mehr, als AAA-Escort ca. 1000 Lindendollar für eine halbe Stunde, also 4 reale Euro. Wow!
(Nachtrag: *Breaking News* – Die Preise für “Escort Services” sollen angeblich steigen, weil viele neue Clubs eröffnen wollen und die Landpreise gestiegen sind. Der Second Life Herald: “can things possibly get any fucking worse!!!“)
Das virtuelle Proletariat erschafft sich neu, Kandidaten stehen Schlange und betteln um einen Job an der Dancepole oder drängeln sich um freiwerdende Campingchairs. Die virtuelle Realität hat ein soziales Potenzial, dass ausreichend Stoff für einen Charles Dickens oder John Stuart Mill, einen Bertrand Russell oder George Orwell bietet.
Die Möglichkeit, sich virtuell neu zu erschaffen und Rollen einzunehmen, die einem in der Realität verwehrt werden, ist im Übrigen faszinierend: man könnte als mittelalter männlicher Durchschnittseuropäer eine virtuelle blutjunge Edelhure spielen, oder als vermögender Manager Gefallen daran finden, als El Cheapo mit kostenlosem Basisprofil sich am unteren Ende der Sozialskala in Second Life durchzuschlagen und Kontakte zu knüpfen, die in der Realität unerreichbar sind … Nur Reichtum bleibt in der virtuellen Realität ein knappes Gut, das mit Glück oder harter Arbeit erworben werden muss.
Virtuelle Interaktionssysteme: Offene Standards, Datenschutz, Sicherheit von Gütern
Posted by Björn in Internet, Second Life, Technik, Virtual Reality on 2006/11/05
Stef Wade erwähnt im Second Life Herald die Diskussion in der deutschen Blogosphäre, ob Second Life als Anbieter einer virtuellen 3D-Plattform für soziale Interaktion zukunftsfähig ist. Robert Basic hatte beispielsweise die technischen Probleme des Second-Life-Clients aufgeführt und darauf hingewiesen, dass potentere Konkurrenten mit Know How aus dem Spielebereich (wie Sony oder EA) eine mächtigere Alternative auf den Markt bringen könnten. Markus Breuer hat dagegen eingewendet, dass das Geschäftsmodell von Spielepublishern sich prinzipiell nicht gut mit den Erfordernissen einer Social Software verträgt und Unternehmen wie Google oder Microsoft aufs Tapet gebracht. Ich glaube, dass Virtuelle Realität – als Konzept des zukünftigen Internet, strukturelle und infrastrukturelle Anforderungen stellt, die von einem einzelnen Anbieter (jedenfalls unterhalb der Größe von Google oder Microsoft) nicht bewältigt werden können. Und das Prinzip einer singulären (proprietären) Plattform ist ohnehin eine Sackgasse. Das jetztige Internet ist “offen” – die Abhängigkeit des zukünftigen 3D-Netzes von nur einem Anbieter, oder einen kleinen Zahl von Anbietern jeweils geschlossener Plattformen, wird keine Lösung sein und ist, selbst wenn sich de facto kein offener Zustand einstellt, aus naheliegenden Gründen auch nicht wünschenswert. Sollte es keine offene zugrundeliegende Infrastruktur geben, so müssen Schnittstellen zwischen den Plattformen geschaffen werden, die eine Interkation über Systemgrenzen hinweg ermöglichen. Sonst wird es nichts mit der virtuellen 3D-Realität als neuartigem Internet in einer Form, wie wir sie heute kennen. Ein Kriterium, an der man die Güte der “Offenheit” zukünftiger Systeme wird messen können, ist die Frage, ob sich Nischen etablieren können, und zwar quasi nach Belieben, beispielsweise “Open-Source-Systeme”, die, selbst wenn sie technologisch hinterherhinken sollten (keine Glitzereffekte, kein 3D-Sound oder was auch immer), über die Schnittstellen mit allen anderen Systemen Informationen und Güter austauschen können.
