Archive for category Buecher

Wilhelm Vossenkuhl über Derek Parfits “On What Matters”: “Ein Werk der Superlative”

Wilhelm Vossenkuhl rezensiert in der NZZ Derek Parfits voluminöses neues Buch “On What Matters“. (Weitere Hinweise zu dem Buch hier.)

Vossenkuhl gibt einen guten Überblick von Parfits Argumentation. Mit seiner Einheitstheorie der Moral, die das “richtig zusammengefügte und von Fehlern bereinigte Alte” der Konzeptionen von Kant, Scanlon und Sidgwick enthalte, tritt er gegen “internalistische” Moraltheorien an, die sich auf Hume berufen und “auf die Kraft von Motiven, Wünschen und Willensakten” setzen. Seiner wertbasierten Theorie fällt auch die mikroökonomische Theorie des Begehrens zum Opfer.

Da man mit Parfits Theorie Schritt für Schritt zu konkreten Zielen moralischen Handelns – wie dem Verzicht von Reichen auf einige Luxusgüter oder die Bewahrung des Planeten – kommt, “ist «On What Matters» trotz den erwähnten Defiziten ein Werk der Superlative, das die geduldige Lektüre lohnt“.

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Dominik Perler rezensiert Antonio Damasios “Selbst ist der Mensch”

Den Optimismus von Antonio Damasio, dass wir in der Lage sind, zu erklären, wie und warum bewusstes Erleben zustande kommt, beurteilt Dominik Perler in der FAZ skeptisch. Wie sollen naturwissenschaftliche Erklärungen, die sich immer auf Zustände und Ereignisse in der materiellen Welt beziehen, “etwas einfangen können, was subjektiv erlebt wird“?

Damasio versucht in seinem neuen Buch “Selbst ist der Mensch” zu verstehen, wie der Geist Schritt für Schritt im Gehirn zustande kommt. Er stellt dazu seine Theorie der “neuronalen Karten” vor, die uns ein Bild von unserem Körper und unserer Umwelt liefern. Aber dass diese Karten intentional auf etwas gerichtet sind, wird Perler zufolge von Damasio nur postuliert, nicht erklärt. Dass neuronale Zustände gleichzeitig materiell und intentional sind, sei bei Damasio letztlich eine “Beschwörung der Götter”.

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Sibylle Lewitscharoff über ihren Roman “Blumenberg”

In ihrem Roman “Blumenberg” schreibt Sibylle Lewitscharoff über das Lebensgefühl und die intellektuelle Orientierung der Studenten der 1980er Jahre. Für das Buch erhielt sie 2011 den Wilhelm-Raabe-Preis. Es ist eine literarische Mentalitätsstudie einer Zeit, in der junge Erwachsene ihr Lebensgefühl in No-Future, Pop- und Punkmusik fanden – und in der Intellektuelle wie Hans Blumenberg und Jürgen Habermas das akademische geistige Milieu prägten.

In einem Interview mit dem Standard spricht Lewitscharoff über ihren Roman, dessen junge Protagonisten kein glückliches Ende finden. Die geistige Landschaft dieser Zeit war durch einen riesigen Überbau geprägt. Bei Habermas fand man sein Futter an realitätsbezogener Zeitdiagnose “in verdaulichen Portionen vor. Bei Blumenberg wurde man in Ausuferungen hineingetrieben: in die Antike, in die Scholastik, in die Musik. … Wohin soll so ein armer Student jetzt mit seiner Bewunderung?

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Ein Buch, das alle (Psychologen) lesen sollten

Ein Buch, das alle lesen sollten? Auf eine solche Frage wird man 4 Antworten bei 3 Befragten erwarten. Das scheint auch auf diese Linkliste für Psychologen zuzutreffen, mit Ausnahme einer Empfehlung – der einzigen nämlich, die mehrfach genannt wurde: William James‘ “Principles of Psychology” aus dem Jahr 1890.

Dieses Buch ist ein Klassiker und ein Meisterwerk der Wissenschaftsprosa. Er setzt sich darin unter anderem mit Positionen von David Hume, Immanuel Kant, John Stuart Mill, Wilhelm Wundt und Ernst Mach auseinander. James nimmt sowohl zum Materialismus als auch zum Dualismus eine differenzierte, pragmatische Haltung ein.

Digitalisierte Ausgaben der “Principles of Psychology” sind hier zu finden – leider nur auf englisch. Eine deutsche Übersetzung gibt es aktuell nicht.

