Den Troll ausblenden

Der Troll kehrt auf seiner moralischen Mission immer wieder an die Orte im Internet zurück, wo er meint, die Welt ändern und mit seiner Verkündigung beglücken zu müssen. In seinem beamtenhaften religiösen Eifer ist er wie ein Stalker.

Für Marginal Revolution gibt es nun ein User Script, um wenigstens nervige Kommentatoren zukünftig auszublenden – ein Beitrag, um Internetkommunikation wieder sozial zu machen. (Das Script läuft im Browser ohne zentrale Datenhaltung. Es ändert nicht die betreffende Seite selbst, sondern nur die Darstellung im eigenen Browser.) Der Troll kann weiter seine Zeit verschwenden ohne das Ausmaß seiner Irrelevanz zur Kenntnis zu nehmen – und alle anderen sparen ihre Zeit. Das Script sollte sich leicht für andere Seiten anpassen lassen.

Der Nachteil an dieser Lösung ist, dass man nicht sieht, wie schlecht ein Kommentarthread für Leute aussieht, die das Script nicht nutzen.

Facebook löscht kirchenkritische Beiträge des Fernsehmoderators Domian

Wie der WDR berichtet, hat Facebook Beiträge des Fernsehmoderators Jürgen Domian gelöscht, in denen er sich kritisch mit kirchlichen Positionen auseinandersetzt. Domian teilte daraufhin mit, er sei “äußerst verärgert und fassungslos”. Die lauwarme Erklärung von Facebook räumt ein, “dass gelegentlich Fehler gemacht werden”. Ihr ist zu entnehmen, dass man offenbar auf Hinweise von “fanatischen Kirchenanhängern” – wie Jürgen Domian dies kommentiert – reagiert habe.

Die Maßnahme ist offenkundig eine Interpretationshilfe zum Verständnis sowohl von Facebook als auch von Religion.

Bertrand Russell über Klarheit

Aristoteles hat die Suche nach Erkenntnis als eine Frage der Einstellung gesehen (Zweite Analytik, II, 19; 99b17), wobei uns die antiken Philosophen die Rationalität als Ausweg aus dem bloßen Meinen und dem gewaltsamen Übertrumpfen anempfehlen. Rationales, nachvollziehbares Argumentieren ist die demokratische, intersubjektive Methode, die von allen denjenigen, die die Welt mit ihrer Überzeugung beglücken wollen, ohne kritische Fragen zuzulassen – auch besonders heute wieder – verachtet wird.

Für die rationale Einstellung sprach sich der Pazifist, Logiker, Lebensberater, Schriftsteller, Philosoph und Nobelpreisträger Bertrand Russell aus:

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Postprivacy ist das Gegenteil von Philosophie

Seit wir das Read-Write-Web haben genießen wir die mittlerweile ausführlich beschriebenen Vorzüge der individuellen Kreativität und Kommunikation im Internet. In der Euphorie über diese Entwicklung wäre man vor einigen Jahren nicht auf die Idee gekommen, dass es später Leute geben wird, die recht grobe Vorurteile zu einer ziemlich ungelenken Konstruktion zusammenfassen, die sie als Internetphilosophie ausgeben, wie es Vertreter der “Postprivacy” tun. Und noch weniger hätte man geglaubt, dass solche spontanen, theoretisch wie historisch bedauerlich uninformierten “Theorien” Aufmerksamkeit finden.

Dabei ist eine klare Argumentationsstruktur für positive Thesen der Postprivacy auch mit viel hermeneutischem Aufwand und Wohlwollen nicht auszumachen. Die “Letztbegründung”, dass es sowieso unabwendbar so kommen werde (“friss! Ist eh alternativlos“), zeigt eindeutig, dass hier nicht philosophiert, sondern nebulös geahnt und gefühlt wird. An sich ist diese “Begründung” lediglich ein Hinweis darauf, dass hier ein affektiver Impuls den Wunsch zum Ausdruck bringt, Anerkennung dafür zu erhalten, dass man mit digitaler Technik im Alltag Umgang hat.

Für die Durchdringung des Alltagslebens durch das Internet zu argumentieren ist aber so sinnvoll, wie dafür zu kämpfen, dass Regen nass sein soll. Einen avantgardistischen Deutungsstandpunkt für die kulturellen Konsequenzen des Internet zu reklamieren, weil man mit Freunden ein Stück Technik benutzt, ist so überzeugend, als wollte man dem Rest der Welt das Gehen erklären, weil man einen bestimmten Sportschuh trägt. Und dass Alles sowieso so kommen werde ist ein rekordverdächtig unphilosophisches Argument. Verbunden mit dem Pathos, für die Durchsetzung dessen, was sowieso kommt, zu kämpfen, ist die “Postprivacy” – die um Verständnis dafür bittet, (noch) nicht definieren zu können, was “Post” und was “Privacy” ist – eine profunde Hirnverrenkung, einer Erweckungsreligion nicht ganz unähnlich. Da wird mit Zweiflern und Fragern auch nicht lange diskutiert. Eine zivile und sorgsame Diskussion und ein eigenes Bemühen um argumentative Sorgfalt erscheint aufgrund der Evidenz des eigenen Sendungsbewusstseins völlig überflüssig.

Postprivacy sagt mit vielen Worten wenig, vor allem nichts Konsistentes und nichts philosophisch Interessantes. Darüberhinaus lässt sie jede Sorgfalt – und allzuoft auch diskursiven Respekt – vermissen.

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Für das Meckern, gegen das Meckern

Vor einer Woche hielt Sascha Lobo auf Spiegel Online ein Plädoyer für das Meckern, insbesondere in der allseits geschätzten Form, wie es im Internet praktiziert wird. “Ein besseres Internet, eine bessere Welt muss herbeigemeckert werden“. Es sei die Pflicht eines jeden “vernünftigen Bürgers” sich über “störende Umstände laut zu beschweren, in meckerndem, keine Zweifel am Unmut lassenden Ton.

Zweifellos ist eine Hauptzutat dieses Lobs der “Nölpest” die Ironie, und vermutlich war es für Lobo auch nur eine Fingerübung, der als geübter Rhetoriker auf Wunsch zu einem frei gewählten Standpunkt eine unterhaltsame Rede aus den Ärmeln schüttelt. Oft gelingt ihm dies brilliant, und nicht selten kokettiert er dabei mit einer Bescheidenheit, mit der er zeigt, dass er die Fallstricke des Dogmatismus vermeiden möchte. Im Gegensatz zu vielen Lobohassern nehm ich ihm das ab – nämlich weil er es sagt.

Nur eine Woche nach dem Lob des Meckerns kritisierte er auf Spon das “Netz der Besserwisser“, wobei er von dem Prinzip “Alles zu allem und auch das Gegenteil davon” verblüffenderweise selbst Gebrauch macht. Mit seiner Kritik der “gefühlten Experten” scheint er das genaue Gegenteil des vorherigen Lobs der Meckerkultur zu behaupten: Ausgerüstet “mit der Normalimpertinenz des erfahrenen Internetnutzers” würde jedes Geschehen der Weltgeschichte “durch immense Hinterher-Klugheit” kommentiert, oft nur einen “Schritt von der Verschwörungstheorie entfernt“. Das Internet laufe Gefahr, zur Besserwissensmaschine zu werden. (Dazu passt es dann, wenn auch unfreiwillig, dass er ausgerechnet Michael Seemann als “Netzdenker” zitiert, der hauptsächlich durch selbstgerechtes Rumpöbeln und beliebiges Buzzwording auffällt, und es nicht fertigbringt, bei Sachfragen außerhalb seines vertrauten Vorurteilshorizonts im Internet zu recherchieren, geschweige denn in einem Buch wie bspw. einem Standard-Philosophielexikon nachzuschlagen.) Lobo hat völlig recht, wenn er feststellt, dass zum Suchen von Informationen auch die “Kenntnis um ihre Relativität, Subjektivität und eventuelle Falschheit” gehört.

Tatsächlich ist das Ventilieren dogmatischer Vorurteile, Rumposen und Pöbeln, das auch euphemistisch als Internetdiskurs gehandelt wird, kein guter Garant für die Wissensvermehrung. Und auch als Unterhaltungsfaktor fehlt ihm das zeitlose Etwas – wer lacht heute schon noch über Pocher und Raab? Wer nicht auf das argumentative Niveau von Sarah Palin absinken will, muss sich an anderen Kriterien orientieren: Guter Ton, Vielfalt, Sorgfalt, kritische Reflexion, und weniger Rumposen. Es ist wahr: Was Street Credibility und Ruhm angeht, sind Wirkung und Schein die ausschlaggebenden Kriterien. Wissen dagegen braucht die von Lobo zurecht hervorgehobenen epistemologischen Kriterien, zu denen auch noch ein Schuss Argumentationstheorie gehören dürfte. Insofern sind Sokrates und Aristoteles kein bisschen 350 v.u.Z. (Sagt ja auch der Lobo.)

Es ist richtig, dass die Meinungsvielfalt im Netz gut ist für eine bessere Welt – vielleicht erleben wir sie ja dereinst einmal. Das Meckerartige des Meckerns aber, nämlich Dummheit und Dogmatismus, führen geradewegs in die Hölle.

Hysterie statt Rationalität

Was ich in der letzten Zeit als lähmend empfinde, und was meines Erachtens tatsächlich auch Beobachter und Teilnehmer in verschiedenen Bereichen lähmt, ist das implizite Verbot, die “nicht-richtigen” Positionen zur Kenntnis zu nehmen, zu untersuchen und zu diskutieren – und das auf ganz unterschiedlichen Feldern der Politik, der Kultur, der Technologie. Wer es dennoch wagt, kann mit hysterischen Reaktionen rechnen.
Es ist der Mechanismus des Schulhofs, des Fanclubs, des Stammtischs, der die wichtigen Debatten prägt.