Karl Philipp Moritz – Aufklärer und früher Psychologe

Karl Philipp Moritz, Autor des “Anton Reiser“, war Schriftsteller und Spätaufklärer. Heinriche Heine hebt ihn in seiner “Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland” besonders hervor:

“Da ich von den philosophischen und religiösen Zuständen jener Zeit einen Begriff geben möchte, muß ich hier auch derjenigen Denker erwähnen, die mehr oder minder in Gemeinschaft mit Nicolai zu Berlin tätig waren und gleichsam ein Justemilieu zwischen Philosophie und Belletristik bildeten. Sie hatten kein bestimmtes System, sondern nur eine bestimmte Tendenz. Sie gleichen den englischen Moralisten in ihrem Stil, und in ihren letzten Gründen. … Ihre Tendenz ist ganz dieselbe, die wir bei den französischen Philanthropen finden. … In der Moral sind sie Menschen, edle, tugendhafte Menschen, streng gegen sich selbst, milde gegen andere. Was Talent betrifft, so mögen wohl Mendelssohn, Sulzer, Abbt, Moritz, Garve, Engel und Biester als die ausgezeichnetsten genannt werden. Moritz ist mir der liebste. Er leistete viel in der Erfahrungsseelenkunde.”

Moritz war der Herausgeber des “Magazin zur Erfahrungsseelenkunde als ein Lesebuch für Gelehrte und Ungelehrte” – eine der frühen psychologischen Zeitschriften.

Die Universitätsbibliothek Bielefeld hat die Zeitschrift digitalisiert und macht sie online zugänglich: “Gnothi sautón oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Open MIND – Wissenschaft frei zugänglich

Der menschliche Geist ist ein erstaunlich Ding: nach Monaten kann er aus dem Nichts Informationen an die Oberfläche spülen, die vorher durch einen Berg konkurrierender Daten verschüttet waren.

Bereits im Februar hatte mich Thomas Metzinger auf Open MIND hingewiesen: eine Textsammlung mit aktuellen Beiträgen zu den Themen Geist, Gehirn und Bewusstsein. Zu jedem der 39 Aufsätze gibt es einen Kommentar und eine Replik. All dies kann man – Open Access eben – einzeln oder auch im Paket auf der Seite von Open MIND herunterladen, als epub- oder als pdf-Datei. 90 sowohl jüngere als auch altbekannte Autorinnen und Autoren sind beteiligt, darunter Andreas Bartels, Ned Block, Paul M. Churchland, Daniel Dennett, Thomas Metzinger, Albert Newen, Alva Noe und Jennifer Windt

Texte des Wiener Kreises

Moritz Schlick hatte 1904 bei Max Planck über klassische Strahlenoptik promoviert. Die philosophischen Grundlagen und Konsequenzen der Naturwissenschaften waren in seiner akademischen Tätigkeit eines seiner Hauptarbeitsgebiete. Seit 1915 pflegte er einen regen Briefwechsel mit Albert Einstein, der öfter bei Schlick in Rostock Station machte. Nachdem Schlick an die Universität Wien gekommen war, begründete er den Wiener Kreis, dem Rudolf Carnap, Otto Neurath, Herbert Feigl, Victor Kraft und andere angehörten. In diesem Kreis gab es intensive Diskussionen über die Prinzipien einer wissenschaftlichen Weltauffassung, die entscheidend zur Herausbildung der Analytischen Philosophie und der Wissenschaftstheorie im 20. Jahrhundert beitragen sollten.

Bei Reclam ist 2013 eine Sammlung einiger zentraler Texte des Wiener Kreises erschienen: “Der Wiener Kreis: Ausgewählte Texte” – darin das Gründungsmanifest, Aufsätze zur Protokollsatzdebatte und zur wissenschaftlichen Erkenntnis allgemein oder auch die frühe Auseinandersetzung mit Poppers Falsifikationismus. Die Texte stammen von Schlick, Carnap und Neurath und der Vollständigkeit halber wurde im Anhang auch ein Text von Popper abgedruckt.

