Zweifelhafte Meldungen in Medien

Wer sich regelmäßig am Zeitungsstand oder bei Google News einen Überblick über die Meldungen verschafft, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich das Niveau nicht wesentlich von Internetmedien unterscheidet – es geht um Sensationen, Schlagzeilen, Empörungswellen. Darin unterscheiden sich Blätter mit vermeintlich “kleinen Buchstaben” nicht von solchen mit großen. In der NZZ kritisiert Walter Krämer den “groben Unfug”, den Medien und Zeitungsredaktionen mit Statistiken anstellen. Die “Unstatistik des Monats” kürt regelmäßig schlecht konstruierte Behauptungen, die uns in den Medien oder im Internet begegnen.

Utilitaristen sind keine Psychopathen

In den letzten Jahren konnte man von sozialpsychologischen Experimenten lesen, deren Resultate zeigten, so hieß es, dass Personen mit utilitaristischen Überzeugungen seltener Mitleid und Hilfsbereitschaft an den Tag legten als der Durchschnitt. Massimo Pigliucci weist nun im Philosophers’ Magazine und in seinem Weblog darauf hin, dass es sich bei dem hier so bezeichneten Utilitarismus gar nicht um Utilitarismus, sondern um rationalen Egoismus handele – zwei in der Moralphilosophie klar voneinander unterschiedene Positionen. Wenn eine ganze moralphilosophische Strömung aufgrund mangelnder Philosophiekenntnisse durch eine falsche Assoziation mit psychoptahischen Tendenzen diskreditiert werde, so sei das eine Mahnung, mit Bezeichnungen und Begriffen behutsam umzugehen, so Pigliucci.

Gegen 10.000 Gebote – Adam Smith

Adam Smith wird immer wieder gegen Klischeevorstellungen verteidigt. Und da er weit mehr als nur der Ökonom war, wird er für eine realistischere Sichtweise in ganz unterschiedlichen Bereichen (Ökonomie, Moralpsychologie, Politische oder Rechtsphilosophie) empfohlen. Zu den prominenten Beispielen für eine solche “Wiederentdeckung” Smiths (hier des öfteren schon erwähnt) gehören unter anderem Ernst Tugendhat, Martha Nussbaum, Amartya Sen und Lisa Herzog. Das Spektrum der damit verbundenen Leitfragen erstreckt sich dabei bis weit ins Sozialdemokratische hinein.

Eine libertäre Sicht auf Adam Smith – also vom anderen Ende des Spektrums – hat der Ökonom Daniel D. Klein von der George Mason University. In diesem Vortrag will er zeigen, dass Smith schon in der Theorie der moralischen Gefühle subtil gegen Überregulierung und staatliche Eingriffe argumentiert habe.

Wissenschaftliche Weltauffassung und Ethik – Der Wiener Kreis

Anne Siegetsleitner, Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Innsbruck, hat die Positionen der Mitglieder des Wiener Kreises zu Fragen der Ethik untersucht. Sie hält es für überfällig, die verengte Sicht auf eine vermeintliche Distanz der logischen Empiristen zur Ethik zu korrigieren und schildert dazu die Standardauffassung des Wiener Kreise und ihre Rezeption in unterschiedlichen Denkrichtungen sowie die spezifischen Auffassungen und Beiträge von Rudolf Carnap, Karl Menger, Otto Neurath, Moritz Schlick und anderen Wienern. Das Buch “Ethik und Moral im Wiener Kreis. Zur Geschichte eines engagierten Humanismus” ist 2014 im Böhlau-Verlag erschienen, aber auch als PDF unter einer Creative-Commons-Lizenz erhältlich.

Die Kunst zu leben – Die Aktualität der antiken Philosophie

Eine beim Publikum beliebte Geschmacksrichtung von Philosophie besteht darin, Philosophien und Fragestellungen der Vorgänger für obsolet zu erklären (siehe Nietzsche, Heidegger, Wittgenstein, Foucault …).

Die Philosophie der Antike mit der für sie zentralen Frage nach einem guten, gelingenden Leben erfreut sich in der letzten Zeit wieder eines lebendigen Interesses bezüglich ihrer praktischen Bedeutung, abzulesen an einer Vielzahl von Publikationen sowohl im akademischen Bereich als auch für ein breiteres Publikum. Hier aus der großen Menge von Publikationen nur zwei Beispiele von Einführungen in diesen Themenbereich:

Christoph Horn veröffentlichte 1998 sein Buch “Antike Lebenskunst. Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern” (3. Auflage im Jahr 2014). Es ist eine sehr gute Übersicht zu den wichtigsten Begriffen und Positionen der antiken Ethik. Zur Orientierung und für ein systematisches Verständnis eine zuverlässige Hilfe.

