
In Frankreich ist Raphaël Enthoven bekannt als Produzent und Moderator der Serie „Philosophie“, die sonntags auf ARTE gesendet wird. Am 27.2.2013 traf Richard David Precht, dessen neue Sendefolgen demnächst ausgestrahlt werden müssten, auf seinen französischen Counterpart im Auditorium der Französischen Botschaft in Berlin. Eingeladen hatte der Fernsehsender ARTE unter dem Titel “Raphaël Enthoven trifft Richard David Precht“, moderiert wurde der Abend von Emmanuel Suard, Botschaftsrat für Kultur und Leiter des Institut francais Deutschland. Nicht nur das Podium, auch das Publikum war gemischt deutsch-französisch besetzt, und so wurde das Gespräch simultan übersetzt – für jeden Sprachphilosophen und Hermeneutiker eine interessante Randbedingung für eine öffentliche philosophische Diskussion.
Auf die erste Frage nach dem Nutzen der Philosophie und ihre angemessene Rolle in den Medien antwortete Enthoven erfreulicherweise mit der Strategie, in Frage zu stellen, welcher Nutzen denn damit angesprochen werde und rang sich dann schließlich doch den Mut ab, darauf hinzuweisen, dass der Alltag ständig von selbst philosophische Probleme aufwerfe. Prechts Antwort war da zunächst etwas unglücklicher und gab denn auch im Laufe des Gesprächs Anlass zu dem einen oder anderen Missverständnis. Aus Sicht des biologischen Überlebens sei das Philosophieren sicher ein Luxus, so Precht. Ich glaube, das ist nicht einmal aus naturalistischer Sicht eine richtige Antwort, denn es ist ja die Biologie, die dieses Luxuswesen hervorgebracht hat, aber möglicherweise war Prechts These ja als Eröffnungssentenz für einen interessanten Gedankenaustausch bestimmt. Denn im Grunde war er sich mit Enthoven in dieser Sache einig. Wie dem auch sei – Enthoven griff das „Luxus“-stichwort auf, um darüber zu reden, dass man wohl erst einen vollen Bauch brauche, um zu philosophieren. Und obwohl auch dagegen einige Einwände auf der Hand liegen, kann man sich vorstellen, wie das gemeint sein könnte – nicht jedoch ein Zuhörer, der in der Diskussion am Ende des Abends der These von den vollen Bäuchen eine These des Philosophierens in Notlagen entgegenstellte.
Und diese fröhliche Kette von Missverständnissen und etwas überraschenden Gesprächsverläufen war denn auch eines der Kennzeichen dieses Abends. Aber dies soll noch nicht das voreilige Urteil sein. Es ist wohl eher unplausibel, Unterschiede der Philosophie und der Argumentationskultur an den modischen Unterschieden der Bekleidungsstile festzumachen, auch wenn dies das Schicksal von Philosophen zu sein scheint, die im Licht der Öffentlichkeit stehen. Aber es wurde doch deutlich, wie verschieden Enthoven und Precht ihre Auffassungen darstellten, welche Rolle Metaphern, narrative Elemente, Hinweise auf empirische Befunde oder die Assoziation von kulturellen Kontexten in ihren Beiträgen spielte.
Deshalb war dies eine gelungene Veranstaltung: sie machte einerseits die unterschiedliche „französische“ und „deutsche“ Gesprächskultur und damit so manches Überbrückungsproblem deutlich, andererseits brachte sie diese beiden ungleichen Geschwister zusammen. Das zwiespältige Ergebnis – Zweifel über den Grad des Gelingens der Kommunikation und zugleich der Genuss einer Begegnung, wie man sie so in der Öffentlichkeit selten erlebt – hat den Aufwand gelohnt.
Im Gegensatz zur auch von Precht und Enthoven kritisierten Talkshowkultur ist der Verlauf eines echten Gesprächs nicht vorhersehbar. In dieser Hinsicht hat dieser Abend nicht enttäuscht. Für ein gelingendes Gespräch fehlte es zwar hin und wieder an Zusammenhang, und ob der bei so unterschiedlichen Philosophiestilen herstellbar ist, ist vermutlich nicht gewiss. Aber mir hat es großes Vergnügen bereitet, an diesem gelegentlich ungeordneten Zwiegespräch teilzunehmen, für das es sonst in der Öffentlichkeit und in den Medien wenig Raum gibt.
So hatte der Moderator des Abends denn auch ein großes Interesse daran, in mehreren Anläufen von seinen beiden Gästen zu erfahren, welche Rolle sie der Philosophie im Fernsehen und in der Öffentlichkeit zuschreiben. Was auch immer sie an einer konkreten Antwort gehindert hat – das Ego, die Übersetzung, die Vielzahl von Gesprächsfäden, die mental abzuarbeiten sind – wir sollten es nicht erfahren. Erst als es um die Formate ihrer jeweiligen Sendungen ging, berichteten Enthoven und Precht Einiges über Konzepte und Medienpolitisches.
Bei der Frage nach den wechselseitigen Beziehungen zwischen französischer und deutscher Philosophie hat Precht die unterschiedliche Rolle des Philosophen, bzw. Intellektuellen in der französischen und der deutschen Kultur ausgezeichnet beschrieben: er verwies auf die historische Bedeutung des philosophe in Frankreich seit der Aufklärung, die bis heute eine gewisse Kontinuität hat, während in Deutschland lange Zeit eine solche Gelegenheit und eine solche Öffentlichkeit gar nicht bestand. Er erinnerte aber auch beispielsweise an die Faszination, die die französische Kultur und Philosophie in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland ausübte, und Einiges mehr (z.B. dass die aktuelle akademische Philosophie den Bezug zur Gegenwart verloren habe).
Dass von dieser Hochzeit heute nur noch wenig übrig ist, hat sicher auch mit dem Medien- und Kulturwandel zu tun. Vielleicht hat „die amerikanische Kultur“ ja doch gesiegt? Mag sein, dass diese Etikette falsch ist – wie das meistens bei simplen Etiketten der Fall ist. Jedenfalls werden Orte und Gelegenheiten für philosophische Reflexionen und breit reflektierte Kultur in der Öffentlichkeit und in den Medien knapp. (Auch bspw. Martha Nussbaum diagnostiziert ja in ihrem Buch „Nicht für den Profit!“ eine weltweite Krise der Bildung und der Kulturarbeit.)
Allein schon deshalb ist ein Abend wie dieser – mit einem mutigen Konzept, das zudem in Kauf nehmen muss, nicht vollständig zu gelingen – so wertvoll. Bleibt zu hoffen, dass dies nicht der letzte seiner Art war.