Bei Paper C, einer Plattform, auf der Fachbücher kostenlos online gelesen werden können (Herunterladen oder Drucken kostet 10 Cent pro Seite), gibt es auch eine kleine Auswahl aktueller philosophischer Titel. Hier einige besonders prominente Beispiele:
Bei The Nation ist ein Interview mit Martha Nussbaum über ihr neues Buch “From Disgust to Humanity: Sexual Orientation and Constitutional Law” erschienen. Darin geht es darum, dass Aversionen gegen Fremdartiges nicht als moralische Rechtfertigung politischer Regelungen taugen.
“I don’t think any emotion should be trusted on its own without being constantly in dialogue with moral principles. At every point, whether it’s anger or fear or any emotion–even compassion, which can, of course, lead you to favor your family against other people–you should always be asking, Is this consistent with the idea of a society of people who are free and equal?“.
Vor diesem Hintergrund seien Argumente gegen homosexuelle Ehen nicht haltbar, weil inkonsistent. “We don’t think that heterosexuals who are flaky, silly or awful, Britney Spears marrying on a whim and then divorcing almost immediately, we don’t think that that taints the institution of heterosexual marriage.“.
Nussbaum plädiert für eine Politik der Menschlichkeit, die auf der Fähigkeit beruht, andere Personen als uns ähnlich wahrzunehmen und sie zu respektieren. Unterschiedliche sexuelle Orientierungen rechtfertigen keine unterschiedliche Behandlung vor dem Gesetz. John Stuart Mill hat besonders sorgfältig die Frage gesellschaftlicher Regulierung privaten Verhaltens untersucht – daran möchte Nussbaum anknüpfen und hofft, dass seine Einsichten sich in diesen Fragen weiter verbreiten.
Andererseits:
Worte können vernichtend sein, Worte können Labsal sein.
Das Äußern von Worten ist auch eine Handlung.
Auch das Äußern von leeren Worten ist eine Handlung.
Leeren Worten wird oft durch Handlungen widersprochen.
Viele Handlungen werden nicht von Worten begleitet.
Die Guten sind nicht immer gut mit Worten, aber in ihren Handlungen.
Böses geschieht oft durch Worte.
Resümée:
1. Taten sind wichtig. Auf sie kommt es an. Ein Wortkarger, der hilfsbereit, empathisch, solidarisch handelt ist ein besserer Freund als eine wortgewandte Unterhaltsame, auf deren Worte man sich nicht verlassen kann.
2. Verbales Gift ist ein starkes Gift. Es zu verbreiten ist eine zerstörerische Handlung, der ein grelles Etikett fürs Gedächtnis anhaftet. Psychologisch bedingt ist es fünffach stärker als freundliche Worte. Die Geduld, die der freundliche Expressive benötigt, ist ein Stück Alltagsheldentum.
Daniel Jacobsons Artikel in der Philosophical Review 117-2, pp. 159-191, “Utilitarianism without Consequentialism: The Case of John Stuart Mill” ist bei Philosopher’s Annual als einer der zehn besten Artikel des Jahres 2008 aufgeführt und dort als PDF-Datei erhältlich. [via]
Obwohl in der üblichen Definition der Konsequenzialismus ein Bestandteil des Utilitarismus ist, will Jacobson zeigen, dass Utilitarismus ohne Konsequenzialismus logisch möglich ist und dass genau dies die Position von Mill gewesen sei. In der gängigen Interpretation sei ein wichtiger Aspekt von Mills Theorie übergangen worden, der seinen unorthodoxen Utilitarismus gerade besonders interessant mache.
“I refer here to Mill’s sentimentalist metaethics, which proves crucial for understanding his view of morality as comprising just one distinct sphere within what he called “the Art of Life, in its three departments. Morality, Prudence or Policy, and Aesthetics; the Right, the Expedient, and the Beautiful or Noble, in human conduct and works”.
Der zweite Teil des Videointerviews, das Arvid Leyh mit dem Philosophen Stephan Schleim zum Thema Neuro-Enhancement geführt hat, ist jetzt auch veröffentlicht (hier, oder direkt bei Vimeo hier). Darin geht es, wie Stephan Schleim hier im Blog kommentiert hat, “aus ethisch-philosophischer Sicht … um die wesentlich interessanteren Fragen.” Sehenswert!
