Krugman und Bertram über Piketty: Die neue Belle Epoque

Paul Krugman hat in der “New York Review of Books” eine Rezension zu Thomas Pikettys “Capital in the 21st century” veröffentlicht (wie bereits im März angekündigt).

Piketty untersucht ausgiebig das Anwachsen der sozialen Ungleicheit in den letzten Jahrzehnten, und kommt zu dem Schluss, dass Vermögen – und Einfluss – zunehmend wieder vererbt werden. Auffällig sei insbesondere auch das Abschmelzen der Mittelschicht. Eine Ursache ist die sinkende Besteuerung von Vermögen und Erbschaften. Krugman hält Pikettys Buch für wichtig – es habe den Diskurs über Vermögen und Ungleichheit verändert.

(Update: Hier wird die Krugman-Rezension ganz anders verstanden, und Pikettys Vererbungsthese kritisch gesehen.)

In einem Posting bei Crooked Timber meint Chris Bertram, dass Pikettys Buch ein ganz neues Licht auf John Rawls’ “Theorie der Gerechtigkeit” werfe. Rawls Konzeption einer gerechten Gesellschaft sieht er als eine wieder aktuelle Philosophie, die dazu beitragen kann, dass “citizenship and democracy are not sucked of their meaning by the super-rich“.

Neue Biografie Max Webers von Jürgen Kaube

Der FAZ-Redakteur Jürgen Kaube hat bei Rowohlt eine Biografie zu Max Weber veröffentlicht: “Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen”. Das Buch hat zahlreiche positive Kritiken bekommen, z.B. von Stefan Breuer in der NZZ, aber auch in der FR, beim Freitag und diversen anderen. Bei Deutschlandradio Kultur gibt es ein Interview mit dem Autor über das Buch und Max Weber.

.

.

Thomas Scanlons neues Buch “Being Realistic about Reasons”

Thomas Scanlon beschreibt in seinem neuen Buch “Being Realistic about Reasons” (OUP) einen moralischen Realismus, also eine Position über die Natur moralischer Urteile. Diese Frage hat die Moralphilosophie des letzten Jahrhunderts geprägt, und Scanlons Buch ist eine Verteidigung des normativen Kognitivismus – der Auffassung, dass es normative Wahrheiten über Gründe für Handlungen gibt.

Die Beschäftigung mit dem Realismus (oder Kognitivismus) zieht sich schon länger durch Scanlons Arbeiten – siehe dazu z.B. Thomas Nagels Rezension von Scanlons Buch “What We Owe to Each Other” in der LRB aus dem Jahr 1999 (gegen Ende) oder Christine Korsgaards Bemerkung zu Scanlon in ihrem Aufsatz “Realism and Constructivism” (PDF) (ebenfalls gegen Ende)

Philosophie der Positiven Psychologie

Aus philosophischer Sicht lädt die Positive Psychologie natürlich besonders gut zu methodologischen Überlegungen ein. Dieser Umstand trifft auf ein zunehmendes Interesse daran, einen Naturalismus zu beschreiben, der sozialphilosophisch und psychologisch sinnvoll ist. Über verschiedene Bemühungen in diese Richtung habe ich in der Vergangenheit schon berichtet.

In der Tidsskrift for Norsk Psykologforening, 42/10, 2005, 885-896 untersuchen Ingvild S. Jørgensen und Hilde Eileen Nafstad philosophische und epistemologische Grundlagen der Positiven Psychologie: “Positive Psychology: Historical, Philosophical, and Epistemological Perspectives“. Sie sehen die Positive Psychologie in einem weiteren Sinn in der Tradition der eudämonistischen Sozialphilosophie der Griechen, und insbesondere in psychologischer Hinsicht durch die Entwicklungstheorie des Charakters bei Aristoteles inspiriert.

Es bietet sich an, diese aristotelische Entwicklungsperspektive in einem naturalistischen Rahmen anzuwenden. Dazu ein paar Hinweise:

Einen Überblick über den Naturalismus findet man z.B. bei Gerhard Vollmer: “Auf der Suche nach der Ordnung” und in der leider vergriffenen, aber hervorragenden Textsammlung “Naturalismus” von Geert Keil und Herbert Schnädelbach. Keils kritischen Aufsatz “Naturalismus und Intentionalität” findet man hier.

Der Naturalismus ist selbst umstritten, und in der Debatte streitet man unter anderem um das, was Karl Popper das Demarkationsproblem genannt hat: was ist noch Wissenschaft, und was nicht? (Astrologie etc.) Massimo Pigliucci und Maarten Boudry haben 2013 eine aktuelle Aufsatzsammlung dazu herausgegeben: Philosophy of Pseudoscience: Reconsidering The Demarcation Problem.

Pigliucci (CUNY) ist bekannt als Kritiker von Pseudowissenschaften (Kreationismus …) einerseits, und Szientismus andererseits. In seinem Buch “Answers for Aristotle: How Science and Philosophy Can Lead Us to a More Meaningful Life” plädiert er dafür, naturwissenschaftliche und philosophische Methoden zu kombinieren.

. .

