Klangkörpermoden

Der Perlentaucher berichtet, wie in den Feuilletons Nikolaus Harnoncourts “prophetische” Mission gegen den “Schönklang” als “Urknall” der “historischen Aufführungspraxis” gefeiert wird. In der Tat quietscht es auf Klassiksendern an allen Ecken und Enden schön historisch – die Gravitationswellen der “Ohrenputzer”-Mission haben sich lange schon flächendeckend ausgebreitet. Wenn sich die Kritiker darüber einmal beruhigt haben werden, wird das “Festliche”, “Karajaneske”, “Schöne” dann wieder in einem anderen Licht erscheinen? Oder ist diese “Antiterrormission” nur die erste Etappe einer weltverbessernden Dauerdekonstruktion? Oder fällt der Klassikbetrieb eh in sich zusammen – vielleicht weil man nicht Karajans Technikcredo, sondern Harnoncourts Antiquitätenmission gefolgt ist, oder weil das Publikum weg ist?

Bachs Porträt in Leipzig

In seiner BBC-Doku über Johann Sebastian Bach (hier bereits erwähnt) erzählt John Eliot Gardiner, dass er in seiner Kindheit quasi unter den Augen Bachs groß geworden sei. Ein Porträt Bachs emigrierte nämlich mit seinem Besitzer während der Nazi-Diktatur nach England und kam so ins Haus Gardiner. Nach verschiedenen anderen Aufenthalten kommt das Bild nun ins Bach-Archiv in Leipzig, berichtet die FAZ. Die New York Times schreibt ausführlich von der kleinen Zeremonie, mit der Gardiner das Bild in Princeton, der Heimat seines bisherigen Besitzers, abholt. Auch der Guardian, die Japan Times und viele andere Publikationen weltweit berichten.

Gardiners BBC-Doku über Johann Sebastian Bach ist online

Die BBC hat die gelungene Bach-Doku des britischen Dirigenten auf YouTube veröffentlicht: John Eliot Gardiner hat sich auf den Spuren Johann Sebastian Bachs auf die Reise gemacht, um mehr über die Person und was sie bewegte zu erfahren. Gardiner zeichnet Bach als leidenschaftlichen Musiker mit einer komplexen Gefühlswelt. Und er zeigt Orte aus Bachs Leben, erläutert biografische Phasen und – vor allem – führt so in die Musik Bachs ein.

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Larry Siedentop über eine christliche Tradition des Liberalismus

Der Isaiah-Berlin-Schüler Larry Siedentop hat in seinem neuen Buch “Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism” eine alternative Entstehungsgeschichte des Liberalismus aus europäischen christlichen Wurzeln darzustellen versucht. Samuel Moyn schreibt dazu eine etwas ausführlichere Rezension in der Boston Review. Er findet Siedentops Perspektive interessant, aber nicht überzeugend. In der Stützung der Hypothese seien große Lücken und das Buch sei in weiten Teilen eine Beschreibung der christlichen mittelalterlichen Geschichte – aber eben keine Erklärung des behaupteten christlichen Ursprungs des Liberalismus, so der Rezensent.

Steven Pinker antwortet seinen Kritikern

Steven Pinkers Buch “The Better Angels of Our Nature: A History of Violence and Humanity” (deutsch als “Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit” erschienen) hat einige Aufmerksamkeit bekommen. Er vertritt darin die These, dass die Gewalt in der Geschichte der Zivilisationen zurückgegangen sei.

In der Zeitschrift “Sociology” antwortet er jetzt auf einige kritische Rezensionen. Die Antwort bietet er als PDF auf seiner Webseite (PDF) an. Unter anderem nimmt er Stellung zu dem Vorwurf, er habe Foucault nicht berücksichtigt: trotz Foucaults guruartigem Status halte er dessen Theorie für exzentrisch und schlecht argumentiert.

Angesichts der Ereignisse in den letzten zwei Jahren seit Erscheinen seines Buches beschäftigt sich Pinker auch mit der Frage, ob die Gewalt wieder zunimmt (ebenfalls als PDF auf seiner Seite).

John Gray, der sich in den letzten Jahren offenbar in seiner Rolle als Polemiker gefällt, hat sich leidenschaftlich in mehreren Artikeln auf Pinkers Thesen eingeschossen: schon 2011 bezeichnete er sie als “Nonsense” (Grays Argumente nimmt wiederum Steve Clarke im “Practical Ethics”-Blog der Universität Oxford unter die Lupe) und erst vor einer Woche legte Gray im Guardian wieder nach: Pinkers These sei Wunschdenken.

