Materialien zu Hesses “Narziß und Goldmund”

Volker Michels hat bei Suhrkamp einen Band mit Dokumenten und Texten rund um Hermann Hesses Roman “Narziß und Goldmund” herausgegeben. Nach der aufwühlenden Lebensphase, in der Hesse den “Steppenwolf” schrieb, erreichte er wieder mehr innere Ruhe und konzipierte die Geschichte der beiden gegensätzlichen Charaktere Narziß und Goldmund. Das Buch ist bis heute einer seiner größten Erfolge. In seiner philosophisch feinfühligen Psychologie, aber auch in seinem Bild von Geschichte und Kultur ist es das genaue Gegenteil dessen, was in den 1930er Jahren zum herrschenden Dogma in Deutschland wurde. (Sogleich nach Kriegsende, 1946, erhielt Hesse übrigens den Nobelpreis für Literatur für sein Gesamtwerk.) Die nun bei Suhrkamp erschienene “Dokumentation zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte” enthält eine Chronik, Fragmente, Selbstzeugnisse Hesses zum Buch und Texte aus dem Umkreis.

.

Kurt Lampe veröffentlicht Monografie über Kyrenaiker

Es gibt nicht viele Monografien, die sich dezidiert mit den Kyrenaikern beschäftigen – einer Schule, die vom Sokratesschüler Aristipp in Cyrene begründet und von dessen Tochter Arete und wiederum deren Sohn Aristipp weitergeführt wurde. Kurt Lampes neue Veröffentlichung “The Birth of Hedonism: The Cyrenaic Philosophers and Pleasure as a Way of Life” ist bei Princeton University Press erschienen und wird hier bei NDPR rezensiert.

Martha Nussbaum in Bern: Die Wut produktiv überwinden

Die NZZ berichtet von den dreitägigen Einstein-Lectures von Martha Nussbaum in Bern. Der Publikumsandrang war offenbar groß, was zeigt, dass es durchaus noch Bedarf an reflektierten Argumenten gibt.

Nussbaums Thema war die Wut – und zwar eine andere Art von Wut als die destruktive der Fundamentalisten, Wutbürger und Shitstorms, die sich irrational äußert und Irrationales hervorbringt. Die historischen Beispiele aus jüngerer Zeit, die sie für erfolgreiche und gute Politik anführt, sind Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela.

Adam Smith und Immanuel Kant über Glückseligkeit

1759 veröffentlichte Adam Smith seine “Theorie der ethischen Gefühle” – sein philosophisches Hauptwerk, auch nach Smiths eigener Meinung. Eine erste deutsche Übersetzung erschien erst in den 1790er Jahren.

Seine Ausführungen über die Stoa (VII,2,1) sind bemerkenswert umsichtig und einfühlsam. Er buchstabiert aus, wie es sich anfühlt, ein Stoiker zu sein. Dabei wird man an Kants “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” erinnert. Smith thematisiert Aspekte, die Kant in seinem später erschienenen Buch ebenfalls diskutiert. Man würde sich allerdings wünschen, Kant hätte in sprachlicher Hinsicht von Smiths Ausführungen profitieren können. Kants Sprache ist bekanntlich nicht der Inbegriff von Eleganz, obwohl man sich durchaus darin vertiefen und sie gelegentlich schätzen kann, was dann aber wohl auf Kosten der Mitteilungsfähigkeit gegenüber den Mitmenschen geht.

In einer seiner ersten Arbeiten (1756) berichtet Smith über die Literatur auf dem europäischen Kontinent. Darin bedauert er auch, dass die Deutschen so daran gewöhnt seien, in einer fremden Sprache zu sprechen und zu denken (Latein, Französisch), dass es erklärbar sei, dass “sie nicht imstande sein könnten, sich glücklich oder treffend auszudrücken, sobald es sich um Themen heiklerer oder feinerer Natur handelt.” (Theorie, Hamburg 1994, S. XV).

Es ist eine interessante Spekulation, was bei der großen Nähe Smith über Kants Buch und Kant über Smiths Buch gedacht oder beide miteinander besprochen hätten. Dass sie nie einander begegneten oder brieflich miteinander verkehrten, ist bedauerlich.

Pille gegen Liebeskummer?

Wer Liebeskummer hat, hätte ihn gerne nicht. Doch wen es getroffen hat, der ist oft ratlos. Liebeskummer ist eines der mächtigsten Gefühle, das enorme biografische Auswirkungen haben kann. In Situationen großer Hilflosigkeit kann professionelle psychologische Hilfe ratsam sein. Die Ohnmacht und Verzweiflung, die Betroffene empfinden, hat zweifellos auch eine neurologische Basis. Aber die ist bislang kaum bekannt. Würde man sie kennen, wäre es dann möglich, sie pharmazeutisch zu behandeln, mit dem Ziel, den Liebeskummer zu überwinden? Welche Auswirkungen hätte das auf die Psyche?

