Kants Vorlesungen zur Anthropologie

Kants Vorlesungen zur Anthropologie stehen nicht gerade in dem Ruf, zu seinen bekanntesten oder gar wichtigsten Werken zu gehören. Sie gelten eher als teils kuriose Sammlung nicht immer fundierter Bemerkungen Kants, die so manche Stereotypen und Vorurteile seiner Zeit transportieren. Hinzu kommt der Umstand, dass sie auf den Mitschriften seiner Zuhörer beruhen und ihre Authentizität somit problematisiert werden könnte.

Martin Sticker rezensiert bei NDPR die bei Cambridge University Press von Alix Cohen herausgegebene Aufsatzsammlung “Kant’s Lectures on Anthropology: A Critical Guide“. Die Aufsätze werfen ein Licht auf Kants pragmatische Bemühungen und sein – oft übersehenes – Interesse an empirischen Fragestellungen. Sticker skizziert die Themen dieser Aufsätze und kommt zu einem insgesamt positiven Gesamturteil über das Buch.

Texte des Wiener Kreises

Moritz Schlick hatte 1904 bei Max Planck über klassische Strahlenoptik promoviert. Die philosophischen Grundlagen und Konsequenzen der Naturwissenschaften waren in seiner akademischen Tätigkeit eines seiner Hauptarbeitsgebiete. Seit 1915 pflegte er einen regen Briefwechsel mit Albert Einstein, der öfter bei Schlick in Rostock Station machte. Nachdem Schlick an die Universität Wien gekommen war, begründete er den Wiener Kreis, dem Rudolf Carnap, Otto Neurath, Herbert Feigl, Victor Kraft und andere angehörten. In diesem Kreis gab es intensive Diskussionen über die Prinzipien einer wissenschaftlichen Weltauffassung, die entscheidend zur Herausbildung der Analytischen Philosophie und der Wissenschaftstheorie im 20. Jahrhundert beitragen sollten.

Bei Reclam ist 2013 eine Sammlung einiger zentraler Texte des Wiener Kreises erschienen: “Der Wiener Kreis: Ausgewählte Texte” – darin das Gründungsmanifest, Aufsätze zur Protokollsatzdebatte und zur wissenschaftlichen Erkenntnis allgemein oder auch die frühe Auseinandersetzung mit Poppers Falsifikationismus. Die Texte stammen von Schlick, Carnap und Neurath und der Vollständigkeit halber wurde im Anhang auch ein Text von Popper abgedruckt.

Eine umfangreichere Textsammlung (mit 803 Seiten) ist 2009 unter dem Titel “Wiener Kreis: Texte zur wissenschaftlichen Weltauffassung” bei Meiner erschienen.

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Englische Übersetzung von Xunzi

Eric L. Hutton hat die erste englische vollständige Übersetzung von Xunzi bei Princeton University Press veröffentlicht: “Xunzi: Xunzi. The Complete Text“. Sie enthält eine Einleitung, Fußnoten mit Anmerkungen und Zeilennummern zum Text. Winni Sung rezensiert das Buch bei NDPR. Sie lobt die Übersetzung und Benutzerfreundlichkeit. Sodann diskutiert sie, wie es naheliegend ist bei Übersetzungen aus dem klassischen Chinesisch, einige Begriffe, die aufgrund ihres Bedeutungsumfangs schwer zu übertragen sind und damit philosophische Fragen aufwerfen. Darauf, so schließt sie, habe Hutton bereits in der Einleitung hingewiesen.

Die beste deutschsprachige Einführung in die klassische chinesische Philosophie ist die von Hubert Schleichert und Heiner Roetz bei Klostermann veröffentlichte “Klassische chinesische Philosophie“.

Hayek über Mill

Friedrich August Hayek ist bei den einen so beliebt wie er von den anderen verflucht wird. Sein ökonomischer Gegenpart war John Maynard Keynes, mit dem er im übrigen befreundet war. Von beiden ist ein epischer Rap-Battle überliefert (siehe z.B. hier). Gern übersehen wird, dass bspw. Milton Friedman die Konjunkturtheorie von Hayek für falsch hielt.

Weniger bekannt ist, dass Hayek sich auch mit John Stuart Mill beschäftigt hat. So veröffentlichte er 1951 das Buch “John Stuart Mill and Harriet Taylor: Their Correspondence and Subsequent Marriage” (hier bei archive.org erhältlich). Nun ist in der Collected-Works-Ausgabe von Hayek Band 16 erschienen: “Hayek on Mill: The Mill-Taylor Friendship and Related Writings” – herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Sandra Peart.

“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier

In manchen Diskussionen kann man aufgrund der vorgebrachten methodologischen Einwände (zuverlässig funktionierende Stichworte sind bspw. Empirismus, Naturalismus, Reduktionismus usw.) den Eindruck gewinnen, dass die Wissenschaftstheorie mit dem Positivismusstreit oder mit Kuhn an ihr Ende gelangt sei. Dem ist natürlich nicht so. Allerdings war die Diskussionslage schon in den 1960ern und 70ern fasst nur noch für Spezialisten übersichtlich. Und in den letzten Jahrzehnten hat die Spezialisierung in allen Bereichen noch einmal erheblich zugenommen – auch in der Wissenschaftstheorie. Da sind gute Einführungsbücher natürlich willkommen.

