Bla bla: (Nicht nur) akademischer Unsinn

Die Verpeiltheit in mehr oder weniger öffentlichen Diskussionen konnte sich in ihrer kosmischen Pracht zwar in den letzten Jahren durch das Internet voll entfalten, war für den sensibel veranlagten Beobachter aber immer schon auch in ihrer nicht-elektronischen Ubiquität zu bewundern. Hier ein Beispiel aus dem akademischen “Diskurskontext”.

Sokrates über die Debattenkultur im Internet

Die sozialpsychologischen Mechanismen der Internetkultur sind einigermaßen trivial. Um hierzu dennoch große “Netzphilosophien” und “Systemtheorien” anzubieten, muss man denn schon die schlichten Sachverhalte möglichst obskur und getragen von religiösem Bekehrungseifer darstellen.

Einen der zentralen Mechanismen der “Netzdebatten” hat Sokrates beschrieben: “Denn was nach seinem eigenen Sinn gesprochen wird, daran freut sich ein jeder, was aber aus einem fremden, das ist ihm zuwider.” (Platon: Gorgias, 512b) Und wegen dieser nüchtern-realistischen Einschätzung empfiehlt Sokrates Vernunft und Moral als einzige intelligente Option.

Abwertungsbedürfnisse

Möchtegern-Philosoph, Bürger-Philosoph, Fernseh-Philosoph, Mode-Philosoph, Protz-Philosoph usf. – das Etikettenprinzip ist leicht erlernbar und anwendbar. Derzeit ist es Richard David Precht, der sich solche Urteile der geballten Intelligenz gefallen lassen muss. Das passt denn auch harmonisch zur hiesigen Kommentarkultur – das Feuilleton ist auch nicht differenzierter als die Twitterfeeds und Webforen heute. (Was ist aus der guten Idee geworden? Durch welche Fluttore sind das Motzen, das Auftrumpfen und das Überschütten auch noch an die Orte des Argumentierens und Vorstellens gelangt?)

Einen klugen kultursoziologischen Blick auf die Anti-Precht-Mode wirft heute Peter Unfried in der taz.

Plädoyer für Humanities

Rachel Maddow, in den USA bekannt als Fernsehmoderatorin und Aktivistin, hebt in einem Vortrag an der Stanford University die Bedeutung der Humanities hervor, wie die News Seite von Stanford berichtet. Sowohl beruflich als auch politisch sei es entscheidend, Argumente gut zu formulieren. Und das würden eben Disziplinen wie Philosophie oder Sprachwissenschaften vermitteln. Neben guten Ingenieuren, Ärzten, Wissenschaftlern etc. bräuchte die Gesellschaft auch gute Schriftsteller, Journalisten, Künstler …

Oldie but goldie – “… und die Behandlung von Krankheiten”

Man liest über einen neuen sozialen Roboter, ein aktuelles Resultat der Hirnforschung, die neueste Wunderkombination aus der Gentechnologie, eine sensationelle Maschinenprothese für Menschen – und das bedeutet, man liest mit ziemlicher Sicherheit auch, dass diese neuen Errungenschaften Anlass sind für vielversprechende Aussichten für die Behandlung von Krankheiten.

Der Neuroskeptiker berichtet von einer Episode der Wissenschaftsgeschichte: Der Neurowissenschaftler Angelo Mosso hat am Ende des 19. Jahrhunderts eine Apparatur zur Messung des Gewichts von Hirnaktivitäten entwickelt. Nette Geschichte, mit einem ironischen Nebenaspekt: eine französische Zeitung feierte 1908 Mossos Entwicklung enthusiastisch und glaubt, sie führe zu einer Verbesserung der Therapie von neurologischen und psychischen Erkrankungen.

“Die Behandlung von Krankheiten” ist der “amerikanische Wissenschaftler” der Wissenschafts-PR. Wenn Boulevardblätter berichten, “amerikanische Wissenschaftler” hätten festgestellt …, so verleiht das der Information die notwendige Autorität sowie eine herausgehobene Relevanz. Der Verweis auf die in Aussicht stehenden Therapiemöglichgkeiten erfüllt mediensoziologisch die gleiche Funktion.

