Zitationsnetzwerke in der Philosophie

Dies sieht sehr interessant aus – Kieran Healy hat 4 der bekannteren philosophischen Zeitschriften danach ausgewertet, wer wie oft zitiert wird, und das Ergebnis visualisiert. Hier ist die dynamische Ansicht, und hier der ausführliche Artikel dazu. [via].

Namen, die bei dieser Auswertung besonders ins Auge stechen: David Lewis, Fodor, Quine, Chalmers und Rawls.

Auswertungen dieser Art liefern ein paar interessante Informationen. Welche das sind, darüber muss man allerdings noch nachdenken. Natürlich sind die ausgewählten Zeitschriften schon eine Beschränkung, und da gäbe es sicher noch einiges an Daten zu ergänzen – aber Healys Untersuchung ist schon mal ein interessanter Anfang.

Monetarisierung von Universitäten – US-Style

Bei Time – Ideas beklagt Paul Campos die Folgen der ausufernden Ökonomisierung der Universitäten in den USA, insbesondere die damit verbundene Megalomanie der akademischen Administration, die immer größer und immer teurer werde. Auch den Evaluationszirkus hält er für überzogen. Das was Investmentbanker den “Markt” nennen, präge immer mehr jeden Aspekt der amerikanischen Kultur. Dem hält Campos entgegen: “Universities are not businesses”.

Jon Cogburn, bei dem ich den Hinweis auf den Artikel gefunden habe, fühlt sich bei diesem Thema an den Zwang erinnert, seinen Enthusiasmus durch Mitsingen der Gemeindelieder zu bezeugen.

Dazu passend, wenn auch aus einem anderen Zusammenhang, ein Interview mit Julian Nida-Rümelin über die Zukunft der Philosophie (und Geisteswissenschaften) bei Tabula Rasa.

Plädoyer für Humanities

Rachel Maddow, in den USA bekannt als Fernsehmoderatorin und Aktivistin, hebt in einem Vortrag an der Stanford University die Bedeutung der Humanities hervor, wie die News Seite von Stanford berichtet. Sowohl beruflich als auch politisch sei es entscheidend, Argumente gut zu formulieren. Und das würden eben Disziplinen wie Philosophie oder Sprachwissenschaften vermitteln. Neben guten Ingenieuren, Ärzten, Wissenschaftlern etc. bräuchte die Gesellschaft auch gute Schriftsteller, Journalisten, Künstler …

“Kindness” und “Compassion” im Frühbuddhismus

Auf der Webseite des Oxford Centre for Buddhist Studies ist von Richard Gombrich ein Aufsatz mit dem Titel “Kindness and Compassion as means to Nirvana in Early Buddhism” als PDF erhältlich.

Richard Gombrich – übrigens der Sohn des Kunsthistorikers Ernst Gombrich und als Student Mitarbeiter Poppers bei der Edition von “Conjectures and Refutations” – ist ein Indologe und Buddhologe, der zahlreiche wichtige Bücher zum Buddhismus veröffentlicht oder herausgegeben hat. Der Aufsatz über Kindness and Compassion ist ein Vortrag vor der Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences. Er ist eine Darstellung der im Buddhismus zentralen Rolle der Konzepte “kindness” und “compassion”, und zwar in Form einer interessanten These zum Frühbuddhismus darüber, dass es in ihm nicht um Elimination der Gefühle, sondern um Erlösung durch vom Egoismus befreite Gefühle gehe. Dies verbindet Gombrich mit methodologischen Überlegungen zu interkulturellen Studien und Bemerkungen über westliche akademische Merkwürdigkeiten.

Texte zur Philosophie der Bildung – Rezension von „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“

Hans-Ulrich Lessing und Volker Steenblock haben im Verlag Karl Alber eine Sammlung klassischer Texte zur Philosophie der Bildung mit dem Titel „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“ (Link zur Verlagsseite) herausgebracht. Die Textsammlung ist aus Lehrveranstaltungen an der Ruhr-Universität Bochum hervorgegangen und liegt 2013 bereits in 2. Auflage vor. Sie enthält Auszüge aus klassischen Bildungstexten von Platon über Pico und Comenius, Schiller, Humboldt und Herder bis zu Adorno, Gadamer und Bieri.