“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier liegt mittlerweile (seit 2011) in der 3. erweiterten Auflage vor. Carrier, Wissenschaftsphilosoph und Leibnizpreis-Träger (2008) gibt einen didaktisch gut konzipierten, aber auch durchaus anspruchsvollen Überblick über die Entwicklung wissenschaftstheoretischer Positionen von Bacon bis ins 21. Jahrhundert. Dabei werden die zentralen Elemente einer Position so beschrieben, dass deutlich wird, welche Leistung man sich von den jeweiligen Annahmen erhoffte, und welche tatsächlich erreichbar sind. Die wichtigsten Konzepte und Forderungen werden im Gang der Darstellung einander gegenübergestellt (z.B. Induktivismus, Deduktivismus, Verifikation, Falsifikation, Theoriebeladenheit, Unterbestimmtheit, Bestätigungstheorie, Werte und Wertfreiheit). Gut ist auch die Darstellung neuerer Themen der Wissenschaftstheorie. Die Sozialwissenschaften werden nicht methodologisch gesondert behandelt. Der Streit über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sozial- und Naturwissenschaften hat ja ein Spektrum von Positionen hervorgebracht, auf deren Darstellung offenbar zugunsten der Konzentration auf die Grundprobleme der Hypothesenbeurteilung verzichtet wurde. Eine Lektüre fachspezifischer Methodologien sollte die Leserin, sofern Bedarf besteht, ergänzen.

Carrier setzt offenbar eine Leserin voraus, die nicht eine autoritativ vertretene Position erwartet, sondern die selbst Vorzüge und Probleme von Hypothesen und Regeln abwägen will. Dazu enthält das Buch eine Vielzahl von Beispielen, die – wie im Kapitel über Werte und Wissenschaft – nicht immer abschließend bewertet werden, sondern offenbar so gewählt wurden, dass weder Kontroversen noch die Schwierigkeiten einer konsistenten Bewertung verdeckt werden. Daher ist das Buch gut für Einführungsseminare geeignet, in denen den Studierenden eigenständiges Denken auf anspruchsvollem Niveau vermittelt werden soll.

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Larry Siedentop über eine christliche Tradition des Liberalismus

Der Isaiah-Berlin-Schüler Larry Siedentop hat in seinem neuen Buch “Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism” eine alternative Entstehungsgeschichte des Liberalismus aus europäischen christlichen Wurzeln darzustellen versucht. Samuel Moyn schreibt dazu eine etwas ausführlichere Rezension in der Boston Review. Er findet Siedentops Perspektive interessant, aber nicht überzeugend. In der Stützung der Hypothese seien große Lücken und das Buch sei in weiten Teilen eine Beschreibung der christlichen mittelalterlichen Geschichte – aber eben keine Erklärung des behaupteten christlichen Ursprungs des Liberalismus, so der Rezensent.

Die Kunst zu leben – Die Aktualität der antiken Philosophie

Eine beim Publikum beliebte Geschmacksrichtung von Philosophie besteht darin, Philosophien und Fragestellungen der Vorgänger für obsolet zu erklären (siehe Nietzsche, Heidegger, Wittgenstein, Foucault …).

Die Philosophie der Antike mit der für sie zentralen Frage nach einem guten, gelingenden Leben erfreut sich in der letzten Zeit wieder eines lebendigen Interesses bezüglich ihrer praktischen Bedeutung, abzulesen an einer Vielzahl von Publikationen sowohl im akademischen Bereich als auch für ein breiteres Publikum. Hier aus der großen Menge von Publikationen nur zwei Beispiele von Einführungen in diesen Themenbereich:

Christoph Horn veröffentlichte 1998 sein Buch “Antike Lebenskunst. Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern” (3. Auflage im Jahr 2014). Es ist eine sehr gute Übersicht zu den wichtigsten Begriffen und Positionen der antiken Ethik. Zur Orientierung und für ein systematisches Verständnis eine zuverlässige Hilfe.

Auch im englischsprachigen Bereich gibt es eine große Auswahl an guter Literatur zur antiken Ethik. Eine Darstellung stoischer Positionen zur “Kunst des Lebens”, die die Begriffe und Positionen anschaulich auch im Kontext anderer (z.B. moderner) Auffassungen diskutiert ist “The Art of Living: The Stoics on the Nature and Function of Philosophy” von John Sellars, in 2. Auflage 2009 bei Duckworth (mittlerweile Bloomsbury) erschienen.

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Philosophie des Buddhismus

Der Buddhismus ist zuerst eine der großen Weltreligionen. Aber der Buddhismus ist auch eine Philosophie, für die sich nicht-religiöse, säkulare Denker genauso interessieren wie religiöse. Im Westen setzt die Beschäftigung mit dem Buddhismus als Philosophie im 19. Jahrhundert ein, wofür vermutlich Arthur Schopenhauer das prominenteste Beispiel ist. Heute beschäftigen sich Philosophinnen und Philosophen unterschiedlichster Denkrichtungen mit dem Buddhismus – so hat sich beispielsweise der analytische Philosoph Owen Flanagan in seinen letzten beiden Büchern dem Buddhismus aus naturalistischer Sicht gewidmet. Und es gibt zahlreiche weitere Beispiele – aus der allgemeinen Ethik, Medizinethik, Wirtschaftsethik, Logik, Erkenntnistheorie, Philosophischen Psychologie oder der Anthropologie.

Zwei aktuelle Beispiele aus dem Internet: In der Stanford Encyclopedia of Philosophy (die wohl die wichtigste Enzyklopädie dieser Art im Web ist und möglicherweise auch einigen gedruckten Enzyklopädien den Rang ablaufen wird) ist in der letzten Woche der Eintrag zu Buddha erheblich überarbeitet worden (von Mark Siderits). Und schon im August letzten Jahres hat der Chief-Editor von bloggingheads.tv, Robert Wright, ein Gespräch mit der australischen Philosophin Miri Albahari über das buddhistische Konzept des “Nicht-Selbst” geführt. Albahiri hat 2006 ein Buch mit dem Titel “Analytical Buddhism” veröffentlicht, in dem sie Themen der westlichen Philosophie, der Neurowissenschaften und des Buddhismus diskutiert.

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