Sind Moral und Vernunft nichts als hübsche Verpackung?

Dass Menschen nicht wirklich moralisch, geschweige denn vernünftig seien, ist eine These, die in verschiedenen Geschmacksrichtungen (sprich: unterschiedlichen philosophischen Denkrichtungen) immer mal wieder auf den Markt gebracht wird, wo sie nicht zuletzt aufgrund ihrer Steilheit und “überraschenden” Originalität Anhänger findet.

Massimo Pigliucci beschäftigt sich (mit Bezug auf eine Rezension von Tamsin Shaw in der NYRB) mit den Positionen von Jonathan Haidt, Steven Pinker, Paul Bloom und Joshua Green. Shaw und Pigliucci identifzieren einen bekannten Fehlschluss in diesen Positionen, in deren deskriptive Theorien sich normative Prämissen einschleichen, die von den Autoren nicht begründet werden. Diese Kognitiven und Moralpsychologien seien eher ein Paradebeispiel für Bias.

Xenophanes und Popper über Wahrheit und Vermutungswissen

Die sokratische Einsicht, dass wir uns unseres Wissens nie ganz sicher sein können, verband Karl Popper mit dem von Xenophanes bekannten Motiv, “suchend das Bessere zu finden”. Das Paideia-Blog hat einen guten Artikel dazu geschrieben.

Säkularer Humanismus

Die Veröffentlichungen zum säkularen Humanismus umspannen ein weites Feld. (In gewisser Hinsicht könnte man selbst “Geist und Kosmos” als Thomas Nagels persönlichen Versuch zu diesem Thema betrachten.) Der Humanismus ist ja eine positive, konstruktive Position, und unterscheidet sich damit von der vorherrschenden giftigen Polemik aus den unterschiedlichen Lagern, die prominent zur Frage eines religiösen oder nicht-religiösen Weltbildes Stellung nehmen.

Verschiedene Autoren mit ganz unterschiedlichen Positionen haben in den letzten Jahren ihre Version eines säkularen Humanismus vorgestellt. Eine gewisse Popularität beim Lesepublikum hat Alain de Botton mit seinen Büchern “Trost der Philosophie” (2000) und “Religion für Atheisten” (2012) erlangt. Greg Epstein hat 2006 “Good without God” veröffentlicht. Wenn man, wie ich oben bei Nagel getan habe, das Feld etwas weiter aufspannt, könnte man möglicherweise auch Ronald Dworkins “Religion without God” (2012) hier hinzu rechnen. Oder Julian Bagginis “Atheism. A very short introduction“. Ebenso gibt es ein großes Interesse an einem säkularen Buddhismus, der von vielen Autoren vertreten wird wie beispielsweise Stephen Batchelor und zuletzt von dem Naturalisten Owen Flanagan. (Schopenhauer könnte man hier als einen Vorläufer nennen. Und selbst der Dalai Lama hat im letzten Jahr in der Frankfurter Paulskirche mit Rainer Forst über eine säkulare Ethik diskutiert.)

Philip Kitchers “Life After Faith: The Case for Secular Humanism” (Yale University Press, 2014) ist der jüngste Beitrag eines renommierten, wissenschaftlich orientierten Philosophen, in dem er zeigen will, wie eine vollständig säkulare Perspektive die Funktionen der Weltbildorientierung erfüllen kann, die für die Religion reklamiert werden. Matthew Engelke hat unter dem Titel “Soft Atheism” eine Rezension von Kitchers Buch bei Public Book veröffentlicht. Bereits im Januar erschien eine Rezension von “Life after Faith bei NDPR durch den Religionsphilosophen Alvin Plantinga, der – was bei ihm kein Wunder ist – nicht überzeugt war.

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Moralische Objektivität und Naturalismus

Seit Sokrates’ Suche nach dem Gut für die Seele und Platons Ideenlehre ist die Frage nach dem objektiv moralisch Guten die zentrale Frage der Philosophie. Man könnte die Philosophiegeschichte auch so skizzieren, dass philosophische Theorien, auch da, wo sie die Moral ausklammern, Stellung nehmen zu dieser Frage. Die moderne Diskussionslage wurde insbesondere durch David Hume und Immanuel Kant geprägt. Seitdem hat in Wellen mal der Skeptizismus, mal der Objetkivismus Prominenz.
Derzeit könnte es so scheinen – und Schlagzeilen vermitteln hin und wieder dieses Bild -, dass der Naturalismus sich auf breiter Linie durchsetzt und damit einhergehend ein moralischer Anti-Objektivismus.