Den Schwerpunkt haben die Herausgeber auf das Bildungsideal der Deutschen Klassik gelegt, weil sie diese Tradition für besonders relevant halten, insbesondere in Auseinandersetzung mit der heutigen Situation in der Bildungspolitik, die von Ökonomisierungsgesichtspunkten gerade auch in der Definition der Aufgabe von Bildung geprägt ist. (Dazu haben sich in jüngster Zeit auch Philosophen wie Martha Nussbaum, Julian Nida-Rümelin oder Reinhard Brandt geäußert.) In der Tat sind demgegenüber solche Bildungskonzeptionen ein notwendiger und höchstaktueller Beitrag zur Verständigung über Bildungsaufgaben, die a) die Ausbildung der individuellen Persönlichkeit zur Bewältigung einer komplexen Zivilisation und b) die kulturellen Grundlagen einer demokratischen und kritischen Zivilgesellschaft in den Blick nehmen.

Die Auswahl dieser Klassiker ist also durchaus aktuell. Vollständigkeit würde den Rahmen jeder handlichen Textsammlung sprengen – auch wenn hier beispielsweise Beiträge von Mill, Dewey, Russell, oder Martha Nussbaum das Spektrum gut ergänzen würden. So haben Lessing und Steenblock einen handhabbaren Textband mit einem klaren Fokus und einer fundierten Auswahl vorgelegt.

An der zentralen Bedeutung von Schiller und Humboldt für die Bildungsphilosophie besteht kein Zweifel, zumal sie auch in der angelsächsischen Philosophie zu diesem Thema ihre Spuren hinterlassen haben (Humboldt z.B. in Mills „On Liberty“, Schiller bspw. über Moritz Schlick, einem der Begründer der Analytischen Philosophie).

Ein für mich noch blinder Fleck war die Auffassung Droysens, der eine auch heute noch informative Theorie der historisch geprägten individuellen Entwicklung der Persönlichkeit vorträgt, die er aber mit einer nicht ganz unproblematischen, an Hegel angelehnten Geschichtsphilosophie verbindet. Ein weltgeschichtlicher Bildungsbegriff läuft Gefahr, Imperative des “Systems” oder des “Ganzen” – und dazu gehören eben auch die heutigen angeblichen „Sachzwänge“ – über das Individuum zu stellen. Es ist ja nicht a priori ausgemacht, wer befugt ist, die relevanten Imperative oder Sachzwänge auf die Agenda zu heben und andere dafür zu streichen, und zudem – so stellt Droysen gleich zu Beginn des ausgewählten Textes fest, darf das Individuum nicht „Opfer der Mittel“ werden.

Dazu passt dann gut Nietzsches Klage – wenn auch auf das wilhelminische Gymnasium bezogen – über das uninspirierte Pauken der Klassiker sowie von Mathematik und Naturwissenschaften. Es gehe eben nur um eine “Abrichtung”, um das hastige “Fertig”-werden für den Beruf und den Staat – was Nietzsche “unanständig” findet, weshalb er an den Schulen und Universitäten auch nur “gelehrte Rüpel” als Lehrer ausmacht – von Ausnahmen abgesehen. Was ihm demgegenüber fehlt, das ist mit und in den Bildungsinhalten auch zu leben, sie als ein Vermögen zu erwerben, so dass man von einem “wirklichen Können” sprechen kann.

Dass diese Mängel nicht geringer geworden sind, und wie relevant das heute schon kaum noch vernehmbare Bewusstsein der Notwendigkeit von auf die Person bezogener, also humanistischer Bildung ist, stellen zum Schluss der Sammlung Texte von Adorno, Jörg Ruhloff und Peter Bieri dar.

Die Textsammlung “Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …” ist als Übersicht klassischer Positionen zur Bildungsphilosophie, für Einführungsseminare und zum Nachschlagen einiger der zentralen Textstellen von Platon, Schiller, Humboldt oder Bieri sehr gut geeignet. Eine Literaturliste enthält weitere Hinweise zur Lektüre – so z.B. auf den Sammelband von Cahn, “Philosophy of Education”, der klassische Texte aus angloamerikanischer Perspektive enthält.

