Nachrufe auf Hilary Putnam: Ein Leben mit Vernunft ist verwundbar

AM 13. März 2016 ist der amerikanische Philosoph Hilary Putnam gestorben. Die ersten Meldungen dazu habe ich hier aufgeführt. Mittlerweile sind einige Nachrufe hinzugekommen, die einen Überblick über Putnams philosophisches Denken geben. Dieses Denken ist vor allem ein undogmatisches, interessiertes und rationales Denken. Putnam hat bereitwillig seine Positionen überdacht und geändert, wenn er Fehler bemerkte. Dies ist leicht anhand seiner Veröffentlichungen festzustellen, die der Philosophie viele berühmt gewordene Hypothesen und Denkfiguren gegeben haben.

Insofern – dies hebt Martha Nussbaum in ihrem Nachruf hervor – ist Putnam ein Gegenbeispiel zum dogmatischen und intellektuell unbescheidenen Typus, der heute in Politik, Medien, Publizistik, aber befremdlicherweise durchaus auch wieder in der Philosophie, anzutreffen ist.

Dies kann man auch im deutschen Feuilleton und in Kulturredaktionen feststellen. Dennoch gibt es bei Deutschlandradio Kultur, wo man das ja kaum noch erwarten würde, einen von Thorsten Jantschek verfassten Nachruf auf Hilary Putnam.

Zuverlässig erwarten kann man solche Beiträge nach wie vor bei der NZZ. Hier beschreibt der in Kent lehrende Edward Kanterian die Entwicklung von Putnams Denken.

Update:
Ein weiterer Nachruf auf Putnam von Jürgen Kaube in der FAZ.

Karl Philipp Moritz – Aufklärer und früher Psychologe

Karl Philipp Moritz, Autor des “Anton Reiser“, war Schriftsteller und Spätaufklärer. Heinriche Heine hebt ihn in seiner “Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland” besonders hervor:

“Da ich von den philosophischen und religiösen Zuständen jener Zeit einen Begriff geben möchte, muß ich hier auch derjenigen Denker erwähnen, die mehr oder minder in Gemeinschaft mit Nicolai zu Berlin tätig waren und gleichsam ein Justemilieu zwischen Philosophie und Belletristik bildeten. Sie hatten kein bestimmtes System, sondern nur eine bestimmte Tendenz. Sie gleichen den englischen Moralisten in ihrem Stil, und in ihren letzten Gründen. … Ihre Tendenz ist ganz dieselbe, die wir bei den französischen Philanthropen finden. … In der Moral sind sie Menschen, edle, tugendhafte Menschen, streng gegen sich selbst, milde gegen andere. Was Talent betrifft, so mögen wohl Mendelssohn, Sulzer, Abbt, Moritz, Garve, Engel und Biester als die ausgezeichnetsten genannt werden. Moritz ist mir der liebste. Er leistete viel in der Erfahrungsseelenkunde.”

Moritz war der Herausgeber des “Magazin zur Erfahrungsseelenkunde als ein Lesebuch für Gelehrte und Ungelehrte” – eine der frühen psychologischen Zeitschriften.

Die Universitätsbibliothek Bielefeld hat die Zeitschrift digitalisiert und macht sie online zugänglich: “Gnothi sautón oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Xenophanes und Popper über Wahrheit und Vermutungswissen

Die sokratische Einsicht, dass wir uns unseres Wissens nie ganz sicher sein können, verband Karl Popper mit dem von Xenophanes bekannten Motiv, “suchend das Bessere zu finden”. Das Paideia-Blog hat einen guten Artikel dazu geschrieben.

Odo Marquard gestorben

Odo Marquard ist am Samstag im Alter von 87 Jahren gestorben. Es gibt bereits einige Nachrufe. Eine wohl von dpa vorbereitete Meldung findet sich in mehreren Medien, beispielsweise hier oder hier. Ausführlicher schreiben Jens Hacke in der SZ, der Gießener Anzeiger und Jürgen Kaube in der FAZ. Der Bayerische Rundfunk hat hier einen Sendemitschnitt.

Marquard empfahl, auf die Absolutheitsansprüche der Weltverbesserer und der Negativitätstheoretiker zu verzichten – ein Ratschlag, der aktueller kaum sein könnte. Und seine Diagnose von der Einsamkeit in unserer Zeit muss bei aller digitalen Kommunikation und sozialen Vernetzung wohl kaum revidiert werden. Marquard steht nicht zuletzt für einen Humor des Intellektuellen, der nicht krampfhaft und nicht böswillig ist. 1985 hielt er die Laudatio auf Loriot bei der Verleihung des Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor.

Update: Weitere Nachrufe gibt es von Gregor Dotzauer im Tagesspiegel, Ludger Fittkau bei Deutschlandradio-Kultur, von Holger Noltze als Audio beim Deutschlandfunk, von Mladen Gladic bei der WELT, von Martin Meyer in der NZZ, und auch N24, der ORF, der Standard und das Giornale dell Umbria berichten

Interview mit Michael Ruse

Michael Ruse, Wissenschaftsphilosoph und Wissenschaftshistoriker, ist hierzulande der breiteren Öffentlichkeit vielleicht noch am ehesten durch seine Auseinandersetzungen mit dem Kreationismus bekannt. Clifford Sosis hat ein ausführliches Interview mit ihm geführt, das interessante biografische, wissenschaftshistorische und zeitgeschichtliche Aspekte berührt.

Naturphilosophie in der Renaissance

In der Renaissance entstanden verschiedene neue Perspektiven auf die Gegenstände der Naturphilosophie. Auch das dominante aristotelische Weltbild wurde allmählich neu bewertet. Diese Entwicklungen trugen zur Entstehung der modernen Naturwissenschaften bei. Eva Del Soldato hat in der Stanford Encyclopedia of Philosophy einen neuen Artikel zur Naturphilosophie in der Renaissance veröffentlicht.

Wissenschaftliche Weltauffassung und Ethik – Der Wiener Kreis

Anne Siegetsleitner, Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Innsbruck, hat die Positionen der Mitglieder des Wiener Kreises zu Fragen der Ethik untersucht. Sie hält es für überfällig, die verengte Sicht auf eine vermeintliche Distanz der logischen Empiristen zur Ethik zu korrigieren und schildert dazu die Standardauffassung des Wiener Kreise und ihre Rezeption in unterschiedlichen Denkrichtungen sowie die spezifischen Auffassungen und Beiträge von Rudolf Carnap, Karl Menger, Otto Neurath, Moritz Schlick und anderen Wienern. Das Buch “Ethik und Moral im Wiener Kreis. Zur Geschichte eines engagierten Humanismus” ist 2014 im Böhlau-Verlag erschienen, aber auch als PDF unter einer Creative-Commons-Lizenz erhältlich.