In diesem Video, dass eine Diskussion anlässlich der Verleihung des Holberg-Preises an Ronald Dworkin wiedergibt, beschreibt Thomas Nagel sowohl die Ausgangslage (Ist moralische Objektivität im Rahmen des Naturalismus möglich?) als sodann auch Dworkins Ansatz aus seiner Sicht – wie ich finde, sehr gelungen. Auch Dworkin ist mit Nagels Darstellung einverstanden und trägt dann (ab 21:30 min) seine Antworten vor. (Rainer Forst scheint, wie ein kleiner Kameraschwenk zeigt, auch auf dem Podium anwesend zu sein.) Eine der zentralen Fragen der Diskussion ist: was sind Gründe für Überzeugungen?

Rationale Moral vom Feinsten – Derek Parfit erhält Rolf-Schock-Preis 2014

Derek Parfit (Oxford) erhält den Rolf-Schock-Preis für Philosophie 2014. Es ist der höchstdotierte Preis in der Philosophie, vergeben von der Royal Swedish Academy of Sciences. Zu den vormaligen Preisträgern gehören Thomas Nagel, John Rawls und W.V.O. Quine.

Parfit hat die Philosophie der letzten Jahrzehnte vor allem mit seinen beiden Büchern “Reasons and Persons” und “On what matters” geprägt. Seine Auseinandersetzung mit klassischen Positionen und Argumenten ist bahnbrechend und hat in weiten Teilen der Philosophie zu fruchtbaren Neubewertungen altbekannter Probleme geführt (und wird dies vermutlich noch auf Jahre hinaus tun).

Parfit vertritt in kritischer Auseinandersetzung mit Subjektivismus, Naturalismus und anderen prominenten Positionen eine objektive Ethik. Diese Ethik ist von unterschiedlichen Konzeptionen aus zugänglich – nämlich denen von Kant, Scanlon oder Sidgwick, die entgegen der üblichen Sicht nicht widersprüchlich zueinander sind. Kants Gesetzesformel hält er für die größte Errungenschaft seit der antiken Ethik. Die Achtung vor der Würde des Menschen und damit das Verbot der Instrumentalisierung – angelehnt an Kants Formel von der Menschheit als “Zweck an sich” – gehört zu den Prinzipien seiner Ethik.

Update: Das Preisgeld, das Michael Quante bei der Verleihung des “Deutschen Preises für Philosophie und Sozialethik” erhält (100.000 Euro) (Der blinde Hund berichtete), ist offenbar höher als das des Rolf-Schock-Preises (600.000 Schwedische Kronen, also ca. 68.000 Euro).

Interview mit Simon Blackburn über David Hume

Vor einem Jahr hat Nigel Warburton ein Interview mit Simon Blackburn über David Hume veröffentlicht. Blackburn empfiehlt fünf Bücher dazu: Humes ersten Enquiry und die Dialoge, die Hume-Bücher von Mossner und Kemp Smith, sowie Kants erste Kritik. Die Bemerkungen im Interview sind sehr interessant – man erfährt eine Menge darüber, wie Hume diskutiert wurde, und was er selbst dachte.

So heißt es über die “Dialoge über natürliche Religion”, dass Hume seinen überraschenden Rückzieher im 12. Kapitel wohl deshalb macht, weil er nicht mehr zeigen wollte als dass aus Überzeugungen zur Existenz eines Gottes oder einer finalen Ursache keine moralischen Implikationen folgen. All die Kriege, Dogmen und religiös begründeten Gesetze beruhen allein auf menschlichen Entscheidungen. Blackburn fasst dies so zusammen: “So, in a nutshell, as I like to put it, Hume’s position is you can’t check out of Hotel Supernatural with any more baggage than you took into it.

Viele weitere Themen werden in dem Interview angerissen: z.B. die Karrikatur der Aufklärung als vernunftfixiert. Und Kemp Smith habe gezeigt, dass Hume nicht beim Skeptizismus stehen bleibt, sondern eine naturalistische Position vertritt: “He’s interested in the mechanisms of the mind that lead to natural belief.