Peter Singer hat CNN ein Interview zur Gesundheitsreform in den USA gegeben. Er trägt einige sachliche Gründe vor, die die aufgeregten Gegner der Reform beruhigen könnten, wenn sie Argumenten zugänglich wären. Besonders interessant finde ich einen Punkt, der genauso für Deutschland gilt, wie ich leidvoll selbst erfahren musste – die absurden, national unterschiedlichen Preise für manche Medikamente, die in anderen Ländern erheblich günstiger verkauft werden: “another area of saving is in the costs of pharmaceuticals. We can see the same drug that we’re buying in the United States is on sale for much less money in Britain because the British National Health Service says we will not provide that at that price.” Hier wird durch staatliche Regulierung das öffentliche Gesundheitssystem durch private Interessen gemolken, und das schlägt bei den Kosten ganz erheblich zu Buche, so dass die Versicherten Kürzungen in anderen Bereichen hinnehmen müssen. [via]
Neil Levy hat den Eureka Prize for Research in Ethics 2009 der Australian Catholic University erhalten. Der Webseite des Australian Museum zufolge ist Levy (University of Melbourne und Oxford University) ein Pionier der Neuroethik. Er vertritt die These, dass – informierte Einwilligung vorausgesetzt – psychopharmazeutische Behandlung der individuellen Authentizität keinen Abbruch tut. “Dr Levy also argues we need to stop seeing the brain as sacrosanct.”
Seine Positionen hat Levy in dem Buch Neuroethics: Challenges for the 21st Century dargelegt. [via]
Arvid Leyh hat mit dem Philosophen Stephan Schleim ein Videointerview zum Thema Neuro-Enhancement geführt, dessen erster Teil jetzt auf seinem Weblog Braincasts erschienen ist.
Stephan Schleim hat auch eine Webseite zu Neuro-Enhancement.
In der evolutionären Altruismusdiskussion der letzten Jahrzehnte wurde es oft als ausgeschlossen angesehen, dass Altruismus durch natürliche Selektion erklärt werden kann. Eine Vermutung Darwins findet neuerdings Befürworter, wie der Independent berichtet: die Bedingungen kontinuierlicher Kriegführung in frühen Jäger- und Sammlergesellschaften könnten diejenigen Stammesverbände bevorteilt haben, deren Mitglieder in der Lage waren, altruistisches Verhalten auf eigene Kosten zu zeigen.
Jean Twenge und W. Keith Campbell analysieren Studien, die zeigen, dass es generationelle Unterschiede bezüglich des Narzissmus gibt: die jüngere Generation (“Generation Y”) sei erheblich individualistischer als die ihr vorausgehenden. Sie beschäftige sich stärker mit den eigenen Wünschen, sei selbstbewusster – aber auch unglücklicher als ältere Generationen. Das Befolgen von Pflichten und sozialen Regeln sei ihr weniger geläufig.
Aus der Kommunitarismusdebatte der 80er und 90er Jahre sind diese Diagnosen den Philosophen bereits vertraut. Sie hat uns darauf vorbereitet, über Umgangsformen mit diesem Phänomen nachzudenken. Eine Lösung haben wir noch nicht gefunden, was zu einem erheblichen Teil der ideologischen Unterfütterung geschuldet ist, mit der manche Positionen in dieser Debatte vertreten wurden. Wer vorgebliche Ursachen aus ideologischen Gründen überzeichnet, wer bei praktischen Alternativen das Kind mit dem Bade ausschüttet, der löst eben kein Problem. Dennoch ist die Debatte nach wie vor aktuell. Es gibt eine Vielzahl von wertvollen Beiträgen und umsichtigen Anaylsen. Die Bewahrung oder Wiederbelebung (oder Neuerschaffung) des Gemeinsinns in einer pluralistischen Gesellschaft (d.h. ohne Bezug auf orthodoxe oder okkulte Authoritäten) ist eine der wichtigsten sozialen Aufgaben unserer Zeit.
Bei Neuroanthropology gibt es einen guten Überblicksartikel zur Frage, was von den neuen leistungssteigernden Mitteln für mentale / kognitive Fähigkeiten zu halten ist: The New Performance Enhancing Drugs. Ritalin und Adderall werden in ihren erwünschten und unerwünschten Effekten beschrieben. Erfreulicherweise enthält der Artikel auch eine qualifizierte ethische und soziokulturelle Bewertung. Er kommt zu dem Schluss:
Cognitive enhancers do provide significant long term mental benefits and arguably some social benefits. However, as we have argued, these benefits are outweighed by the physical side effects and social ramifications that such use would entail.