Archive for category Medien
Computer und Internet als elektronisches Fegefeuer
Noam Chomsky hat im März soziale Medien als “extremely rapid, very shallow communication” bezeichnet, die menschliche Beziehungen erodiere und sie “more superficial, shallow, evanescent” mache. In einem weiteren Interview hat er diese Einschätzung bekräftigt. In digitalen sozialen Medien hat Chomskys Auffassung jüngst durch eine Kritik von Nathan Jurgenson bei Salon Aufmerksamkeit erhalten. Der Twitter-User @wrongwatch hat das folgendermaßen kommentiert:
“Chompksy isn’t wrong about twitter being shallow, evanescent, whatever that means. But I can’t remember why”
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David Gelernter, der in seinem Buch “Mirror Worlds” von 1991 viele Entwicklungen des Internet sowie das Cloud-Computing vorweggenommen hat, plädiert in der FAZ dafür, dass Kinder jünger als 14 kein Handy und kein “iSpielzeug” haben sollten, weil sie sonst im elektronischen Fegefeuer landeten. Computer würden die Aufmerksamkeit in Ketten legen und die ruhige Entwicklung der Kinder stören. Zu dem gleiche die neue Cyberwelt “einem ausbetonierten Flussbett”.
Die New York Times berichtet, dass im Silicon Valley Mitarbeiter von Firmen wie eBay, Google, Apple, Yahoo und Hewlett-Packard ihre Kinder auf die Waldorf-Schule schicken würden, in deren Klassenzimmer keine Computer erlaubt seien.
Axel Kossel beschreibt im Editorial der c’t, wie ihn seine Apps im Griff haben.
Ludwig Siep rezensiert Axel Honneths neues Buch “Das Recht der Freiheit”
Posted by Björn in Buecher, Internet, Medien, Philosophiegeschichte, Politische Philosophie, rezensionen, Sozialphilosophie on 2011/08/25
In der ZEIT ist eine Rezension von Ludwig Siep zu Axel Honneths neuem Buch “Das Recht der Freiheit” erschienen. Der Schlüsselbegriff bei Honneth sei “Anerkennung”: “Jeder will sich im sozialen Handeln von den anderen bejaht, respektiert und in seinen Zielen gefördert erfahren.” Honneths Rekonstruktion der Sozialgeschichte und der Pathologien der Gesellschaft – ein Begriff, den er von John Dewey übernommen habe – sei eindrucksvoll dicht. Siep skizziert Honneths normative Analyse der Fortschritte und Rückschritte der gesellschaftlichen Entwicklung. Im Arbeitsmarkt gäbe es für die soziale Freiheit in den letzten Jahrzehnten einen enormen Rückfall, und die Medien würden ihrer Funktion zur “demokratischen Willensbildung” kaum mehr gerecht. Ob das Internet daran etwas ändern werde, sei für Honneth offen. Honneths Resümee sei, im Gegensatz zu Hegels seinerzeit, pessimistisch. Und es sei Honneth überzeugend gelungen, Grundlagen moderner Gesellschaftskritik aus Hegels Philosophie zu entwickeln.
Weitere Infos zu Sieps Rezension hier.
Siehe auch meinen früheren Beitrag zu Honneths “Das Recht der Freiheit”.
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Die enorme Popularität Michael Sandels in Asien
Posted by Björn in Buecher, Leute, Medien, Moralphilosophie, Philosophie allgemein, Politische Philosophie on 2011/06/27
China Newsweek hat Michael Sandel als “die einflussreichste ausländische Person” des Jahres in China bezeichnet, wie die Harvard Gazette oder auch die New York Times berichten.
Sandels Popularität verdankt sich offenbar seinem regelmäßig abgehaltenen Harvard-Kurs “Justice”, den mittlerweile über 15.000 Studenten absolviert haben sollen und der laut Wikipedia mit 1115 Zuhörerinnen im Jahr 2007 der größte jemals durchgeführte Kurs in Harvard gewesen sein soll. Sandels erfolgreicher Kurs wurde auf Video aufgezeichnet, im öffentlichen Fernsehen ausgestrahlt und wird als Videoserie von der Universität Harvard auf einer eigenen Webseite präsentiert (alternativ die zugehörige Playlist des Harvard-YouTube-Kanals).
Sandel hat ein Buch zu dieser Veranstaltung veröffentlicht – “Justice: What’s the Right Thing to Do?“, das allein in Ostasien über eine Million mal verkauft wurde. In Japan ist Sandel nämlich eine Art Rockstar, nachdem das japanische Fernsehen NHK die Aufzeichnungen von Sandels Kurs übersetzt und ausgestrahlt hat. Das Buch dazu kletterte auf Platz 1 der ausländischen Veröffentlichungen bei Amazon Japan. Die japanischen Sendungen wurden wiederum chinesisch untertitelt und auf chinesischen Webseiten veröffentlicht, wo sie Millionen von Aufrufen haben sollen. Michael Sandel hat danach eine erfolgreiche Lesetour durch Japan unternommen sowie Vorlesungen in China gehalten.