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Georgia Tech startet massives Online-Studien-Programm

Das Georgia Institute of Technology will ein Online-Master-Studium einführen, das mit 6.630 US-Dollar nur einen Bruchteil eines Campusstudiums kostet, berichtet Inside Higher Ed. 10.000 Absolventen sollen damit in wenigen Jahren gewonnen werden – verglichen mit 2.000 Abschlüssen, die dort seit den 1990er Jahren erreicht wurden, ist dies eine massive Ausweitung. Kooperationspartner sind die Unternehmen Udacity und AT&T.

Planung und Entscheidung für diese neue Initiative gingen offenbar so schnell über die Bühne, dass ein Großteil der Lehrenden am Georgia Institute of Technology davon überrascht war. Nun gibt es wohl erhitzte Diskussionen darüber, ob das Programm gelingen kann, und wie es durchgeführt werden soll.

Videovorlesungen der Universität Hamburg

Auf der Medienplattform Lecture2go der Universität Hamburg sind auch Videos aus dem Bereich Philosophie zu sehen. Leider ist eine Direktverlinkung zum Bereich nicht möglich – man muss sich kurz durch die Menüs hangeln: In der oberen Menüzeile wählt man unter dem Punkt “Lectures” den Unterpunkt “Veranstaltungen“. Auf der dann geöffneten Seite wählt man oben im Dropdown-Menü “F.5 – Geisteswissenschaften” und auf der dann erreichten Seite im zweiten Dropdown-Menü den Bereich “Philosophie“.

Unter anderem sind dort derzeit Vorträge (im Folgenden mit Direktlink) von Dieter Birnbacher, John Skorupski oder Dagfinn Føllesdal zu sehen. Diese Videoaufzeichnungen sind Teile von Veranstaltungsreihen, die über das dritte Dropdown-Menü erreichbar (aber hier nicht direkt verlinkbar) sind.

The Anti-Philosophy of Clark Glymour

Am Institut für Philosophie der Universität Düsseldorf findet vom 13. bis zum 15. Juni 2013 ein Symposium mit dem Titel “The Philosophy of Clark Glymour” statt. Glymour ist der Autor dieses Manifests zur Philosophie, das seinerzeit einige Aufmerksamkeit gefunden hat. Darin teilt er mit, dass der überwiegende Teil der Philosophie irrelevant und Geldverschwendung sei. Der legitime Rest sei die Art, wie er Philosophie verstehe. Er empfiehlt explizit entsprechende Konsequenzen. Auch macht er bemerkenswerte Feststellungen zur Geschichte der Philosophie u.a. in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Reformen im Sinne Glymours würden jedenfalls die Gelegenheit bieten, potenten ökonomischen und religiösen Interessen in der Bildung wieder das Gewicht zu verschaffen, das aktuell so häufig eingefordert wird, so dass sich Philosophen ganz auf den Bereich der formalen, “materialen” Philosophie konzentrieren können, der allein noch legitim ist.

Raymond Boudon gestorben

Der französische Soziologe und Philosoph Raymond Boudon ist am 10. April 2013 verstorben.

Raymond Boudon ist insbesondere durch seine Arbeiten zur Methodologie der Sozialwissenschaften, zur Kritik der Rational Choice Theory, Ideologiekritik, zu soziologischen Klassikern, zur Rationalität und zur Demokratie bekannt. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht – darunter in seinen letzten Lebensjahren engagierte Beiträge zu öffentlichen Debatten. Einen Überblick gibt der französische Wikipedia-Artikel zu Boudon.

Kurze englische Nachrufe finden sich beim Blog “Oxford Sociology” und auf der Seite des Oxforder Nuffield College.

Einen interessanten Aufsatz, in dem Boudon die Frage diskutiert, ob die Soziologie Wissenschaft oder Literatur sei, findet man hier: Sociology that really matters.

