Neuer “Klassiker-Auslegen”-Band: Rawls’ “Politischer Liberalismus”

Gerade bei Thomas Gregersen im “Habermas-Rawls-Blog” gesehen: Otfried Höffe hat in der bewährten Reihe “Klassiker Auslegen” bei de Gruyter einen neuen Band zu John Rawls’ zweitem Hauptwerk herausgegeben: “John Rawls: Politischer Liberalismus”. Das Buch enthält Beiträge bekannter Autorinnen wie Otfried Höffe, Wilfried Hinsch, Elif Özmen, Charles Larmore, Christoph Horn und anderen.

Englische Übersetzung von Xunzi

Eric L. Hutton hat die erste englische vollständige Übersetzung von Xunzi bei Princeton University Press veröffentlicht: “Xunzi: Xunzi. The Complete Text“. Sie enthält eine Einleitung, Fußnoten mit Anmerkungen und Zeilennummern zum Text. Winni Sung rezensiert das Buch bei NDPR. Sie lobt die Übersetzung und Benutzerfreundlichkeit. Sodann diskutiert sie, wie es naheliegend ist bei Übersetzungen aus dem klassischen Chinesisch, einige Begriffe, die aufgrund ihres Bedeutungsumfangs schwer zu übertragen sind und damit philosophische Fragen aufwerfen. Darauf, so schließt sie, habe Hutton bereits in der Einleitung hingewiesen.

Die beste deutschsprachige Einführung in die klassische chinesische Philosophie ist die von Hubert Schleichert und Heiner Roetz bei Klostermann veröffentlichte “Klassische chinesische Philosophie“.

Hayek über Mill

Friedrich August Hayek ist bei den einen so beliebt wie er von den anderen verflucht wird. Sein ökonomischer Gegenpart war John Maynard Keynes, mit dem er im übrigen befreundet war. Von beiden ist ein epischer Rap-Battle überliefert (wir berichteten mehrmals, z.B. hier). Gern übersehen wird, dass bspw. Milton Friedman die Konjunkturtheorie von Hayek für falsch hielt.

Weniger bekannt ist, dass Hayek sich auch mit John Stuart Mill beschäftigt hat. So veröffentlichte er 1951 das Buch “John Stuart Mill and Harriet Taylor: Their Correspondence and Subsequent Marriage” (hier bei archive.org erhältlich). Nun ist in der Collected-Works-Ausgabe von Hayek Band 16 erschienen: “Hayek on Mill: The Mill-Taylor Friendship and Related Writings” – herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Sandra Peart.

Webseite für philosophisch-ethische Rezensionen

Bereits seit einigen Jahren gibt es die Seite “Philosophisch-ethische Rezension“, auf der jährlich mehrere nützlichen Kurzkritiken philosophischer Titel erscheinen. (Der Autor veröffentlicht diese Rezensionen auch bei Amazon.) Das Spektrum der besprochenen Werke ist breit gefächert: Nussbaum, Höffe, Williams, Searle, Bayertz, Birnbacher, Tugendhat und so weiter. Die Kritiken können alphabetisch geordnet nach Buchautor oder chronologisch geordnet nach Rezensionsdatum durchstöbert werden.

Säkularer Humanismus

Die Veröffentlichungen zum säkularen Humanismus umspannen ein weites Feld. (In gewisser Hinsicht könnte man selbst “Geist und Kosmos” als Thomas Nagels persönlichen Versuch zu diesem Thema betrachten.) Der Humanismus ist ja eine positive, konstruktive Position, und unterscheidet sich damit von der vorherrschenden giftigen Polemik aus den unterschiedlichen Lagern, die prominent zur Frage eines religiösen oder nicht-religiösen Weltbildes Stellung nehmen.

Verschiedene Autoren mit ganz unterschiedlichen Positionen haben in den letzten Jahren ihre Version eines säkularen Humanismus vorgestellt. Eine gewisse Popularität beim Lesepublikum hat Alain de Botton mit seinen Büchern “Trost der Philosophie” (2000) und “Religion für Atheisten” (2012) erlangt. Greg Epstein hat 2006 “Good without God” veröffentlicht. Wenn man, wie ich oben bei Nagel getan habe, das Feld etwas weiter aufspannt, könnte man möglicherweise auch Ronald Dworkins “Religion without God” (2012) hier hinzu rechnen. Oder Julian Bagginis “Atheism. A very short introduction“. Ebenso gibt es ein großes Interesse an einem säkularen Buddhismus, der von vielen Autoren vertreten wird wie beispielsweise Stephen Batchelor und zuletzt von dem Naturalisten Owen Flanagan. (Schopenhauer könnte man hier als einen Vorläufer nennen. Und selbst der Dalai Lama hat im letzten Jahr in der Frankfurter Paulskirche mit Rainer Forst über eine säkulare Ethik diskutiert.)