Eine umfangreichere Textsammlung (mit 803 Seiten) ist 2009 unter dem Titel “Wiener Kreis: Texte zur wissenschaftlichen Weltauffassung” bei Meiner erschienen.

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Englische Übersetzung von Xunzi

Eric L. Hutton hat die erste englische vollständige Übersetzung von Xunzi bei Princeton University Press veröffentlicht: “Xunzi: Xunzi. The Complete Text“. Sie enthält eine Einleitung, Fußnoten mit Anmerkungen und Zeilennummern zum Text. Winni Sung rezensiert das Buch bei NDPR. Sie lobt die Übersetzung und Benutzerfreundlichkeit. Sodann diskutiert sie, wie es naheliegend ist bei Übersetzungen aus dem klassischen Chinesisch, einige Begriffe, die aufgrund ihres Bedeutungsumfangs schwer zu übertragen sind und damit philosophische Fragen aufwerfen. Darauf, so schließt sie, habe Hutton bereits in der Einleitung hingewiesen.

Die beste deutschsprachige Einführung in die klassische chinesische Philosophie ist die von Hubert Schleichert und Heiner Roetz bei Klostermann veröffentlichte “Klassische chinesische Philosophie“.

Die Überlieferungsgeschichte des Bodhicaryavatara

Das Bodhicaryavatara ist einer der meistgelesenen buddhistischen Texte. Es ist ein Lehrgedicht, das auf anschauliche Weise und mit inspirierenden, heute mitunter unzeitgemäß klingenden, Metaphern den Weg beschreiben soll, auf dem das Bodhisattva-Ideal – das zentrale Leitbild für Buddhisten in der Mahayana-Tradition – erreicht werden kann. Sein Autor ist Shantideva, ein südindischer Königssohn, der im frühen 8. Jahrhundert in der legendären buddhistischen Universität Nalanda lebte.

Der Text des Bodhicaryavatara, wie er in der tibetischen Tradition überliefert wurde und der den heutigen Übersetzungen zugrundeliegt, hat aber historische Vorläufer, die im Umfang variieren. Wie Siglinde Dietz (Universität Göttingen) in einem ausführlichen Aufsatz (PDF) und Sam van Schaik (British Library) in einem Blogpost (mit Abbildungen) gestützt auf Arbeiten von Akira Saito berichten, umfasst die geläufige Version 913 Verse in zehn Kapiteln, während eine ursprünglichere Version 701 Verse in neun Kapiteln umfasst.

Tibetische Gelehrte hatten wohl Kenntnis davon, dass es verschiedene Versionen des Bodhicaryavatara gibt, wie aus einigen ihrer Anmerkungen zu dem Text ersichtlich ist. Akira Saito zufolge ist die kürzere Version die frühere. Die durch den Tibetischen Buddhismus überlieferte Version scheint auf indischen Handschriften des 8. bis 11. Jahrhunderts zu beruhen, in denen neue Verse ergänzt wurden. Dies ist nichts Ungewöhnliches für Texte, die über viele Jahrhunderte eine weite Verbreitung in unterschiedlichen Regionen finden und eine solche praktische Bedeutung haben wie das Bodhicaryavatara. In der tibetischen Überlieferung war die längere Version eine wertvolle Quelle des buddhistischen Schrifttums, möglicherweise weil sie die erste oder einzige war, die in Tibet verfügbar war. Sie hat bis heute Generationen von Buddhisten auf dem Weg zum Bodhisattva-Ideal begleitet.

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Reeves neue englische Übersetzung der Nikomachischen Ethik

Aristoteles’ “Nikomachische Ethik” liegt erfreulicherweise in einer gewissen Anzahl unterschiedlicher Übersetzungen vor, sei es ins Deutsche, Englische usw. 2014 ist bei Hackett eine neue englische Übersetzung von C.D.C. Reeves erschienen, die Lawrence Jost bei NPDR rezensiert.

