Xenophanes und Popper über Wahrheit und Vermutungswissen

Die sokratische Einsicht, dass wir uns unseres Wissens nie ganz sicher sein können, verband Karl Popper mit dem von Xenophanes bekannten Motiv, “suchend das Bessere zu finden”. Das Paideia-Blog hat einen guten Artikel dazu geschrieben.

Englische Übersetzung von Xunzi

Eric L. Hutton hat die erste englische vollständige Übersetzung von Xunzi bei Princeton University Press veröffentlicht: “Xunzi: Xunzi. The Complete Text“. Sie enthält eine Einleitung, Fußnoten mit Anmerkungen und Zeilennummern zum Text. Winni Sung rezensiert das Buch bei NDPR. Sie lobt die Übersetzung und Benutzerfreundlichkeit. Sodann diskutiert sie, wie es naheliegend ist bei Übersetzungen aus dem klassischen Chinesisch, einige Begriffe, die aufgrund ihres Bedeutungsumfangs schwer zu übertragen sind und damit philosophische Fragen aufwerfen. Darauf, so schließt sie, habe Hutton bereits in der Einleitung hingewiesen.

Die beste deutschsprachige Einführung in die klassische chinesische Philosophie ist die von Hubert Schleichert und Heiner Roetz bei Klostermann veröffentlichte “Klassische chinesische Philosophie“.

Die Kunst zu leben – Die Aktualität der antiken Philosophie

Eine beim Publikum beliebte Geschmacksrichtung von Philosophie besteht darin, Philosophien und Fragestellungen der Vorgänger für obsolet zu erklären (siehe Nietzsche, Heidegger, Wittgenstein, Foucault …).

Die Philosophie der Antike mit der für sie zentralen Frage nach einem guten, gelingenden Leben erfreut sich in der letzten Zeit wieder eines lebendigen Interesses bezüglich ihrer praktischen Bedeutung, abzulesen an einer Vielzahl von Publikationen sowohl im akademischen Bereich als auch für ein breiteres Publikum. Hier aus der großen Menge von Publikationen nur zwei Beispiele von Einführungen in diesen Themenbereich:

Christoph Horn veröffentlichte 1998 sein Buch “Antike Lebenskunst. Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern” (3. Auflage im Jahr 2014). Es ist eine sehr gute Übersicht zu den wichtigsten Begriffen und Positionen der antiken Ethik. Zur Orientierung und für ein systematisches Verständnis eine zuverlässige Hilfe.

Auch im englischsprachigen Bereich gibt es eine große Auswahl an guter Literatur zur antiken Ethik. Eine Darstellung stoischer Positionen zur “Kunst des Lebens”, die die Begriffe und Positionen anschaulich auch im Kontext anderer (z.B. moderner) Auffassungen diskutiert ist “The Art of Living: The Stoics on the Nature and Function of Philosophy” von John Sellars, in 2. Auflage 2009 bei Duckworth (mittlerweile Bloomsbury) erschienen.

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Klaus Binders Übersetzung von Lukrez unter den Finalisten des Leipziger Buchpreises

Die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse hat die jeweils fünf Finalisten in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung bekanntgegeben. Klaus Binders schon im Feuilleton gelobte Übersetzung von Lukrez’ “Über die Natur der Dinge” ist auch dabei.

Hier ein Interview mit Binder zum Buch bei der FR
Eine Rezension im Kulturradio.
Als Buchtipp im Video von Gert Scobel bei 3sat.
Micha Brumliks Rezension in der taz.

Susan B. Levin über Platons Rivalität zur Medizin

Susan B. Levin hat letztes Jahr bei Oxford University Press ihr Buch “Plato’s Rivalry with Medicine: A Struggle and Its Dissolution” veröffentlicht, das Alex Long nun bei NDPR rezensiert.

Levin untersucht die Hypothese, dass Philosophie und Medizin bei Platon in einer antagonistischen Beziehung stehen. Eine solche Konkurrenz zwischen Philosophie und Medizin oder anderen Disziplinen ist eine denkbare Möglichkeit. Ich habe aber den Eindruck, dass dies bei Platon gerade nicht der Fall ist. Dazu ist auch schon Einiges geschrieben worden, nicht zuletzt von Werner Jaeger. Insofern dürfte es interessant sein, zu lesen, was Levin zur Stützung ihrer Hypothese sagt. Alex Long ist jedenfalls nicht überzeugt, sondern sieht vielmehr ein wechselseitiges Informationsverhältnis zwischen Philosophie und Medizin bei Platon.

Reeves neue englische Übersetzung der Nikomachischen Ethik

Aristoteles’ “Nikomachische Ethik” liegt erfreulicherweise in einer gewissen Anzahl unterschiedlicher Übersetzungen vor, sei es ins Deutsche, Englische usw. 2014 ist bei Hackett eine neue englische Übersetzung von C.D.C. Reeves erschienen, die Lawrence Jost bei NPDR rezensiert.

