Die Trolle nicht mehr gewinnen lassen

Kashmir Hill schreibt auf Forbes über das alltägliche Trollen, Mobben, Schikanieren und Bedrohen im Internet. Sie erwähnt aktuelle Vorkommnisse der letzten Wochen, die mit ihrer Lektüre von Danielle Citrons neuem Buch “Hate Crimes in Cyberspace” zusammenpassen – was nicht verwunderlich ist, weil Tag für Tag solche Geschichten passieren.

Erhält eine dieser Geschichten mal etwas mehr Öffentlichkeit, ist die Betroffenheit groß, aber meistens kurz. Es herrscht offenbar der Eindruck, dass es sich um Einzelfälle handelt, von denen man selbst nie betroffen sein könnte. Danielle Citron, die sich seit einem Jahrzehnt mit diesem Phänomen beschäftigt, sagt: “There’s not a week that goes by that I don’t get an email from someone saying, ‘Please help me.’

Intelligenztest Nettigkeit und Mitgefühl: Love is louder

Es ist wichtig, dass die Menschen ermutigt und aufgebaut werden, die sich durch aggressive, offensive, übergriffige, demütigende Äußerungen von respektlosen Trollen, Rechthabern, Wichtigtuern, und Besserwissern eingeschüchtert fühlen. Arroganz ist das Gegenteil von Intelligenz.

In den USA gibt es im Profisport gerade mehrere Projekte, die die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen wollen, dass aggressives Kommunikationsverhalten nicht akzeptabel ist. Prominent ist diesbezüglich schon seit einiger Zeit die Aktion “Boston vs Bullies”.

Vor einigen Tagen haben sich Spieler der MLS-Fußballmannschaft Chicago Fire mit einer Aktion für “Love is louder” auf Twitter und YouTube beteiligt.

Auch die Fans zeigten am Wochenende während eines regulären Ligaspiels ihre Unterstützung für die Aktion:

“Love is louder” geht auf die Initiative eines Elternpaares zurück, das seinen Sohn durch Suizid verloren hat. “Love is louder” ist ein “movement of people here to say that love is louder than any voice that causes us pain or brings us down.

Auch wenn Manche gerne das Gegenteil behaupten – nett zu sein ist definitiv intelligent. Wie erbärmlich ist es dagegen, absichtsvoll eigenes und fremdes Unglück herbei zu führen:

Jaron Lanier – Kritik und Konzeption

Jaron Lanier ist deshalb einer der interessanten Autoren in Fragen der digitalen Kultur, weil er in seinen Texten philosophische Reflexionen mit Kritik verbindet, die sich aus einem phänomenologischen Gespür für wahrnehmungsästhetische, techniksoziologische, kulturelle und ethische Fragen ergibt. Diese geht Hand in Hand mit einer positiven Konzeption einer humanen Technologie.

Lanier reflektiert über neue und alte Selbstverständlichkeiten und zeigt eine deutliche ideologiekritische Skepsis bezüglich quasireligiöser Aufladungen technologischer Weltbilder. Gerade die seit den 50er-Jahren etablierte Ideologiekritik (in Deutschland z.B. Frankfurter Schule, Topitsch, Kritischer Rationalismus) scheint im Bereich der Digitalen Technikutopien noch gar nicht verfangen zu haben, und daher ein ergiebiges Betätigungsfeld zu sein. Jaron Lanier gehört zu den Autoren, die diese Notwendigkeit schon vor Jahren erkannt haben.

Den Troll ausblenden

Der Troll kehrt auf seiner moralischen Mission immer wieder an die Orte im Internet zurück, wo er meint, die Welt ändern und mit seiner Verkündigung beglücken zu müssen. In seinem beamtenhaften religiösen Eifer ist er wie ein Stalker.

Für Marginal Revolution gibt es nun ein User Script, um wenigstens nervige Kommentatoren zukünftig auszublenden – ein Beitrag, um Internetkommunikation wieder sozial zu machen. (Das Script läuft im Browser ohne zentrale Datenhaltung. Es ändert nicht die betreffende Seite selbst, sondern nur die Darstellung im eigenen Browser.) Der Troll kann weiter seine Zeit verschwenden ohne das Ausmaß seiner Irrelevanz zur Kenntnis zu nehmen – und alle anderen sparen ihre Zeit. Das Script sollte sich leicht für andere Seiten anpassen lassen.

Der Nachteil an dieser Lösung ist, dass man nicht sieht, wie schlecht ein Kommentarthread für Leute aussieht, die das Script nicht nutzen.

Sokrates über die Debattenkultur im Internet

Die sozialpsychologischen Mechanismen der Internetkultur sind einigermaßen trivial. Um hierzu dennoch große “Netzphilosophien” und “Systemtheorien” anzubieten, muss man denn schon die schlichten Sachverhalte möglichst obskur und getragen von religiösem Bekehrungseifer darstellen.

Einen der zentralen Mechanismen der “Netzdebatten” hat Sokrates beschrieben: “Denn was nach seinem eigenen Sinn gesprochen wird, daran freut sich ein jeder, was aber aus einem fremden, das ist ihm zuwider.” (Platon: Gorgias, 512b) Und wegen dieser nüchtern-realistischen Einschätzung empfiehlt Sokrates Vernunft und Moral als einzige intelligente Option.