Sind Moral und Vernunft nichts als hübsche Verpackung?

Dass Menschen nicht wirklich moralisch, geschweige denn vernünftig seien, ist eine These, die in verschiedenen Geschmacksrichtungen (sprich: unterschiedlichen philosophischen Denkrichtungen) immer mal wieder auf den Markt gebracht wird, wo sie nicht zuletzt aufgrund ihrer Steilheit und “überraschenden” Originalität Anhänger findet.

Massimo Pigliucci beschäftigt sich (mit Bezug auf eine Rezension von Tamsin Shaw in der NYRB) mit den Positionen von Jonathan Haidt, Steven Pinker, Paul Bloom und Joshua Green. Shaw und Pigliucci identifzieren einen bekannten Fehlschluss in diesen Positionen, in deren deskriptive Theorien sich normative Prämissen einschleichen, die von den Autoren nicht begründet werden. Diese Kognitiven und Moralpsychologien seien eher ein Paradebeispiel für Bias.

Kants Vorlesungen zur Anthropologie

Kants Vorlesungen zur Anthropologie stehen nicht gerade in dem Ruf, zu seinen bekanntesten oder gar wichtigsten Werken zu gehören. Sie gelten eher als teils kuriose Sammlung nicht immer fundierter Bemerkungen Kants, die so manche Stereotypen und Vorurteile seiner Zeit transportieren. Hinzu kommt der Umstand, dass sie auf den Mitschriften seiner Zuhörer beruhen und ihre Authentizität somit problematisiert werden könnte.

Martin Sticker rezensiert bei NDPR die bei Cambridge University Press von Alix Cohen herausgegebene Aufsatzsammlung “Kant’s Lectures on Anthropology: A Critical Guide“. Die Aufsätze werfen ein Licht auf Kants pragmatische Bemühungen und sein – oft übersehenes – Interesse an empirischen Fragestellungen. Sticker skizziert die Themen dieser Aufsätze und kommt zu einem insgesamt positiven Gesamturteil über das Buch.

Säkularer Humanismus

Die Veröffentlichungen zum säkularen Humanismus umspannen ein weites Feld. (In gewisser Hinsicht könnte man selbst “Geist und Kosmos” als Thomas Nagels persönlichen Versuch zu diesem Thema betrachten.) Der Humanismus ist ja eine positive, konstruktive Position, und unterscheidet sich damit von der vorherrschenden giftigen Polemik aus den unterschiedlichen Lagern, die prominent zur Frage eines religiösen oder nicht-religiösen Weltbildes Stellung nehmen.

Verschiedene Autoren mit ganz unterschiedlichen Positionen haben in den letzten Jahren ihre Version eines säkularen Humanismus vorgestellt. Eine gewisse Popularität beim Lesepublikum hat Alain de Botton mit seinen Büchern “Trost der Philosophie” (2000) und “Religion für Atheisten” (2012) erlangt. Greg Epstein hat 2006 “Good without God” veröffentlicht. Wenn man, wie ich oben bei Nagel getan habe, das Feld etwas weiter aufspannt, könnte man möglicherweise auch Ronald Dworkins “Religion without God” (2012) hier hinzu rechnen. Oder Julian Bagginis “Atheism. A very short introduction“. Ebenso gibt es ein großes Interesse an einem säkularen Buddhismus, der von vielen Autoren vertreten wird wie beispielsweise Stephen Batchelor und zuletzt von dem Naturalisten Owen Flanagan. (Schopenhauer könnte man hier als einen Vorläufer nennen. Und selbst der Dalai Lama hat im letzten Jahr in der Frankfurter Paulskirche mit Rainer Forst über eine säkulare Ethik diskutiert.)

Philip Kitchers “Life After Faith: The Case for Secular Humanism” (Yale University Press, 2014) ist der jüngste Beitrag eines renommierten, wissenschaftlich orientierten Philosophen, in dem er zeigen will, wie eine vollständig säkulare Perspektive die Funktionen der Weltbildorientierung erfüllen kann, die für die Religion reklamiert werden. Matthew Engelke hat unter dem Titel “Soft Atheism” eine Rezension von Kitchers Buch bei Public Book veröffentlicht. Bereits im Januar erschien eine Rezension von “Life after Faith bei NDPR durch den Religionsphilosophen Alvin Plantinga, der – was bei ihm kein Wunder ist – nicht überzeugt war.

