Die Einstellung der Deutschen zum Internet gehen mir seit Jahren auf die Nerven. Ignorantes Gemecker und arrogantes Gejammer in einem Land, dass von sich selbst behauptet, die Speerspitze der Dichter und Denker zu repräsentieren. Stammtisch, beschränkte Horizonte, fehlende Kreativität, und Humorlosigkeit.
Feigenblattaktionismus, um die unerwünschten Phänomene einzudämmen (was ist eigentlich mit der Internetkriminalität großen Stils?), und eine schiefe Argumentation bezüglich Googles.
Bei der Süddeutschen gibt es zu Googles Macht und dem Wunsch deutscher Medienvertreter, Geld von Google zu bekommen, ein vierminütiges Videointerview mit Sascha Lobo, Michael Konken (DJV) und dem Berliner Datenschutzbeauftragten.
Der teutsche Journalismus, Google und Sascha Lobo
Privacy, Identität, Data Mining und Überwachung
Das Softwaretool Paterva Evolution demonstriert, wie leicht es für jeden ist, gezielte Datenrecherchen im Internet anzustellen, um gebündelte Informationen über Spuren, die beispielsweise eine Person im Web hinterlassen hat, zu erhalten. Kai Raven gibt ein Beispiel für dieses Data Mining. Es vermittelt einen Eindruck von den Möglichkeiten professionellen Data Minings zum Zweck der Profilgewinnung.
Einen anderen Aspekt der Identität im Web erwähnt Michael Panzer, den er bei Danah Boyd gefunden hat, und den sie “Ephemeral profiles” nennt: Internetnutzer legen einfach ein neues Profil oder ein neues Benutzerkonto an, wenn sie ihre Zugangsdaten verloren haben.
Many teens are content (if not happy) to start over with most of their accounts in most places. Forgot your IM password? Sign up again. Forgot your email address? Create a new one. Forgot your login? Time for a change.
Noch etwas anderes: Gero von Randow vertritt in einer Diskussion auf ZEIT.de eine Gegenmeinung: Überwachung tut not. Er fordert eine nüchterne Klärung der Details.
Digitale Wasserzeichen in Apples Musikdownloads
Digitale Wasserzeichen in Musikdateien sind nichts Neues. Das Fraunhofer-Institut bewirbt sie schon länger, weshalb ich vor über einem Jahr schon einmal darüber geschrieben habe.
Nun macht Apple also einen neuen Schritt [via EDV], weg vom umständlichen DRM, hin zum verborgenen Merkmal, dass den Kunden eindeutig identifziert. Die Probleme – und zwar auch die jenseits der immer in den Vordergrund gestellten Piraterie – sind damit also nicht vom Tisch. Der Kunde kann nicht uneingeschränkt über das gekaufte Gut verfügen, er kann es bspw. nicht veräußern, wie er es mit Tonträgern konnte. Oder mal auf eine private Party mitnehmen – was, wenn er das gute Stück vergisst, wieder mitzunehmen, oder per USB-Stick auf den Laptop mit der Mixsoftware geladen hat. Wie soll er es da wieder runterbekommen? Etc. pp – so normal und zahlreich, wie die Alltagssituationen sind, in denen wir Musik hören, ohne Verbrechen zu begehen, so zahlreich sind die Probleme von gekaufter Musik mit Benutzermerkmalen in Form von Wasserzeichen.
Nachtrag:
Wie ich heute lese (Electronic Frontier Foundation, via Franztoo) bezeichnet man die von Apple in die Musikdateien eingebrachten Kundendaten nicht als Wasserzeichen. Die Problematik bleibt die gleiche.
Weblog
Weblog: das; eine Internetseite, der in gewissen zeitlichen Abständen Beiträge hinzugefügt werden, wobei in der Regel – was am Praktischsten erscheint – die neuesten Beiträge auf der Startseite erscheinen und die älteren in chronologischer Reihe dahinter folgen. Am häufigsten dürfte zu diesem Zweck eine Software zum Einsatz kommen, die es besonders leicht macht, Beiträge zu erstellen, zu verändern und zu löschen. Teilweise bestehen kuriose Kollektivvorstellungen derjenigen, die Weblogs schreiben oder lesen, dazu, inwieweit diese technischen Möglichkeiten – schreiben, ändern, löschen – legitim sind. Weblogs unterliegen dem Spannungsfeld zwischen privater Äußerung und öffentlichem Diskurs. Sie stellen eine neue technische Schnittstelle zwischen ursprünglich anonymer, intimer Privatheit und den sozialen Mechanismen der Öffentlichkeit dar. Daher eignen sie sich auch für Kommunikationszwecke, die auf eine größere Öffentlichkeitswirksamkeit zielen. Diese Wirksamkeit ist durch die Grenzenlosigkeit des Internets neuartig im Vergleich zu herkömmlichen Publikationsformen.
Bruce Schneier: Warum Vistas DRM schlecht für sie ist
Bruce Schneier, bekannter Computersicherheitsexperte, fällt ein vernichtendes Urteil über die absichtlich beschränkten Multimediafähigkeiten von Windows Vista:
Windows Vista enthält eine Reihe von “Features”, die man nicht will. Diese Features machen ihren Computer weniger zuverlässig und weniger sicher. Sie machen ihren Computer weniger stabil und langsamer. Sie verursachen Probleme beim technischen Support. Sie erfordern sogar möglicherweise eine Erneuerung der Hardwareperipherie und der vorhandenen Software. Und diese Features leisten überhaupt nichts Nützliches. Tatsächlich arbeiten sie gegen sie. Es sind Digital Rights Management (DRM) Features, die auf Geheiß der Unterhaltungsindustrie in Vista eingebaut wurden.
