Archive for category Philosophie allgemein

Geld als Kriterium für Philosophie

Clark Glymour hatte ja in seinem Manifest zur Philosophie (Bericht hier) aufgrund der von ihm diagnostizierten Nutzlosigkeit der “kontinentalen” und der “analytischen” Philosophie geschlussfolgert, dass man auf verschiedene Philosophiedepartments verzichten könnte – außer sie würden Förderbeträge in Millionenhöhe akquirieren.

Das führt unmittelbar zu der Frage, woher Geld zur Förderung von Philosophie kommt. Natürlich nur von da, wo es welches gibt. Und das würde dann faktisch definieren, was praktizierte Philosophie ist. Es gibt nämlich bestimmte typische Arten von Geldgebern. Eine Art, die Kennern sofort ins Auge springt, hat Keith de Rose erwähnt. Sein Beispiel ist die Templeton Foundation, die in den letzten Jahren schon diverse Millionen verteilt hat, um philosophische Untersuchungen von Spiritualität und Religion zu fördern (siehe zum Beispiel diese kommentarlose Notiz) – und dies in Zukunft weiter tun wird. Also ein Sachgebiet, das Clark Glymour vermutlich eher nicht im Sinn hat. Zurecht stellt Keith de Rose fest: Man kann, wenn man Glymours Kriterium anwendet, daraus nur schließen, dass das, was in den nächsten Jahren richtige Philosophie ist, mit Religion und Glauben zu tun hat.

Man sieht daran ganz gut, 1.) welche Kanalisierungseffekte ein Vorschlag wie der von Glymour haben wird, und 2.) wie gut sich ein “Szientismus” / “Positivismus” im schlechtesten Sinn und religiöse Vorstellungen ergänzen.

Nüchtern soziologisch muss man aber wohl auch feststellen, dass wir in einer Glymour-Welt leben. Als Beleg ein Zitat von Eric Schwitzgiebel: “In ancient Greece, the sophists were the ones getting grants”.

, , , , ,

1 Comment

Das Wall Street Journal schreibt über Pascal Mercier (Peter Bieri)

Nachtzug nach Lissabon” von Pascal Mercier (aka Peter Bieri) ist in zahlreiche Sprachen übersetzt worden und war auch international ein großer Erfolg. “This was a novel that changed you”, wie Sam Sacks im Wall Street Journal berichtet. Auch wenn man dem Buch an manchen Stellen den Akademiker im Autoren anmerke (“instructing without entertaining“), habe es seine feinen, belebenden Stellen, die die Leidenschaft des Publikums für das Buch erkläre.

Nun ist auch Merciers älterer Roman “Perlmanns Schweigen” in den USA erschienen. Doch es sei in Vielem das Gegenteil von “Night train to Lisbon“, so der Rezensent Sacks. Mercier allerdings sei gut darin, die Agonie des Wissenschaftlers Perlmann zu beschreiben, doch sei das mit 600 Seiten zu lange Buch über die Lebenskrise des Romanhelden schmerzhaft zu lesen.

.

. .

, , , , , ,

No Comments

Michael Dummett (1925-2011)

Der britische Philosoph Michael Dummett ist am 27. Dezember 2011 gestorben.

Dummett ist unter anderem als Interpret von Gottlob Frege und Ludwig Wittgenstein bekannt. In seinem Buch “Ursprünge der analytischen Philosophie” zeigt er, dass zu den Vorreitern der Analytischen Philosophie Brentano, Frege und Husserl gehören. Gegen den Realismus, für den Wahrheit durch einen Zustand in der “wirklichen Welt” verbürgt wird, hat Dummett im Anschluss an Wittgenstein einen Anti-Realismus vertreten.
Zuletzt hat er “The Nature and Future of Philosophy” veröffentlicht, worin er für eine Überwindung der Gräben zwischen unterschiedlichen philosophischen Denkschulen plädiert.

Dummett hat sich politisch aktiv gegen Rassismus engagiert. Während des Zweiten Weltkrieges trat er zum katholischen Glauben über und hat später gelegentlich die katholische Orthodoxie verteidigt.

Nachrufe auf Dummett gibt es beim Guardian und beim Telegraph. (Update: Der blinde Hund hat auf die Nachrufe und Erinnerungen von Hilary Putnam, Crispin Wright und vielen anderen im Opinionator-Blog der New York Times hingewiesen.)
Biografische Notizen gibt es bei den Gifford-Lectures und bei Wikipedia (englisch und deutsch)

.

. .

