Sind Moral und Vernunft nichts als hübsche Verpackung?

Dass Menschen nicht wirklich moralisch, geschweige denn vernünftig seien, ist eine These, die in verschiedenen Geschmacksrichtungen (sprich: unterschiedlichen philosophischen Denkrichtungen) immer mal wieder auf den Markt gebracht wird, wo sie nicht zuletzt aufgrund ihrer Steilheit und “überraschenden” Originalität Anhänger findet.

Massimo Pigliucci beschäftigt sich (mit Bezug auf eine Rezension von Tamsin Shaw in der NYRB) mit den Positionen von Jonathan Haidt, Steven Pinker, Paul Bloom und Joshua Green. Shaw und Pigliucci identifzieren einen bekannten Fehlschluss in diesen Positionen, in deren deskriptive Theorien sich normative Prämissen einschleichen, die von den Autoren nicht begründet werden. Diese Kognitiven und Moralpsychologien seien eher ein Paradebeispiel für Bias.

Utilitaristen sind keine Psychopathen

In den letzten Jahren konnte man von sozialpsychologischen Experimenten lesen, deren Resultate zeigten, so hieß es, dass Personen mit utilitaristischen Überzeugungen seltener Mitleid und Hilfsbereitschaft an den Tag legten als der Durchschnitt. Massimo Pigliucci weist nun im Philosophers’ Magazine und in seinem Weblog darauf hin, dass es sich bei dem hier so bezeichneten Utilitarismus gar nicht um Utilitarismus, sondern um rationalen Egoismus handele – zwei in der Moralphilosophie klar voneinander unterschiedene Positionen. Wenn eine ganze moralphilosophische Strömung aufgrund mangelnder Philosophiekenntnisse durch eine falsche Assoziation mit psychoptahischen Tendenzen diskreditiert werde, so sei das eine Mahnung, mit Bezeichnungen und Begriffen behutsam umzugehen, so Pigliucci.

Gegen 10.000 Gebote – Adam Smith

Adam Smith wird immer wieder gegen Klischeevorstellungen verteidigt. Und da er weit mehr als nur der Ökonom war, wird er für eine realistischere Sichtweise in ganz unterschiedlichen Bereichen (Ökonomie, Moralpsychologie, Politische oder Rechtsphilosophie) empfohlen. Zu den prominenten Beispielen für eine solche “Wiederentdeckung” Smiths (hier des öfteren schon erwähnt) gehören unter anderem Ernst Tugendhat, Martha Nussbaum, Amartya Sen und Lisa Herzog. Das Spektrum der damit verbundenen Leitfragen erstreckt sich dabei bis weit ins Sozialdemokratische hinein.

Eine libertäre Sicht auf Adam Smith – also vom anderen Ende des Spektrums – hat der Ökonom Daniel D. Klein von der George Mason University. In diesem Vortrag will er zeigen, dass Smith schon in der Theorie der moralischen Gefühle subtil gegen Überregulierung und staatliche Eingriffe argumentiert habe.

Wissenschaftliche Weltauffassung und Ethik – Der Wiener Kreis

Anne Siegetsleitner, Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Innsbruck, hat die Positionen der Mitglieder des Wiener Kreises zu Fragen der Ethik untersucht. Sie hält es für überfällig, die verengte Sicht auf eine vermeintliche Distanz der logischen Empiristen zur Ethik zu korrigieren und schildert dazu die Standardauffassung des Wiener Kreise und ihre Rezeption in unterschiedlichen Denkrichtungen sowie die spezifischen Auffassungen und Beiträge von Rudolf Carnap, Karl Menger, Otto Neurath, Moritz Schlick und anderen Wienern. Das Buch “Ethik und Moral im Wiener Kreis. Zur Geschichte eines engagierten Humanismus” ist 2014 im Böhlau-Verlag erschienen, aber auch als PDF unter einer Creative-Commons-Lizenz erhältlich.

Julia Annas im Interview über Tugendethik

Bei Philosophy Bites ist ein Interview mit Julia Annas erschienen (in Englisch), in dem sie erläutert, was die Tugendethik ist und wie man sie sich konkret in der Praxis vorzustellen hat – auch gegen Einwände von konkurrierende Ansätzen. Julia Annas ist eine der prominentesten Philosophinnen im Bereich der antiken Philosophie.

