Chomsky über Postmoderne und Irrationalismus

In diesem Video gibt Noam Chomsky einen kritischen Überblick über die Geschichte der Intellektuellen-Kultur Frankreichs der letzten Jahrzehnte. In Paris habe man viel zulange dem Stalinismus oder Maoismus angehangen, der erst nach dem Erscheinen der französischen Übersetzung von Solschenizyns “Archipel Gulag” untragbar erschien, woraufhin irrationalistische Modeströmungen en vogue kamen. “Out of this comes the irrational tendency which was very welcome in many areas because it did undermine dedicated activism”, so Chomsky. Sein Fazit: wenn man die Rationalität aufgibt, sei man ein leichtes Opfer für externe Mächte. Das sei vergleichbar mit der Konsumideologie, die die Leute davon ablenkt, etwas gegen die realen Probleme zu tun.

Chomsky hat sich seit den 1960er-Jahren für die Verantwortung von Intellektuellen ausgesprochen. Der Pariser “Kult” ist demgegenüber erst später auf den Plan getreten, erhält seitdem aber von Chomsky regelmäßig eine dezidierte Abfuhr. Hier ein Text von ihm aus dem Jahr 1995.

2 thoughts on “Chomsky über Postmoderne und Irrationalismus

  1. Prinzipiell bin ich da der gleichen Auffassung wie Chomsky. Treffend finde ich auch die Charakterisierung Frankreichs als Insel. Wenn ich französische Philosophen lese (selten…), dann finde ich auch auffallend, wie wenig sie sich mit anderen Positionen auseinandersetzen oder diese überhaupt zu kennen scheinen.

    Dennoch geht Chomsky da vielleicht ein bisschen weit. Sein Beispiel ist der Logische Positivismus, der überall rezipiert worden wäre außer in Frankreich. Ich kenne mich mit der Rezeptionsgeschichte des L.P. nicht gut aus, aber vermutlich waren es hier auch nur ganz bestimmte Länder, in denen der L.P. Fuß fassen konnte (England, USA), was sicher auch sehr naheliegende (z.B. personelle) Gründe hatte. Diese Verinselung ist ein allgemeines Phänomen und betrifft nicht nur Frankreich, auch wenn das dort nach meinem subjektiven Eindruck noch stärker zu beobachten ist als andernorts.

  2. Die Inselthese hat Chomsky zufolge ja noch weitere Bestandteile, wie z.B. das Selbstverständnis der “Insulaner”, dass die praktisch relevanten Entwicklungen (“Revolutionen” …) nur aus Paris kommen können.

    Es hat nach dem Ende des 2. Weltkrieges ein bisschen gebraucht, bis der Logische Positivismus bzw. die daraus hervorgegangenen Schulen auf dem europäischen Kontinent wieder Fuß gefasst haben. Im deutschsprachigen Bereich ist hier aber spätestens ab den 1970ern ein deutlicher Aufschwung zu sehen (Stegmüller, Patzig, Tugendhat …). So genau kenne ich die philosophische Landschaft in Italien nicht, aber auch da hat es schon einige Zeit wenigstens eine Anzahl von jungen Leuten gegeben, die sich mit Quine, Davidson etc. beschäftigt haben.
    Die Immunität in Frankreich scheint mir auf den ersten Blick schon auffällig zu sein. Der kürzlich verstorbene Raymond Boudon hat bspw. beklagt, dass es an den französischen Instituten keinen echten Blick über den Tellerrand gegeben habe: http://philoblog.de/2013/05/09/raymond-boudon-gestorben/

    Wenn das zutrifft, stellt sich die Frage, warum das so ist. Vielleicht liegt es an einem Mangel der analytischen Tradition im weitesten Sinn: sie hat zu soziokulturellen und kulturphilosophischen Fragen wenig beigetragen, das die Menschen auf dem Kontinent vom Hocker gehauen hätte. Mit steilen Thesen gegen Moralität, Sinn und Bewusstsein und für mehr Logik und Mathematik kann man in Europa wohl keinen Blumentopf gewinnen.

    Mein persönliches Fazit ist, dass es höchste Zeit ist, die albernen Extrempositionen auf allen Seiten – das intellektuelle Rumgepose – hinter uns zu lassen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass dies bei einigen Fachvertretern (nicht den schlechtesten) schon so gesehen wird.
    (Derweil sind einige postmoderne Kuriositäten schon weit in die Alltagskultur eingedrungen. Manches davon ist ein Spaß, anderes aber wird die Kultur auf längere Zeit nicht voran bringen.)

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