Bachs Porträt in Leipzig

In seiner BBC-Doku über Johann Sebastian Bach (hier bereits erwähnt) erzählt John Eliot Gardiner, dass er in seiner Kindheit quasi unter den Augen Bachs groß geworden sei. Ein Porträt Bachs emigrierte nämlich mit seinem Besitzer während der Nazi-Diktatur nach England und kam so ins Haus Gardiner. Nach verschiedenen anderen Aufenthalten kommt das Bild nun ins Bach-Archiv in Leipzig, berichtet die FAZ. Die New York Times schreibt ausführlich von der kleinen Zeremonie, mit der Gardiner das Bild in Princeton, der Heimat seines bisherigen Besitzers, abholt. Auch der Guardian, die Japan Times und viele andere Publikationen weltweit berichten.

Post-Irgendwas … äh … -Internet-Art

Während Millionen von Menschen die Euphorie der Digitalisierung und sozialer Netzwerke gerade erst entdecken oder dies in den nächsten Jahren noch vor sich haben, sind Andere schon längst von Ermüdungserscheinungen geplagt – wie beispielsweise die Künstler der Post-Internet-Art, die zwischen alltäglicher Selbstverständlichkeit, gepflegter Langeweile und Kulturkritik durch den Datenstrom schippern, wie Kito Nedo in der ZEIT schreibt.

Scruton über neuen Szientismus in Kunst und Geisteswissenschaften

In The New Atlantis hat Roger Scruton einen Artikel über die neueste Form von Szientismus geschrieben, die mit dem Anspruch antritt, Kunst und Geisteswissenschaften wissenschaftlich, zuverlässig und produktiv zu machen: “Scientism in the Arts and Humanities“.

In der Kunst sieht Scruton die “Neurorüpel” mit einer “Neuroästhetik” am Werk, denen ein fMRI des Kunstbetrachters genügt, um die Bedeutung eines Kunstwerks zu erfassen. In den Geisteswissenschaften sieht er die von Richard Dawkins und Daniel Dennett propagierte Memetik als ideologiekritische Illusion – sie sei selbst eine Magie -, durch die man nicht mehr zwischen Bachs Matthäuspassion und einem Hai in Formaldehyd unterscheiden könne.

Scruton verteidigt dagegen eine Subjektivität, die sich rational Sinngehalte erschließen kann. Dafür seien Hochkultur, Kunst und Geisteswissenschaften lebensnotwendig.

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A Theory of Justice – The Musical: Runde 2

Das Musical “A Theory of Justice”, benannt nach dem gleichnamigen Klassiker von John Rawls, hatte Anfang des Jahres erfolgreich seine Premiere in Oxford (siehe z.B. meinen Bericht hier). Nun singen und tanzen Rawls, Nozick, Platon, Mill und Rousseau vom 31. Juli bis zum 26. August in Edinburgh. Der Eintrittspreis liegt etwa zwischen 8 und 12 Pfund. Soundtrack und Film können auch online bezogen werden (je für 9,99 $).

Ob man in Deutschland auch einmal ein solches philosophisch-musisches Projekt realisieren wird? Habermas’ “Theorie des kommunikativen Handelns” oder Poppers “Offene Gesellschaft und ihre Feinde” beinhalten jedenfalls hinlänglich viel Personal, das in werkgetreuer Dramatik auf die Bühne gebracht werden könnte. Vielleicht ja auch als mehrteilige Kinokassenschlager.

Das Musical zu John Rawls: A Theory of Justice

Anfang des Jahres machte die Nachricht die Runde (z.B. beim Blinden Hund), dass es zu John Rawls’ Klassiker “A Theory of Justice” nun ein Musical in Großbritannien gibt. Rebecca Reilly-Cooper, Philosophin an der Universität Oxford, hat nun einen Bericht dazu im Philosopher’s Magazine geschrieben.

Sie ist begeistert davon, dass das Stück sowohl komisch sei als auch philosophische Tiefe habe. So wirft Immanuel Kant auf John Rawls Ausruf “Das ist ja phänomenal!” ein: “Nein, es ist noumenal!” Und Robert Nozick kündigt auf der Bühne an, in einigen Jahren mit einer Oper herauszukommen. (Ob das allerdings eine verdienstvolle Leistung im Sinne des Internetphilosophen Michael Seemann ist, vermag ich nicht zu sagen.)

