Wissenschaftliche Weltauffassung und Ethik – Der Wiener Kreis

Anne Siegetsleitner, Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Innsbruck, hat die Positionen der Mitglieder des Wiener Kreises zu Fragen der Ethik untersucht. Sie hält es für überfällig, die verengte Sicht auf eine vermeintliche Distanz der logischen Empiristen zur Ethik zu korrigieren und schildert dazu die Standardauffassung des Wiener Kreise und ihre Rezeption in unterschiedlichen Denkrichtungen sowie die spezifischen Auffassungen und Beiträge von Rudolf Carnap, Karl Menger, Otto Neurath, Moritz Schlick und anderen Wienern. Das Buch “Ethik und Moral im Wiener Kreis. Zur Geschichte eines engagierten Humanismus” ist 2014 im Böhlau-Verlag erschienen, aber auch als PDF unter einer Creative-Commons-Lizenz erhältlich.

Materialien zu Hesses “Narziß und Goldmund”

Volker Michels hat bei Suhrkamp einen Band mit Dokumenten und Texten rund um Hermann Hesses Roman “Narziß und Goldmund” herausgegeben. Nach der aufwühlenden Lebensphase, in der Hesse den “Steppenwolf” schrieb, erreichte er wieder mehr innere Ruhe und konzipierte die Geschichte der beiden gegensätzlichen Charaktere Narziß und Goldmund. Das Buch ist bis heute einer seiner größten Erfolge. In seiner philosophisch feinfühligen Psychologie, aber auch in seinem Bild von Geschichte und Kultur ist es das genaue Gegenteil dessen, was in den 1930er Jahren zum herrschenden Dogma in Deutschland wurde. (Sogleich nach Kriegsende, 1946, erhielt Hesse übrigens den Nobelpreis für Literatur für sein Gesamtwerk.) Die nun bei Suhrkamp erschienene “Dokumentation zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte” enthält eine Chronik, Fragmente, Selbstzeugnisse Hesses zum Buch und Texte aus dem Umkreis.

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Neuer “Klassiker-Auslegen”-Band: Rawls’ “Politischer Liberalismus”

Gerade bei Thomas Gregersen im “Habermas-Rawls-Blog” gesehen: Otfried Höffe hat in der bewährten Reihe “Klassiker Auslegen” bei de Gruyter einen neuen Band zu John Rawls’ zweitem Hauptwerk herausgegeben: “John Rawls: Politischer Liberalismus”. Das Buch enthält Beiträge bekannter Autorinnen wie Otfried Höffe, Wilfried Hinsch, Elif Özmen, Charles Larmore, Christoph Horn und anderen.

Englische Übersetzung von Xunzi

Eric L. Hutton hat die erste englische vollständige Übersetzung von Xunzi bei Princeton University Press veröffentlicht: “Xunzi: Xunzi. The Complete Text“. Sie enthält eine Einleitung, Fußnoten mit Anmerkungen und Zeilennummern zum Text. Winni Sung rezensiert das Buch bei NDPR. Sie lobt die Übersetzung und Benutzerfreundlichkeit. Sodann diskutiert sie, wie es naheliegend ist bei Übersetzungen aus dem klassischen Chinesisch, einige Begriffe, die aufgrund ihres Bedeutungsumfangs schwer zu übertragen sind und damit philosophische Fragen aufwerfen. Darauf, so schließt sie, habe Hutton bereits in der Einleitung hingewiesen.

Die beste deutschsprachige Einführung in die klassische chinesische Philosophie ist die von Hubert Schleichert und Heiner Roetz bei Klostermann veröffentlichte “Klassische chinesische Philosophie“.

Hayek über Mill

Friedrich August Hayek ist bei den einen so beliebt wie er von den anderen verflucht wird. Sein ökonomischer Gegenpart war John Maynard Keynes, mit dem er im übrigen befreundet war. Von beiden ist ein epischer Rap-Battle überliefert (wir berichteten mehrmals, z.B. hier). Gern übersehen wird, dass bspw. Milton Friedman die Konjunkturtheorie von Hayek für falsch hielt.

Weniger bekannt ist, dass Hayek sich auch mit John Stuart Mill beschäftigt hat. So veröffentlichte er 1951 das Buch “John Stuart Mill and Harriet Taylor: Their Correspondence and Subsequent Marriage” (hier bei archive.org erhältlich). Nun ist in der Collected-Works-Ausgabe von Hayek Band 16 erschienen: “Hayek on Mill: The Mill-Taylor Friendship and Related Writings” – herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Sandra Peart.

Webseite für philosophisch-ethische Rezensionen

Bereits seit einigen Jahren gibt es die Seite “Philosophisch-ethische Rezension“, auf der jährlich mehrere nützlichen Kurzkritiken philosophischer Titel erscheinen. (Der Autor veröffentlicht diese Rezensionen auch bei Amazon.) Das Spektrum der besprochenen Werke ist breit gefächert: Nussbaum, Höffe, Williams, Searle, Bayertz, Birnbacher, Tugendhat und so weiter. Die Kritiken können alphabetisch geordnet nach Buchautor oder chronologisch geordnet nach Rezensionsdatum durchstöbert werden.

