K-Team gegen R-Team über die europäische Sparpolitik

Vor einigen Tagen hatte ich darüber berichtet, dass der Ökonom Paul Krugman die europäische Sparpolitik für verfehlt hält, und dass er zwei besonders einflussreiche ökonomische Papiere, die von Verfechtern der Sparpolitik häufig als Rechtfertigung herangezogen werden, als nachweislich falsch kritisiert.

Die Autoren des bekannteren dieser Papiere, die Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, werfen Krugman nun grob unziviles Verhalten vor (s. z.B. den Bericht auf Politico). Die Medien möchten natürlich gerne auf diese Fehde aufspringen, doch Krugman hat sich schon explizit mit dem Hinweis an die Journalisten gerichtet, wer noch halbwegs klar denken könne würde auch wissen, dass eine vermeintliche persönliche Fehde irrelevant sei – im Gegensatz zur tatsächlichen Politik. Auch der rhetorische Versuch, ihn als naiven Hippie dastehen zu lassen, trage nichts zur Sache bei.

Brad DeLong stellt sich auf die Seite von Krugman und hält 7 Punkte fest, von denen nur einer zwischen den beiden “Teams” umstritten sei – und natürlich die im Zentrum der Kritik stehende “90 % These”. Was daraus nun konkret für die europäische Finanzpolitik zu folgern ist, darauf hat Krugman gestern versucht sich einen Reim zu machen.

Markus Diem hat einen guten Überblick über diese Debatte im Tagesanzeiger veröffentlicht.

Überzogene Neuromythen

Bei den Philosophischen Schnipseln gibt es einen interessanten Text zu den allgegenwärtigen und auch hier im Blog schon aufgegriffenen Neuromythen, mit denen man ja praktischerweise alles erklären und umkrempeln kann. Dort auch der Hinweis auf ein Interview und ein Video mit dem Psychopharmakologen Felix Hasler, der letztes Jahr sein Buch “Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung” veröffentlicht hat. In den Kommentaren bei den Philosophischen Schnipseln finden sich weitere Verweise.

.

. .

John Searle findet die meisten Auffassungen zum Bewusstsein fürchterlich

Die Tage, wie man im Ruhrpott so schön sagt, haben wir über gute, auf Video aufgezeichnete Vorträge gesprochen, und prompt meldet sich John Searle auf der TEDxCERN-Konferenz mit einem eindrucksvollen Viertelstunden-Vortrag “Consciousness & the Brain” zu Wort, in dem er kurz und bündig locker-flockig aus dem Effeff doziert, dass das Bewusstsein objektiv und keine Illusion sei (und bspw. der Behaviorismus eine peinliche Verirrung). Bewusstsein ist ein biologisches Phänomen wie all die anderen vertrauten biologischen Phänomene – und damit höchst real, so Searle.

Nicht viele Philosophen (oder Wissenschaftler) besitzen die Gabe, einem interessierten Laienpublikum aus dem Stehgreif und kurzweilig die zentralen Positionen ihres Fachgebietes darzustellen und sie pointiert zu bewerten. Voila:

.

. .

Chomsky über Postmoderne und Irrationalismus

In diesem Video gibt Noam Chomsky einen kritischen Überblick über die Geschichte der Intellektuellen-Kultur Frankreichs der letzten Jahrzehnte. In Paris habe man viel zulange dem Stalinismus oder Maoismus angehangen, der erst nach dem Erscheinen der französischen Übersetzung von Solschenizyns “Archipel Gulag” untragbar erschien, woraufhin irrationalistische Modeströmungen en vogue kamen. “Out of this comes the irrational tendency which was very welcome in many areas because it did undermine dedicated activism”, so Chomsky. Sein Fazit: wenn man die Rationalität aufgibt, sei man ein leichtes Opfer für externe Mächte. Das sei vergleichbar mit der Konsumideologie, die die Leute davon ablenkt, etwas gegen die realen Probleme zu tun.

Chomsky hat sich seit den 1960er-Jahren für die Verantwortung von Intellektuellen ausgesprochen. Der Pariser “Kult” ist demgegenüber erst später auf den Plan getreten, erhält seitdem aber von Chomsky regelmäßig eine dezidierte Abfuhr. Hier ein Text von ihm aus dem Jahr 1995.

Max Weber zur Einführung

2012 ist von Volker Kruse und Uwe Barrelmeyer das Buch “Max Weber. Eine Einführung” erschienen. Es ist eine gelungene Darstellung, die fundiert und verständlich in die zentralen Konzepte von Max Weber einführt. Nach einem Überblick zu Leben und Werk Webers werden in den 5 folgenden Kapiteln die Hauptthemen wie Webers methodologische Auffassungen, seine Kapitalismustheorie und sein Konzept der Rationalisierung und Ausdifferenzierung der verschiedenen Wertsphären beschrieben. Dabei werden auch zentrale Textstellen zitiert und Bezüge zu anderen Theoretikern aufgezeigt. Im Abschlusskapitel wird die wissenschaftliche Rezeption Webers dargestellt. (War es die protetstantische Ethik? Auflösung wird nicht verraten.)