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Rudolf-Carnap-Lectures mit Ned Block und Susan Carey

Die Rudolf-Carnap-Lectures, die vom 31. Mai bis zum 2. Juni an der Ruhr-Universität Bochum stattfinden, haben diesmal einen psychologischen Schwerpunkt. Als Gäste sind der Professor für Philosophie und Psychologie Ned Block sowie die Psychologin Susan Carey eingeladen. Das Programm ist auf dieser Seite veröffentlicht.

Graduierte sind aufgerufen, Vorträge einzureichen, die mit den Themen der Gastvorträge von Block und Carey zu tun haben oder jedenfalls in den Bereich der Philosophie des Geistes und der Entwicklungspsychologie gehören.

Die von Albert Newen initiierten Carnap-Lectures werden im Jahr 2013 David Chalmers zu Gast haben, der sich in seinem neuen Buch “Constructing the world” mit Carnaps “Logischem Aufbau der Welt” auseinandersetzt (siehe meinen Beitrag zum “Aufbau”hier). Zu seinem Buch hatte Chalmers 2010 die John-Locke-Lectures in Oxford gehalten, von denen Handouts, Tonmitschnitt und Folien hier heruntergeladen werden können. Ein Manuskript von Chalmers Buch ist auf dieser Seite erhältlich.

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Das Wall Street Journal schreibt über Pascal Mercier (Peter Bieri)

Nachtzug nach Lissabon” von Pascal Mercier (aka Peter Bieri) ist in zahlreiche Sprachen übersetzt worden und war auch international ein großer Erfolg. “This was a novel that changed you”, wie Sam Sacks im Wall Street Journal berichtet. Auch wenn man dem Buch an manchen Stellen den Akademiker im Autoren anmerke (“instructing without entertaining“), habe es seine feinen, belebenden Stellen, die die Leidenschaft des Publikums für das Buch erkläre.

Nun ist auch Merciers älterer Roman “Perlmanns Schweigen” in den USA erschienen. Doch es sei in Vielem das Gegenteil von “Night train to Lisbon“, so der Rezensent Sacks. Mercier allerdings sei gut darin, die Agonie des Wissenschaftlers Perlmann zu beschreiben, doch sei das mit 600 Seiten zu lange Buch über die Lebenskrise des Romanhelden schmerzhaft zu lesen.

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Auszeichnung für Ursula Renz

Ursula Renz hat für ihr Buch “Die Erklärbarkeit von Erfahrung: Realismus und Subjektivität in Spinozas Theorie des menschlichen Geistes”, erschienen bei Klostermann, den Preis des Journal of the History of Philosophy für die beste Veröffentlichung zur Philosophiegeschichte im Jahr 2010 erhalten.

Eine Rezension des Buches hat Martin Saar im September bei NDPR veröffentlicht.

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Michael Ruse kritisiert Alvin Plantingas neues Buch

Michael Ruse äußert sich im Chronicle of Higher Education zu Alvin Plantingas neuem Buch über Religion und Theismus. Plantinga, der in früheren Auseinandersetzungen mit Ruse behauptet hatte, kein Befürworter des Intelligent Design zu sein, akzeptiert diese Auffassung nun doch in seinem Buch, so Ruse. Außerdem kritisert Ruse, dass Plantinga und andere Vertreter religiöser Auffassungen immer wieder die Thesen ihrer Gegner verzerren, auf Einwände keine Antwort liefern und Abweichler drangsalieren: “because of their unsophisticated versions of these beliefs, they simply are not prepared to engage in mature, responsible scholarship. And they bully those who are.

Plantingas Buch erhält viel Aufmerksamkeit, wie jüngst erst in der New York Times.

Vor zwei Jahren hatte Plantinga mit Daniel Dennett in Chicago diskutiert – ein offenkundig einseitig-parteilicher Bericht hatte in den Philosophieblogs die Runde gemacht. Darin heißt es, Dennett sei nicht auf die Argumente Plantingas eingegangen und habe eher eine spöttische Haltung an den Tag gelegt. Kommentare zu diesem Bericht (hier und hier) legen aber nahe, dass es Plantinga war, der Dennetts Einwand nicht zur Kenntnis nahm.

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E-Books aktuell in Deutschland

Die Zeit hat ein Video mit Interviews erstellt, in dem junge Verleger auf der Frankfurter Buchmesse zur aktuellen Situation von E-Books und Büchern in Deutschland Stellung nehmen. Das Video vermittelt ein guten Eindruck von der derzeitigen Stimmung.

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Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? Rezensionen zu Peter Bieris “Wie sollen wir leben?”

