Archive for category Privatsphaere
Demokratie und das Netz
Posted by Björn in Antike, Ökonomie, Geschichte, Internet, Politik, Privacy, Privatsphaere on 2011/10/10
Johnny Haeusler hat sich ein paar Gedanken zur Zukunft der Demokratie gemacht, und sie mit den aktuellen Netzdebatten in Deutschland verknüpft. Er selbst tendiert dazu, die “Furcht vor dem Niedergang der Demokratie als reine Dystopie anzusehen“, gibt aber doch zu bedenken, dass es historisch durchaus Belege für Gefährdungen der Demokratie gibt.
So ganz aus der Luft gegriffen ist die Sorge um die Demokratie nicht. Und auch der Bezug zur Netzdebatte ist gegeben. Wenn in der Modehauptstadt Berlin bei Diskussionen um das Internet von “Post-Privacy” und “Post-Democracy” die Rede ist, dann ist das nicht einfach nur ein Spaß, sondern erinnert an Stimmungen, die der Demokratie in Deutschland schon immer das Leben schwer gemacht haben. Man muss sich fragen, ob solche großzügigen historischen “Utopien” nicht dazu beitragen, das selbstverständlich gewordene Erreichte auszuhöhlen, – und wer davon profitieren wird. In der Vergangenheit waren das jedenfalls nicht die idealistischen Utopisten.
In der Gegenwart gibt es zahlreiche Anlässe, sich Sorgen zu machen. Die Entwicklungen in Ungarn und Russland – alle unterfüttert von einer esoterischen Ideologie – sind die schlagendsten Beispiele direkt vor der Haustür. In dem EU-Staat Ungarn zieht sich das bereits bis in die Bildungs- und Kulturpolitik.
Eine der größten gegenwärtigen Bedrohungen für die demokratische Zivilisation ist die Ökonomie. Allein schon die globale Finanzwirtschaft stellt die sozialen und kulturellen Errungenschaften in Frage. Das Schreckgespenst, dass sie politische Erschütterungen auslöst, nach denen wir von Freiheit und Gerechtigkeit nichts mehr wiedererkennen, ist allgegenwärtig. Dieses Muster ist in der Geschichte jedenfalls öfter anzutreffen. Und es wäre fatal, deshalb von “historischen Notwendigkeiten” zu faseln und sich darauf zu freuen, dass sich die Situation “verschärft”, um Missstände los zu werden, die im Vergleich mit dem, was dann in aller Regel folgt, wie harmlose kleine Stolpersteine wirken.
Ein Blick weit zurück: Der Historiker Theodor Mommsen hat vor 150 Jahren seine “Römische Geschichte” geschrieben. Er bewertet Ciceros Verteidigung der Römischen Republik gegen Caesars Aktivitäten als unausgegoren und sogar historisch unangebracht – die Republik war nicht mehr zu verteidigen, irgendwer muss schließlich aufräumen. Man kennt das – in Deutschland war das auch mal populär.
Die Bewertung dieser historischen Vorgänge vor über 2000 Jahren hat sich mittlerweile geändert. Bemerkenswert bleibt aber Mommsens Beschreibung der Umstände, unter denen es zum Niedergang der Republik kam. Überall im römischen Reich habe das “das allmaechtig regierende Kapital den Mittelstand zugrunde gerichtet“. Das Land wird aus ökonomischen Interessen verwüstet, Städte veröden, unzählige Menschen verarmen, das Proletariat wächst ungeheuer an. Eine Politik zum Allgemeinwohl existiert bzw. funktioniert so gut wie gar nicht. (Bd. 5, 12. Kapitel)
Auch im 11. Kapitel schildert Mommsen den krassen Unterschied von Arm und Reich, die Korruption und den fehlenden Schutz gegen explodierende Preise, Kriminalität oder Feuer.
Und das- so Mommsen – ist die “republikanische Herrlichkeit …, deren Untergang Cicero und seine Genossen in ihren Schmollbriefen betrauern.” (Bd. 5, 11. Kapitel)
Mommsens Fazit klingt ganz wie aktuelle Polemik – “Du möchtest eine historische Errungenschaft bewahren? Schmoll doch nicht!”