In den französischen Medien findet Boudon nicht ein so großes Echo wie seine Kontrahenten Bourdieu oder Foucault. (Boudon hat es bedauert, dass es in der akademischen Landschaft der französischen Geistes- und Sozialwissenschaften keine Debatte zwischen gegensätzlichen Schulen gegeben habe.) Dennoch ergibt die Suche einige Ergebnisse zu Nachrufen in französischer Sprache (einen deutschen Nachruf habe ich nicht gefunden).
Der Figaro hat hier, hier und hier jeweils einen Nachruf.

Bei Contrepoints wurden vier Nachrufe veröffentlicht: hier, hier, hier und hier.

“Enquete & Debat” bringt einen Nachruf in Form einer Kurzdarstellung von Boudons Buch “L’art de se persuader”.

Einen englischen Nachruf bringt das Blog des French Economic Observatory.

E-Learning wirft massive Probleme auf

Michael Sandel hat in den letzten Jahren einige Vorträge und Kurse gehalten, die mit großem Erfolg im Internet als Videos frei zugänglich gemacht wurden (siehe diesen älteren Philoblog-Artikel).

Nun hat ein Kurs von Sandel, der als MOOC an Universitäten angeboten werden soll, zu massiver Kritik geführt, die die problematischen Aspekte des e-Learnings beleuchtet.

Das militaristisch anmutende Akronym MOOC steht für Massive Open Online Course. Das sind meist auf Video aufgzeichnete Vorlesungen, die online bereitgestellt werden. Das MIT und die Harvard University haben jeweils 30 Millionen Dollar in die Gründung der MOOC-Plattform edX gesteckt. Dort wird auch die Online-Vorlesung von Sandel vertrieben.

Das Philosophy Department der San Jose State University hat nun einen offenen Brief an Michael Sandel geschrieben, in dem die Professoren darlegen, warum sie das Ansinnen, dieses Online-Material in ihre Ausbildungstruktur aufzunehmen, ablehnen. Der Brief ist im Chronicle of Higher Education nachzulesen.

Es gäbe keine pädagogische Lücke, die das edX-Angebot schließen würde, argumentieren sie. Solche Online-Kurse stellten eine Einbuße an Qualität der Bildung und einen Fall von sozialer Ungerechtigkeit dar. Man bewundere zwar Sandels Fähigkeit, engagiert vor großem Publikum vorzutragen, aber das sei eher ein Beleg dafür, wie gut und wichtig es sei, dass ein Lehrer direkt mit den Studierenden interagiere, als dass Studierende Videos eines anderen Lehrers ansähen, in dem dieser mit seinen Studenten kommuniziere.

Dieser Brief hat in englischsprachigen Philosophieblogs viel Rückhalt gefunden. So weit ich sehe, schließen sich die meisten der Kommentatoren der Kritik an. Es wird bemängelt, dass MOOCs Konsequenzen hätten, die den Zielen der Bildung widersprächen. Außerdem sieht man diesen Fall in einem größeren Zusammenhang, in dem Aufgaben der Bildung immer mehr Unternehmen überantwortet werden. Deren industrielle Interessen prägten dann die Bildung.

Michael Sandel hat auf den Brief seiner Kollegen geantwortet. Er stimmt zu, dass der direkte Kontakt zwischen Studierenden und Lehrenden von herausragender Bedeutung sei, insbesondere in den Geisteswissenschaften. Von den Modalitäten zwischen edX und der San Jose State University wisse er kaum etwas. “My goal is simply to make an educational resource freely available–a resource that faculty colleagues should be free to use in whole or in part, or not at all, as they see fit.” Dass der massive Einsatz von Online-Kursen Institute an staatlichen Universitäten schädigen könne, sei eine legitime Besorgnis. Das Letzte, was er wolle, sei, dass die Kurse dazu verwendet würden, die Position seiner Kollegen zu untergraben.

Dieser Fall ist auch deshalb besonders interessant, weil Sandel a) ein engagierter Kritiker des Vordringens der Marktwerte in alle Lebensbereiche ist, und er sich b) gerade deshalb viel davon erhofft, dass moralische Probleme wieder demokratisch in der Öffentlichkeit diskutiert werden.

Einen Bericht dazu von Alva Noe gibt es auch bei NPR. Diskussionen finden sich beispielsweise hier und hier im New-APPS-Blog.