Die Tugendethik ist eine der Hauptrichtungen der Moralphilosophie der letzten Jahrzehnte. Wie der Name vermuten lässt geht sie zurück auf antike Konzeptionen, insbesondere von Aristoteles. In der Tugendethik ist der Charakter von Personen (der hier dynamisch, nicht statisch verstanden wird) von entscheidender Bedeutung, denn er ist es, der die Menschen gut macht, der sie gute Handlungen tun lässt, und der sie letztlich auch glücklich macht. Glück und Ethik waren schon in der Antike eng miteinander verbunden.

Adam Smith und Immanuel Kant über Glückseligkeit

1759 veröffentlichte Adam Smith seine “Theorie der ethischen Gefühle” – sein philosophisches Hauptwerk, auch nach Smiths eigener Meinung. Eine erste deutsche Übersetzung erschien erst in den 1790er Jahren.

Seine Ausführungen über die Stoa (VII,2,1) sind bemerkenswert umsichtig und einfühlsam. Er buchstabiert aus, wie es sich anfühlt, ein Stoiker zu sein. Dabei wird man an Kants “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” erinnert. Smith thematisiert Aspekte, die Kant in seinem später erschienenen Buch ebenfalls diskutiert. Man würde sich allerdings wünschen, Kant hätte in sprachlicher Hinsicht von Smiths Ausführungen profitieren können. Kants Sprache ist bekanntlich nicht der Inbegriff von Eleganz, obwohl man sich durchaus darin vertiefen und sie gelegentlich schätzen kann, was dann aber wohl auf Kosten der Mitteilungsfähigkeit gegenüber den Mitmenschen geht.

In einer seiner ersten Arbeiten (1756) berichtet Smith über die Literatur auf dem europäischen Kontinent. Darin bedauert er auch, dass die Deutschen so daran gewöhnt seien, in einer fremden Sprache zu sprechen und zu denken (Latein, Französisch), dass es erklärbar sei, dass “sie nicht imstande sein könnten, sich glücklich oder treffend auszudrücken, sobald es sich um Themen heiklerer oder feinerer Natur handelt.” (Theorie, Hamburg 1994, S. XV).

Es ist eine interessante Spekulation, was bei der großen Nähe Smith über Kants Buch und Kant über Smiths Buch gedacht oder beide miteinander besprochen hätten. Dass sie nie einander begegneten oder brieflich miteinander verkehrten, ist bedauerlich.

Condorcet gegen den Egoismus

“Wenn dir gute Taten und zärtliche Neigungen zur Gewohnheit werden, so liegt darin die reinste, unerschöpflichste Quelle des Glücks. […] Vergiss niemals, dass derjenige, der empfängt, von Natur aus dem gleich ist, der gibt, dass alle Unterstützung, die Abhängigkeit nach sich zieht, keine Gabe mehr ist, sondern ein Geschäft, und dass sie, wenn sie demütigt, zur Beleidigung wird.”

[Condorcet (1743-1794): Ratschläge an seine Tochter; übersetzt und ausführlich diskutiert von Dieter Thomä in Figurationen 02/05]

Moralische Objektivität und Naturalismus

Seit Sokrates’ Suche nach dem Gut für die Seele und Platons Ideenlehre ist die Frage nach dem objektiv moralisch Guten die zentrale Frage der Philosophie. Man könnte die Philosophiegeschichte auch so skizzieren, dass philosophische Theorien, auch da, wo sie die Moral ausklammern, Stellung nehmen zu dieser Frage. Die moderne Diskussionslage wurde insbesondere durch David Hume und Immanuel Kant geprägt. Seitdem hat in Wellen mal der Skeptizismus, mal der Objetkivismus Prominenz.
Derzeit könnte es so scheinen – und Schlagzeilen vermitteln hin und wieder dieses Bild -, dass der Naturalismus sich auf breiter Linie durchsetzt und damit einhergehend ein moralischer Anti-Objektivismus.