Um wieder in die Gegenwart zu kommen: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Gerät sie von allen Seiten unter Druck, hat sie einen schweren Stand. Wenn es auch noch an Bereitschaft fehlt, sie gegen ideologische Fantasien zu stützen, dann haben Partikularinteressen leichtes Spiel, an die Hebel der Macht zu gelangen. Die entscheidenden Faktoren, die dafür sorgen, dass Demokratie eine Zukunft hat, in der Balance zu halten, ist eine komplexe Angelegenheit. Zu polemisieren und historische Prophezeiungen zu machen, ist dagegen leicht. Ein wenig mehr Bescheidenheit und Realismus in der Analyse täte gerade den Netzdebatten, die die “große Veränderung” thematisieren, sehr gut.
Interview mit Peter Singer über Privatsphäre und Internet
Posted by Björn in Datenschutz, Ethik, Internet, Moralphilosophie, Privacy, Privatsphaere on 2011/08/26
Peter Singer hat im Harper’s Magazine einen Artikel mit dem Titel “Visible Man” (nur für registrierte Nutzer) veröffentlicht. Darüber hat er dem Sender KUOW ein Interview gegeben, das auf der Webseite zu hören ist oder als MP3 heruntergeladen werden kann.
Post-Post-Privacy
Posted by Björn in Internet, Privacy, Privatsphaere on 2011/06/18
Sebastian Küpers (Pixelsebi) hat auf einer Konferenz eine Art Gegenrede zu dem Impulsvortrag des Gründers von Tweetdeck gehalten. Er berichtet, wie Early Adopter nach ursprünglicher Unbekümmertheit ihren Umgang mit der Privatsphäre ändern – nämlich indem sie behutsamer damit umgehen.
Neo- und Post-
Posted by Björn in Argumentation, Internet, Privacy, Privatsphaere, Verschiedenes, Worte on 2011/06/17
Sind Worte, die mit der Vorsilbe “Neo-” gebildet werden abwertend, und die, die mit “Post-” beginnen, positiv besetzt? Womöglich lassen sich Beispiele finden, die dies bestätigen und andere, die dies wiederlegen. Letzten Endes aber läuft es wohl alles nur auf Täuschung und Wortgeklingel hinaus als Ersatz für Dinge, die man nachvollziehbar hätte ausdrücken können. Rhetorik statt Logik.
Weshalb man jedes “Post-”Dings in ein “Neo-”Dings umwandeln kann, um auf derselben argumentativen Ebene ein Licht auf den Inhalt des jeweiligen rhetorischen Theaterstücks zu werfen. Wie bspw. Post-Privacy, die eine Neo-Religion ist.
Als wäre mit Postprivacy alles anders
Posted by Björn in Datenschutz, Internet, Privacy, Privatsphaere on 2011/06/10
Über ein Gerichtsgebäude mit einer Treppe aus Glas, die Frauen meiden [via]:
“They hope people will be mature? That’s not a solution,” Lynch said to 10TV. “If we had mature people that didn’t violate the law, we wouldn’t have this building.“
Postprivacy ist das Gegenteil von Philosophie
Posted by Björn in Bloggen, Datenschutz, Internet, Privacy, Privatsphaere on 2011/06/05
Seit wir das Read-Write-Web haben genießen wir die mittlerweile ausführlich beschriebenen Vorzüge der individuellen Kreativität und Kommunikation im Internet. In der Euphorie über diese Entwicklung wäre man vor einigen Jahren nicht auf die Idee gekommen, dass es später Leute geben wird, die recht grobe Vorurteile zu einer ziemlich ungelenken Konstruktion zusammenfassen, die sie als Internetphilosophie ausgeben, wie es Vertreter der “Postprivacy” tun. Und noch weniger hätte man geglaubt, dass solche spontanen, theoretisch wie historisch bedauerlich uninformierten “Theorien” Aufmerksamkeit finden.
