Abwertungsbedürfnisse

Möchtegern-Philosoph, Bürger-Philosoph, Fernseh-Philosoph, Mode-Philosoph, Protz-Philosoph usf. – das Etikettenprinzip ist leicht erlernbar und anwendbar. Derzeit ist es Richard David Precht, der sich solche Urteile der geballten Intelligenz gefallen lassen muss. Das passt denn auch harmonisch zur hiesigen Kommentarkultur – das Feuilleton ist auch nicht differenzierter als die Twitterfeeds und Webforen heute. (Was ist aus der guten Idee geworden? Durch welche Fluttore sind das Motzen, das Auftrumpfen und das Überschütten auch noch an die Orte des Argumentierens und Vorstellens gelangt?)

Einen klugen kultursoziologischen Blick auf die Anti-Precht-Mode wirft heute Peter Unfried in der taz.

Vortrag “What is morality?” von Thomas Scanlon

Thomas Scanlon hat an der Universität Guelph in Kanada eine Einführungsvorlesung “What is morality?” gehalten, die als Video abrufbar ist.

Es ist immer interessant, wie ein gestandener Philosoph ein Thema für ein breiteres Publikum aufbereitet – vielleicht interessanter als die akademisch-scholastische Detailarbeit. Scanlon ist ein guter Referent, der es versteht, weitgehend ohne modische oder aus der Luft gegriffene Fachworte ein Thema darzustellen. (Man hat manchmal den Eindruck, dass das eine old-school-Tugend ist, die im Verschwinden begriffen ist. Das könnte mal der SFB “Transformation lokutionärer Präsentationen in didaktisch-konkretisierenden Vermittlungskontexten” untersuchen – aber ich schweife ab… wenden wir uns lieber Thomas Scanlon zu:)

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Philosophie und Physik – Videos der Vorlesungsreihe an der Universität Ulm

Im Wintersemester 2011/2012 fand an der Universität Ulm eine Ringvorlesung zum Thema “Philosophie und Physik – eine Frage der Übersetzbarkeit” statt. Wie für eine Ringvorlesung üblich, wurden verschiedene Referenten eingeladen, die einen Überblick zu einem Aspekt des Themas geben, der auch für Fachfremde geeignet ist. In der Ulmer Ringvorlesung haben zu jedem Thema je ein Physiker und ein Philosoph mit anschließender Diskussion gesprochen. Dabei ging es um Themen wie Ontologie, Erklärung, Kausalität, Raum, Zeit, Verschränkung, Zufall und Information.

Die Videos der einzelnen Vorträge sind hier oder hier abrufbar.

A Theory of Justice – The Musical: Runde 2

Das Musical “A Theory of Justice”, benannt nach dem gleichnamigen Klassiker von John Rawls, hatte Anfang des Jahres erfolgreich seine Premiere in Oxford (siehe z.B. meinen Bericht hier). Nun singen und tanzen Rawls, Nozick, Platon, Mill und Rousseau vom 31. Juli bis zum 26. August in Edinburgh. Der Eintrittspreis liegt etwa zwischen 8 und 12 Pfund. Soundtrack und Film können auch online bezogen werden (je für 9,99 $).

Ob man in Deutschland auch einmal ein solches philosophisch-musisches Projekt realisieren wird? Habermas’ “Theorie des kommunikativen Handelns” oder Poppers “Offene Gesellschaft und ihre Feinde” beinhalten jedenfalls hinlänglich viel Personal, das in werkgetreuer Dramatik auf die Bühne gebracht werden könnte. Vielleicht ja auch als mehrteilige Kinokassenschlager.

Den Männern die Gefühle

Stereoytpen über prinzipiell unterschiedliche kognitive und emotionale Fähigkeiten von Männern und Frauen sind wissenschaftlich schon lange nicht mehr haltbar. Ebenso liegt es auf der Hand und wird auch schon lange argumentativ belegt, dass aus derartigen empirischen Sachverhalten nicht die normativen Konsequenzen folgen, wie sie beispielsweise in einer patriarchalen Kultur sanktioniert werden. Die meisten geschlechtsspezifisch konstruierten Zugangsrestriktionen sind schlecht begründet. Da, wo es biologische Unterschiede gibt (zum Beispiel Mutterschaft), sind diese irrelevant für Fragen wie wer Raketenwissenschaftler werden kann oder wer den Müll rausbringen soll. Falsch konstruierte Unterschiede hingegen sind für die betroffenen Individuen schädlich – beispielsweise wenn Männer und Frauen in ihrem emotionalen Erleben massiv beeinträchtigt werden uvm.

Einen Überblick über verbreitete und philosophisch irrelevante Geschlechterstereotypen gibt Gertrud Nunner-Winkler in ihrem Vortrag “Den Männern die Vernunft, den Frauen das Gefühl” an der LMU München, der hier als Video abrufbar ist.