Jalees Rehman hat im Guardian gerade einen Artikel veröffentlicht, in dem er dafür plädiert, dass Wissenschaftsjournalismus mehr sein sollte als bloßes Infotainment – er sollte ein kritischer Wissenschaftsjournalismus sein. Rehman schlägt einige Kriterien dafür vor.

Raphaël Enthoven traf Richard David Precht

1

In Frankreich ist Raphaël Enthoven bekannt als Produzent und Moderator der Serie „Philosophie“, die sonntags auf ARTE gesendet wird. Am 27.2.2013 traf Richard David Precht, dessen neue Sendefolgen demnächst ausgestrahlt werden müssten, auf seinen französischen Counterpart im Auditorium der Französischen Botschaft in Berlin. Eingeladen hatte der Fernsehsender ARTE unter dem Titel “Raphaël Enthoven trifft Richard David Precht“, moderiert wurde der Abend von Emmanuel Suard, Botschaftsrat für Kultur und Leiter des Institut francais Deutschland. Nicht nur das Podium, auch das Publikum war gemischt deutsch-französisch besetzt, und so wurde das Gespräch simultan übersetzt – für jeden Sprachphilosophen und Hermeneutiker eine interessante Randbedingung für eine öffentliche philosophische Diskussion.

Auf die erste Frage nach dem Nutzen der Philosophie und ihre angemessene Rolle in den Medien antwortete Enthoven erfreulicherweise mit der Strategie, in Frage zu stellen, welcher Nutzen denn damit angesprochen werde und rang sich dann schließlich doch den Mut ab, darauf hinzuweisen, dass der Alltag ständig von selbst philosophische Probleme aufwerfe. Prechts Antwort war da zunächst etwas unglücklicher und gab denn auch im Laufe des Gesprächs Anlass zu dem einen oder anderen Missverständnis. Aus Sicht des biologischen Überlebens sei das Philosophieren sicher ein Luxus, so Precht. Ich glaube, das ist nicht einmal aus naturalistischer Sicht eine richtige Antwort, denn es ist ja die Biologie, die dieses Luxuswesen hervorgebracht hat, aber möglicherweise war Prechts These ja als Eröffnungssentenz für einen interessanten Gedankenaustausch bestimmt. Denn im Grunde war er sich mit Enthoven in dieser Sache einig. Wie dem auch sei – Enthoven griff das „Luxus“-stichwort auf, um darüber zu reden, dass man wohl erst einen vollen Bauch brauche, um zu philosophieren. Und obwohl auch dagegen einige Einwände auf der Hand liegen, kann man sich vorstellen, wie das gemeint sein könnte – nicht jedoch ein Zuhörer, der in der Diskussion am Ende des Abends der These von den vollen Bäuchen eine These des Philosophierens in Notlagen entgegenstellte.

Und diese fröhliche Kette von Missverständnissen und etwas überraschenden Gesprächsverläufen war denn auch eines der Kennzeichen dieses Abends. Aber dies soll noch nicht das voreilige Urteil sein. Es ist wohl eher unplausibel, Unterschiede der Philosophie und der Argumentationskultur an den modischen Unterschieden der Bekleidungsstile festzumachen, auch wenn dies das Schicksal von Philosophen zu sein scheint, die im Licht der Öffentlichkeit stehen. Aber es wurde doch deutlich, wie verschieden Enthoven und Precht ihre Auffassungen darstellten, welche Rolle Metaphern, narrative Elemente, Hinweise auf empirische Befunde oder die Assoziation von kulturellen Kontexten in ihren Beiträgen spielte.

Deshalb war dies eine gelungene Veranstaltung: sie machte einerseits die unterschiedliche „französische“ und „deutsche“ Gesprächskultur und damit so manches Überbrückungsproblem deutlich, andererseits brachte sie diese beiden ungleichen Geschwister zusammen. Das zwiespältige Ergebnis – Zweifel über den Grad des Gelingens der Kommunikation und zugleich der Genuss einer Begegnung, wie man sie so in der Öffentlichkeit selten erlebt – hat den Aufwand gelohnt.

Im Gegensatz zur auch von Precht und Enthoven kritisierten Talkshowkultur ist der Verlauf eines echten Gesprächs nicht vorhersehbar. In dieser Hinsicht hat dieser Abend nicht enttäuscht. Für ein gelingendes Gespräch fehlte es zwar hin und wieder an Zusammenhang, und ob der bei so unterschiedlichen Philosophiestilen herstellbar ist, ist vermutlich nicht gewiss. Aber mir hat es großes Vergnügen bereitet, an diesem gelegentlich ungeordneten Zwiegespräch teilzunehmen, für das es sonst in der Öffentlichkeit und in den Medien wenig Raum gibt.