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Philosophie des Buddhismus

Der Buddhismus ist zuerst eine der großen Weltreligionen. Aber der Buddhismus ist auch eine Philosophie, für die sich nicht-religiöse, säkulare Denker genauso interessieren wie religiöse. Im Westen setzt die Beschäftigung mit dem Buddhismus als Philosophie im 19. Jahrhundert ein, wofür vermutlich Arthur Schopenhauer das prominenteste Beispiel ist. Heute beschäftigen sich Philosophinnen und Philosophen unterschiedlichster Denkrichtungen mit dem Buddhismus – so hat sich beispielsweise der analytische Philosoph Owen Flanagan in seinen letzten beiden Büchern dem Buddhismus aus naturalistischer Sicht gewidmet. Und es gibt zahlreiche weitere Beispiele – aus der allgemeinen Ethik, Medizinethik, Wirtschaftsethik, Logik, Erkenntnistheorie, Philosophischen Psychologie oder der Anthropologie.

Zwei aktuelle Beispiele aus dem Internet: In der Stanford Encyclopedia of Philosophy (die wohl die wichtigste Enzyklopädie dieser Art im Web ist und möglicherweise auch einigen gedruckten Enzyklopädien den Rang ablaufen wird) ist in der letzten Woche der Eintrag zu Buddha erheblich überarbeitet worden (von Mark Siderits). Und schon im August letzten Jahres hat der Chief-Editor von bloggingheads.tv, Robert Wright, ein Gespräch mit der australischen Philosophin Miri Albahari über das buddhistische Konzept des “Nicht-Selbst” geführt. Albahiri hat 2006 ein Buch mit dem Titel “Analytical Buddhism” veröffentlicht, in dem sie Themen der westlichen Philosophie, der Neurowissenschaften und des Buddhismus diskutiert.

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Steven Pinker antwortet seinen Kritikern

Steven Pinkers Buch “The Better Angels of Our Nature: A History of Violence and Humanity” (deutsch als “Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit” erschienen) hat einige Aufmerksamkeit bekommen. Er vertritt darin die These, dass die Gewalt in der Geschichte der Zivilisationen zurückgegangen sei.

In der Zeitschrift “Sociology” antwortet er jetzt auf einige kritische Rezensionen. Die Antwort bietet er als PDF auf seiner Webseite (PDF) an. Unter anderem nimmt er Stellung zu dem Vorwurf, er habe Foucault nicht berücksichtigt: trotz Foucaults guruartigem Status halte er dessen Theorie für exzentrisch und schlecht argumentiert.

Angesichts der Ereignisse in den letzten zwei Jahren seit Erscheinen seines Buches beschäftigt sich Pinker auch mit der Frage, ob die Gewalt wieder zunimmt (ebenfalls als PDF auf seiner Seite).

John Gray, der sich in den letzten Jahren offenbar in seiner Rolle als Polemiker gefällt, hat sich leidenschaftlich in mehreren Artikeln auf Pinkers Thesen eingeschossen: schon 2011 bezeichnete er sie als “Nonsense” (Grays Argumente nimmt wiederum Steve Clarke im “Practical Ethics”-Blog der Universität Oxford unter die Lupe) und erst vor einer Woche legte Gray im Guardian wieder nach: Pinkers These sei Wunschdenken.

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Martha Nussbaum bei EconTalk

Bei EconTalk ist ein Interview mit Martha Nussbaum erschienen. Man kann dort das etwa einstündige Interview hören, runterladen, oder ein Transkript wichtiger Passagen lesen.

Nussbaum zeigt hier wieder einmal ihre Begabung, Probleme anschaulich zu machen und Positionen zu erläutern. Es geht um den Fähigkeitenansatz, wie sie ihn beispielsweise in ihrem Buch “Creating Capabilities” beschreibt und um das GDP (Bruttoinlandsprodukt).

Capabilities – Ingrid Robeyns über den Fähigkeitenansatz

Vor einigen Wochen schrieb Thomas Gregersen vom Political Theory Blog, dass von Ingrid Robeyns demnächst (2014) eine Monografie zum Capabilities Approach erscheinen wird. Zuletzt hatte sie einen Aufsatz mit dem Titel “Capabilitarianism” bei SSRN hochgeladen.

Aus ihrer Rezension von Martha Nussbaums Buch “Creating Capabilities”, von der ich vor einigen Jahren schon mal berichtet habe, ist offenbar bald danach eine Rezension bei NDPR entstanden. Robeyns hält Nussbaums Version für verbesserungsbedürftig.

Update: In einem Kommentar im Political Theory Blog schreibt Robeyns, dass das Buch wahrscheinlich nicht 2014 fertig werden wird.

Jaron Lanier – Kritik und Konzeption

Jaron Lanier ist deshalb einer der interessanten Autoren in Fragen der digitalen Kultur, weil er in seinen Texten philosophische Reflexionen mit Kritik verbindet, die sich aus einem phänomenologischen Gespür für wahrnehmungsästhetische, techniksoziologische, kulturelle und ethische Fragen ergibt. Und diese Kritik geht sodann einher mit einer positiven Konzeption einer humanen Technologie.