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Die Überlieferungsgeschichte des Bodhicaryavatara

Das Bodhicaryavatara ist einer der meistgelesenen buddhistischen Texte. Es ist ein Lehrgedicht, das auf anschauliche Weise und mit inspirierenden, heute mitunter unzeitgemäß klingenden, Metaphern den Weg beschreiben soll, auf dem das Bodhisattva-Ideal – das zentrale Leitbild für Buddhisten in der Mahayana-Tradition – erreicht werden kann. Sein Autor ist Shantideva, ein südindischer Königssohn, der im frühen 8. Jahrhundert in der legendären buddhistischen Universität Nalanda lebte.

Der Text des Bodhicaryavatara, wie er in der tibetischen Tradition überliefert wurde und der den heutigen Übersetzungen zugrundeliegt, hat aber historische Vorläufer, die im Umfang variieren. Wie Siglinde Dietz (Universität Göttingen) in einem ausführlichen Aufsatz (PDF) und Sam van Schaik (British Library) in einem Blogpost (mit Abbildungen) gestützt auf Arbeiten von Akira Saito berichten, umfasst die geläufige Version 913 Verse in zehn Kapiteln, während eine ursprünglichere Version 701 Verse in neun Kapiteln umfasst.

Tibetische Gelehrte hatten wohl Kenntnis davon, dass es verschiedene Versionen des Bodhicaryavatara gibt, wie aus einigen ihrer Anmerkungen zu dem Text ersichtlich ist. Akira Saito zufolge ist die kürzere Version die frühere. Die durch den Tibetischen Buddhismus überlieferte Version scheint auf indischen Handschriften des 8. bis 11. Jahrhunderts zu beruhen, in denen neue Verse ergänzt wurden. Dies ist nichts Ungewöhnliches für Texte, die über viele Jahrhunderte eine weite Verbreitung in unterschiedlichen Regionen finden und eine solche praktische Bedeutung haben wie das Bodhicaryavatara. In der tibetischen Überlieferung war die längere Version eine wertvolle Quelle des buddhistischen Schrifttums, möglicherweise weil sie die erste oder einzige war, die in Tibet verfügbar war. Sie hat bis heute Generationen von Buddhisten auf dem Weg zum Bodhisattva-Ideal begleitet.

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Habermas und die Römer

Rechtzeitig zum Fest stellt Spiegel-Online einige neue Bücher vor. Unter den Kurzrezensionen befindet sich auch die Habermas-Biografie von Stefan Müller-Dohm und ein neues Buch über Augustus von Ralf von den Hoff, Wilfried Stroh und Martin Zimmermann. Geeignete Lektüre, um aus den intellektuellen Höhen von Twitter und Facebook hinabzusteigen in die Welt der Information und Argumente.

Neue Biografie Max Webers von Jürgen Kaube

Der FAZ-Redakteur Jürgen Kaube hat bei Rowohlt eine Biografie zu Max Weber veröffentlicht: “Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen”. Das Buch hat zahlreiche positive Kritiken bekommen, z.B. von Stefan Breuer in der NZZ, aber auch in der FR, beim Freitag und diversen anderen. Bei Deutschlandradio Kultur gibt es ein Interview mit dem Autor über das Buch und Max Weber.

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Bücher zur Geschichte des antiken Griechenland

Für den Laien ist es nicht leicht, Bücher zur antiken Geschichte zu finden, die einen guten Überblick bieten ohne zu sehr durch die für ihn kaum durchschaubare fachwissenschaftliche Diskussion einer aktuellen Historikerkontroverse geprägt zu sein. Hier eine Auswahl von drei Büchern zur Geschichte Athens und Spartas, die dies zu leisten scheinen:

Martin Drehers “Athen und Sparta” liegt im Beck-Verlag in zweiter, aktualisierter Auflage mit 223 Seiten vor. Preis: 19,95 Euro.

Charlotte Schuberts Studienbuch “Athen und Sparta in klassischer Zeit” gibt es bei Lehmann Media (258 Seiten). Ein Buch gleichen Titels von ihr erschien 2003 im Metzler-Verlag – dies scheint also eine Neuauflage / Neuausgabe zu sein. Preis: 14,95 Euro.

Athen und Sparta” von Raimund Schulz erschien 2011 in vierter, aktualisierter Auflage mit 180 Seiten bei der WBG. Preis: 17,95 Euro.

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