David Mikics hat eine intellektuelle Biografie über Jacques Derrida geschrieben – “Who Was Jacques Derrida?” – die von David Kaufmann im Onlinemagazin Tablet rezensiert wird. In den 80er-Jahren war Mikics ein Anhänger Derridas – zu einer Zeit, als Derridas Dekonstruktivismus die amerikanischen Geisteswissenschaften dominierte: so vehement, wie Derridas Skeptizismus vertreten wurde, so heftig wurde er kritisiert. Mikics zeichnet die biografischen Stationen von Derridas subversiver Polemik nach, und zeigt die Widersprüche seiner Position. Derridas moralisch-praktische Indifferenz sind der wichtigste Grund für Mikics, die Philosophie des Stars der 80er aufzugeben.
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Die Philosophische Fakultät der Universität Oxford stellt die aktuellen John Locke Lectures auf ihrer Webseite als Podcast bereit. Dort sind auch die Lectures aus dem vorherigen Jahr als Podcast sowie die der Jahre 2005 bis 2001 teilweise als PDF erhältlich. Zu Lectures von Philosophen, die vor 2000 in Oxford eingeladen waren (z.B. der in Deutschland bei jungen Philosophen oft unbekannte Robert Nozick, John McDowell oder Ernst Tugendhat) gibt es keine elektronischen Materialien.
Martha Nussbaum rezensiert in The New Republic drei Bücher, die sich mit den philosophischen Aspekten von Shakespeare beschäftigen, darunter eines von Colin McGinn. Doch nur eines wird ihrer Ansicht nach der Aufgabe gerecht, die Literatur als Quelle eines philosophischen Rätsels über die menschlichen Verhältnisse zu würdigen, ohne sie zu einem Einführungstext für Studienanfänger zu degradieren, nämlich “Double Vision. Moral Philosophy and Shakespearean Drama” von Tzachi Zamir (Princeton University Press):
“The philosopher needs to turn to literature because literature gets at depths of human experience, tragic or comic, that philosophical prose does not reach; but then the philosopher will need to show the imprint of that complexity, to reveal something of the pain or the joy that the work evokes from his or her own character. Double Vision owes its success precisely to this capacity for philosophical puzzlement, for laying the plays newly open both to emotional experience and to serious reflection.“
Harry V. Jaffa: “By Camus’s hero we are taught to be repelled by those who (he believes) falsely teach us that there is any foundation for human attachments, or that there is anything in the universe that is lovable.” Auch Dostojewskis Raskolnikov glaubt, dass er durch ein Verbechen geläutert wird. Meursault erlangt dadurch die perfekte Indifferenz, Raskolnikov eine höhere christliche Moral.
In Shakespeares Macbeth dagegen können die Protagonisten sich der Moralität nicht entziehen: im Augenblick ihres Verbrechens sind sie bereits selbst gestraft, ihre Handlung war selbstzerstörerisch.
Zwei neue Podcasts bei Philosophy Bites:
Alain de Botton diskutiert mit Nigel Warburton über Philosophie inner- und außerhalb des akademischen Betriebes und über den erforderlichen literarischen Stil.
Miles Burnyeat erläutert Aristoteles’ Konzeption von Glück.
Ulrich Greiners Rezension von Rüdiger Safranskis Buch “Romantik” erschien ursprünglich am 6.9.2007 in der “ZEIT”. Auf Sign and Sight ist sie jetzt auf Englisch unter dem Titel “The enchantment of the world” online erschienen.
In einem Interview mit der NZZ äußert sich der britische Schriftsteller Ian McEwan kritisch zur Religion, die in den letzten Jahren angeblich eine Renaissance erlebt.
“Im Gegensatz zur Wissenschaft und zum einzigartigen Projekt der Rationalität, das sich immer wieder selbst korrigiert, beruhen Religionen auf heiligen Texten, die für alle Zukunft festgeschrieben sind, und wir müssen uns mit ihnen auseinandersetzen, weil sie Behauptungen über die Welt aufstellen, für die es nicht die geringsten Beweise gibt.
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Paradoxerweise haben also die Terroranschläge bei mir dazu geführt, nicht nur über den religiösen Glauben nachzudenken, sondern auch über die Alternative, die wir haben, und das ist in meinen Augen die Rationalität. Die Welt, die wir durch das Hubble-Teleskop oder durch ein Mikroskop betrachten, die Welt, die uns die Wissenschaft erschliesst, ist unendlich schöner als die Welten, die uns das Christentum, der Islam, der Buddhismus oder der Hinduismus zu bieten haben. Wir sollten anfangen, unsere Rationalität und unsere Wissenschaften als die wunderbaren Errungenschaften menschlicher Genialität zu feiern und der Arroganz derer zu misstrauen, die nicht nur behaupten, dass es einen Gott gebe, sondern uns auch noch sagen, was er denkt. Wir können Wunder und Inspiration in den Werken von Goethe und Shakespeare finden; wir können der Literatur eine moralische Orientierung entnehmen, die die Bibel nicht zu bieten hat.”
Ian McEwan auf NZZ-Online: “Wie viel Freiheit hat der Mensch?“
Andrea Diener hat einen guten Überblick über den Streit zwischen FAZ und Perlentaucher geschrieben, bei dem in erster Instanz die Klage der FAZ abgewiesen wurde. Ich habe mich mangels Zeit bislang wenig damit beschäftigt, ich kann nur sagen, dass ich ohne den Perlentaucher wohl kaum Online-Beiträge der FAZ lesen würde.
Oskar Pastior, der alte Lyrikformen wiederbelebt und neue – wie den “Sonettburger” – geschaffen hat, ist gestern gestorben, wenige Tage, bevor er den ihm zugesprochenen Büchnerpreis 2006 in Empfang nehmen konnte.
Die Rede ist viel vom Urheberrecht, dem bedrohten, schützenswerten. Gemeint ist aber das Recht der Verwerter, nicht der Urheber. Autoren dagegen haben wie eh und je Anlass zur Klage, systematisch hintergangen zu werden.
“Allerhöchste Zeit, dass auch Verlage, die sich über die Rechte ihrer Vertragspartner so flott hinwegsetzen, eine entsprechende Behandlung erfahren. Für jede dem Autor verschwiegene Verwertung seines Werkes Gefängnis oder ein angemessener Schadensersatz – nicht nur die paar Peanuts, die manche Verlagshäuser ihren Autoren anzubieten wagen, wenn ihre Heimlichkeiten zufällig entdeckt werden.”
Theo Winterlich in Telepolis