Dabei ist eine klare Argumentationsstruktur für positive Thesen der Postprivacy auch mit viel hermeneutischem Aufwand und Wohlwollen nicht auszumachen. Die “Letztbegründung”, dass es sowieso unabwendbar so kommen werde (“friss! Ist eh alternativlos“), zeigt eindeutig, dass hier nicht philosophiert, sondern nebulös geahnt und gefühlt wird. An sich ist diese “Begründung” lediglich ein Hinweis darauf, dass hier ein affektiver Impuls den Wunsch zum Ausdruck bringt, Anerkennung dafür zu erhalten, dass man mit digitaler Technik im Alltag Umgang hat.
Für die Durchdringung des Alltagslebens durch das Internet zu argumentieren ist aber so sinnvoll, wie dafür zu kämpfen, dass Regen nass sein soll. Einen avantgardistischen Deutungsstandpunkt für die kulturellen Konsequenzen des Internet zu reklamieren, weil man mit Freunden ein Stück Technik benutzt, ist so überzeugend, als wollte man dem Rest der Welt das Gehen erklären, weil man einen bestimmten Sportschuh trägt. Und dass Alles sowieso so kommen werde ist ein rekordverdächtig unphilosophisches Argument. Verbunden mit dem Pathos, für die Durchsetzung dessen, was sowieso kommt, zu kämpfen, ist die “Postprivacy” – die um Verständnis dafür bittet, (noch) nicht definieren zu können, was “Post” und was “Privacy” ist – eine profunde Hirnverrenkung, einer Erweckungsreligion nicht ganz unähnlich. Da wird mit Zweiflern und Fragern auch nicht lange diskutiert. Eine zivile und sorgsame Diskussion und ein eigenes Bemühen um argumentative Sorgfalt erscheint aufgrund der Evidenz des eigenen Sendungsbewusstseins völlig überflüssig.
Postprivacy sagt mit vielen Worten wenig, vor allem nichts Konsistentes und nichts philosophisch Interessantes. Darüberhinaus lässt sie jede Sorgfalt – und allzuoft auch diskursiven Respekt – vermissen.
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Cloud Computing und die Philosophie des Vertrauens
Die Faculty of Philosophy der University of Cambridge hat am 4. und 5. April mit Unterstützung von Microsoft Research Cambridge zwei öffentliche Vorlesungen zum Thema The Philosophy of Trust and Cloud Computing veranstaltet (via). Referenten waren David D. Clark vom MIT und der Moralphilosoph Ian Kerr.
Kerr hat sich in den letzten Jahren mit den ethischen Aspekten von Überwachung, Privatsphäre und Robotik beschäftigt.
Privacy und Selbsterkenntnis
Posted by Björn in Internet, Kulturphilosophie, Philosophiegeschichte, Privacy, Privatsphaere on 2011/02/23
Zwei interessante Links: Wenn Privacy möglicherweise bald passé ist, wäre es sicher besser, es wie Montaigne zu halten, der Selbsterkenntnis nicht mit exhibitionistischer Selbstdarstellung via Twitter und Facebook verwechselt hätte.
“Privatsphäre ist kein schützenswertes Gut mehr”
Posted by Björn in Internet, Kulturphilosophie, Medien, Persönlichkeitsrechte, Privacy, Privatsphaere, Technik on 2010/11/08
In der FAZ schreibt Don Alphonso über die Argumente einer Gruppe von Internetaktivisten, die glauben, “dass die Gesellschaft eine „Bringschuld“ habe, sich mit den Veränderungen zu beschäftigen, sich anzupassen und deren Vorteile zu entdecken. Damit gehen sie im 21. Jahrhundert den Weg vieler Entwicklungen des zwanzigsten Jahrhunderts“.
In der Tat zeigen diese Argumente eine merkwürdige Mischung aus unkritischem “Positivismus” und fatalem, alleinseeligmachendem Anspruch einer Technikreligion. Die schmerzhaften Entwicklungen des zwanzigsten Jahrhunderts und die technik- und zivilisationskritischen Reflexionen der Literatur, Kunst und Philosophie scheinen vollständig vergessen worden zu sein. Es ist schon gesagt worden, “dass vollkommene Technik vollkommenen Frust erzeugt”. (Stanislaw Lem) Die Segnungen des Internet im Licht dieser Erfahrung differenziert zu betrachten ist dringend notwendig. Das sollte man sich nicht über die Begeisterung, dass man jetzt auch ein Handy mit Augmented Reality und Location Based Networking hat, abgewöhnen.