Jedenfalls betrachtet man in der Psychologie die Fähigkeit zu autonomer Rationalität als zentralen therapeutischen Wert. Zwei Artikel in einem Special des NewScientist denken darüber nach, ob es möglich und sinnvoll ist, Liebeskummer biochemisch zu behandeln: hier und hier.

Martha Nussbaum über Wut

Vor einigen Tagen hat Martha Nussbaum in Chicago für Studierende einen einführenden Vortrag über Wut gehalten. Wie sie selbst zu Beginn der Aufzeichnung sagt, handelt es sich um Überlegungen, die in Vorbereitung “einer Vortragsreihe” entstanden – offenbar wohl ihrer John Locke Lectures in Oxford (die nun auch seit einigen Tagen auf der Webseite in Oxford angekündigt werden). Die Locke Lectures tragen den Titel “Anger and Forgiveness”.

In ihrem Chicagoer Vortrag argumentiert Nussbaum, dass Wut aus normativer Sicht eine schädliche Emotion ist. Sie bespricht Beispiele von Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela. In der abschließenden Diskussion macht sie auch kritische Bemerkungen zu Foucault (etwa ab 56:15min).


Direktlink

Colin McGinn rezensiert Ray Kurzweil

Colin McGinn rezensiert in der ‘New York Review of Books’ Ray Kurzweils Buch “How to Create a Mind: The Secret of Human Thought Revealed“. Kurzweil ist bekannt als Verfechter des Transhumanismus und Star des Singularitäts-Kults.

McGinn stellt Kurzweil vor als Computeringenieur “with a side interest in bold predictions about future machines“. Man könne folglich nur begierig sein zu erfahren, wie seine Theorie des menschlichen Geistes laute, “hoping the book will justify the hype so blatantly brandished in its title“. Kurzweil hat einige Beiträge zur maschinellen Mustererkennung geleistet. Und auch das “Geheimnis des Denkens” soll auf Mustererkennung beruhen – was McGinn allerdings (plausiblerweise) bezweifelt.

So gehe Kurzweil stillschweigend von externen Stimuli (patterns) zu mentalen Entitäten über, wenn er das ganze mentale Geschehen nach Art der Sinneswahrnehmung erklären wolle. Dabei sei schon fraglich, ob beispielsweise Farbwahrnehmung auf Mustererkennung beruhe. Seine grandiose Ankündigung breche angesichts der Vielfalt mentaler Phänomene – Emotionen, Intentionen, Kalkulationen, Stimmungen usw. – in sich zusammen.

Anschließend kommt McGinn auf das gravierende Problem des “homunculus talk” in den Neurowissenschaften zu sprechen. Wenn man sagt, “Neuronen senden Informationen”, weiß man tatsächlich nur, dass ein Geschehen auf chemischer oder elektrischer Ebene vorliegt, nicht aber, dass Informationen vorliegen und wie diese beschaffen sind. Es sei ein seit Jahrzehnten vieldiskutiertes Rätsel, wie man Informationen (mentale Zustände) eindeutig mit elektrochemischen Prozessen im Gehirn in Verbindung bringen könne. (McGinn verweist beispielsweise auf John Searles Beiträge hierzu.) Der “homunculus talk” erzeugt also die Illusion, wir wüssten, wie der Geist im Gehirn funktioniert, während wir in Wirklichkeit ratlos sind. In seiner Antwort auf die Antwort des Neurowissenschaftlers Joe Herbert macht McGinn diesen Punkt noch einmal deutlich:
All information is information — to some conscious agent. Accordingly, neurons do not, considered in themselves, process information or send signs or receive messages“.

Am Ende bringe Kurzweil dann noch Zitate von Ludwig Wittgenstein, ohne allerdings einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu seiner Theorie herstellen zu können, so McGinn. Sein Fazit: das Buch sei gelegentlich interessant, aber völlig übertrieben.

.

. .

Positivity Ratio von 3-1 unter Kritik

Die Positive Psychologie untersucht Bedingungen, die die psychische Gesundheit fördern. Daraus sind bereits viele hilfreiche Empfehlungen hervorgegangen. Nun haben Nicholas J. L. Brown und seine Co-Autoren Alan D. Sokal und Harris L. Friedman ein Konzept, das im Rahmen der Positiven Psychologie besonders häufig zitiert wird, untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es empirisch und mathematisch nicht haltbar ist.