Philip Kitchers “Life After Faith: The Case for Secular Humanism” (Yale University Press, 2014) ist der jüngste Beitrag eines renommierten, wissenschaftlich orientierten Philosophen, in dem er zeigen will, wie eine vollständig säkulare Perspektive die Funktionen der Weltbildorientierung erfüllen kann, die für die Religion reklamiert werden. Matthew Engelke hat unter dem Titel “Soft Atheism” eine Rezension von Kitchers Buch bei Public Book veröffentlicht. Bereits im Januar erschien eine Rezension von “Life after Faith bei NDPR durch den Religionsphilosophen Alvin Plantinga, der – was bei ihm kein Wunder ist – nicht überzeugt war.

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“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier

In manchen Diskussionen kann man aufgrund der vorgebrachten methodologischen Einwände (zuverlässig funktionierende Stichworte sind bspw. Empirismus, Naturalismus, Reduktionismus usw.) den Eindruck gewinnen, dass die Wissenschaftstheorie mit dem Positivismusstreit oder mit Kuhn an ihr Ende gelangt sei. Dem ist natürlich nicht so. Allerdings war die Diskussionslage schon in den 1960ern und 70ern fasst nur noch für Spezialisten übersichtlich. Und in den letzten Jahrzehnten hat die Spezialisierung in allen Bereichen noch einmal erheblich zugenommen – auch in der Wissenschaftstheorie. Da sind gute Einführungsbücher natürlich willkommen.

“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier liegt mittlerweile (seit 2011) in der 3. erweiterten Auflage vor. Carrier, Wissenschaftsphilosoph und Leibnizpreis-Träger (2008) gibt einen didaktisch gut konzipierten, aber auch durchaus anspruchsvollen Überblick über die Entwicklung wissenschaftstheoretischer Positionen von Bacon bis ins 21. Jahrhundert. Dabei werden die zentralen Elemente einer Position so beschrieben, dass deutlich wird, welche Leistung man sich von den jeweiligen Annahmen erhoffte, und welche tatsächlich erreichbar sind. Die wichtigsten Konzepte und Forderungen werden im Gang der Darstellung einander gegenübergestellt (z.B. Induktivismus, Deduktivismus, Verifikation, Falsifikation, Theoriebeladenheit, Unterbestimmtheit, Bestätigungstheorie, Werte und Wertfreiheit). Gut ist auch die Darstellung neuerer Themen der Wissenschaftstheorie. Die Sozialwissenschaften werden nicht methodologisch gesondert behandelt. Der Streit über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sozial- und Naturwissenschaften hat ja ein Spektrum von Positionen hervorgebracht, auf deren Darstellung offenbar zugunsten der Konzentration auf die Grundprobleme der Hypothesenbeurteilung verzichtet wurde. Eine Lektüre fachspezifischer Methodologien sollte die Leserin, sofern Bedarf besteht, ergänzen.

Carrier setzt offenbar eine Leserin voraus, die nicht eine autoritativ vertretene Position erwartet, sondern die selbst Vorzüge und Probleme von Hypothesen und Regeln abwägen will. Dazu enthält das Buch eine Vielzahl von Beispielen, die – wie im Kapitel über Werte und Wissenschaft – nicht immer abschließend bewertet werden, sondern offenbar so gewählt wurden, dass weder Kontroversen noch die Schwierigkeiten einer konsistenten Bewertung verdeckt werden. Daher ist das Buch gut für Einführungsseminare geeignet, in denen den Studierenden eigenständiges Denken auf anspruchsvollem Niveau vermittelt werden soll.

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Larry Siedentop über eine christliche Tradition des Liberalismus

Der Isaiah-Berlin-Schüler Larry Siedentop hat in seinem neuen Buch “Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism” eine alternative Entstehungsgeschichte des Liberalismus aus europäischen christlichen Wurzeln darzustellen versucht. Samuel Moyn schreibt dazu eine etwas ausführlichere Rezension in der Boston Review. Er findet Siedentops Perspektive interessant, aber nicht überzeugend. In der Stützung der Hypothese seien große Lücken und das Buch sei in weiten Teilen eine Beschreibung der christlichen mittelalterlichen Geschichte – aber eben keine Erklärung des behaupteten christlichen Ursprungs des Liberalismus, so der Rezensent.

Rund um die Willensfreiheit

Alfred Mele hat bei OUP eine Aufsatzsammlung “rund um die Willensfreiheit” herausgegeben: “Surrounding Free Will: Philosophy, Psychology, Neuroscience“. (Der Band ist eines der Ergebnisse eines Templeton-Projektes zur Willensfreiheit.) Neil Levy schreibt dazu eine Rezension bei NDPR.

Nachdem eine zeitlang experimentelle Ergebnisse der Neurowissenschaften so gedeutet wurden, dass es keine Willensfreiheit gibt, hat in den letzten Jahren eine intensive Diskussion darüber eingesetzt, in der immer mehr Autoren feststellen, dass diese Interpretation überzogen war. Auch der von Mele herausgegebene Band enthält zahlreiche Beiträge zu einer “more deflationary interpretation of the experimental work“, so Levy.