Eine Frage drängt sich bei dieser Form der sozialen Interaktion in der virtuellen Realität unmittelbar auf: wie sicher sind persönliche Daten und Güter? Die Datenspuren in der virtuellen Realität sind noch immenser, als wir sie in den bisher von uns verwendeten Kommunikations- und Interaktionssystemen hinterlassen. Schließlich ist es ja eine unserer Erwartungen, immer mehr unserer Tätigkeiten in einer solchen Form abwickeln zu können. Die dabei entstehenden Datenmengen – wo lagern sie, wer hat Zugriff darauf, wie kann man die Daten, die von den eigenen Aktionen stammen, kontrollieren? Und es geht nicht nur um Datenschutz. Da wirtschaftliche Transaktionen dann in einer virtuellen Ökonomie abgewickelt werden, und zwar mit virtuellen Zahlungsmitteln und virtuellen Gütern, die einen virtuellen Wert haben, der durch reale Werte erkauft wurde – wer schützt diese Werte? Wer schützt meinen Privatbesitz – vor Diebstahl und Missbrauch, oder auch vor dem Bankrott der Plattformbetreiber? Dem Eigentümer sind bislang die Hände gebunden. Sein Hab und Gut besteht nicht aus physischen Gegenständen, die er mit den eigenen Fäusten verteidigen oder zusammenraffen und wegschließen oder im Strumpf unters Kopfkissen legen könnte. Gesetze, Polizei, Justiz – alles das gibt es bislang nicht (oder nur in rudimentären, nicht ausreichenden Ansätzen). Hobbes Naturzustand stellte mehr Mittel zur Selbstverteidigung bereit als die virtuelle Ohnmacht, in die man sich in gegenwärtigen virtuellen Interaktionssystemen begibt. Allerdings haben die Betreiber auch Maßnahmen implementiert, die einen Krieg aller gegen alle von vorneherein unterbinden.
Heerscharen von Gremien, Kommissionen, nationalen und internationalen Räten werden sich noch mit diesen Fragen beschäftigen. Bislang sind die technischen Grundlagen noch nicht voll entwickelt. Aber Second Life gibt zum ersten Mal in ernstzunehmender Weise einen Ausblick auf die zukünftige technische Interaktion.
Philosophie und Virtuelle Realität – die 90er Jahre
Posted by Björn in Second Life, Technik, Virtual Reality on 2006/11/01
1997 hat Jörg Wurzer ein Buch mit dem Titel “Realität und virtuelle Welten – Philosophie für eine High-Tech-Gesellschaft” veröffentlicht, das offenbar auf seine Promotion an der Uni Bonn zurückgeht.(*)
In der gleichen Zeit war ich Mitarbeiter einer interdisziplinären Forschergruppe zur Modellierung und Simulation von Dynamiken mit vielen interagierenden Akteuren, und habe mich mit den wissenschaftstheoretischen Aspekten von Simulation und Emergenz beschäftigt. Eine Kommilitonin aus der Zeit schrieb gerade ihre Magisterarbeit über “Virtuelle Realität”. Damals konnte niemand so richtig etwas mit unseren Themen anfangen. Heute nun, wo derartige Anwendungen in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit finden, besteht wieder Bedarf an derartigen theoretischen Klärungen. Vieles steckte damals noch in den Kinderschuhen, was zum Einen technisch bedingt war (außerhalb der Forschung gab es kaum praktische Beispiele, und meine Hardware- und Softwareausstattung war selbst für damalige Verhältnisse kümmerlich (warum sollte ein junger Philosoph auch so etwas haben?)), zum anderen auch daran lag, dass man sich auf Neuland bewegte, kaum Vorläufer hatte, wenig Rückhall außerhalb des Spezialistenkreises fand.
Ich bin gespannt wie es jetzt, unter geänderten Vorzeichen, weitergeht. Markt und Medien werden sicherlich Schrittgeschwindigkeit, Ziele und Begriffe diktieren.
(*)Natürlich haben auch die anderen üblichen Verdächtigen, wie Klaus Mainzer sich schon vor einigen Jahren mit dem Thema beschäftigt.
Gibt es nur ein Leben oder nicht vielmehr noch ein zweites?
Posted by Björn in Internet, Second Life, Technik, Virtual Reality on 2006/11/01
Es gibt ein zweites Leben, derzeit prominent in Form der virtuellen Online-Realität “Second Life“. In den letzten Wochen überschlägt sich die Medienaufmerksamkeit zu dieser 3D-Internet-Pattform, Firmen ziehen in die Spielewelt mit ganz realen Geschäftsinteressen ein, die Nutzerzahlen steigen rasant, vor wenigen Tagen wurde die Marke von einer Millionen registrierter Teilnehmer geknackt, heute sind es schon 1,2 Millionen. Das zweite Leben nimmt Formen an.