Das Musical “A Theory of Justice” ist bei Vimeo als On-Demand-Video für 10 Dollar zu sehen.
Hier ist der Trailer dazu:


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Die Principia Mathematica von Russell und Whitehead wurden übrigens auch kürzlich als Musical aufgeführt.

Principia Mathematica als Musical

Am 20. Februar wurde in London das Musical “Principia Mathematica” aufgeführt. Grundlage ist natürlich das berühmte Monumentalwerk von Alfred North Whitehead und Bertrand Russell, dessen dritter und letzter Band vor 100 Jahren veröffentlicht wurde. Die Principia sollten die logischen Grundlagen der Mathematik darlegen, und so ist es erklärlich, dass man sich einige Seiten hindurcharbeiten muss, um bspw. zu dem Ergebnis zu gelangen, dass 1+1=2 ist.

Dieses Werk hat Tyrone Landau nun als Musical in der Conway Hall in London, die offenbar als progressiver Veranstaltungsort der Londoner Kulturszene bekannt ist, zur Aufführung gebracht. Das Werk ist “scored for singers, dancers, musicians and philosophers” – was schon einmal vielversprechend klingt. Wenn es sich bei Tyrone Landau um den Tenor Tyrone Landau handelt, konnte möglicherweise dieser Videomitschnitt einer anderen Veranstaltung in London mit Beteiligung eines Tyrone Landau einen Hinweis darauf geben, wie man sich die musikalisch-tänzerische Darbietung der Principia vorzustellen hat:

Möglicherweise wird die oft belächelte Fähigkeit, seinen Namen zu tanzen, durch diese mathematisch-logische Musik- und Tanzperformance ja rehabilitiert. Meldungen über das Ereignis scheint es jedenfalls so gut wie keine zu geben – außer bei einem Online-Journal für Internationale Konzert-, Opern- und Balletkritiken. Dort heißt es, das Musical sei in 10 Szenen mit Gesang, gesprochenem Wort, Tanz und aufgezeichneter Violine aufgeführt worden. Anklänge von Debussy und Cabaret-Liedern seien vernehmbar gewesen. Das Werk leide aber darunter, Kurt Gödels Antwort auf Russell und Whitehead nicht berücksichtigt zu haben, zumal das Publikum es dann sicher besser verstanden hätte.

Darwinistische Ästhetik und Neuroästhetik

Adam Kirsch bespricht in “New Republic” drei Bücher, die sich aus einer darwinschen biologischen oder einer neurowissenschaftlichen Perspektive mit dem Phänomen der Ästhetik beschäftigen:
“Why Lyrics Last: Evolution, Cognition, and Shakespeare’s Sonnets”, von Brian Boyd
“Wired for Culture: Origins of the Human Social Mind”, von Mark Pagel
“The Age of Insight: The Quest to Understand the Unconscious in Art, Mind, and Brain, from Vienna 1900 to the Present”, von Eric R. Kandel

Im Raum stehen Fragen wie, ob das menschliche Kunstbedürfnis genetisch erklärbar ist, ob es etwas zur Fitness der Gene beiträgt, oder ob, wie Darwin schon angemerkt hat, der Schönheitssinn der Tiere gar nicht mit dem eines kultivierten Menschen vergleichbar sei. Analog für die – so Kirsch – verwandte neuere Neuroästhetik fragt man, wie Ästhetik als Funktion des Gehirns erklärt werden könne.

Kirsch wendet dagegen ein, Shakespeare habe in dritter Generation keine Nachfahren mehr gehabt. Nicht seine Gene, wohl aber seine Werke seien bis heute überliefert. Unter anderem dies zeige, dass die Möglichkeit, Kunst und überhaupt menschliche Unternehmungen rein darwinistisch zu erklären, einfach verschwinde, meint Kirsch. Ähnlich beurteilt er den Ertrag eines Buches des Nobelpreisträgers Eric Kandel. Auch der Neurowissenschaftler habe mit Blick auf die Erklärung lediglich Banalitäten vorzuweisen. Darwinistische und Neuroästhetik könnten, wenn sie denn mal die Mechanismen unserer ästhetischen Erfahrung erklärt haben werden, an der Art, wie wir Kunst erleben, nichts ändern.

Insgesamt ist Kirschs Kritik durchaus nicht destruktiv. Insoweit überzogene Ansprüche naturalistischer Erklärungen von Kultur bestehen, hält er sie für unbegründet.