Bücher zur Geschichte des antiken Griechenland

Für den Laien ist es nicht leicht, Bücher zur antiken Geschichte zu finden, die einen guten Überblick bieten ohne zu sehr durch die für ihn kaum durchschaubare fachwissenschaftliche Diskussion einer aktuellen Historikerkontroverse geprägt zu sein. Hier eine Auswahl von drei Büchern zur Geschichte Athens und Spartas, die dies zu leisten scheinen:

Martin Drehers “Athen und Sparta” liegt im Beck-Verlag in zweiter, aktualisierter Auflage mit 223 Seiten vor. Preis: 19,95 Euro.

Charlotte Schuberts Studienbuch “Athen und Sparta in klassischer Zeit” gibt es bei Lehmann Media (258 Seiten). Ein Buch gleichen Titels von ihr erschien 2003 im Metzler-Verlag – dies scheint also eine Neuauflage / Neuausgabe zu sein. Preis: 14,95 Euro.

Athen und Sparta” von Raimund Schulz erschien 2011 in vierter, aktualisierter Auflage mit 180 Seiten bei der WBG. Preis: 17,95 Euro.

. .

Bücher zur Geschichte der Medizin

Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte der Medizin, die unterschiedliche Facetten beleuchten oder einen Überblick geben.

Hier eine Auswahl einiger interessanter Bücher zur Geschichte der Medizin:

Wolfgang Uwe Eckerts “Geschichte der Medizin. Fakten, Konzepte, Handlungen” ist mittlerweile in sechster, neu bearbeiteter Auflage bei Springer erschienen. Es gibt auf 370 Seiten einen Überblick von der europäischen Antike bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und enthält auch historische Abbildungen. Außerdem werden Themen und Konflikte der Medizinethik dargestellt.

William Bynum ist einer der britischen Experten der Medizingeschichte. Zusammen mit Helen Bynum hat er einen prächtigen Band zur Medizingeschichte herausgegeben, der 70 wichtige Entdeckungen in Text und Bild darstellt: “Die großen Entdeckungen in der Medizin“. Die Abbildungen zeigen beispielsweise faszinierende Zeichnungen der Renaissance oder moderne Computergrafiken. Erschienen ist das Buch bei Dumont.

Bei Reclam ist von William Bynum die Einführung “Geschichte der Medizin” erschienen. Auf 240 Seiten werden zentrale Entwicklung der europäischen Medizin, von den Hippokratischen Schriften bis heute, dargestellt.

Karl-Heinz Leven hat bei Beck das erste Lexikon zur Antiken Medizin herausgegeben: “Antike Medizin: Ein Lexikon“. In über 1000 Artikeln schildern über 80 Fachleute Konzepte und Verfahren der antiken Medizin, ergänzt um Quellenangaben und Sekundärliteratur.

Eine kurze Einführung in die Geschichte der Medizin hat Leven bei Beck unter dem Titel “Geschichte der Medizin: Von der Antike bis zur Gegenwart” veröffentlicht. Auf 127 Seiten liegt der Schwerpunkt auf der Medizin der Antike , aber auch Fragen der Medizinethik werden angesprochen.

Eine Auswahl Hippokratischer Schriften hat Hans Diller bei Reclam vorgelegt. Die Textsammlung umfasst 350 Seiten und trägt den Titel “Hippokrates. Ausgewählte Schriften“.

Ausgewählte medizinische Texte der Griechen und Römer haben Jutta Kollesch und Diethard Nickel zusammengetragen und bei Reclam veröffentlicht. Die Sammlung “Antike Heilkunst: Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer” ist informativ, teils aber auch – von den Herausgebern beabsichtigt – amüsant.

Digitalisat von Ciceros Tusculanae disputationes, Buch 1

Johannes Reuchlin hat im Jahr 1501 Buch 1 von Ciceros Tusculanae disputationes übersetzt. Das Buch befindet sich als Cod. Pal. germ. 482 in der Universitätsbibliothek Heidelberg, die es nun als Digitalisat online gestellt hat. Verfasst wurde es als Trostschrift für Kurfürst Philipp von der Pfalz aus Anlass des Todes von dessen Gattin, Margareta von Bayern-Landshut, in westschwäbischer Sprache.

Buch 1 der Tusculanae disputationes befasst sich mit dem Tod und der Unsterblichkeit der Seele. Cicero präsentiert und bewertet in diesem Text die Positionen zahlreicher Philosophen.

1457 war in Neapel Giannozzo Manettis ‘De dignitate et excelentia hominis’ erschienen, das in wichtigen Punkten auf Ciceros Argumenten in dessen Buch aufbaut und diese teils wörtlich übernimmt. Die Tusculanae disputationes hatten also einen gewissen Stellenwert für das neue Weltbild der Renaissance – Reuchlins Übersetzung ist ein Teil davon.

Mittelalterliche und frühneuzeitliche Emotionstheorien

Bei NDPR rezensiert Matthew Kisner die von Lisa Shapiro und Martin Pickavé bei Oxford University Press herausgegebene Aufsatzsammlung “Emotion and Cognitive Life in Medieval and Early Modern Philosophy“. Zu diesem Thema liegt auf Deutsch ja schon die Studie “Transformationen der Gefühle: Philosophische Emotionstheorien 1270-1670” von Dominik Perler vor. Und Perler gehört auch zu den Autoren, die in diesem Band auftreten, neben Sabrina Ebbersmeyer, Deborah Brown, Ian Drummond, Claude Pannaccio und anderen.

