Open MIND – Wissenschaft frei zugänglich

Der menschliche Geist ist ein erstaunlich Ding: nach Monaten kann er aus dem Nichts Informationen an die Oberfläche spülen, die vorher durch einen Berg konkurrierender Daten verschüttet waren.

Bereits im Februar hatte mich Thomas Metzinger auf Open MIND hingewiesen: eine Textsammlung mit aktuellen Beiträgen zu den Themen Geist, Gehirn und Bewusstsein. Zu jedem der 39 Aufsätze gibt es einen Kommentar und eine Replik. All dies kann man – Open Access eben – einzeln oder auch im Paket auf der Seite von Open MIND herunterladen, als epub- oder als pdf-Datei. 90 sowohl jüngere als auch altbekannte Autorinnen und Autoren sind beteiligt, darunter Andreas Bartels, Ned Block, Paul M. Churchland, Daniel Dennett, Thomas Metzinger, Albert Newen, Alva Noe und Jennifer Windt

Aktuelle Diskussionen in der Psychiatrie

Stephan Schleim berichtet von den 8. Berliner Psychiatrietagen, die unter dem Titel “Psychiatrie der Zukunft” liefen. Die große Zahl der psychischen Störungen ist offenkundig nicht allein auf Veranlagung, sondern in gravierenden Ausmaß auch auf soziale Faktoren zurückzuführen. Insofern ist ein wachsender Neuroskeptizismus die logische Konsequenz eines einseitigen Erklärungsansatzes. Schleim selbst diskutiert in seinem Vortrag den “Imperativ der Anpassung” in der Psychiatrie, und stellt ihm einen “Imperativ der Autonomie” entgegen. (Das erinnert mich an Fromms Charakterisierung von Freuds Therapieziel als “autoritär”.)

Neuroblahblah

Steven Poole schreibt im New Statesman eine bissige Polemik gegen die “Neurowissenschaften-erklären-alles”-Mode. Gleich zu Beginn stellt er fest: “Eine neue Seuche ist ausgebrochen.” Man müsse nur das Präfix “Neuro” vor seine Erklärung kleben, und schon verschaffe man sich die Würde computerbasierten Laborkittelgefunkels. Ob Religion oder konservative Mentalität – die solcherart untersuchten Objekte sind nur noch pathologische Fälle der Gehirnbiologie und nicht mehr rationale Gesprächspartner. Ob persönliche oder politische Ratgeber – die “Ramschaufklärung” der populären Neurowissenschaft hat die Antwort auf alle Fragen.

Schon William James habe sich darüber mockiert, selbst die schwierigen Fragen der Psychologie neurologisch erklären zu wollen. Entsprechend hätten manche populären Neurobehauptungen heute einen vergleichbaren Status wie solche über das Gedächtnis von Wassermolkeülen.
Schlecht kommen bei Poole Autoren wie Jonah Lehrer und Jonathan Haidt weg. Haidts verquere Empfehlung, sich von der Vernunft zu verabschieden, habe Poole befolgt und gefühlsmäßig Haidts ganze Argumentation abgelehnt.
Gehirnscans zeigten jedenfalls weniger, als aufgebauschte Thesen daraus machten, weshalb man skeptisch gegenüber “brain porn” sein solle. Was sagt schon ein fMRI-Scan eines Musikhörers über das Musikerlebnis, so Poole.

Rezension des “Oxford Handbook of Philosophy and Neuroscience”

Gary Hatfield hat bei Notre Dame Philosophical Reviews eine ausführliche Rezension des von John Bickle herausgegebenen “Oxford Handbook of Philosophy and Neuroscience” (OUP 2009, 635 Seiten) veröffentlicht. Das Buch enthält 23 Beiträge, die in sieben Teilen organisiert sind:

Part I: Explanation, Reduction, and Methodology in Neuroscientific Practice
Part II: Learning and Memory
Part III: Sensation and Perception
Part IV: Neurocomputation and Neuroanatomy
Part V: Neuroscience of Motivation, Decision Making, and Neuroethics
Part VI: Neurophilosophy and Psychiatry
Part VII: Neurophilosophy

Hatfield stellt fest, dass es sich nicht um ein Handbuch handelt, das seine Aufgabe darin sieht, einen fortgeschrittenen Überblick eines Sachbereiches zu bieten. Dazu fehle es an einer systematischen Darbietung von Einzelfragen und einer Diskussion aller relevanten methodologischen Fragen. Der Herausgeber erklärt dies damit, dass Philosophie und Neurowissenschaften noch ein junges, sich entwickelndes Feld sei.

Insofern ist der Band, so Hatfield, eher eine Sammlung von Forschungsüberblicken bestimmter Autoren, was sich auch darin manifestiere, dass kaum andere Philosophen, die sich mit den neurologischen Aspekten der Geist-Gehirn-Beziehung beschäftigen, zitiert würden. Auch ein Kapitel zur historischen Entwicklung des Sachbereiches fehle; allerdings steuere William Bechtel in seinem Beitrag einen Teil dazu bei. (In einer Fußnote kritisiert Hatfield außerdem Patricia Churchlands Buch “Neurophilosophy” als “noteworthy for its lack of attention to actual theories in scientific (as opposed to a mythical “folk”) psychology and for its mischaracterization of the theories on memory that it does discuss“.)

Folglich empfiehlt Hatfield das Buch offenbar weniger als Handbuch als vielmehr als Sammelband verschiedener Beiträge zu unterschiedlichen Fragestellungen in diesem Arbeitsgebiet:

The volume is to be commended for collecting chapters that address issues of reduction, intentional eliminativism, enactivism, and the extended mind, as well as several nuts-and-bolts case studies in the practice of neuroscience. Depending on one’s specific interests, there is more or less to find. It is a good starting place especially for those interested in current controversies in the neuroscientific reduction of memory consolidation. (NDPR)

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Sucht und Selbstkontrolle – Patricia Churchland über Entscheidungen

Auf einer Konferenz des Oxford Centre for Neuroethics unter dem Titel “Mechanisms of Self-Control: The lessons from Addiction” referiert Patricia Churchland und diskutiert mit George Ainslie. (Das Embedding des Videos funktioniert leider nicht wie angegeben, aber es kann auf der Webseite angesehen werden.)