Brown ist Psychologiestudent und Sokal ist Physiker, der unter anderem durch die Sokal-Affäre bekannt geworden ist. In ihrem Aufsatz “The Complex Dynamics of Wishful Thinking: The Critical Positivity Ratio” im American Psychologist (15. Juli 2013) finden sie keinen Beleg dafür, dass sich das psychologische Konzept der “Positivity Ratio” durch Differenzgleichungen der Flüssigkeitsdynamik begründen lässt. Die Anwendung dieser Gleichungen durch Losada und Fredrickson beruhe auf konzeptuellen und mathematischen Irrtümern. Diese Gleichungen seien für dieses Phänomen einfach irrelevant.

Ausgehend von Arbeiten Marcial Losadas hatten Barbara Fredrickson und Losada ein Minimum der Positivity Ratio von 2.9013 konstatiert. Dies sei “vollkommen unbegründet“, so die Kritiker. Dass menschliche Emotionen denselben Lorenzgleichungen unterliegen wie Modelle der Flüssigkeitsdynamik halten sie für “imaginär” – Wunschdenken.

Ich habe Barabara Fredricksons Buch “Positivity” mit Gewinn gelesen, aber der Abschnitt über die “Positivity Ratio” von 3:1 kam mir merkwürdig künstlich aufgepfropft und nicht wirklich nachvollziehbar vor (zumal sie auch andere Zahlenverhältnisse aufführt, so dass der Eindruck einer willkürlichen Wahl entsteht). Es scheint, dass die Autoren des kritischen Artikels Recht haben mit ihrer Forderung “to exercise caution in the use of advanced mathematical tools, such as nonlinear dynamics“.

Die Positivity Ratio von 3:1 scheint, mit dieser Begründung jedenfalls, nicht mehr haltbar zu sein. Jeder erkannte Fehler ist ein Fortschritt. Und es ist ein Fortschritt, wenn die wichtigen Bemühungen der Positiven Psychologie um die psychische Gesundheit nicht auf mysteriösen Konzepten beruhen und dadurch die anderen Teile dieser wertvollen Disziplin, zu denen auch Fredrickson beigetragen hat, in Mitleidenschaft ziehen.

[Hinweis gefunden beim Neuroskeptic]

(Möglicherweise kann man auch diesen Fall als Symptom der industriell erzeugten Wissenschaftshypes deuten, in denen Schmetterlingseffekte, Synergien, Hirnscanbilder, Computertechnologien usw. herangezogen werden, um Gott und die Welt zu erklären.)

Update: Barbara Fredrickson antwortet.

Den Männern die Gefühle

Stereoytpen über prinzipiell unterschiedliche kognitive und emotionale Fähigkeiten von Männern und Frauen sind wissenschaftlich schon lange nicht mehr haltbar. Ebenso liegt es auf der Hand und wird auch schon lange argumentativ belegt, dass aus derartigen empirischen Sachverhalten nicht die normativen Konsequenzen folgen, wie sie beispielsweise in einer patriarchalen Kultur sanktioniert werden. Die meisten geschlechtsspezifisch konstruierten Zugangsrestriktionen sind schlecht begründet. Da, wo es biologische Unterschiede gibt (zum Beispiel Mutterschaft), sind diese irrelevant für Fragen wie wer Raketenwissenschaftler werden kann oder wer den Müll rausbringen soll. Falsch konstruierte Unterschiede hingegen sind für die betroffenen Individuen schädlich – beispielsweise wenn Männer und Frauen in ihrem emotionalen Erleben massiv beeinträchtigt werden uvm.

Einen Überblick über verbreitete und philosophisch irrelevante Geschlechterstereotypen gibt Gertrud Nunner-Winkler in ihrem Vortrag “Den Männern die Vernunft, den Frauen das Gefühl” an der LMU München, der hier als Video abrufbar ist.

Mittelalterliche und frühneuzeitliche Emotionstheorien

Bei NDPR rezensiert Matthew Kisner die von Lisa Shapiro und Martin Pickavé bei Oxford University Press herausgegebene Aufsatzsammlung “Emotion and Cognitive Life in Medieval and Early Modern Philosophy“. Zu diesem Thema liegt auf Deutsch ja schon die Studie “Transformationen der Gefühle: Philosophische Emotionstheorien 1270-1670” von Dominik Perler vor. Und Perler gehört auch zu den Autoren, die in diesem Band auftreten, neben Sabrina Ebbersmeyer, Deborah Brown, Ian Drummond, Claude Pannaccio und anderen.