Hier der berühmte “Justice”-Kurs von Sandel in Harvard:

Sandels TEDTalk aus dem Jahr 2010 findet man hier. Und hier ein Ausschnitt aus einer globalen Videokonferenz mit Sandel und Zuhöreren aus Tokyo, Shanghai und Harvard.

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Marketingverband lobt Philosophen

Auf seiner jüngsten Mitgliederversammlung begrüßte der mitteldeutsche Verband für Werbung und Marketing die Irrelevanz der Philosophie. Philosophen seien heute mit großer Professionalität bemüht, Alltagserwartungen an die Philosophie zu ignorieren, um Missverständnissen keinen Vorschub zu leisten. Vorrangig sei es, scholastische Fragen im Detail zu erörtern und im raschen Wechsel innovative Theorien hervorzubringen, ohne sich bei Themen des letzten Jahrzehnts aufzuhalten. Man habe erkannt, dass es nicht angehe, Konzepte oder gar Ideale für den Endverbrauchersektor zu formulieren, für die schließlich Marketing, Politik und Religion zuständig seien. Hierin bestehe erfreulicherweise Einigkeit mit den Vertretern aller maßgeblichen philosophischen Schulen. Um die Wertschätzung der professionellen Philosophie seitens des Verbandes zu unterstreichen, stiftete dieser 4 befristete halbe Forschungsstellen für Logik, Hermeneutik, Quantenontologie und Textualität von Geschlechterkonstruktionen.

Raphaël Enthoven traf Richard David Precht

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In Frankreich ist Raphaël Enthoven bekannt als Produzent und Moderator der Serie „Philosophie“, die sonntags auf ARTE gesendet wird. Am 27.2.2013 traf Richard David Precht, dessen neue Sendefolgen demnächst ausgestrahlt werden müssten, auf seinen französischen Counterpart im Auditorium der Französischen Botschaft in Berlin. Eingeladen hatte der Fernsehsender ARTE unter dem Titel “Raphaël Enthoven trifft Richard David Precht“, moderiert wurde der Abend von Emmanuel Suard, Botschaftsrat für Kultur und Leiter des Institut francais Deutschland. Nicht nur das Podium, auch das Publikum war gemischt deutsch-französisch besetzt, und so wurde das Gespräch simultan übersetzt – für jeden Sprachphilosophen und Hermeneutiker eine interessante Randbedingung für eine öffentliche philosophische Diskussion.

Auf die erste Frage nach dem Nutzen der Philosophie und ihre angemessene Rolle in den Medien antwortete Enthoven erfreulicherweise mit der Strategie, in Frage zu stellen, welcher Nutzen denn damit angesprochen werde und rang sich dann schließlich doch den Mut ab, darauf hinzuweisen, dass der Alltag ständig von selbst philosophische Probleme aufwerfe. Prechts Antwort war da zunächst etwas unglücklicher und gab denn auch im Laufe des Gesprächs Anlass zu dem einen oder anderen Missverständnis. Aus Sicht des biologischen Überlebens sei das Philosophieren sicher ein Luxus, so Precht. Ich glaube, das ist nicht einmal aus naturalistischer Sicht eine richtige Antwort, denn es ist ja die Biologie, die dieses Luxuswesen hervorgebracht hat, aber möglicherweise war Prechts These ja als Eröffnungssentenz für einen interessanten Gedankenaustausch bestimmt. Denn im Grunde war er sich mit Enthoven in dieser Sache einig. Wie dem auch sei – Enthoven griff das „Luxus“-stichwort auf, um darüber zu reden, dass man wohl erst einen vollen Bauch brauche, um zu philosophieren. Und obwohl auch dagegen einige Einwände auf der Hand liegen, kann man sich vorstellen, wie das gemeint sein könnte – nicht jedoch ein Zuhörer, der in der Diskussion am Ende des Abends der These von den vollen Bäuchen eine These des Philosophierens in Notlagen entgegenstellte.