Auch im englischsprachigen Bereich gibt es eine große Auswahl an guter Literatur zur antiken Ethik. Eine Darstellung stoischer Positionen zur “Kunst des Lebens”, die die Begriffe und Positionen anschaulich auch im Kontext anderer (z.B. moderner) Auffassungen diskutiert ist “The Art of Living: The Stoics on the Nature and Function of Philosophy” von John Sellars, in 2. Auflage 2009 bei Duckworth (mittlerweile Bloomsbury) erschienen.

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Reeves neue englische Übersetzung der Nikomachischen Ethik

Aristoteles’ “Nikomachische Ethik” liegt erfreulicherweise in einer gewissen Anzahl unterschiedlicher Übersetzungen vor, sei es ins Deutsche, Englische usw. 2014 ist bei Hackett eine neue englische Übersetzung von C.D.C. Reeves erschienen, die Lawrence Jost bei NPDR rezensiert.

Offenbar enthält das Buch in den Anmerkungen reichhaltige Verweise und Zitate aus anderen Quellen. Gleichzeitig hat sich Reeve bei der Übersetzung enger an das Griechische gehalten, was auf der anderen Seite wie bei allen möglichst wörtlichen Übersetzungen bei einigen Wendungen zu Verständnisschwierigkeiten führen kann (ein Beispiel wird in der Rezension vorgestellt). Jost geht in seiner Rezension auf verschiedene andere Übersetzungen ein.

Kurt Lampe veröffentlicht Monografie über Kyrenaiker

Es gibt nicht viele Monografien, die sich dezidiert mit den Kyrenaikern beschäftigen – einer Schule, die vom Sokratesschüler Aristipp in Cyrene begründet und von dessen Tochter Arete und wiederum deren Sohn Aristipp weitergeführt wurde. Kurt Lampes neue Veröffentlichung “The Birth of Hedonism: The Cyrenaic Philosophers and Pleasure as a Way of Life” ist bei Princeton University Press erschienen und wird hier bei NDPR rezensiert.

Neuausgabe der Briefe Senecas

Bei Reclam ist eine neue vollständige, übersetzte Ausgabe der Briefe Senecas an Lucilius (der epistulae morales) erschienen. Herausgegeben wurde das 780 Seiten umfassende Werk von Marion Giebel, die schon zahlreiche Werke der antiken Philosophie und Literatur übersetzt und herausgegeben hat. Auch eine Biografie zu Seneca hat sie im Rowohlt-Verlag veröffentlicht. Ob die Übersetzungen für diese Ausgabe neu angefertigt wurden oder aus den zahlreichen deutsch-lateinischen Einzelausgaben der Briefe bei Reclam stammen, kann ich nicht sagen, da ich noch keinen Blick ins Buch werfen konnte und die Reclam-Webseite dazu nichts sagt. Ergänzt wird diese Ausgabe um Zugaben wie Anmerkungen, eine Übersicht über die stoische Philosophie, ein Literaturverzeichnis und ein Nachwort.

Damit liegen die Briefe Senecas in ihrer erschwinglichsten deutschsprachigen Version vor (39,95 Euro). Soweit ich weiß, gibt es dann noch derzeit auf dem Buchmarkt die zweisprachige und zweibändige Ausgabe in der Reihe “Tusculum”, die aber Einiges mehr kostet, sowie die zweisprachige Studienausgabe der Philosophischen Schriften Senecas von Manfred Rosenbach in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, deren Übersetzung sich bewusst eng an das Lateinische anlehnt und damit für heutige deutschsprachige Ohren manchmal ungewohnt ist.

Seneca hat diese Briefe in den letzten Lebensjahren geschrieben. Sie enthalten einige markante Passagen, die oft zur Erläuterung der stoischen Philosophie herangezogen werden, aber auch interessante, manchmal kuriose Details über das Leben zu Senecas Zeiten, wie etwa die Schilderung des übermäßigen Luxuslebens der Begüterten, das der Stoiker Seneca naturgemäß weder für vertretbar noch für heilsam hält.

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Julia Annas im Interview über Tugendethik

Bei Philosophy Bites ist ein Interview mit Julia Annas erschienen (in Englisch), in dem sie erläutert, was die Tugendethik ist und wie man sie sich konkret in der Praxis vorzustellen hat – auch gegen Einwände von konkurrierende Ansätzen. Julia Annas ist eine der prominentesten Philosophinnen im Bereich der antiken Philosophie.

Die Tugendethik ist eine der Hauptrichtungen der Moralphilosophie der letzten Jahrzehnte. Wie der Name vermuten lässt geht sie zurück auf antike Konzeptionen, insbesondere von Aristoteles. In der Tugendethik ist der Charakter von Personen (der hier dynamisch, nicht statisch verstanden wird) von entscheidender Bedeutung, denn er ist es, der die Menschen gut macht, der sie gute Handlungen tun lässt, und der sie letztlich auch glücklich macht. Glück und Ethik waren schon in der Antike eng miteinander verbunden.