, , , , , , , , , ,

1 Comment

Scholastische Streitereien

Es scheint akademischen Philosophen ein Bedürfnis zu sein, sich abzugrenzen. Zunächst natürlich einmal gegen die Vulgär- und Popularphilosophie. Aber dann auch gegen Traditionen und Denkschulen innerhalb des eigenen Faches. Invektiven in diese Richtung wird jeder Philosoph vermutlich kennen, wenn er sich nicht sogar selbst daran beteiligt.

Ein neues schönes Beispiel liefert die aktuelle Debatte um Clark Glymours Manifest, in dem nicht gekleckert, sondern geklotzt wird. Man würde Nichts verlieren, so Glymour, wenn einige Geisteswissenschaftler entlassen würden und mit dem Besen in der Hand arbeiten müssten. Ihm gefällt die “formale Philosophie” besser als die “kontinentale”, und er bezeichnet den von ihm bevorzugten Ansatz als “materiale Philosophie”. Die Beispiele, die er gibt, haben mit Computern, Statistik, Spieltheorie usw. zu tun. Mit Logik, Mathematik und Programmierkenntnissen könne man eben besser philosophieren als nur mit Intuition. Deshalb würde sich die “konventionelle” analytische Philosophie auch überflüssig machen (die “kontinentale” wurde zuvor ja schon in den Sack gesteckt). Die Arbeiten von Philosophen seien ohne Einfluss, und deshalb könne man Philosophy Departments schließen, außer sie würden Mittel in Millionenhöhe einwerben.

Insofern hat die Art von Scholastik, die Glymour betreibt und als materiale Philosophie bezeichnet, also auch materiale Konsequenzen. Seine großzügig selbstherrliche Einschätzung provozierte denn auch ein großes Hallo in den Weblogs, bspw. hier und hier. Eine deutliche Tendenz in den Kommentaren ist ein gewisser Überdruss darüber, dass derartige Haltungen wie die von Glymour immer noch virulent sind.

, , , , , , ,

2 Comments

Formale Ontologie für Informationssysteme

Die 7. Konferenz “Formal Ontologies in Information Systems” (FOIS 2012) wird vom 24. bis 27. Juli 2012 in Graz stattfinden. Sie beschäftigt sich mit den Repräsentationen in Informationssystemen wie Künstlicher Intelligenz, Software, Datenbanken, Bioinformatik, Wissensmanagementsystemen und Semantischem Web. Die Konferenz widmet sich sowohl theoretischen Fragen als auch konkreten Anwendungen.
Eine Übersicht über bisherige Konferenzen gibt es auf der Webseite formalontology.org.

, , , , ,

No Comments

Freier Zugang zu “Erkenntis”

Die Zeitschrift “Erkenntnis” ist eine renommierte Fachpublikation, die man wohl am ehesten mit der analytischen Philosophie in Verbindung bringt. Die Zeitschrift hat eine bewegte Geschichte. Unter anderem musste sie 1939 ihr Erscheinen einstellen und wurde 1975 wieder ins Leben gerufen. Maßgabe für Beiträge war, wie Carl Gustav Hempel schrieb, “adherence to high standards of clarity of statement and cogency of reasoning”.
Alle Beiträge in “Erkenntnis” sind bis zum 31.12.2011 frei erhältlich.

, , , ,

No Comments

Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? Rezensionen zu Peter Bieris “Wie sollen wir leben?”

Nach seiner Reflexion über das “Handwerk der Freiheit“, in der Peter Bieri, statt philosophische Lehren und Positionen aufzuzählen, sich in einer literarisch-philosophischen Weise einem lebensrelevanten Begriff von Freiheit nähert, ist nun mit seinem neuen Buch “Wie sollen wir leben?” ein weiterer solcher Versuch erschienen, in dem es um Selbstbestimmung und Selbsterkenntnis geht.

Bieri entfaltet explizit ein Verständnis von Philosophie, dass sie nicht auf reine “begriffliche Turnübungen” beschränkt, sondern sie bei der Klärung lebenspraktischer Fragen an die Seite der Psychologie stellt.

.

.

, , , , ,

1 Comment

Was ist Philosophie?

Diese immer wieder gerne und zurecht aufgeworfene Frage wird im neuen Podcast bei Philosophy Bites von verschiedenen Philosophen beantwortet.

,

4 Comments

Umfrage: Welche Philosophen sind Euch wichtig?

Ohne Blabla direkt zur Umfrage

In den verschiedenen Beiträgen zur Netzkultur und Netzpolitik und Netzzukunft schimmert hier und da, mal mehr, mal weniger explizit durch, dass der Verfasser ganz bestimmte philosophische Vorlieben hat. Irgendein Buch oder eine Theorie liefert Inspiration, um neue Phänomene einzuordnen, zu systematisieren oder sonstwie zu behandeln.