Und sie können sie nicht ablehnen.
(Original (englisch) bei Forbes und im Weblog)
[Via vowe: "Repeat after me: DRM is bad for the customer"]
DRM und Digitales Wasserzeichen
In vielen Downloadshops für Musik wird ein Digitales Rechtemanagement angewendet, das die Verwendungsmöglichkeit der erworbenen Dateien einschränkt. Alternativ kommen Digitale Wasserzeichen zum Einsatz, die vordergründig keine Einschränkungen bewirken. Sie verändern die akustische Information in lauteren Bereichen der Musikdatei durch ein eindeutiges, nicht wahrnehmbares Identifikationsmerkmal des Käufers, das nicht manipulierbar ist. »Wer nicht über den Schlüssel des Wasserzeichens verfügt, kann noch nicht einmal feststellen, ob überhaupt ein Wasserzeichen in eine Datei eingebettet ist. Damit dürfte in der Praxis das Wasserzeichen kaum entfernbar sein, da kein Angreifer überprüfen kann, ob er erfolgreich war. Tests haben gezeigt, dass die IPSI-Wasserzeichen selbst eine analoge Rundfunkübertragung und Aufnahme vom Lautsprecher auf Tonband überstehen« (Martin Steinebach vom Fraunhofer IPSI).
Faktisch bringt das Digitale Wasserzeichen gleichwohl Einschränkungen mit sich – die akustische Qualität ist manipuliert, was empfindsame Liebhaber feiner Musik (bspw. Jazz, Klassik) stören dürfte. Außerdem lässt sich die erworbene Musik nicht mehr problemlos veräußern (verschenken, verkaufen (wie die alte Plattensammlung auf dem Flohmarkt)), denn der ursprüngliche Käufer hat keine Handhabe bezüglich des Tuns des neuen Besitzers. Drittens sind die Daten des Käufers mit den Signaturinformationen auf lange Sicht bei einem Unternehmen hinterlegt, was Fragen des Datenschutzes und des Schutzes der Privatsphäre aufwirft.
Musikindustrie: Missbrauch moralischer Konzepte und Angriff auf die Privatsphäre
Heise-Online berichtet, dass die Deutsche Musikwirtschaft (in Gestalt der deutschen Sektion der International Federation Of Producers Of Phonograms And Videograms (IFPI)) einen “besseren Schutz für Kreative und Verwerter fordert.” Sich für die eigenen Rechte einzusetzen, ist jedem unbenommen. Hier plakativ den eigenen Anspruch mit der Formulierung “Schutz der Kreativen” zu schmücken ist jedoch nur ein rhethorisch-strategischer Winkelzug. Die überwiegende Zahl der Kreativen in Deutschland dürfte sich wohl kaum durch die Musikwirtschaft repräsentiert, geschweige denn geschützt fühlen. Ein aktuelles Beispiel: Wenn künstlich gepushte Teenie-Bands in einer routinemäßig betriebenen Kampagne zu Mediensternchen werden und Prädikate wie “Beste deutsche Band” verliehen bekommen, obwohl das Gros der vielen frischen, kreativen und originellen Musiker überhaupt niemals eine Chance der Berücksichtigung in diesem Medienkartell haben wird, so lässt das zumindest Zweifel aufkommen, inwiefern sich hier “Künstler” repräsentiert fühlen dürfen. Und zwar nicht nur bei Musikern, sondern auch beim Publikum, das eben NICHT die beste deutsche Band präsentiert bekommt, sondern lediglich den aktuellen Liebling der Musikindustrie.
Die moralische Position des Anliegens der Deutschen Phonoverbände wird aber gänzlich in Misskredit gebracht durch die Forderung nach einem “Auskunftsanspruch gegen Internetserviceprovider über die Identität” von Internetnutzern. Dies untergräbt eines der Fundamente eines freiheitlichen Rechtsstaates, der seine Bürger vor unbotmäßigen Begehren und Missbrauch seiner schwachen Position schützt. In den letzten Jahren hat man schon verschiedene haarsträubende Positionen zur Aushöhlung des Schutzes der Privatsphäre zur Kenntnis nehmen dürfen. Die Auffassung, wirtschaftliche Organisationen sollten die Funktion von Institutionen des Rechtsstaates übernehmen ist eine der abenteuerlichsten.
Bemerkenswert daran ist auch die Vehemenz, mit der diese Forderung vorgetragen wird, und andererseits der kaum spürbare Widerspruch dagegen. Ist den Beteiligten und der Öffentlichkeit überhaupt gar nicht bewusst, um welch fundamentales Rechtsgut es hier geht?
Nachtrag: Johnny Haeusler vom Spreeblick, der Erfahrungen mit Musikern und Musikmedien hat, sieht das auch so und betont darüberhinaus, dass sich wohl Künstler und Produzenten von der Musikwirtschaft abwenden und ihre eigenen Medienstrukturen schaffen werden. Das wäre eine schöne, emanzipierte Perspektive.