So hatte der Moderator des Abends denn auch ein großes Interesse daran, in mehreren Anläufen von seinen beiden Gästen zu erfahren, welche Rolle sie der Philosophie im Fernsehen und in der Öffentlichkeit zuschreiben. Was auch immer sie an einer konkreten Antwort gehindert hat – das Ego, die Übersetzung, die Vielzahl von Gesprächsfäden, die mental abzuarbeiten sind – wir sollten es nicht erfahren. Erst als es um die Formate ihrer jeweiligen Sendungen ging, berichteten Enthoven und Precht Einiges über Konzepte und Medienpolitisches.

Bei der Frage nach den wechselseitigen Beziehungen zwischen französischer und deutscher Philosophie hat Precht die unterschiedliche Rolle des Philosophen, bzw. Intellektuellen in der französischen und der deutschen Kultur ausgezeichnet beschrieben: er verwies auf die historische Bedeutung des philosophe in Frankreich seit der Aufklärung, die bis heute eine gewisse Kontinuität hat, während in Deutschland lange Zeit eine solche Gelegenheit und eine solche Öffentlichkeit gar nicht bestand. Er erinnerte aber auch beispielsweise an die Faszination, die die französische Kultur und Philosophie in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland ausübte, und Einiges mehr (z.B. dass die aktuelle akademische Philosophie den Bezug zur Gegenwart verloren habe).

Dass von dieser Hochzeit heute nur noch wenig übrig ist, hat sicher auch mit dem Medien- und Kulturwandel zu tun. Vielleicht hat „die amerikanische Kultur“ ja doch gesiegt? Mag sein, dass diese Etikette falsch ist – wie das meistens bei simplen Etiketten der Fall ist. Jedenfalls werden Orte und Gelegenheiten für philosophische Reflexionen und breit reflektierte Kultur in der Öffentlichkeit und in den Medien knapp. (Auch bspw. Martha Nussbaum diagnostiziert ja in ihrem Buch „Nicht für den Profit!“ eine weltweite Krise der Bildung und der Kulturarbeit.)

Allein schon deshalb ist ein Abend wie dieser – mit einem mutigen Konzept, das zudem in Kauf nehmen muss, nicht vollständig zu gelingen – so wertvoll. Bleibt zu hoffen, dass dies nicht der letzte seiner Art war.

Tea-Party-Philosophie

In einer Zeit, in der der entfesselte Marktradikalismus sich als unfähig und unmenschlich erwiesen hat, wollen die Republikaner in den USA diesen Weg noch verschärfter weiter beschreiten. Aus der Unfähigkeit und dem Versagen von George W. Bush machen sie ein “Mehr davon!” In der letzten Woche hat Mitt Romney, der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, seinen potenziellen Vizepräsidenten, Paul Ryan, nominiert. Ryan ist ein konservativer Hardliner, der sich in seinen Überzeugungen auf die Schriftstellerin Ayn Rand beruft, die in ihren Werken einen entschiedenen Egoismus vertritt. Was unfähig sei, müsse sich eben gefallen lassen, vom Besseren übertrumpft zu werden, lautet ihre Version des Dschungelgesetzes.

Brian Leiter fragt in seinem Blog die Leser, ob es gründliche philosophische Kritiken der Werke Rands gibt. In den Kommentaren finden sich interessante Anmerkungen. Das Problem besteht nämlich zunächst einmal darin, dass niemand außer amerikanischen Rand-Anhängern ihre Auffassung ernsthaft als Philosophie – oder Theorie oder Wissenschaft – betrachtet. Rands Strategie scheint eher darin zu bestehen, bestimmte Positionen zu beschimpfen, statt Argumente zu liefern; also angewandter Machiavellismus. Wenn irgendwo, dann ist die Bezeichnung “kruder Positivismus” bei Rand angebracht; siehe z.B. Robert Nozicks Diskussion von Rands “A ist A”-Prinzip in diesem Interview.