Digitalisat von Ciceros Tusculanae disputationes, Buch 1

Johannes Reuchlin hat im Jahr 1501 Buch 1 von Ciceros Tusculanae disputationes übersetzt. Das Buch befindet sich als Cod. Pal. germ. 482 in der Universitätsbibliothek Heidelberg, die es nun als Digitalisat online gestellt hat. Verfasst wurde es als Trostschrift für Kurfürst Philipp von der Pfalz aus Anlass des Todes von dessen Gattin, Margareta von Bayern-Landshut, in westschwäbischer Sprache.

Buch 1 der Tusculanae disputationes befasst sich mit dem Tod und der Unsterblichkeit der Seele. Cicero präsentiert und bewertet in diesem Text die Positionen zahlreicher Philosophen.

1457 war in Neapel Giannozzo Manettis ‘De dignitate et excelentia hominis’ erschienen, das in wichtigen Punkten auf Ciceros Argumenten in dessen Buch aufbaut und diese teils wörtlich übernimmt. Die Tusculanae disputationes hatten also einen gewissen Stellenwert für das neue Weltbild der Renaissance – Reuchlins Übersetzung ist ein Teil davon.

Erkenntnis von Subjekten im Dienste Ihrer Majestät, London 1772

Ein kleiner Beamter seiner Majestät in London hat Listen von Mitgliedschaften von 260 Personen, die sich in den Kolonien in der Region um Boston zu gewissen Aktivitäten verbünden, untersucht, wie in dieser Publikation vermeldet wird. Diese “Metadaten-Analyse” soll der Nachricht zufolge das Ergebnis zu Tage fördern, dass gewisse Subjekte als Urheber und Anführer aufrührerischer Handlungen eindeutig zu erkennen sind. Und zwar offenbart sich diese Ungeheuerlichkeit, ohne dass der genauere Inhalt irgendwelcher Konversationen bekannt ist. Der Schreiber jener Nachricht gibt der Hoffnung Ausdruck, dass mit neuen Rechenmaschinen in der Zukunft wunderbare Untersuchungen dieser Art auf herrliche Weise bemerkenswerte Ergebnisse zeitigen, so dass Vorgängen wie jenen in den britischen Kolonien, die die Freiheit und den Frieden bedrohen, rechtzeitig vorgeschützt werden kann.

Gen-Google

Das Bio-Googling ist da – Humangenome werden im industriellen Stil ausgelesen und gespeichert. Für das erste Genom hat das vor 10 Jahren noch 3 Milliarden US $ gekostet. Ein chinesisches Unternehmen hat 2010 128 Sequenziermaschinen für eine halbe Million Dollar das Stück gekauft, und erzeugt nun beim Sequenzieren 6 Terabyte Daten pro Tag, wie die MIT Technology Review berichtet. Die Kosten pro Genom liegen jetzt bei wenigen tausend Dollar, und sollen auf wenige hundert Dollar fallen.
Technik und Erfolge erzeugen jedenfalls eine enthusiastische Stimmung. Das alles ist sehr aufregend, faszinierend, beeindruckend und die beteiligten Wissenschaftler sind sehr optimistisch, wie man dem Bericht entnehmen kann. Die Mission des Unternehmens ist übrigens – richtig geraten – Gutes zu tun.

Thomas Scanlon hält die Uehiro Lectures 2013

Thomas Scanlon wird in Oxford vom 5. bis 10. Dezember die Uehiro Lectures 2013 halten. Das Thema ist noch nicht angekündigt.

Scanlon hielt schon 2009 die John Locke Lectures unter dem Titel “Being Realistic about Reasons”. Davon sind Texte und Audioaufzeichnung im MP3-Format hier erhältlich.

Die letzten Uehiro Lectures hielt 2012 Janet Radcliffe Richards zu philosophischen Fragen der Geschlechtergerechtigkeit (Video und Audio hier).

Zitationsnetzwerke in der Philosophie

Dies sieht sehr interessant aus – Kieran Healy hat 4 der bekannteren philosophischen Zeitschriften danach ausgewertet, wer wie oft zitiert wird, und das Ergebnis visualisiert. Hier ist die dynamische Ansicht, und hier der ausführliche Artikel dazu. [via].

Namen, die bei dieser Auswertung besonders ins Auge stechen: David Lewis, Fodor, Quine, Chalmers und Rawls.

Auswertungen dieser Art liefern ein paar interessante Informationen. Welche das sind, darüber muss man allerdings noch nachdenken. Natürlich sind die ausgewählten Zeitschriften schon eine Beschränkung, und da gäbe es sicher noch einiges an Daten zu ergänzen – aber Healys Untersuchung ist schon mal ein interessanter Anfang.