Offenbar enthält das Buch in den Anmerkungen reichhaltige Verweise und Zitate aus anderen Quellen. Gleichzeitig hat sich Reeve bei der Übersetzung enger an das Griechische gehalten, was auf der anderen Seite wie bei allen möglichst wörtlichen Übersetzungen bei einigen Wendungen zu Verständnisschwierigkeiten führen kann (ein Beispiel wird in der Rezension vorgestellt). Jost geht in seiner Rezension auf verschiedene andere Übersetzungen ein.

Bücher zur Geschichte der Medizin

Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte der Medizin, die unterschiedliche Facetten beleuchten oder einen Überblick geben.

Hier eine Auswahl einiger interessanter Bücher zur Geschichte der Medizin:

Wolfgang Uwe Eckerts “Geschichte der Medizin. Fakten, Konzepte, Handlungen” ist mittlerweile in sechster, neu bearbeiteter Auflage bei Springer erschienen. Es gibt auf 370 Seiten einen Überblick von der europäischen Antike bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und enthält auch historische Abbildungen. Außerdem werden Themen und Konflikte der Medizinethik dargestellt.

William Bynum ist einer der britischen Experten der Medizingeschichte. Zusammen mit Helen Bynum hat er einen prächtigen Band zur Medizingeschichte herausgegeben, der 70 wichtige Entdeckungen in Text und Bild darstellt: “Die großen Entdeckungen in der Medizin“. Die Abbildungen zeigen beispielsweise faszinierende Zeichnungen der Renaissance oder moderne Computergrafiken. Erschienen ist das Buch bei Dumont.

Bei Reclam ist von William Bynum die Einführung “Geschichte der Medizin” erschienen. Auf 240 Seiten werden zentrale Entwicklung der europäischen Medizin, von den Hippokratischen Schriften bis heute, dargestellt.

Karl-Heinz Leven hat bei Beck das erste Lexikon zur Antiken Medizin herausgegeben: “Antike Medizin: Ein Lexikon“. In über 1000 Artikeln schildern über 80 Fachleute Konzepte und Verfahren der antiken Medizin, ergänzt um Quellenangaben und Sekundärliteratur.

Eine kurze Einführung in die Geschichte der Medizin hat Leven bei Beck unter dem Titel “Geschichte der Medizin: Von der Antike bis zur Gegenwart” veröffentlicht. Auf 127 Seiten liegt der Schwerpunkt auf der Medizin der Antike , aber auch Fragen der Medizinethik werden angesprochen.

Eine Auswahl Hippokratischer Schriften hat Hans Diller bei Reclam vorgelegt. Die Textsammlung umfasst 350 Seiten und trägt den Titel “Hippokrates. Ausgewählte Schriften“.

Ausgewählte medizinische Texte der Griechen und Römer haben Jutta Kollesch und Diethard Nickel zusammengetragen und bei Reclam veröffentlicht. Die Sammlung “Antike Heilkunst: Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer” ist informativ, teils aber auch – von den Herausgebern beabsichtigt – amüsant.

Digitalisat von Ciceros Tusculanae disputationes, Buch 1

Johannes Reuchlin hat im Jahr 1501 Buch 1 von Ciceros Tusculanae disputationes übersetzt. Das Buch befindet sich als Cod. Pal. germ. 482 in der Universitätsbibliothek Heidelberg, die es nun als Digitalisat online gestellt hat. Verfasst wurde es als Trostschrift für Kurfürst Philipp von der Pfalz aus Anlass des Todes von dessen Gattin, Margareta von Bayern-Landshut, in westschwäbischer Sprache.

Buch 1 der Tusculanae disputationes befasst sich mit dem Tod und der Unsterblichkeit der Seele. Cicero präsentiert und bewertet in diesem Text die Positionen zahlreicher Philosophen.