Nach seiner Reflexion über das “Handwerk der Freiheit“, in der Peter Bieri, statt philosophische Lehren und Positionen aufzuzählen, sich in einer literarisch-philosophischen Weise einem lebensrelevanten Begriff von Freiheit nähert, ist nun mit seinem neuen Buch “Wie sollen wir leben?” ein weiterer solcher Versuch erschienen, in dem es um Selbstbestimmung und Selbsterkenntnis geht.

Bieri entfaltet explizit ein Verständnis von Philosophie, dass sie nicht auf reine “begriffliche Turnübungen” beschränkt, sondern sie bei der Klärung lebenspraktischer Fragen an die Seite der Psychologie stellt.

Rezensionen zu “Wie sollen wir leben?” haben Christian Geyer in der FAZ und Manfred Geier in der Süddeutschen geschrieben.

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Volker Gerhardt rezensiert Axel Honneths “Das Recht der Freiheit”

Volker Gerhardt rezensiert in der “Welt” Axel Honneths Buch “Das Recht der Freiheit”. Es sei ein “Ereignis in der Theoriegeschichte der Bundesrepublik. Hier kommt die Kritik nicht aus dem intellektuellen Off, hier wird nicht versucht, den Verhältnissen die Leviten zu lesen, sondern hier wird beschrieben, welche Entwicklung die Dinge im Gang der letzten beiden Jahrhunderte aus der Sicht der Soziologie genommen haben.

Honneths Buch stelle einen Paradigmenwechsel der Frankfurter Sozialkritik dar. Allerdings verkenne Honneth die “historische Rolle der Ideen, die unerlässlich sind, wenn es gilt, den Widerstand einer von puren Machtinteressen formierten Realität zu brechen.“. Die Wahrheit müsse man – so der Rezensent – nicht allein bei Hegel, sondern immer auch bei Kant suchen.

Links zu weiteren Rezensionen von Axel Honneths “Das Recht der Freiheit” finden sich hier.

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Neurowissenschaft und Philosophie – Colin McGinn rezensiert V.S. Ramachandran

Colin McGinn hatte im März bei der New York Review of Books das Buch “The Tell-Tale Brain” von V.S. Ramachandran rezensiert, und im Juni erschien dort eine Antwort von Ramachandran sowie McGinns Antwort auf die Antwort (wie es üblich ist). Die Rezension und Diskussion bieten einen guten Eindruck vom Stand der Neurowissenschaft und der Beantwortung von Fragen aus der Philosophie des Geistes. Der neurowissenschaftliche Enthusiasmus, Funktionen des Gehirns und psychologische Vorgänge generell erklärt zu haben, wird von Philosophen in den letzten Jahren häufiger skeptisch beurteilt. Dies ist keine Generalskepsis bezüglich der Relevanz dieser Forschung als solcher, sondern richtet sich auf zu weitreichende Thesen, die beanspruchen, klassische Probleme der Psychologie und Philosophie des Geistes gelöst zu haben.

Zunächst stellt Colin McGinn fest: “This is the best book of its kind that I have come across for scientific rigor, general interest, and clarity.” Dann diskutiert er mehrere Annahmen Ramachandrans kritisch, denn “the relationship between mental function and brain anatomy is nowhere near as transparent as in the case of the body [and physiology] —we can’t just look and see what does what.” Er schildert die von Ramachandran besprochenen Phänomene, wie Phantomvorstellungen von Körperteilen, Spiegelneurone und Sprache, die faszinierend seien, bei denen aber die philosophischen Fragestellungen falsch dargestellt seien und deshalb nicht befriedigend beantwortet werden. Ob Spiegelneurone wirklich ausreichen, um Empathie und Imitation zu erklären, bezweifelt McGinn – wie dies ja auch schon Patricia McChurchland getan habe.
Neurowissenschaft sei faszinierend, sei aber noch nicht über das Anfangsstadium der elementarsten Beschreibungen hinausgekommen.

In seiner Antwort begrüßt Ramachandran die Rezension McGinns, bestreitet aber, dass die philosophischen Fragen geklärt sein müssten, bevor man mit der Forschung beginnt. Daraufhin bekräftigt McGinn seinen “point … that the brain does not wear its functions on its face in the way the gross anatomy of the body does.” Die Fragen nach Willensfreiheit und Qualia können nicht durch Neurologie gelöst werden: “these questions are not going to be resolved by discovering the neural correlates of such things. Here I suggest that he consult an introductory text in philosophy of mind“. Dies, so schließt McGinn “might lead to a neuroscientist with philosophical sophistication — which would be something of real value in today’s intellectual culture.”

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