Die Kunst zu leben – Die Aktualität der antiken Philosophie

Es ist eine Mode bei manchen Philosophen der letzten ein, zwei, drei Jahrhunderte, Philosophien und Fragestellungen, die die Menschen seit langer Zeit beschäftigen, für obsolet zu erklären (siehe Nietzsche, Heidegger, Wittgenstein, Foucault …).

Die Philosophie der Antike mit der für sie zentralen Frage nach einem guten, gelingenden Leben erfreut sich in der letzten Zeit wieder eines lebendigen Interesses bezüglich ihrer praktischen Bedeutung, abzulesen an einer Vielzahl von Publikationen sowohl im akademischen Bereich als auch für ein breiteres Publikum. Hier aus der großen Menge von Publikationen nur zwei Beispiele von Einführungen in diesen Themenbereich:

Christoph Horn veröffentlichte 1998 sein Buch “Antike Lebenskunst. Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern” (3. Auflage im Jahr 2014). Es ist eine sehr gute Übersicht zu den wichtigsten Begriffen und Positionen der antiken Ethik. Zur Orientierung und für ein systematisches Verständnis eine zuverlässige Hilfe.

Auch im englischsprachigen Bereich gibt es eine große Auswahl an guter Literatur zur antiken Ethik. Eine Darstellung stoischer Positionen zur “Kunst des Lebens”, die die Begriffe und Positionen anschaulich auch im Kontext anderer (z.B. moderner) Auffassungen diskutiert ist “The Art of Living: The Stoics on the Nature and Function of Philosophy” von John Sellars, in 2. Auflage 2009 bei Duckworth (mittlerweile Bloomsbury) erschienen.

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Steven Pinker antwortet seinen Kritikern

Steven Pinkers Buch “The Better Angels of Our Nature: A History of Violence and Humanity” (deutsch als “Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit” erschienen) hat einige Aufmerksamkeit bekommen. Er vertritt darin die These, dass die Gewalt in der Geschichte der Zivilisationen zurückgegangen sei.

In der Zeitschrift “Sociology” antwortet er jetzt auf einige kritische Rezensionen. Die Antwort bietet er als PDF auf seiner Webseite (PDF) an. Unter anderem nimmt er Stellung zu dem Vorwurf, er habe Foucault nicht berücksichtigt: trotz Foucaults guruartigem Status halte er dessen Theorie für exzentrisch und schlecht argumentiert.

Angesichts der Ereignisse in den letzten zwei Jahren seit Erscheinen seines Buches beschäftigt sich Pinker auch mit der Frage, ob die Gewalt wieder zunimmt (ebenfalls als PDF auf seiner Seite).

John Gray, der sich in den letzten Jahren offenbar in seiner Rolle als Polemiker gefällt, hat sich leidenschaftlich in mehreren Artikeln auf Pinkers Thesen eingeschossen: schon 2011 bezeichnete er sie als “Nonsense” (Grays Argumente nimmt wiederum Steve Clarke im “Practical Ethics”-Blog der Universität Oxford unter die Lupe) und erst vor einer Woche legte Gray im Guardian wieder nach: Pinkers These sei Wunschdenken.

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Klaus Binders Übersetzung von Lukrez unter den Finalisten des Leipziger Buchpreises

Die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse hat die jeweils fünf Finalisten in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung bekanntgegeben. Klaus Binders schon im Feuilleton gelobte Übersetzung von Lukrez’ “Über die Natur der Dinge” ist auch dabei.

Hier ein Interview mit Binder zum Buch bei der FR
Eine Rezension im Kulturradio.
Als Buchtipp im Video von Gert Scobel bei 3sat.
Micha Brumliks Rezension in der taz.

Karl Popper zur Einführung

Karl Popper ist einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Nicht nur in der Wissenschaftstheorie, auch in der Politischen Philosophie und der Ideologiekritik sind seine Beiträge von bleibendem Wert. Als ausgesprochener Gegner von Totalitarismus, Irrationalismus und Obskurantismus hat er “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde” geschrieben, das – wie die nahezu hysterische Ideologisierung öffentlicher Debatten der letzten Jahre zeigt – eine immense Aktualität besitzt. Insbesondere der irrationale Essentialismus und das Hordendenken werden von Popper einer systematischen Kritik unterzogen.

Eine sehr gute Einführung in Poppers Leben und einen anschaulichen knappen Überblick über sein Werk hat Manfred Geier 1994 mit dem Titel “Karl Popper” in der Reihe Rowohlts Monographien veröffentlicht. Die klare Sprache und das reichhaltige Bildmaterial machen das Buch zu einem Klassiker. Für einen ersten Einstieg in Poppers eigene Texte eignet sich das “Lesebuch” von Karl Popper, das von einem jungen Assistenten Poppers zusammen gestellt wurde.

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