Lanier reflektiert über neue und alte Selbstverständlichkeiten und zeigt eine deutliche ideologiekritische Skepsis bezüglich quasireligiöser Aufladungen technologischer Weltbilder. Gerade die seit den 50er-Jahren etablierte Ideologiekritik (in Deutschland z.B. Frankfurter Schule, Topitsch, Kritischer Rationalismus) scheint im Bereich der Digitalen Technikutopien noch gar nicht verfangen zu haben, und daher ein ergiebiges Betätigungsfeld zu sein. Jaron Lanier gehört zu den Autoren, die diese Notwendigkeit bereits seit einigen Jahren ansprechen.

Scruton über neuen Szientismus in Kunst und Geisteswissenschaften

In The New Atlantis hat Roger Scruton einen Artikel über die neueste Form von Szientismus geschrieben, die mit dem Anspruch antritt, Kunst und Geisteswissenschaften wissenschaftlich, zuverlässig und produktiv zu machen: “Scientism in the Arts and Humanities“.

In der Kunst sieht Scruton die “Neurorüpel” mit einer “Neuroästhetik” am Werk, denen ein fMRI des Kunstbetrachters genügt, um die Bedeutung eines Kunstwerks zu erfassen. In den Geisteswissenschaften sieht er die von Richard Dawkins und Daniel Dennett propagierte Memetik als ideologiekritische Illusion – sie sei selbst eine Magie -, durch die man nicht mehr zwischen Bachs Matthäuspassion und einem Hai in Formaldehyd unterscheiden könne.

Scruton verteidigt dagegen eine Subjektivität, die sich rational Sinngehalte erschließen kann. Dafür seien Hochkultur, Kunst und Geisteswissenschaften lebensnotwendig.

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Philosophie der Positiven Psychologie

Aus philosophischer Sicht lädt die Positive Psychologie natürlich besonders gut zu methodologischen Überlegungen ein. Dieser Umstand trifft auf ein zunehmendes Interesse daran, einen Naturalismus zu beschreiben, der sozialphilosophisch und psychologisch sinnvoll ist. Über verschiedene Bemühungen in diese Richtung habe ich in der Vergangenheit schon berichtet.

In der Tidsskrift for Norsk Psykologforening, 42/10, 2005, 885-896 untersuchen Ingvild S. Jørgensen und Hilde Eileen Nafstad philosophische und epistemologische Grundlagen der Positiven Psychologie: “Positive Psychology: Historical, Philosophical, and Epistemological Perspectives“. Sie sehen die Positive Psychologie in einem weiteren Sinn in der Tradition der eudämonistischen Sozialphilosophie der Griechen, und insbesondere in psychologischer Hinsicht durch die Entwicklungstheorie des Charakters bei Aristoteles inspiriert.

Es bietet sich an, diese aristotelische Entwicklungsperspektive in einem naturalistischen Rahmen anzuwenden. Dazu ein paar Hinweise:

Einen Überblick über den Naturalismus findet man z.B. bei Gerhard Vollmer: “Auf der Suche nach der Ordnung” und in der leider vergriffenen, aber hervorragenden Textsammlung “Naturalismus” von Geert Keil und Herbert Schnädelbach. Keils kritischen Aufsatz “Naturalismus und Intentionalität” findet man hier.

Der Naturalismus ist selbst umstritten, und in der Debatte streitet man unter anderem um das, was Karl Popper das Demarkationsproblem genannt hat: was ist noch Wissenschaft, und was nicht? (Astrologie etc.) Massimo Pigliucci und Maarten Boudry haben 2013 eine aktuelle Aufsatzsammlung dazu herausgegeben: Philosophy of Pseudoscience: Reconsidering The Demarcation Problem.

Pigliucci (CUNY) ist bekannt als Kritiker von Pseudowissenschaften (Kreationismus …) einerseits, und Szientismus andererseits. In seinem Buch “Answers for Aristotle: How Science and Philosophy Can Lead Us to a More Meaningful Life” plädiert er dafür, naturwissenschaftliche und philosophische Methoden zu kombinieren.

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Höffes neue Einführung in die Ethik

Bei Beck ist von Otfried Höffe “Ethik. Eine Einführung” erschienen. In dem schmalen Band führt Höffe den Leser von den anthropologischen Grundlagen zu den Grundmodellen der Ethik. Der Mensch ist ein zur Moral fähiges Wesen, wie er ja auch ein zur Vernunft fähiges Wesen ist – ein “animal rationabile” und ein “animal morabile”. Es liegt an ihm selbst, diese Potenziale durch Bildung und Selbstbildung zu aktualisieren. Ein Rezension von Höffes Buch hat Uwe Justus Wenzel in der NZZ veröffentlicht.