Säkularer Humanismus

Die Veröffentlichungen zum säkularen Humanismus umspannen ein weites Feld. (In gewisser Hinsicht könnte man selbst “Geist und Kosmos” als Thomas Nagels persönlichen Versuch zu diesem Thema betrachten.) Der Humanismus ist ja eine positive, konstruktive Position, und unterscheidet sich damit von der vorherrschenden giftigen Polemik aus den unterschiedlichen Lagern, die prominent zur Frage eines religiösen oder nicht-religiösen Weltbildes Stellung nehmen.

Verschiedene Autoren mit ganz unterschiedlichen Positionen haben in den letzten Jahren ihre Version eines säkularen Humanismus vorgestellt. Eine gewisse Popularität beim Lesepublikum hat Alain de Botton mit seinen Büchern “Trost der Philosophie” (2000) und “Religion für Atheisten” (2012) erlangt. Greg Epstein hat 2006 “Good without God” veröffentlicht. Wenn man, wie ich oben bei Nagel getan habe, das Feld etwas weiter aufspannt, könnte man möglicherweise auch Ronald Dworkins “Religion without God” (2012) hier hinzu rechnen. Oder Julian Bagginis “Atheism. A very short introduction“. Ebenso gibt es ein großes Interesse an einem säkularen Buddhismus, der von vielen Autoren vertreten wird wie beispielsweise Stephen Batchelor und zuletzt von dem Naturalisten Owen Flanagan. (Schopenhauer könnte man hier als einen Vorläufer nennen. Und selbst der Dalai Lama hat im letzten Jahr in der Frankfurter Paulskirche mit Rainer Forst über eine säkulare Ethik diskutiert.)

Philip Kitchers “Life After Faith: The Case for Secular Humanism” (Yale University Press, 2014) ist der jüngste Beitrag eines renommierten, wissenschaftlich orientierten Philosophen, in dem er zeigen will, wie eine vollständig säkulare Perspektive die Funktionen der Weltbildorientierung erfüllen kann, die für die Religion reklamiert werden. Matthew Engelke hat unter dem Titel “Soft Atheism” eine Rezension von Kitchers Buch bei Public Book veröffentlicht. Bereits im Januar erschien eine Rezension von “Life after Faith bei NDPR durch den Religionsphilosophen Alvin Plantinga, der – was bei ihm kein Wunder ist – nicht überzeugt war.

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“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier

In manchen Diskussionen kann man aufgrund der vorgebrachten methodologischen Einwände (zuverlässig funktionierende Stichworte sind bspw. Empirismus, Naturalismus, Reduktionismus usw.) den Eindruck gewinnen, dass die Wissenschaftstheorie mit dem Positivismusstreit oder mit Kuhn an ihr Ende gelangt sei. Dem ist natürlich nicht so. Allerdings war die Diskussionslage schon in den 1960ern und 70ern fasst nur noch für Spezialisten übersichtlich. Und in den letzten Jahrzehnten hat die Spezialisierung in allen Bereichen noch einmal erheblich zugenommen – auch in der Wissenschaftstheorie. Da sind gute Einführungsbücher natürlich willkommen.

“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier liegt mittlerweile (seit 2011) in der 3. erweiterten Auflage vor. Carrier, Wissenschaftsphilosoph und Leibnizpreis-Träger (2008) gibt einen didaktisch gut konzipierten, aber auch durchaus anspruchsvollen Überblick über die Entwicklung wissenschaftstheoretischer Positionen von Bacon bis ins 21. Jahrhundert. Dabei werden die zentralen Elemente einer Position so beschrieben, dass deutlich wird, welche Leistung man sich von den jeweiligen Annahmen erhoffte, und welche tatsächlich erreichbar sind. Die wichtigsten Konzepte und Forderungen werden im Gang der Darstellung einander gegenübergestellt (z.B. Induktivismus, Deduktivismus, Verifikation, Falsifikation, Theoriebeladenheit, Unterbestimmtheit, Bestätigungstheorie, Werte und Wertfreiheit). Gut ist auch die Darstellung neuerer Themen der Wissenschaftstheorie. Die Sozialwissenschaften werden nicht methodologisch gesondert behandelt. Der Streit über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sozial- und Naturwissenschaften hat ja ein Spektrum von Positionen hervorgebracht, auf deren Darstellung offenbar zugunsten der Konzentration auf die Grundprobleme der Hypothesenbeurteilung verzichtet wurde. Eine Lektüre fachspezifischer Methodologien sollte die Leserin, sofern Bedarf besteht, ergänzen.

Carrier setzt offenbar eine Leserin voraus, die nicht eine autoritativ vertretene Position erwartet, sondern die selbst Vorzüge und Probleme von Hypothesen und Regeln abwägen will. Dazu enthält das Buch eine Vielzahl von Beispielen, die – wie im Kapitel über Werte und Wissenschaft – nicht immer abschließend bewertet werden, sondern offenbar so gewählt wurden, dass weder Kontroversen noch die Schwierigkeiten einer konsistenten Bewertung verdeckt werden. Daher ist das Buch gut für Einführungsseminare geeignet, in denen den Studierenden eigenständiges Denken auf anspruchsvollem Niveau vermittelt werden soll.

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