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Praktisch denken
Posted by Björn in Akademisches, Ökonomie, Medien, Philosophie allgemein, Politik on 2011/04/07
In einem neuen Artikel bei “Metaphilosophy” konstatiert Philip Kitcher, dass die zeitgenössische (englischsprachige) Philosophie in einer Art scholastischer Selbsthingabe um sich selbst kreise. Es sei aber Aufgabe der Philosophen, sich mit Themen zu beschäftigen, die in der Gegenwart aktuell sind. [via Leiter Reports, interessante Kommentare]
Diese Frage lässt sich natürlich auch für die deutschsprachige Philosophie aufwerfen, und sie wird ja auch immer mal wieder diskutiert. Kitchers Darstellung scheint mir zutreffend zu sein. Er weiß wovon er spricht. Und meines Erachtens betrifft dies nicht nur eine “Schulrichtung”.
Tatsächlich gibt es natürlich Philosophen, die sich mit aktuellen Fragen der Zeit beschäftigen. Und es ist natürlich auch richtig, dass sich Philosophen mit Spezialfragen ihrer Disziplin beschäftigen müssen. Außerdem ist es auch so, dass die Öffentlichkeit nicht immer Beiträge von Philosophen zu Fragen der Zeit zur Kenntnis nimmt, sei es, weil sie nicht den Moden des Zeitgeistes entsprechen, oder weil sie in den betreffenden Debatten von schrillen Polemiken übertönt werden, die ja oft wirkungsvoller sind.
Es wäre schon Einiges gewonnen, wenn die Philosophen innerhalb ihres Faches häufiger Standpunkte zu aktuellen Fragen der Zeit diskutieren würden, in der Hoffnung, dass sich daraus Übersichten und Kommentare ergeben, die ein breiteres Publikum mit Argumenten versorgen.
Einen übrigens recht konkreten Artikel zu brennenden Fragen der Zeit hat der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz bei Vanity Fair veröffentlicht. Er kritisiert darin die krasse Ungleichheit in den USA, die, gestützt auf unzutreffende Argumente, durch die Politik verstärkt werde. Doch Stieglitz hält diese Ungleichheit für zerstörerisch.
Vielleicht sollten Philosophen auch häufiger mal bei Brigitte oder Schöner Wohnen schreiben.
Ein ZEIT-Artikel über Precht
Posted by Björn in Leute, Medien, Philosophie allgemein on 2011/02/07
Ursula März hat in der ZEIT ein Porträt über Richard David Precht geschrieben. Sie zeichnet Precht als Philosophen, der den Abstand zum Elfenbeinturm überbrückt und sich auf Augenhöhe der “breiten Mitte” bewege. Er erfülle die Sehnsucht nach Figuren, die in der Verunsicherung der Wirtschaftskrise nicht an eine Partei oder einen Konzern gebunden seien. Der Beitrag ist ein guter Bericht über das “Phänomen” Precht, mit einigen biografischen Details.
Die Sehnsucht nach verständlicher und reflektierter Orientierung ist meiner Ansicht nach allerdings älter – einerseits zeitlos, andererseits nach dem Versagen der Ideologien und Religionen in den letzten Jahren schon vor der Wirtschaftskrise immer deutlicher spürbar.
Stilistisch wäre noch ganz allgemein anzumerken, dass es fraglich ist, ob Begriffe wie “Bürgerphilosoph” oder “Voltaire der Berliner Republik” der Orientierung dienen. Solche Etikettierungen sind journalistische Klischees, die so sehr vereinfachen, dass sie das Denken verkleben statt es zu fördern. Beschreibungen, die die Lage verdeutlichen (wie in März’ Beitrag), sind viel hilfreicher.
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Links zu Datenjournalismus
Posted by Björn in Datenjournalismus, Internet, Medien on 2011/01/07
Das Open-Data-Blog der ZEIT.
Interaktive Karten der New York Times
Ankündigung der Data Site des Guardian
Datenjournalismus und die Zukunft der Berichterstattung bei netzpolitik.org
Peter Singer über offene Diplomatie und WikiLeaks
Posted by Björn in Internet, Medien, Politik, Politische Philosophie on 2010/12/16
Peter Singer reflektiert in einem kurzen Kommentar über den politischen Anspruch von WikiLeaks. Er bringt auf gewohnt klare Weise einige zentrale Argumente zusammen, die Befürworter und Gegner in ihrer aufgeregten Propaganda bislang selten angemessen würdigen. Seine Haltung zu WikiLeaks ist differenziert, gerade auch deshalb, weil Informationen differenziert gehandhabt werden müssen: “Suppose that US diplomats had discovered that democrats living under a brutal military dictatorship were negotiating with junior officers to stage a coup to restore democracy and the rule of law. I would hope that WikiLeaks would not publish a cable in which diplomats informed their superiors of the plot.”