Offenbar enthält das Buch in den Anmerkungen reichhaltige Verweise und Zitate aus anderen Quellen. Gleichzeitig hat sich Reeve bei der Übersetzung enger an das Griechische gehalten, was auf der anderen Seite wie bei allen möglichst wörtlichen Übersetzungen bei einigen Wendungen zu Verständnisschwierigkeiten führen kann (ein Beispiel wird in der Rezension vorgestellt). Jost geht in seiner Rezension auf verschiedene andere Übersetzungen ein.

Weiterer Schritt zur Entzifferung der Schriftrollen von Herculaneum

Beim Ausbruch des Vesuv vor 2000 Jahren wurden bekanntlich Pompeji und Herculaneum von einer meterdicken Schuttschicht begraben. In der Villa dei Papirii hat man eine komplette Bibliothek mit verkohlten Papyrusrollen gefunden, die zum großen Teil epikureische Schriften des Philosophen Philodemus enthalten. Allerdings sind die meisten Rollen derart verkohlt, dass sie nicht zerstörungsfrei entrollt werden können. Nun hat ein Team mithilfe eines speziellen Tomografieverfahrens erfolgreich griechische Schriftzeichen lesen können ohne die Rollen zu öffnen. Anders als in manchen Berichten angegeben, ist man aber noch nicht soweit, zusammenhängende Textstellen im Ganzen entziffern zu können.

Berichte gibt es unter anderem beim Smithsonian und der NZZ. Der Originalartikel des Forscherteams erschien bei Nature.

Hier ein Video von Vito Mocella, dem Leiter des Teams

Kurt Lampe veröffentlicht Monografie über Kyrenaiker

Es gibt nicht viele Monografien, die sich dezidiert mit den Kyrenaikern beschäftigen – einer Schule, die vom Sokratesschüler Aristipp in Cyrene begründet und von dessen Tochter Arete und wiederum deren Sohn Aristipp weitergeführt wurde. Kurt Lampes neue Veröffentlichung “The Birth of Hedonism: The Cyrenaic Philosophers and Pleasure as a Way of Life” ist bei Princeton University Press erschienen und wird hier bei NDPR rezensiert.

Neuausgabe der Briefe Senecas

Bei Reclam ist eine neue vollständige, übersetzte Ausgabe der Briefe Senecas an Lucilius (der epistulae morales) erschienen. Herausgegeben wurde das 780 Seiten umfassende Werk von Marion Giebel, die schon zahlreiche Werke der antiken Philosophie und Literatur übersetzt und herausgegeben hat. Auch eine Biografie zu Seneca hat sie im Rowohlt-Verlag veröffentlicht. Ob die Übersetzungen für diese Ausgabe neu angefertigt wurden oder aus den zahlreichen deutsch-lateinischen Einzelausgaben der Briefe bei Reclam stammen, kann ich nicht sagen, da ich noch keinen Blick ins Buch werfen konnte und die Reclam-Webseite dazu nichts sagt. Ergänzt wird diese Ausgabe um Zugaben wie Anmerkungen, eine Übersicht über die stoische Philosophie, ein Literaturverzeichnis und ein Nachwort.

Damit liegen die Briefe Senecas in ihrer erschwinglichsten deutschsprachigen Version vor (39,95 Euro). Soweit ich weiß, gibt es dann noch derzeit auf dem Buchmarkt die zweisprachige und zweibändige Ausgabe in der Reihe “Tusculum”, die aber Einiges mehr kostet, sowie die zweisprachige Studienausgabe der Philosophischen Schriften Senecas von Manfred Rosenbach in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, deren Übersetzung sich bewusst eng an das Lateinische anlehnt und damit für heutige deutschsprachige Ohren manchmal ungewohnt ist.

Seneca hat diese Briefe in den letzten Lebensjahren geschrieben. Sie enthalten einige markante Passagen, die oft zur Erläuterung der stoischen Philosophie herangezogen werden, aber auch interessante, manchmal kuriose Details über das Leben zu Senecas Zeiten, wie etwa die Schilderung des übermäßigen Luxuslebens der Begüterten, das der Stoiker Seneca naturgemäß weder für vertretbar noch für heilsam hält.

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Julia Annas im Interview über Tugendethik

Bei Philosophy Bites ist ein Interview mit Julia Annas erschienen (in Englisch), in dem sie erläutert, was die Tugendethik ist und wie man sie sich konkret in der Praxis vorzustellen hat – auch gegen Einwände von konkurrierende Ansätzen. Julia Annas ist eine der prominentesten Philosophinnen im Bereich der antiken Philosophie.

Die Tugendethik ist eine der Hauptrichtungen der Moralphilosophie der letzten Jahrzehnte. Wie der Name vermuten lässt geht sie zurück auf antike Konzeptionen, insbesondere von Aristoteles. In der Tugendethik ist der Charakter von Personen (der hier dynamisch, nicht statisch verstanden wird) von entscheidender Bedeutung, denn er ist es, der die Menschen gut macht, der sie gute Handlungen tun lässt, und der sie letztlich auch glücklich macht. Glück und Ethik waren schon in der Antike eng miteinander verbunden.