Dabei ist mir aufgefallen, dass es durchaus unterschiedliche PhilosophInnen sind, die bei verschiedenen Leuten eine Bedeutung haben. Mich würde interessieren, welche Philosophien in der Netzgemeinde eine besondere Rolle spielen, oder überhaupt den Hintergrund für eine Lebenseinstellung oder ein Weltbild abgeben. Deshalb hier diese Umfrage.

Sie richtet sich explizit nicht an die Fachphilosophen (die natürlich mitmachen dürfen), sondern an die Allgemeinheit. Die eine Gruppe hat sicher ganz andere Präferenzen als die andere – aber die Fachidioten stehen in diesem Special Interest Blog mal nicht im Vordergrund.

Bei der Auswahl musste ich mich schmerzlich auf 20 Personen aus der Philosophie beschränken, aber alle wichtigen Schulen oder Denkrichtungen der Gegenwart (ab 20. Jahrhundert) sollten vertreten sein. Bitte bedenkt auch, dass sich nicht alle Denker als Philosophen verstehen und folglich nicht in der Liste auftauchen. Es wäre doch einfach mal interessant, zu sehen, welche Bedeutung Philosophen heute haben. Deshalb teilt diese Umfrage bitte.
Es ist hoffentlich auch ein Spaß. Und ja – Mehrfachauswahl ist möglich.

Umfrage:

12 Comments

Stephan Schleim hat Probleme mit dem Naturalismus

Stephan Schleim diskutiert in seinem Blogbeitrag “Deutungshoheit: Brights, Vollmer und die ‘rechten Dinge’” den Naturalismus. Dazu beschäftigt er sich mit Gerhard Vollmers Aufsatz “Geht es überall in der Welt mit rechten Dingen zu?“, der bei den Brights veröffentlicht wurde.
Schleim möchte einen “intoleranten Humanismus und Denkverbote” demaskieren: “Den selbsternannten Verfechtern der Wissenschaft, die sich gern ins aufklärerische Gewand kleiden, stünde etwas mehr Bescheidenheit und Toleranz gut zu Gesicht. Anstatt sich über Menschen mit anderer Meinung lustig zu machen, sich selbst als die Gescheiten und die anderen für die Hinterwäldler zu halten, anstatt vorauseilenden scheinwissenschaftlichen Erklärungen zum Opfer zu fallen, könnten auch sie vom kritischen Dialog miteinander und der Reflexion ihrer eigenen Ansichten lernen.

Man gewinnt den Eindruck, dass sich diese Kritik besonders gegen Michael Schmidt-Salomon richtet, dem er den von ihm beanspruchten Humanismus nicht recht glauben zu wollen scheint. Die Vorwürfe jedenfalls, “blind dafür [zu sein], dass sie mit ihrer oberflächlichen Scheinwissenschaft Denkverbote verhängen“, “Andersdenkende ins Abseits der Lächerlichkeit drängen” und nicht zuletzt der Vorwurf der “gelebten Intoleranz” ist im Zusammenhang mit Gerhard Vollmer allerdings befremdlich.

Offenkundig werden hier Probleme des sachlichen und fairen Diskussionsverhaltens mit der fraglichen Sache selbst (hier: Naturalismus) vermischt. In der Tat – Menschen mit ungebührlichem Sozial- und Diskussionsverhalten sind leider viel zu häufig anzutreffen, unabhängig vom verhandelten Thema. Beispielsweise konnte man in den letzten Tagen Einlassungen von katholischer Seite zu Moral- und Weltanschauungsfragen lesen, die parteilich und polemisch waren. Auf diese Weise werden die in Frage stehenden Sachverhalte verzerrt. Polemik taugt nur als politisches, nicht als wissenschaftliches Werkzeug.

Update: Hier eine Antwort von Stephan Schleim.

.

.

, , , ,

No Comments

Was ist Ontologie von Kunstwerken

Der Blinde Hund feiert das Erscheinen eines Artikels in der Stanford Encyclopedia of Philosophy zur History of the Ontology of Art. Notfalls feiert er auch alleine, sagt er, fügt aber sehr interessante Erläuterungen dazu, was man sich unter Ontologie von Kunst vorstellen kann, hinzu. Lesenswert!

, ,

4 Comments

Philographics – Infografiken zur Philosophie

Brainpickings – wo neulich schon auf die Isotype-Grafiken von Otto Neurath hingewiesen wurde, die ich hier auch schon ein paar mal im Programm hatte – hat jetzt einen Beitrag über die Philographics von Genis Carreras gebracht. Das sind Infografiken, die die Bedeutung philosophischer Konzepte durch prägnant reduzierte Symbole zu veranschaulichen suchen. Meiner Ansicht nach ist Carreras das oft eindrucksvoll gelungen.

, , , ,

1 Comment