Weitere aktuelle Links dazu:
- Don Alphonso nochmal zum gleichen Thema
- Benedikt Köhler über “Digitale Zwangsneurosen”
- Die Sozialtheoristen
- Jörg-Olaf Schäfers bei netzpolitik.org
- Annalist über “Post-Privacy”
- Thorstena über die Debatte
Privates im Internet – und die Blindheit der Personaler und Profiler
Posted by Björn in Internet, Privatsphaere on 2010/11/01
Robert Basic hat sich einen Artikel mit interessanten Gedanken zur Veröffentlichung von privaten Sachen im Internet von der Seele geschrieben – “warum das Internet ein Arschloch ist“:
“Du hast was vor 10 Jahren im Netz geschrieben und handelst heute anders? Das wird Dir dann vor die Nase gehalten … Du schreibst was Politisches, wie Du es fühlst, ohne 50 Jahre Politikstudium und 10 Doktortitel? …
Warum können wir nicht privat ausleben, wer wir sind und dennoch zugleich öffentlich im Netz agieren? Dürfen sich Jugendliche nicht selbst finden, bevor man mehr von ihnen erwartet? … Soll man sich nur noch gesellschaftlich konform verhalten und sich bloß dem Druck der Normen beugen? Das gleiche gilt übrigens auch für Erwachsene, denen man noch viel mehr abverlangt. Der Druck ist noch größer.
Mein zentraler Gedanke: Will ich eine Gesellschaft voller Angepassten und Drückeberger, nur weil das Netz zunehmend stromlinienförmiges Privatleben erzwingt? “
Der teutsche Journalismus, Google und Sascha Lobo
Posted by Björn in Bloggen, Datenschutz, Internet, Medien, Privacy, Privatsphaere, Technik on 2009/08/04
Die Einstellung der Deutschen zum Internet gehen mir seit Jahren auf die Nerven. Ignorantes Gemecker und arrogantes Gejammer in einem Land, dass von sich selbst behauptet, die Speerspitze der Dichter und Denker zu repräsentieren. Stammtisch, beschränkte Horizonte, fehlende Kreativität, und Humorlosigkeit.
Feigenblattaktionismus, um die unerwünschten Phänomene einzudämmen (was ist eigentlich mit der Internetkriminalität großen Stils?), und eine schiefe Argumentation bezüglich Googles.
Bei der Süddeutschen gibt es zu Googles Macht und dem Wunsch deutscher Medienvertreter, Geld von Google zu bekommen, ein vierminütiges Videointerview mit Sascha Lobo, Michael Konken (DJV) und dem Berliner Datenschutzbeauftragten.
Privacy, Identität, Data Mining und Überwachung
Posted by Björn in Datenschutz, Internet, Persönlichkeitsrechte, Privacy, Privatsphaere, Technik on 2007/07/11
Das Softwaretool Paterva Evolution demonstriert, wie leicht es für jeden ist, gezielte Datenrecherchen im Internet anzustellen, um gebündelte Informationen über Spuren, die beispielsweise eine Person im Web hinterlassen hat, zu erhalten. Kai Raven gibt ein Beispiel für dieses Data Mining. Es vermittelt einen Eindruck von den Möglichkeiten professionellen Data Minings zum Zweck der Profilgewinnung.
Einen anderen Aspekt der Identität im Web erwähnt Michael Panzer, den er bei Danah Boyd gefunden hat, und den sie “Ephemeral profiles” nennt: Internetnutzer legen einfach ein neues Profil oder ein neues Benutzerkonto an, wenn sie ihre Zugangsdaten verloren haben.
Many teens are content (if not happy) to start over with most of their accounts in most places. Forgot your IM password? Sign up again. Forgot your email address? Create a new one. Forgot your login? Time for a change.
Noch etwas anderes: Gero von Randow vertritt in einer Diskussion auf ZEIT.de eine Gegenmeinung: Überwachung tut not. Er fordert eine nüchterne Klärung der Details.