Doch es ist nicht alles Gold was glänzt. Die Nörgeleien über Second Life sind ebenso Legende wie die euphorischen Berichte. Aber, das haben auch schon andere gesagt: es geht gar nicht um Second Life, sondern um neue Techniken der globalen Interaktion, ums neue Web, um eine neue Art von Betriebssystem. Und letzten Endes wird es einmal kein zweites Leben mehr sein, sondern zum ersten dazugehören, wie das Telefon oder das Handy. Man wird sein “zweites Leben” auf einem Mobilgerät mit sich herumtragen, die Grenzen werden verschwimmen und oft auch aus dem Bewusstsein verschwinden.
Zielvorgaben, die SL (Second Life) so nie erreichen wird. Man darf gespannt sein, welche Muskelprotze einen Konkurrenten auf den Markt werfen werden. Google? Wohlmöglich. Microsoft? Auch, aber wer würde denen eine Chance geben? T-Online, 1&1, RTL/SAT1? Hallo, wir sind in Deutschland! Das Internet ist jedoch eine offene Technologie. Das neue Internet, “Web 3.0″ vielleicht – wird es von einem Monopol betrieben werden? Oder werden verschiedene große Anbieter zwar ihr Ding machen (ihre eigene Plattform anbieten), aber mit offenen Schnittstellen? Dann käme es genau auf diese Schnittstellen an. Und dem Zwang, sich ihnen nicht zu verschließen.
For the time being – der heißeste Scheiß ist Second Life. Hier noch ein bisschen mehr Zusammenschau dessen, was da los ist.
Der Travel-Guide von Wired reißt alles an, was man für den Anfang wissen muss: “Taking a trip to the coolest destination on the Web? Our guide tells you where to go, what to do – and how to buy sex organs.“. Eine deutsche Einführung gibt es bei der Netzwelt.
Dieser Artikel gibt eine Übersicht über einige der jüngeren Berichte über Second Life in größeren Medien.
Ok, Second Life ist also cool und angesagt. Unter Umständen kann man auch viel Geld verdienen. Wie bspw. der größte Grundstücksmakler in SL: Anshechung. Anshe Chung (eine Chinesin in Hessen) war 2005 der Avatar mit dem größten Impact auf die Ökonomie in SL.
Die Shortcomings (aktuell):
Der Second Life Herald grantelt
Zur aktuellen Business-Seifenblase: A Gallery of Lies
Bericht aus der Zukunft: Second Life jetzt glattgebügelt (interessante Screenshots früher/heute !) A propos, so etwas hat man schon 2004 da gebaut (mit Cheffe Philip Linden in schickem Outfit)
PR-Angriff aus der Meat-World: Hates on PR Fucktards
Teurer, schöner, größer – der SL-Plebs klagt an: Betrug!
Aber – reden die Lindens überhaupt noch mit dem Volk?
Andere Real-Life-Metaversen
Es gibt auch Alternativen, bislang hat aber noch keine das Potenzial von SL entwickelt.
Entropia (in der Wikipedia dt., engl.). Da geht’s um Geld, bei dem der Spaß irgendwann aufhört.
Und schließlich noch There.
Tipp: Wer die Chats im “Metaversum”, den virtuellen Online-Realitäten, nicht nur ertragen, sondern auch überleben will, kann gelegentlich diese Kommunikationskrücke zu Rate ziehen: MMORPG-Jargon.
Elektrisch leben im Second Life
Posted by Björn in Internet, Second Life, Technik, Virtual Reality on 2006/10/25
Mario Sixtus, der Elektrische Reporter, hat schon vor ein paar Tagen ein Interview mit Markus Breuer zum Thema “Second Life” ins Netz gestellt: zu sehen bei GoogleVideo oder bei Sevenload. Markus Breuer äußert sich als bekennender virtueller Zeitverschwender zu technischen, sozialen und im weitesten Sinne kulturphilosophischen Aspekten des Lebens in der Virtuellen Realität.