Und diese fröhliche Kette von Missverständnissen und etwas überraschenden Gesprächsverläufen war denn auch eines der Kennzeichen dieses Abends. Aber dies soll noch nicht das voreilige Urteil sein. Es ist wohl eher unplausibel, Unterschiede der Philosophie und der Argumentationskultur an den modischen Unterschieden der Bekleidungsstile festzumachen, auch wenn dies das Schicksal von Philosophen zu sein scheint, die im Licht der Öffentlichkeit stehen. Aber es wurde doch deutlich, wie verschieden Enthoven und Precht ihre Auffassungen darstellten, welche Rolle Metaphern, narrative Elemente, Hinweise auf empirische Befunde oder die Assoziation von kulturellen Kontexten in ihren Beiträgen spielte.

Deshalb war dies eine gelungene Veranstaltung: sie machte einerseits die unterschiedliche „französische“ und „deutsche“ Gesprächskultur und damit so manches Überbrückungsproblem deutlich, andererseits brachte sie diese beiden ungleichen Geschwister zusammen. Das zwiespältige Ergebnis – Zweifel über den Grad des Gelingens der Kommunikation und zugleich der Genuss einer Begegnung, wie man sie so in der Öffentlichkeit selten erlebt – hat den Aufwand gelohnt.

Im Gegensatz zur auch von Precht und Enthoven kritisierten Talkshowkultur ist der Verlauf eines echten Gesprächs nicht vorhersehbar. In dieser Hinsicht hat dieser Abend nicht enttäuscht. Für ein gelingendes Gespräch fehlte es zwar hin und wieder an Zusammenhang, und ob der bei so unterschiedlichen Philosophiestilen herstellbar ist, ist vermutlich nicht gewiss. Aber mir hat es großes Vergnügen bereitet, an diesem gelegentlich ungeordneten Zwiegespräch teilzunehmen, für das es sonst in der Öffentlichkeit und in den Medien wenig Raum gibt.

So hatte der Moderator des Abends denn auch ein großes Interesse daran, in mehreren Anläufen von seinen beiden Gästen zu erfahren, welche Rolle sie der Philosophie im Fernsehen und in der Öffentlichkeit zuschreiben. Was auch immer sie an einer konkreten Antwort gehindert hat – das Ego, die Übersetzung, die Vielzahl von Gesprächsfäden, die mental abzuarbeiten sind – wir sollten es nicht erfahren. Erst als es um die Formate ihrer jeweiligen Sendungen ging, berichteten Enthoven und Precht Einiges über Konzepte und Medienpolitisches.

Bei der Frage nach den wechselseitigen Beziehungen zwischen französischer und deutscher Philosophie hat Precht die unterschiedliche Rolle des Philosophen, bzw. Intellektuellen in der französischen und der deutschen Kultur ausgezeichnet beschrieben: er verwies auf die historische Bedeutung des philosophe in Frankreich seit der Aufklärung, die bis heute eine gewisse Kontinuität hat, während in Deutschland lange Zeit eine solche Gelegenheit und eine solche Öffentlichkeit gar nicht bestand. Er erinnerte aber auch beispielsweise an die Faszination, die die französische Kultur und Philosophie in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland ausübte, und Einiges mehr (z.B. dass die aktuelle akademische Philosophie den Bezug zur Gegenwart verloren habe).

Dass von dieser Hochzeit heute nur noch wenig übrig ist, hat sicher auch mit dem Medien- und Kulturwandel zu tun. Vielleicht hat „die amerikanische Kultur“ ja doch gesiegt? Mag sein, dass diese Etikette falsch ist – wie das meistens bei simplen Etiketten der Fall ist. Jedenfalls werden Orte und Gelegenheiten für philosophische Reflexionen und breit reflektierte Kultur in der Öffentlichkeit und in den Medien knapp. (Auch bspw. Martha Nussbaum diagnostiziert ja in ihrem Buch „Nicht für den Profit!“ eine weltweite Krise der Bildung und der Kulturarbeit.)

Allein schon deshalb ist ein Abend wie dieser – mit einem mutigen Konzept, das zudem in Kauf nehmen muss, nicht vollständig zu gelingen – so wertvoll. Bleibt zu hoffen, dass dies nicht der letzte seiner Art war.