In diesem Video, dass eine Diskussion anlässlich der Verleihung des Holberg-Preises an Ronald Dworkin wiedergibt, beschreibt Thomas Nagel sowohl die Ausgangslage (Ist moralische Objektivität im Rahmen des Naturalismus möglich?) als sodann auch Dworkins Ansatz aus seiner Sicht – wie ich finde, sehr gelungen. Auch Dworkin ist mit Nagels Darstellung einverstanden und trägt dann (ab 21:30 min) seine Antworten vor. (Rainer Forst scheint, wie ein kleiner Kameraschwenk zeigt, auch auf dem Podium anwesend zu sein.) Eine der zentralen Fragen der Diskussion ist: was sind Gründe für Überzeugungen?

Tugendpsychologisches Projekt erhält Templeton-Grant

Nancy E. Snow von der Jesuiten-Universität Marquette in Milwaukee erhält einen Templeton-Grant in Höhe von 2,6 Millionen Dollar für ihr Projekt “The Self, Motivation, and Virtue”. Das Projekt beschäftigt sich mit der Entstehung von Tugenden. Dadurch soll es unter anderem dazu beitragen, gesellschaftliche Probleme wie Mobbing / Trolling adressieren zu können. Beteiligt an dem Projekt ist unter anderem die Psychologin Darcia Narvaez von der Notre Dame University. Nancy Snow hat 2010 ihr Buch “Virtue as Social Intelligence: An Empirically Grounded Theory” veröffentlicht, sowie eine Anthologie “The Philosophy and Psychology of Virtue: An Empirical Approach to Character and Happiness”.

Rationale Moral vom Feinsten – Derek Parfit erhält Rolf-Schock-Preis 2014

Derek Parfit (Oxford) erhält den Rolf-Schock-Preis für Philosophie 2014. Es ist der höchstdotierte Preis in der Philosophie, vergeben von der Royal Swedish Academy of Sciences. Zu den vormaligen Preisträgern gehören Thomas Nagel, John Rawls und W.V.O. Quine.

Parfit hat die Philosophie der letzten Jahrzehnte vor allem mit seinen beiden Büchern “Reasons and Persons” und “On what matters” geprägt. Seine Auseinandersetzung mit klassischen Positionen und Argumenten ist bahnbrechend und hat in weiten Teilen der Philosophie zu fruchtbaren Neubewertungen altbekannter Probleme geführt (und wird dies vermutlich noch auf Jahre hinaus tun).

Parfit vertritt in kritischer Auseinandersetzung mit Subjektivismus, Naturalismus und anderen prominenten Positionen eine objektive Ethik. Diese Ethik ist von unterschiedlichen Konzeptionen aus zugänglich – nämlich denen von Kant, Scanlon oder Sidgwick, die entgegen der üblichen Sicht nicht widersprüchlich zueinander sind. Kants Gesetzesformel hält er für die größte Errungenschaft seit der antiken Ethik. Die Achtung vor der Würde des Menschen und damit das Verbot der Instrumentalisierung – angelehnt an Kants Formel von der Menschheit als “Zweck an sich” – gehört zu den Prinzipien seiner Ethik.

Update: Das Preisgeld, das Michael Quante bei der Verleihung des “Deutschen Preises für Philosophie und Sozialethik” erhält (100.000 Euro) (Der blinde Hund berichtete), ist offenbar höher als das des Rolf-Schock-Preises (600.000 Schwedische Kronen, also ca. 68.000 Euro).

Martha Nussbaum über Wut

Vor einigen Tagen hat Martha Nussbaum in Chicago für Studierende einen einführenden Vortrag über Wut gehalten. Wie sie selbst zu Beginn der Aufzeichnung sagt, handelt es sich um Überlegungen, die in Vorbereitung “einer Vortragsreihe” entstanden – offenbar wohl ihrer John Locke Lectures in Oxford (die nun auch seit einigen Tagen auf der Webseite in Oxford angekündigt werden). Die Locke Lectures tragen den Titel “Anger and Forgiveness”.

In ihrem Chicagoer Vortrag argumentiert Nussbaum, dass Wut aus normativer Sicht eine schädliche Emotion ist. Sie bespricht Beispiele von Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela. In der abschließenden Diskussion macht sie auch kritische Bemerkungen zu Foucault (etwa ab 56:15min).


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