Virtual Reality, Marketing und überhaupt

James Au ist bekannt als Blogger und Experte für Virtual Reality und Second Life. Mit den für die nächsten Monate angekündigten neuen Produkten für Virtual Reality ist auch wieder die Erwartung gestiegen, dass es mit den neuen Optionen zu einigen Veränderungen im Userverhalten kommen wird. James Au gibt in einem Artikel den Erwartungen aus Sicht der Marketingwirtschaft einen Dämpfer, der darüberhinaus aber auch – jedenfalls für Kenner – Rückschlüsse darauf zulässt, wie die Entwicklung in den nächsten Jahren aussehen könnte.

Philosophie als Therapie – Quine und Kripke

Beim 3:AM-Magazine gibt Peter Ludlow – einigen auch aus Second Life bekannt – ein Interview. Wie üblich werden viele interessante Dinge angesprochen. Gleich zu Beginn spricht Ludlow über seine persönliche Motivation zur Philosophie, und sagt unter anderem: “I started college as a business major, but existential trauma propelled me into courses on Kierkegaard and so forth. Those courses didn’t help with the existential trauma but they did help my GPA. After my junior year I took a summer school graduate course at the University of Minnesota. It was taught by Herbert Hochberg and it was all about Quine and then Kripke. That’s when the existential trauma lifted.

Technikträume

Während rund ums iPhone die Infantilisierung munter voranschreitet, hat Kalifornien ein Gesetz verabschiedet, das führerlose Autos, sogenannte Autonome Fahrzeuge, auf öffentlichen Straßen legalisieren soll. Ein Traum wird also bald Wirklichkeit, wie die Huffington Post schreibt – ist er ja eigentlich schon längst im Zeitalter autonomer Drohnengeschwader und von Robotern, die Menschen identifizieren und isolieren können.

Sicherlich wird alles immer besser und schöner, auch wenn Bertrand Russell vor 50 Jahren schon konstatierte: “Das ungeheure Wachstum der Macht der Technik machte das Leben viel komplizierter, als es zuvor war.” (Denker des Abendlandes)

Wer solche sinistren Grübeleien gleich wieder verscheuchen möchte, der kann im Web dank WebGL das Innere der Kathedrale Saint Jean betrachten und virtuell mittels Cursortasten durchlaufen. Das Laden der Seite dauert etwas länger, lohnt aber den Vergleich mit ähnlichen Bauten in Second Life (Kölner Dom, Mont Saint Michel, Chou Chou).

Entfaltung der Persönlichkeit trotz Internet

In Freundschaften geht man ein Risiko ein – im Internet geht dieser Aspekt realer Beziehungen verloren, schreibt Roger Scruton in “Hiding behind the screen“. Fernsehen, Facebook, Second Life, iPod – deren Dominanz reduziert die Erfahrungsmöglichkeiten, die man braucht, um Selbstbestimmung (Fichte), Anerkennung (Hegel) und Entfaltung (Marx) zu erleben. Demgegenüber wird die Entfremdung durch den Fetischismus der Massenkultur (Adorno, Horkheimer) immer subtiler – und umfassender. Es fehlt an einer kritischen Haltung, die es den Menschen erlaubt, auf reale Erfahrungen und reale Emotionen Wert zu legen. Dazu gehört das Eingehen von Risiken – auch realer emotionaler Risiken, wie sie in naturwüchsigen Beziehungen drohen. Um zu einem moralischen Wesen zu wachsen, braucht es “risk, embarrassment, suffering, and love.

Die Zukunft virtueller Welten

Nachdem Philip Rosedale, der Gründer von Second Life, das dahinter stehende Unternehmen Linden Lab verlassen wird (weiterer Link), um sich seiner Neugründung LoveMachine zu widmen, stellt sich für die Nutzer die Frage, wie die Zukunft virtueller Welten für sie aussehen wird. John Lester, ehemals in der Second-Life-Community als Pathfinder Linden bekannt, resümiert die positiven Aspekte kreativer Kollaboration und erinnert daran, dass “there is no fate but what we make“:
Take a long hard look at those words, and think about all the things you can control. Think about the communities you belong to that can help you. Think about how you can help others. Then stand up, crack your knuckles, and get to work making your own future.

In den Kommentaren dazu fand ich eine Aussage bemerkenswert:
virtual worlds will keep on being “reinvented” and resold as new and shiny…and each time, they will be used to make us, more like them, coded. unless we value them less than their users.
In diesem Punkt – dem Wert, oder man kann genauso gut sagen: der Würde der Benutzer sind sich der Optimist John Lester und sein Kritiker jedenfalls einig.

Über Lesters Ausführungen hinausreichend in Richtung Enhancement ist Jaron Laniers Artikel im Wall Street Journal: “On the Threshold of the Avatar Era” – eine Zukunft, die auch in Anbetracht des Enthusiasmus ihrer Protagonisten wohl Grund zur Sorge ist.