Mit ungefähr 150 Seiten ist dies ein bündiges Einführungsbuch, dem es gelingt, die wichtigsten Beiträge Max Webers gut nachvollziehbar darzustellen. Sowohl sprachlich als auch vom Gesamtaufbau her ist der Text gut lesbar – was leider auch bei Einführungen nicht immer der Fall ist. Fazit: Zum Auffrischen etwas angestaubten und brüchig gewordenen Weberwissens gut geeignet.

Zu Richard Wagners 200. Geburtstag

Kurzzusammenfassung der Diskussion:
– Es ist möglich, dass ein moralischer Unhold und intellektuelles Leichtgewicht außergewöhnliche Musik komponieren kann.

– Es ist möglich, dass ein Mensch, der verquaste, unausgegorene Weltanschauungen besitzt, ein Meister der emotional-ästhetischen Grunderfahrungen ist.

– Es gibt kein künstlerische Genie, das qua künstlerischer Meisterschaft berufen ist, ethisch-kosmologische Wahrheiten zu verkünden. Nicht zuletzt durch Wagner besteht daran kein Zweifel.

– Wagner war, dem Urteil der Fachleute zufolge, ein exzellenter Tondichter oder Komponist.

Oldie but goldie – “… und die Behandlung von Krankheiten”

Man liest über einen neuen sozialen Roboter, ein aktuelles Resultat der Hirnforschung, die neueste Wunderkombination aus der Gentechnologie, eine sensationelle Maschinenprothese für Menschen – und das bedeutet, man liest mit ziemlicher Sicherheit auch, dass diese neuen Errungenschaften Anlass sind für vielversprechende Aussichten für die Behandlung von Krankheiten.

Der Neuroskeptiker berichtet von einer Episode der Wissenschaftsgeschichte: Der Neurowissenschaftler Angelo Mosso hat am Ende des 19. Jahrhunderts eine Apparatur zur Messung des Gewichts von Hirnaktivitäten entwickelt. Nette Geschichte, mit einem ironischen Nebenaspekt: eine französische Zeitung feierte 1908 Mossos Entwicklung enthusiastisch und glaubt, sie führe zu einer Verbesserung der Therapie von neurologischen und psychischen Erkrankungen.

“Die Behandlung von Krankheiten” ist der “amerikanische Wissenschaftler” der Wissenschafts-PR. Wenn Boulevardblätter berichten, “amerikanische Wissenschaftler” hätten festgestellt …, so verleiht das der Information die notwendige Autorität sowie eine herausgehobene Relevanz. Der Verweis auf die in Aussicht stehenden Therapiemöglichgkeiten erfüllt mediensoziologisch die gleiche Funktion.

Jalees Rehman hat im Guardian gerade einen Artikel veröffentlicht, in dem er dafür plädiert, dass Wissenschaftsjournalismus mehr sein sollte als bloßes Infotainment – er sollte ein kritischer Wissenschaftsjournalismus sein. Rehman schlägt einige Kriterien dafür vor.

Über den Nutzen von Videovorlesungen

Nur kurz zwei Beobachtungen zu Vorträgen oder Vorlesungen auf Video:

1. In der Regel bekomme ich mit einer Viertelstunde Lektüre mehr Informationen als beim Ansehen von 60 oder 90 Minuten Video. (Eine Beobachtung, die ja auch schon für reale Vorträge zutrifft.)
(1b. Der Anteil an guten Rednern ist relativ gering (gilt für alle Fachbereiche).)

2. In ganz bestimmten Einzelfällen – besonders großes Interesse an einem bestimmten Thema oder einer Person oder an Neuigkeiten in einem Bereich und Ähnliches – sind die auf Video aufgezeichneten Vorträge sehr nützlich.

Videovorlesungen der Universität Hamburg

Auf der Medienplattform Lecture2go der Universität Hamburg sind auch Videos aus dem Bereich Philosophie zu sehen. Leider ist eine Direktverlinkung zum Bereich nicht möglich – man muss sich kurz durch die Menüs hangeln: In der oberen Menüzeile wählt man unter dem Punkt “Lectures” den Unterpunkt “Veranstaltungen“. Auf der dann geöffneten Seite wählt man oben im Dropdown-Menü “F.5 – Geisteswissenschaften” und auf der dann erreichten Seite im zweiten Dropdown-Menü den Bereich “Philosophie“.

Unter anderem sind dort derzeit Vorträge (im Folgenden mit Direktlink) von Dieter Birnbacher, John Skorupski oder Dagfinn Føllesdal zu sehen. Diese Videoaufzeichnungen sind Teile von Veranstaltungsreihen, die über das dritte Dropdown-Menü erreichbar (aber hier nicht direkt verlinkbar) sind.