Corey Robin hat ein aufschlussreiches Stück über “Randologie” bei The Nation veröffentlicht, und befasst sich in seinem neuesten Buch “The Reactionary Mind. Conservatism from Edmund Burke to Sarah Palin” grundsätzlich mit dieser Art von Konservatismus.

Die Kampagne des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama hat auf die Nominierung Ryans mit diesen Informationen und diesem Video reagiert.

Bemerkenswert ist auch, dass Leute wie Paul Ryan ihr Credo aus der Populärliteratur von Ayn Rand beziehen, und weniger von den akademischen Libertariern, die aber zweifellos auch viel zu dieser Art von politischer Stimmung beigetragen haben (siehe z.B. Thomas Scanlons Bemerkung dazu.)

Update: Das Internet hat diese Art von Philosophie humorvoll auf den Punkt gebracht.

.

Christine Korsgaard im Interview

Beim 3-AM-Magazine gibt es ein Interview mit der amerikanischen Kantexpertin Christine Korsgaard. Kant ist für sie ein naturalistischer Philosoph (der Meinung bin ich auch), für den alles entweder als Teil der natürlichen Welt erklärt werden kann oder aus der menschlichen Perspektive durch menschliche Bedürfnisse (wie z.B. “Tische” oder “Werte” oder “Vernunft”). “And it is right to think that the real source of all value in the world lies in people and animals”, so Korsgaard.

Sie pflichtet Kants Autonomiegedanken bei, klärt das seit Schiller bekannte Missverständnis auf, dass gute Taten, die mit Neigungen verbunden sind, für Kant angeblich moralisch wertlos seien (was bspw. auch schon Günter Patzig getan hat (“Der kategorische Imperativ in der Ethik-Diskussion der Gegenwart”)), und erläutert ihr Modell der konstitutionellen (statt kombativen) Funktion von Gefühl und Vernunft (“roughly speaking, passion proposes and reason disposes”).

Der Interviewer, Richard Marshall, macht seine Sache wie gewohnt gut. Er stellt die interessanten Fragen und kennt auch die roten Fäden einer Debatte oder eines Oeuvres. So fragt er Korsgaard, warum “Vernunft kein Despot ist”, worauf sie ihre Sicht von Identität erläutert und dass “wir uns mit unserer Vernunft identifizieren”. Das Interview greift zahlreiche weitere interessante Punkte auf, nicht zuletzt das Problem der Willensfreiheit, das ihr keine schlaflosen Nächte bereitet (“there is no point in saying …”)

.

. .

Scanlon gegen Libertarianismus

In einem ausführlichen Interview beim Utopian erfährt man Interessantes von Thomas Scanlon. Vorrangig geht es um seine Biografie und seine Philosophie. Auch über John Rawls erzählt er einiges Interessantes. Und er berichtet von der privaten Diskussionsgruppe, an der er bis in die 1990er teilnahm, zusammen mit Thomas Nagel, Ronald Dworkin, Robert Nozick, Judy Thompson, Michael Sandel, Christine Korsgaard und anderen.

Darüberhinaus enthalten gute Interviews auch gerne bemerkenswerte Details. Wie zum Beispiel diese beiden:

– Scanlon sagt seinen Studenten, sie sollten versuchen, sich nicht mit einer Position zu identifizieren, um ärgerliche Gegner zu schlagen, sondern die Plausibilität der anderen Position zu verstehen.

– Er ärgert sich über den Libertarianismus: “Yes, I certainly disagree with libertarianism, and it distresses me that it gets so much credibility.” Und man kann nicht sagen, er hätte sich nicht damit auseinandergesetzt (s. vorige Empfehlung).

Sokrates knapp freigeprochen

Die griechische Onassis Foundation hat am 25. Mai 2012 den Prozess “Stadt Athen gegen Sokrates” mit einer internationalen Jury von Juristen neu inszeniert. In der Frage, ob Sokrates nach athenischem Recht die Jugend korrumpiere und neue Götter einführe, stimmten 5 Richter für und 5 gegen Sokrates – was einen knappen Freispruch bedeutet.

Die Anklage- und die Verteidigungsschriften können hier gelesen werden (auf Englisch). Auch die ganze Veranstaltung im Onassis Kulturzentrum in Athen kann im Video angesehen werden. Mit 4 Stunden Dauer lassen sich so locker zwei Spiele der Fußball-EM ersetzen.