Offene Bildungsdaten?

Transparenz klingt ja immer gut. Und wenn wir uns schon Gedanken über die (teilweise) Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht machen, während wir ohnehin damit beschäftigt sind, unsere Körperdaten ins Netz zu stellen, könnte man gleich mit überlegen, was man mit den Bildungsdaten von Schülern macht, die in Apps und Bildungseinrichtungen gewonnen werden. Das diskutiert man jedenfalls in den USA.

Erkenntnis von Subjekten im Dienste Ihrer Majestät, London 1772

Ein kleiner Beamter seiner Majestät in London hat Listen von Mitgliedschaften von 260 Personen, die sich in den Kolonien in der Region um Boston zu gewissen Aktivitäten verbünden, untersucht, wie in dieser Publikation vermeldet wird. Diese “Metadaten-Analyse” soll der Nachricht zufolge das Ergebnis zu Tage fördern, dass gewisse Subjekte als Urheber und Anführer aufrührerischer Handlungen eindeutig zu erkennen sind. Und zwar offenbart sich diese Ungeheuerlichkeit, ohne dass der genauere Inhalt irgendwelcher Konversationen bekannt ist. Der Schreiber jener Nachricht gibt der Hoffnung Ausdruck, dass mit neuen Rechenmaschinen in der Zukunft wunderbare Untersuchungen dieser Art auf herrliche Weise bemerkenswerte Ergebnisse zeitigen, so dass Vorgängen wie jenen in den britischen Kolonien, die die Freiheit und den Frieden bedrohen, rechtzeitig vorgeschützt werden kann.

Interview mit Peter Singer über Privatsphäre und Internet

Peter Singer hat im Harper’s Magazine einen Artikel mit dem Titel “Visible Man” (nur für registrierte Nutzer) veröffentlicht. Darüber hat er dem Sender KUOW ein Interview gegeben, das auf der Webseite zu hören ist oder als MP3 heruntergeladen werden kann.

Postprivacy ist das Gegenteil von Philosophie

Seit wir das Read-Write-Web haben genießen wir die mittlerweile ausführlich beschriebenen Vorzüge der individuellen Kreativität und Kommunikation im Internet. In der Euphorie über diese Entwicklung wäre man vor einigen Jahren nicht auf die Idee gekommen, dass es später Leute geben wird, die recht grobe Vorurteile zu einer ziemlich ungelenken Konstruktion zusammenfassen, die sie als Internetphilosophie ausgeben, wie es Vertreter der “Postprivacy” tun. Und noch weniger hätte man geglaubt, dass solche spontanen, theoretisch wie historisch bedauerlich uninformierten “Theorien” Aufmerksamkeit finden.

Dabei ist eine klare Argumentationsstruktur für positive Thesen der Postprivacy auch mit viel hermeneutischem Aufwand und Wohlwollen nicht auszumachen. Die “Letztbegründung”, dass es sowieso unabwendbar so kommen werde (“friss! Ist eh alternativlos“), zeigt eindeutig, dass hier nicht philosophiert, sondern nebulös geahnt und gefühlt wird. An sich ist diese “Begründung” lediglich ein Hinweis darauf, dass hier ein affektiver Impuls den Wunsch zum Ausdruck bringt, Anerkennung dafür zu erhalten, dass man mit digitaler Technik im Alltag Umgang hat.

Für die Durchdringung des Alltagslebens durch das Internet zu argumentieren ist aber so sinnvoll, wie dafür zu kämpfen, dass Regen nass sein soll. Einen avantgardistischen Deutungsstandpunkt für die kulturellen Konsequenzen des Internet zu reklamieren, weil man mit Freunden ein Stück Technik benutzt, ist so überzeugend, als wollte man dem Rest der Welt das Gehen erklären, weil man einen bestimmten Sportschuh trägt. Und dass Alles sowieso so kommen werde ist ein rekordverdächtig unphilosophisches Argument. Verbunden mit dem Pathos, für die Durchsetzung dessen, was sowieso kommt, zu kämpfen, ist die “Postprivacy” – die um Verständnis dafür bittet, (noch) nicht definieren zu können, was “Post” und was “Privacy” ist – eine profunde Hirnverrenkung, einer Erweckungsreligion nicht ganz unähnlich. Da wird mit Zweiflern und Fragern auch nicht lange diskutiert. Eine zivile und sorgsame Diskussion und ein eigenes Bemühen um argumentative Sorgfalt erscheint aufgrund der Evidenz des eigenen Sendungsbewusstseins völlig überflüssig.

Postprivacy sagt mit vielen Worten wenig, vor allem nichts Konsistentes und nichts philosophisch Interessantes. Darüberhinaus lässt sie jede Sorgfalt – und allzuoft auch diskursiven Respekt – vermissen.

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