1457 war in Neapel Giannozzo Manettis ‘De dignitate et excelentia hominis’ erschienen, das in wichtigen Punkten auf Ciceros Argumenten in dessen Buch aufbaut und diese teils wörtlich übernimmt. Die Tusculanae disputationes hatten also einen gewissen Stellenwert für das neue Weltbild der Renaissance – Reuchlins Übersetzung ist ein Teil davon.

Voltaire über Descartes’ Irrtum und Verdienst

Voltaire ist nach wie vor ein glänzender Stilist, wie es sie in der Philosophie nicht oft gibt. Und nicht selten ist es noch ein Vergnügen, seine absurdesten Behauptungen zu lesen. (Allerdings muss zugegeben werden, dass er auch manche seichten und langatmigen Stellen aufweist – insofern wäre er also völlig qualifiziert für das heutige Berufsdenken und -schreiben.) Bei einigen Punkten hat man den Eindruck, dass mit ihm die Pferde durchgehen, um anschließend zu einem umsichtigen, brilliant formulierten Urteil zu gelangen.
So schreibt er über Descartes in einem Vergleich mit Newton:

Er irrte sich, aber … er lehrte die Menschen seiner Zeit zu denken und sich gegen ihn seiner eigenen Waffen zu bedienen. Wenn er nicht mit gutem Geld gezahlt hat, dann ist es schon viel, das schlechte in Verruf gebracht zu haben.” (Philosophische Briefe, Nr. 14)

Adam Smith über den Egoismus

“Diese ganze Darstellung der menschlichen Natur jedoch, die alle Gefühle und Neigungen aus der Selbstbliebe ableitet und die so viel Lärm in der Welt erzeugt hat, jedoch, so weit ich weiß, bisher noch nie vollständig und im Detail erklärt worden ist, scheint mir aus einer verwirrten Fehlwahrnehmung des Systems der Sympathie herzurühren.” (Adam Smith, Theory of moral sentiments, Part VII, Section III, Chapter 1; meine Übersetzung)

Henry E. Allisons Kommentar zu Kants “Grundlegung”

In der “Notre Dame Philosophical Review” rezensiert Dieter Schönecker den Kommentar des amerikanischen Kantexperten Henry E. Allison zu Kants “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten”: “Kant’s Groundwork for the Metaphysics of Morals: A Commentary” (Oxford University Press).

Schönecker hat selbst, zusammen mit Allen Wood, einen “einführenden Kommentar” in deutscher Sprache zu Kants “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” verfasst, der innerhalb weniger Jahre bereits in der vierten Auflage erscheint, sowie die jüngste Ausgabe der “Grundlegung” im Meiner-Verlag besorgt.
Henry E. Allison hat 2005 den Kant-Preis erhalten.

Zu dessen neuem Kommentar meint Schönecker nun, dass Vieles, was Allison zu Kants “Grundlegung” sage, zweifelhaft sei, während es gleichzeitig der beste Kommentar sei, der jemals dazu geschrieben wurde. Er geht detailliert auf einige Details ein und schließt: “Allison’s commentary is a masterpiece.

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Ein Buch, das alle (Psychologen) lesen sollten

Ein Buch, das alle lesen sollten? Auf eine solche Frage wird man 4 Antworten bei 3 Befragten erwarten. Das scheint auch auf diese Linkliste für Psychologen zuzutreffen, mit Ausnahme einer Empfehlung – der einzigen nämlich, die mehrfach genannt wurde: William James‘ “Principles of Psychology” aus dem Jahr 1890.

Dieses Buch ist ein Klassiker und ein Meisterwerk der Wissenschaftsprosa. Er setzt sich darin unter anderem mit Positionen von David Hume, Immanuel Kant, John Stuart Mill, Wilhelm Wundt und Ernst Mach auseinander. James nimmt sowohl zum Materialismus als auch zum Dualismus eine differenzierte, pragmatische Haltung ein.

Digitalisierte Ausgaben der “Principles of Psychology” sind hier zu finden – leider nur auf englisch. Eine deutsche Übersetzung gibt es aktuell nicht.