Texte zur Philosophie der Bildung – Rezension von „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“

Hans-Ulrich Lessing und Volker Steenblock haben im Verlag Karl Alber eine Sammlung klassischer Texte zur Philosophie der Bildung mit dem Titel „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“ (Link zur Verlagsseite) herausgebracht. Die Textsammlung ist aus Lehrveranstaltungen an der Ruhr-Universität Bochum hervorgegangen und liegt 2013 bereits in 2. Auflage vor. Sie enthält Auszüge aus klassischen Bildungstexten von Platon über Pico und Comenius, Schiller, Humboldt und Herder bis zu Adorno, Gadamer und Bieri.

Den Schwerpunkt haben die Herausgeber auf das Bildungsideal der Deutschen Klassik gelegt, weil sie diese Tradition für besonders relevant halten, insbesondere in Auseinandersetzung mit der heutigen Situation in der Bildungspolitik, die von Ökonomisierungsgesichtspunkten gerade auch in der Definition der Aufgabe von Bildung geprägt ist. (Dazu haben sich in jüngster Zeit auch Philosophen wie Martha Nussbaum, Julian Nida-Rümelin oder Reinhard Brandt geäußert.) In der Tat sind demgegenüber solche Bildungskonzeptionen ein notwendiger und höchstaktueller Beitrag zur Verständigung über Bildungsaufgaben, die a) die Ausbildung der individuellen Persönlichkeit zur Bewältigung einer komplexen Zivilisation und b) die kulturellen Grundlagen einer demokratischen und kritischen Zivilgesellschaft in den Blick nehmen.

Die Auswahl dieser Klassiker ist also durchaus aktuell. Vollständigkeit würde den Rahmen jeder handlichen Textsammlung sprengen – auch wenn hier beispielsweise Beiträge von Mill, Dewey, Russell, oder Martha Nussbaum das Spektrum gut ergänzen würden. So haben Lessing und Steenblock einen handhabbaren Textband mit einem klaren Fokus und einer fundierten Auswahl vorgelegt.

An der zentralen Bedeutung von Schiller und Humboldt für die Bildungsphilosophie besteht kein Zweifel, zumal sie auch in der angelsächsischen Philosophie zu diesem Thema ihre Spuren hinterlassen haben (Humboldt z.B. in Mills „On Liberty“, Schiller bspw. über Moritz Schlick, einem der Begründer der Analytischen Philosophie).

Ein für mich noch blinder Fleck war die Auffassung Droysens, der eine auch heute noch informative Theorie der historisch geprägten individuellen Entwicklung der Persönlichkeit vorträgt, die er aber mit einer nicht ganz unproblematischen, an Hegel angelehnten Geschichtsphilosophie verbindet. Ein weltgeschichtlicher Bildungsbegriff läuft Gefahr, Imperative des “Systems” oder des “Ganzen” – und dazu gehören eben auch die heutigen angeblichen „Sachzwänge“ – über das Individuum zu stellen. Es ist ja nicht a priori ausgemacht, wer befugt ist, die relevanten Imperative oder Sachzwänge auf die Agenda zu heben und andere dafür zu streichen, und zudem – so stellt Droysen gleich zu Beginn des ausgewählten Textes fest, darf das Individuum nicht „Opfer der Mittel“ werden.

Dazu passt dann gut Nietzsches Klage – wenn auch auf das wilhelminische Gymnasium bezogen – über das uninspirierte Pauken der Klassiker sowie von Mathematik und Naturwissenschaften. Es gehe eben nur um eine “Abrichtung”, um das hastige “Fertig”-werden für den Beruf und den Staat – was Nietzsche “unanständig” findet, weshalb er an den Schulen und Universitäten auch nur “gelehrte Rüpel” als Lehrer ausmacht – von Ausnahmen abgesehen. Was ihm demgegenüber fehlt, das ist mit und in den Bildungsinhalten auch zu leben, sie als ein Vermögen zu erwerben, so dass man von einem “wirklichen Können” sprechen kann.

Dass diese Mängel nicht geringer geworden sind, und wie relevant das heute schon kaum noch vernehmbare Bewusstsein der Notwendigkeit von auf die Person bezogener, also humanistischer Bildung ist, stellen zum Schluss der Sammlung Texte von Adorno, Jörg Ruhloff und Peter Bieri dar.

Die Textsammlung “Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …” ist als Übersicht klassischer Positionen zur Bildungsphilosophie, für Einführungsseminare und zum Nachschlagen einiger der zentralen Textstellen von Platon, Schiller, Humboldt oder Bieri sehr gut geeignet. Eine Literaturliste enthält weitere Hinweise zur Lektüre – so z.B. auf den Sammelband von Cahn, “Philosophy of Education”, der klassische Texte aus angloamerikanischer Perspektive enthält.

.