Offene Informationen sind für Demokratien einerseits, faire und friedliche Abläufe in der Weltpolitik andererseits unverzichtbar – WikiLeaks zielt auf einen eklatanten Mangel, den politische Regimes überall auf der Welt haben. Es bleibt zu hoffen, dass wir bekommen, was wir brauchen. “It is therefore regrettable that the most likely outcome of the recent revelations will be greater restrictions to prevent further leaks.“
Unterhaltungsshow mit Aristoteles
Posted by Björn in Humor, Medien, Verschiedenes on 2010/12/14
So wäre das Fernsehprogramm erträglich: Stephen Fry hat diese Show bei der BBC moderiert, in der er die Frage aufwirft, wo Aristoteles im Irrtum war. Für diese Art von medialer Berieselung würde ich gerne Gebühren zahlen.
“Privatsphäre ist kein schützenswertes Gut mehr”
Posted by Björn in Internet, Kulturphilosophie, Medien, Persönlichkeitsrechte, Privacy, Privatsphaere, Technik on 2010/11/08
In der FAZ schreibt Don Alphonso über die Argumente einer Gruppe von Internetaktivisten, die glauben, “dass die Gesellschaft eine „Bringschuld“ habe, sich mit den Veränderungen zu beschäftigen, sich anzupassen und deren Vorteile zu entdecken. Damit gehen sie im 21. Jahrhundert den Weg vieler Entwicklungen des zwanzigsten Jahrhunderts“.
In der Tat zeigen diese Argumente eine merkwürdige Mischung aus unkritischem “Positivismus” und fatalem, alleinseeligmachendem Anspruch einer Technikreligion. Die schmerzhaften Entwicklungen des zwanzigsten Jahrhunderts und die technik- und zivilisationskritischen Reflexionen der Literatur, Kunst und Philosophie scheinen vollständig vergessen worden zu sein. Es ist schon gesagt worden, “dass vollkommene Technik vollkommenen Frust erzeugt”. (Stanislaw Lem) Die Segnungen des Internet im Licht dieser Erfahrung differenziert zu betrachten ist dringend notwendig. Das sollte man sich nicht über die Begeisterung, dass man jetzt auch ein Handy mit Augmented Reality und Location Based Networking hat, abgewöhnen.
Weitere aktuelle Links dazu:
- Don Alphonso nochmal zum gleichen Thema
- Benedikt Köhler über “Digitale Zwangsneurosen”
- Die Sozialtheoristen
- Jörg-Olaf Schäfers bei netzpolitik.org
- Annalist über “Post-Privacy”
- Thorstena über die Debatte
Entfaltung der Persönlichkeit trotz Internet
Posted by Björn in Emotionen, Erziehung, Internet, Kulturphilosophie, Medien, Psychologie, Second Life, Technik, Virtual Reality on 2010/10/24
In Freundschaften geht man ein Risiko ein – im Internet geht dieser Aspekt realer Beziehungen verloren, schreibt Roger Scruton in “Hiding behind the screen“. Fernsehen, Facebook, Second Life, iPod – deren Dominanz reduziert die Erfahrungsmöglichkeiten, die man braucht, um Selbstbestimmung (Fichte), Anerkennung (Hegel) und Entfaltung (Marx) zu erleben. Demgegenüber wird die Entfremdung durch den Fetischismus der Massenkultur (Adorno, Horkheimer) immer subtiler – und umfassender. Es fehlt an einer kritischen Haltung, die es den Menschen erlaubt, auf reale Erfahrungen und reale Emotionen Wert zu legen. Dazu gehört das Eingehen von Risiken – auch realer emotionaler Risiken, wie sie in naturwüchsigen Beziehungen drohen. Um zu einem moralischen Wesen zu wachsen, braucht es “risk, embarrassment, suffering, and love.“
Literatur, Kultur, Politik, Internet
Posted by Björn in Buecher, EBooks, Geschichte, Internet, Kulturphilosophie, Literatur, Medien, Philosophiegeschichte, Politik, Sprache on 2010/10/24
Drei Artikel:
Die Provinz, die Schweden ist: Schwedische Kommentatoren sind mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Mario Vargas Llosa nicht einverstanden – weil er auf der falschen politischen Seite stehe. Johan Norberg wundert sich über seine Kollegen: disqualifiziert sich ein Schriftsteller, weil er einen Liberalismus in der Tradition von John Locke und Adam Smith befürwortet? Weil er sich vom Kommunismus abgewendet hat, weil er entsetzt ist über das Leid, das sozialistische Machthaber verursacht haben? “He moved on not because he was no longer able to sympathise with the poor and oppressed, but because he still did when others began to identify more with the revolutionaries than with the people in whose name they made the revolution. He saw that Castro persecuted homosexuals and imprisoned dissenters. While other socialists kept quiet and thought that the dream justified the means, Vargas Llosa began to ask himself the difficult questions about why his ideals looked more like prison camps than socialist utopias when realised.”
James Buchan rezensiert beim Guardian Peter Watsons Buch “The German Genius”
Braucht Poesie Papier? Gefährdet die Veränderung der Medien den Reichtum und die Vielfalt künstlerischen Schaffens? Schrumpft der Kontext und veräbdert dadurch die Sprache, wie Don DeLillo meint?