Und schließlich, die alles entscheidende Frage nach seinen persönlichen Favoriten beantwortet Blackburn wie folgt: Hume und Wittgenstein, und auch Aristoteles und Kant.

Mittelalterliche und frühneuzeitliche Emotionstheorien

Bei NDPR rezensiert Matthew Kisner die von Lisa Shapiro und Martin Pickavé bei Oxford University Press herausgegebene Aufsatzsammlung “Emotion and Cognitive Life in Medieval and Early Modern Philosophy“. Zu diesem Thema liegt auf Deutsch ja schon die Studie “Transformationen der Gefühle: Philosophische Emotionstheorien 1270-1670” von Dominik Perler vor. Und Perler gehört auch zu den Autoren, die in diesem Band auftreten, neben Sabrina Ebbersmeyer, Deborah Brown, Ian Drummond, Claude Pannaccio und anderen.

Chomsky über Postmoderne und Irrationalismus

In diesem Video gibt Noam Chomsky einen kritischen Überblick über die Geschichte der Intellektuellen-Kultur Frankreichs der letzten Jahrzehnte. In Paris habe man viel zulange dem Stalinismus oder Maoismus angehangen, der erst nach dem Erscheinen der französischen Übersetzung von Solschenizyns “Archipel Gulag” untragbar erschien, woraufhin irrationalistische Modeströmungen en vogue kamen. “Out of this comes the irrational tendency which was very welcome in many areas because it did undermine dedicated activism”, so Chomsky. Sein Fazit: wenn man die Rationalität aufgibt, sei man ein leichtes Opfer für externe Mächte. Das sei vergleichbar mit der Konsumideologie, die die Leute davon ablenkt, etwas gegen die realen Probleme zu tun.

Chomsky hat sich seit den 1960er-Jahren für die Verantwortung von Intellektuellen ausgesprochen. Der Pariser “Kult” ist demgegenüber erst später auf den Plan getreten, erhält seitdem aber von Chomsky regelmäßig eine dezidierte Abfuhr. Hier ein Text von ihm aus dem Jahr 1995.

Raymond Boudon gestorben

Der französische Soziologe und Philosoph Raymond Boudon ist am 10. April 2013 verstorben.

Raymond Boudon ist insbesondere durch seine Arbeiten zur Methodologie der Sozialwissenschaften, zur Kritik der Rational Choice Theory, Ideologiekritik, zu soziologischen Klassikern, zur Rationalität und zur Demokratie bekannt. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht – darunter in seinen letzten Lebensjahren engagierte Beiträge zu öffentlichen Debatten. Einen Überblick gibt der französische Wikipedia-Artikel zu Boudon.

Kurze englische Nachrufe finden sich beim Blog “Oxford Sociology” und auf der Seite des Oxforder Nuffield College.

Einen interessanten Aufsatz, in dem Boudon die Frage diskutiert, ob die Soziologie Wissenschaft oder Literatur sei, findet man hier: Sociology that really matters.

In den französischen Medien findet Boudon nicht ein so großes Echo wie seine Kontrahenten Bourdieu oder Foucault. (Boudon hat es bedauert, dass es in der akademischen Landschaft der französischen Geistes- und Sozialwissenschaften keine Debatte zwischen gegensätzlichen Schulen gegeben habe.) Dennoch ergibt die Suche einige Ergebnisse zu Nachrufen in französischer Sprache (einen deutschen Nachruf habe ich nicht gefunden).
Der Figaro hat hier, hier und hier jeweils einen Nachruf.

Bei Contrepoints wurden vier Nachrufe veröffentlicht: hier, hier, hier und hier.

“Enquete & Debat” bringt einen Nachruf in Form einer Kurzdarstellung von Boudons Buch “L’art de se persuader”.

Einen englischen Nachruf bringt das Blog des French Economic Observatory.

Kirche, Evolution und Moral

Papst Benedikt hat die Behauptung, dass der Katholizismus nicht mit der Evolutionstheorie vereinbar sei, als absurd bezeichnet. Es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich in dieser Frage die Einstellung der katholischen Kirche unter dem neuen Papst entwickelt. Einige Anmerkungen dazu bei io9.

Und es geht ja nicht nur um solch theoretische Fragen. Die aus Rom propagierte Moral ist oft unmenschlich. Dazu einige Überlegungen von Stephen Fry in folgendem Video: