Archive for category Argumentation

Scholastische Streitereien

Es scheint akademischen Philosophen ein Bedürfnis zu sein, sich abzugrenzen. Zunächst natürlich einmal gegen die Vulgär- und Popularphilosophie. Aber dann auch gegen Traditionen und Denkschulen innerhalb des eigenen Faches. Invektiven in diese Richtung wird jeder Philosoph vermutlich kennen, wenn er sich nicht sogar selbst daran beteiligt.

Ein neues schönes Beispiel liefert die aktuelle Debatte um Clark Glymours Manifest, in dem nicht gekleckert, sondern geklotzt wird. Man würde Nichts verlieren, so Glymour, wenn einige Geisteswissenschaftler entlassen würden und mit dem Besen in der Hand arbeiten müssten. Ihm gefällt die “formale Philosophie” besser als die “kontinentale”, und er bezeichnet den von ihm bevorzugten Ansatz als “materiale Philosophie”. Die Beispiele, die er gibt, haben mit Computern, Statistik, Spieltheorie usw. zu tun. Mit Logik, Mathematik und Programmierkenntnissen könne man eben besser philosophieren als nur mit Intuition. Deshalb würde sich die “konventionelle” analytische Philosophie auch überflüssig machen (die “kontinentale” wurde zuvor ja schon in den Sack gesteckt). Die Arbeiten von Philosophen seien ohne Einfluss, und deshalb könne man Philosophy Departments schließen, außer sie würden Mittel in Millionenhöhe einwerben.

Insofern hat die Art von Scholastik, die Glymour betreibt und als materiale Philosophie bezeichnet, also auch materiale Konsequenzen. Seine großzügig selbstherrliche Einschätzung provozierte denn auch ein großes Hallo in den Weblogs, bspw. hier und hier. Eine deutliche Tendenz in den Kommentaren ist ein gewisser Überdruss darüber, dass derartige Haltungen wie die von Glymour immer noch virulent sind.

, , , , , , ,

2 Comments

Michael Ruse kritisiert Alvin Plantingas neues Buch

Michael Ruse äußert sich im Chronicle of Higher Education zu Alvin Plantingas neuem Buch über Religion und Theismus. Plantinga, der in früheren Auseinandersetzungen mit Ruse behauptet hatte, kein Befürworter des Intelligent Design zu sein, akzeptiert diese Auffassung nun doch in seinem Buch, so Ruse. Außerdem kritisert Ruse, dass Plantinga und andere Vertreter religiöser Auffassungen immer wieder die Thesen ihrer Gegner verzerren, auf Einwände keine Antwort liefern und Abweichler drangsalieren: “because of their unsophisticated versions of these beliefs, they simply are not prepared to engage in mature, responsible scholarship. And they bully those who are.

Plantingas Buch erhält viel Aufmerksamkeit, wie jüngst erst in der New York Times.

Vor zwei Jahren hatte Plantinga mit Daniel Dennett in Chicago diskutiert – ein offenkundig einseitig-parteilicher Bericht hatte in den Philosophieblogs die Runde gemacht. Darin heißt es, Dennett sei nicht auf die Argumente Plantingas eingegangen und habe eher eine spöttische Haltung an den Tag gelegt. Kommentare zu diesem Bericht (hier und hier) legen aber nahe, dass es Plantinga war, der Dennetts Einwand nicht zur Kenntnis nahm.

, , , , , , ,

2 Comments

Evgeny Morozov rezensiert Jeff Jarvis und bringt damit die Internetdebatte voran

Schade, dass der Begriff “Internetintellektuelle” mittlerweile so geprägt ist, dass damit Poser und Anti-Intellektuelle gemeint sind, bzw. sich selber meinen.

Evgeny Morozov, der Autor von “The Net Delusion“, hat sich erfreulicherweise die Mühe gemacht, einen prominenten Teil des “Internetdiskurses” in Form von Jeff Jarvis’ neuem Buch “Public Parts” zu rezensieren. Auf deutsch bei der FAZ.

Morozov zeigt ganz gut, wie verzerrt und polemisch einige Darstellungen aufgebaut sind, und dass sie großspurig ethische Probleme vom Tisch wischen, für die eigentlich die Sensibilität gestärkt werden müsste. Michael Walzer spricht treffend vom technologischen Romantizismus, gegen den Morozov nüchterne Argumente bringt. Wer die deutsche Debatte der letzten drei, vier Jahre verfolgt hat, wird viele Momente wiedererkennen, die ja bedauerlicherweise eher sozialpsychologischer als sachlicher Natur sind.

Jeff Jarvis hat hier auf Morozov geantwortet, und Evgeny Morozov darauf wiederum hier.

.

.

, , , ,

2 Comments

Stephan Schleim hat Probleme mit dem Naturalismus

Stephan Schleim diskutiert in seinem Blogbeitrag “Deutungshoheit: Brights, Vollmer und die ‘rechten Dinge’” den Naturalismus. Dazu beschäftigt er sich mit Gerhard Vollmers Aufsatz “Geht es überall in der Welt mit rechten Dingen zu?“, der bei den Brights veröffentlicht wurde.
Schleim möchte einen “intoleranten Humanismus und Denkverbote” demaskieren: “Den selbsternannten Verfechtern der Wissenschaft, die sich gern ins aufklärerische Gewand kleiden, stünde etwas mehr Bescheidenheit und Toleranz gut zu Gesicht. Anstatt sich über Menschen mit anderer Meinung lustig zu machen, sich selbst als die Gescheiten und die anderen für die Hinterwäldler zu halten, anstatt vorauseilenden scheinwissenschaftlichen Erklärungen zum Opfer zu fallen, könnten auch sie vom kritischen Dialog miteinander und der Reflexion ihrer eigenen Ansichten lernen.

Man gewinnt den Eindruck, dass sich diese Kritik besonders gegen Michael Schmidt-Salomon richtet, dem er den von ihm beanspruchten Humanismus nicht recht glauben zu wollen scheint. Die Vorwürfe jedenfalls, “blind dafür [zu sein], dass sie mit ihrer oberflächlichen Scheinwissenschaft Denkverbote verhängen“, “Andersdenkende ins Abseits der Lächerlichkeit drängen” und nicht zuletzt der Vorwurf der “gelebten Intoleranz” ist im Zusammenhang mit Gerhard Vollmer allerdings befremdlich.

Offenkundig werden hier Probleme des sachlichen und fairen Diskussionsverhaltens mit der fraglichen Sache selbst (hier: Naturalismus) vermischt. In der Tat – Menschen mit ungebührlichem Sozial- und Diskussionsverhalten sind leider viel zu häufig anzutreffen, unabhängig vom verhandelten Thema. Beispielsweise konnte man in den letzten Tagen Einlassungen von katholischer Seite zu Moral- und Weltanschauungsfragen lesen, die parteilich und polemisch waren. Auf diese Weise werden die in Frage stehenden Sachverhalte verzerrt. Polemik taugt nur als politisches, nicht als wissenschaftliches Werkzeug.

Update: Hier eine Antwort von Stephan Schleim.

.

.

, , , ,

No Comments

Bertrand Russell über Klarheit

Aristoteles hat die Suche nach Erkenntnis als eine Frage der Einstellung gesehen (Zweite Analytik, II, 19; 99b17), wobei uns die antiken Philosophen die Rationalität als Ausweg aus dem bloßen Meinen und dem gewaltsamen Übertrumpfen anempfehlen. Rationales, nachvollziehbares Argumentieren ist die demokratische, intersubjektive Methode, die von allen denjenigen, die die Welt mit ihrer Überzeugung beglücken wollen, ohne kritische Fragen zuzulassen – auch besonders heute wieder – verachtet wird.

Für die rationale Einstellung sprach sich der Pazifist, Logiker, Lebensberater, Schriftsteller, Philosoph und Nobelpreisträger Bertrand Russell aus:

.

. .

, , , ,

2 Comments

Neo- und Post-

Sind Worte, die mit der Vorsilbe “Neo-” gebildet werden abwertend, und die, die mit “Post-” beginnen, positiv besetzt? Womöglich lassen sich Beispiele finden, die dies bestätigen und andere, die dies wiederlegen. Letzten Endes aber läuft es wohl alles nur auf Täuschung und Wortgeklingel hinaus als Ersatz für Dinge, die man nachvollziehbar hätte ausdrücken können. Rhetorik statt Logik.
Weshalb man jedes “Post-”Dings in ein “Neo-”Dings umwandeln kann, um auf derselben argumentativen Ebene ein Licht auf den Inhalt des jeweiligen rhetorischen Theaterstücks zu werfen. Wie bspw. Post-Privacy, die eine Neo-Religion ist.

,

No Comments

Für das Meckern, gegen das Meckern

Vor einer Woche hielt Sascha Lobo auf Spiegel Online ein Plädoyer für das Meckern, insbesondere in der allseits geschätzten Form, wie es im Internet praktiziert wird. “Ein besseres Internet, eine bessere Welt muss herbeigemeckert werden“. Es sei die Pflicht eines jeden “vernünftigen Bürgers” sich über “störende Umstände laut zu beschweren, in meckerndem, keine Zweifel am Unmut lassenden Ton.

Zweifellos ist eine Hauptzutat dieses Lobs der “Nölpest” die Ironie, und vermutlich war es für Lobo auch nur eine Fingerübung, der als geübter Rhetoriker auf Wunsch zu einem frei gewählten Standpunkt eine unterhaltsame Rede aus den Ärmeln schüttelt. Oft gelingt ihm dies brilliant, und nicht selten kokettiert er dabei mit einer Bescheidenheit, mit der er zeigt, dass er die Fallstricke des Dogmatismus vermeiden möchte. Im Gegensatz zu vielen Lobohassern nehm ich ihm das ab – nämlich weil er es sagt.

Nur eine Woche nach dem Lob des Meckerns kritisierte er auf Spon das “Netz der Besserwisser“, wobei er von dem Prinzip “Alles zu allem und auch das Gegenteil davon” verblüffenderweise selbst Gebrauch macht. Mit seiner Kritik der “gefühlten Experten” scheint er das genaue Gegenteil des vorherigen Lobs der Meckerkultur zu behaupten: Ausgerüstet “mit der Normalimpertinenz des erfahrenen Internetnutzers” würde jedes Geschehen der Weltgeschichte “durch immense Hinterher-Klugheit” kommentiert, oft nur einen “Schritt von der Verschwörungstheorie entfernt“. Das Internet laufe Gefahr, zur Besserwissensmaschine zu werden. (Dazu passt es dann, wenn auch unfreiwillig, dass er ausgerechnet Michael Seemann als “Netzdenker” zitiert, der hauptsächlich durch selbstgerechtes Rumpöbeln und beliebiges Buzzwording auffällt, und es nicht fertigbringt, bei Sachfragen außerhalb seines vertrauten Vorurteilshorizonts im Internet zu recherchieren, geschweige denn in einem Buch wie bspw. einem Standard-Philosophielexikon nachzuschlagen.) Lobo hat völlig recht, wenn er feststellt, dass zum Suchen von Informationen auch die “Kenntnis um ihre Relativität, Subjektivität und eventuelle Falschheit” gehört.

Tatsächlich ist das Ventilieren dogmatischer Vorurteile, Rumposen und Pöbeln, das auch euphemistisch als Internetdiskurs gehandelt wird, kein guter Garant für die Wissensvermehrung. Und auch als Unterhaltungsfaktor fehlt ihm das zeitlose Etwas – wer lacht heute schon noch über Pocher und Raab? Wer nicht auf das argumentative Niveau von Sarah Palin absinken will, muss sich an anderen Kriterien orientieren: Guter Ton, Vielfalt, Sorgfalt, kritische Reflexion, und weniger Rumposen. Es ist wahr: Was Street Credibility und Ruhm angeht, sind Wirkung und Schein die ausschlaggebenden Kriterien. Wissen dagegen braucht die von Lobo zurecht hervorgehobenen epistemologischen Kriterien, zu denen auch noch ein Schuss Argumentationstheorie gehören dürfte. Insofern sind Sokrates und Aristoteles kein bisschen 350 v.u.Z. (Sagt ja auch der Lobo.)

Es ist richtig, dass die Meinungsvielfalt im Netz gut ist für eine bessere Welt – vielleicht erleben wir sie ja dereinst einmal. Das Meckerartige des Meckerns aber, nämlich Dummheit und Dogmatismus, führen geradewegs in die Hölle.

, ,

9 Comments

Für eine Kultur respektvoller Debatten – Martha Nussbaum

Martha Nussbaums Buch “Not for Profit” über die Relevanz der Geisteswissenschaften wird in Großbritannien und den USA viel diskutiert. Völlig zu Recht weist sie darauf hin, dass es sich um ein weltweites Problem handelt.

Ende letzten Jahres wurde im Blog “In Socrates’ Wake” in mehreren Beiträgen über “Not for Profit” diskutiert, und am 8. November 2010 antwortete Martha Nussbaum auf die Diskussion. Sie wies auf einige positive Aspekte des amerikanischen Systems hin, die es in dieser Form in Deutschland nicht oder nur ansatzweise gibt.
Außerdem diskutiert sie die Verantwortung der Geisteswissenschaft – und dieser Teil scheint mir in Manchem übertragbar auf die Situation in Deutschland, aber auch von ganz eigener Wichtigkeit zu sein.
Sie hält in den akademischen Disziplinen einen Respekt für ernsthafte Argumente ebenso für erforderlich wie das Ideal, dass widerstreitende Positionen mit Respekt und verständnisvoll untersucht werden müssen. Beides vermisst sie insbesondere in den Literaturwissenschaften (“literature departments”). Sie diskutiert dann einige amerikanische Besonderheiten, und streicht dann noch einmal die Bedeutung des “respektvollen Argumentierens” für die demokratische Kultur heraus.

Sowohl, was ihre Einschätzung dieser Wichtigkeit, als auch was die typischen Symptome des Ignorierens dieses Werts angeht, stimme ich ihr zu. Hiesige Debatten, etwa in der Politik oder im Internet, lassen in ganz erstaunlichem Maß die Fähigkeit und Bereitschaft vermissen, Themen sachgerecht darzustellen und alternative Positionen angemessenen zu diskutieren. Stattdessen werden die eher üblichen, ohnehin schon unverzeihlichen rhetorischen Fouls nicht selten von mehr oder weniger verschleierten ad-hominem-Attacken gekrönt.

Tatsächlich haben die Geisteswissenschaften die Aufgabe, den Studierenden die Fähigkeit zu intellektuellem Respekt beizubringen, und tatsächlich ist es erforderlich, diese Fähigkeit möglichst weit zu verbreiten. Destruktive Machtkämpfe in Debatten sind psychologisch und kulturell krank.
In Martha Nussbaums Worten: “I so often see opposing positions demonized and not engaged with seriously, and I think this is a grave failing of our culture.” Erforderlich ist “a way of putting forward one’s own position (by persuasive argument) that is not insulting but deeply respectful.

, , , , , ,

2 Comments

Araucaria – Tool zur Argumentanalyse

Argunet von Gregor Betz – eine Software zur Rekonstruktion und Visualisierung der Struktur von Argumentationen – habe ich schon erwähnt (hier und hier). Ein weiteres Argumentanalysetool ist Araucaria, dass ebenfalls zur Rekonstruktion dient und Argumente in Diagrammform stellt. Es wurde von Chris Reed and Glenn Rowe an der Universität von Dundee entwickelt.

, , , ,

No Comments

Frust in der deutschen Internetdebatte

Die Debatten in deutschen Weblogs über die sozialen und kulturellen Implikationen des Internet laufen oft auf einem frustrierenden argumentativen Niveau, auf dem “Arschloch” symptomatisch für den Stil der sachlichen Auseinandersetzung und der menschlichen Anerkennung von Diskussionsteilnehmern ist. Die Auffassung, dass das Gift der Polemik erforderlich ist und zur Klärung eines Sachverhaltes beiträgt, ist bedauerlicherweise verbreitet. Natürlich ist diese Auffassung sachlich und moralisch falsch. Auch psychologisch scheint es nachgewiesen zu sein, dass ausgewogene Argumente, die die Gegenpositionen angemessen darstellen, wirkungsvoller als polemische Verzerrungen sind.

Update: Anderswo geht es ja auch: Gastautor William B. Irvine plädiert auf Boing Boing für einen “Insult Pacifism” [via Philoblog]. Derzeit habe ich noch einen Beitrag in Arbeit: in der amerikanischen Bildungsdebatte plädiert Martha Nussbaum für faire Argumente und eine entsprechende kulturelle Ausbildung, um nicht auf das Niveau rechtspopulistischen Geiferer a la Fox News zurückzufallen.

, , ,

4 Comments

Kampagnen und Polemik

Paul Krugman meint, die Demokraten in den USA sollten einfach aggressiver in ihren Kampagnen auftreten, wie es die Republikaner auch immer tun. Schließlich habe Harry Reid damit Erfolg gehabt.
Interessant, aber ob’s stimmt? War Reids Gegenkandidatin vielleicht einfach zu schlecht? Und ist die Welt besser, wenn Demokraten nicht auch noch polemisch, sondern lieber vernünftig argumentieren (d.h., können wir noch mehr von der Scheiße überhaupt vertragen?) Natürlich wundert man sich, wie die Republikaner und andere rechte Spinner mit ihren abstrusen Äußerungen durch- und ankommen.

, ,

No Comments

Hysterie statt Rationalität

Was ich in der letzten Zeit als lähmend empfinde, und was meines Erachtens tatsächlich auch Beobachter und Teilnehmer in verschiedenen Bereichen lähmt, ist das implizite Verbot, die “nicht-richtigen” Positionen zur Kenntnis zu nehmen, zu untersuchen und zu diskutieren – und das auf ganz unterschiedlichen Feldern der Politik, der Kultur, der Technologie. Wer es dennoch wagt, kann mit hysterischen Reaktionen rechnen.
Es ist der Mechanismus des Schulhofs, des Fanclubs, des Stammtischs, der die wichtigen Debatten prägt.

, , , ,

No Comments