Virtual Reality, Marketing und überhaupt

James Au ist bekannt als Blogger und Experte für Virtual Reality und Second Life. Mit den für die nächsten Monate angekündigten neuen Produkten für Virtual Reality ist auch wieder die Erwartung gestiegen, dass es mit den neuen Optionen zu einigen Veränderungen im Userverhalten kommen wird. James Au gibt in einem Artikel den Erwartungen aus Sicht der Marketingwirtschaft einen Dämpfer, der darüberhinaus aber auch – jedenfalls für Kenner – Rückschlüsse darauf zulässt, wie die Entwicklung in den nächsten Jahren aussehen könnte.

Nice to have

Eine objektive Einschätzung muss ja möglichst alle Umstände vollständig berücksichtigen. In bester aristotelischer Manier gehört zur Würdigung der Segnungen der Technik auch eine Berücksichtigung soziokultureller Aspekte, wie etwa der folgende:

Nach einer von mir frei erfundenen Statistik sind ca. 4,7 % der Menschen rücksichtslose Spinner, narzistische Trolle oder selbstsüchtige Riesenarschlöcher, die von den Vorteilen ihrer jeweiligen Zivilisation, Kultur oder peer group, egal wo auf der Welt, profitieren und sich dabei – eben – rücksichtslos betätigen (Diktatoren neigen dazu, diese Zahl weit zu übertreiben, vermutlich weil sie diesbezüglich ja von Ihresgleichen sprechen). Für diesen Typus ist es leicht, jede Art von Diskurs und Kulturraum zu prägen und das Niveau weit nach unten zu drücken. Die Segnungen der Technik erleichtern und vervielfältigen die freudvolle Bekanntschaft mit ihm. Die “sozialen” Netzwerke sind ein offenkundiges Beispiel. But there’s more to come.

Hübsch ist dieses Resultat einer Vermietung über AirBnB in Calgary:

Auch der Spaß mit den praktischen Drohnen wird sicher zunehmen angesichts der Möglichkeiten:


Wired spricht jedenfalls vom Beginn der Ära des Drohnen-Vandalismus. [via]

Aber auch die Unternehmen, die Gerüchten zufolge für zukunftsweisend gehalten werden, tragen ihr Scherflein zum Irrsinn bei. Seit Jahren bestehen “Erlebnisverbesserungen” in Zwangsmaßnahmen und digitalen Entmündigungen (hier wird ein Beispiel von Google beiläufig erwähnt – man hat sich schon längst daran gewöhnt). Apple ist aber immer ein innovativer Vorreiter, auch in dieser Hinsicht.

Da Fatalismus und Resignation keine Optionen sind, muss man eben weiter die Tugenden der Apfelbäumchenpflanzer und -umarmer kultivieren.

Die Segnungen des Internetdiskurses

Was manche Fußball nennen, nennen andere Soccer, wobei letztere durchaus nicht unrecht haben – denn Soccer war in London, Oxford und Cambridge in den 1870er Jahren die gebräuchliche und plausible Bezeichnung für Fußball im Gegensatz zu Rugger (Rugby). Nun sind Worte ein ausgezeichneter und würdiger Anlass für Streit und Beleidigungen – wofür die sozialen Netzwerke und Kommentare im Internet schließlich geschaffen wurden. Als paradigmatisches Beispiel mag mustergültig und vorbildlich (noch mehr Doppelungen krieg ich nicht unter) diese Rekonstruktion eines Internetdiskurses über die historisch-philologisch korrekte Bezeichnung für Fußball / Soccer dienen:

Post-Irgendwas … äh … -Internet-Art

Während Millionen von Menschen die Euphorie der Digitalisierung und sozialer Netzwerke gerade erst entdecken oder dies in den nächsten Jahren noch vor sich haben, sind Andere schon längst von Ermüdungserscheinungen geplagt – wie beispielsweise die Künstler der Post-Internet-Art, die zwischen alltäglicher Selbstverständlichkeit, gepflegter Langeweile und Kulturkritik durch den Datenstrom schippern, wie Kito Nedo in der ZEIT schreibt.

Alltägliches Trolling und Mobbing

Trolling und Mobbing sind alltäglicher Bestandteil unserer Interneterfahrung. Abgesehen davon, dass auf diese Weise die Skrupellosen die Kultur immer mehr prägen, gibt es täglich zahllose Opfer dieser Verhaltensweise. Lindy West, die 2013 den Women’s Media Center Social Media Award erhalten hat, schreibt im Guardian darüber, wie sie damit umgeht, täglich digital schickaniert zu werden und wie es ihr in einem Fall gelungen ist, mit einem ihrer Trolle ins Gespräch zu kommen.

Nun hat nicht jeder die Nerven, so aktiv mit den täglichen Verfolgern umzugehen, wie sie. Und das Spektrum an Vorfällen und Betroffenen ist sehr vielschichtig. Ich habe in den letzten Jahren einen täglichen Troll, dem es nicht genügt, seine Meinung ins Internet zu schreiben wie alle anderen auch, sondern der – trolltypisch – von seiner Mission besessen ist, dass er unbedingt gehört werden muss. (Wie alle Ratgeber empfehlen, habe ich die Kommunikation längst eingestellt und auch hier die Kommentare schon lange geschlossen, aber es gehört nicht viel Witz dazu, soziale Plattformen wie Twitter oder Facebook für Trollzwecke zu nutzen.) Warum er sich dazu ein Blog mit kaum 40 oder 50 Lesern aussucht (von denen die meisten über eine zufällige Googlesuche aus den verschiedensten Winkeln der Welt hier landen), wenn er doch die wahre Wahrheit zu verkünden hat, ist mir schleierhaft, aber dies ist eben ein Beispiel für die Vielschichtigkeit des Trollproblems, das nicht durch ein, zwei Stereotypen zu erfassen ist.

Der Guardian hat eine ganze Reihe über Cyberbullying. Und Bullying / Trolling / Mobbing werden sicher auch hierzulande immer mehr in den Mittelpunkt rücken, wenn wir über unsere Kommunikation im Internet nachdenken.

Trollfabrik: 135 Kommentare pro Schicht

Radio Free Europe / Radio Liberty hat ein Interview über eine Trollfabrik. Es geht um irgendein politisches Thema mit Blick auf irgendein bestimmtes Land. Auch der Guardian berichtet über zwei spezialisierte und bezahlte Trolle aus einem größeren organisierten Trollnetzwerk.

Dass im Internet systematisch getrollt wird ist seit langem bekannt, und man darf annehmen, dass die Knaller dieser Welt ihre Bemühungen im Medium der freien Kommunikation weiter massiv ausweiten werden. Das Internet ist für den Troll das Schlaraffenland.

Das sollten Leute, die noch zivilisiert kommunizieren können und die Qualität von Information schätzen, immer in Rechnung stellen.