Zwischen Russell und Konfuzius – Zhang Shenfu

1920 traf der chinesische Philosoph Zhang Shenfu in Shanghai den Autor, den er in den letzten Jahren übersetzt und kommentiert hatte – Bertrand Russell. Im gleichen Jahr war Zhang auch Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Chinas. 1927 übersetzte er Wittgensteins “Tractatus”.

Über Zhang Shenfu, die Entwicklung seiner Philosophie und die zeitgeschichtlichen Umstände seines Lebens berichtete Vera Schwarcz 1991 im Journal des Bertrand Russell Archivs. Sie hatte 1979 Gelegenheit, nach der vorsichtigen Öffnung Chinas als erste westliche Wissenschaftlerin wieder mit Zhang zu reden.

Zhangs eigene philosophische Entwicklung wird vielleicht deutlich in einem Bild, das er selbst in diesen Gesprächen benutzt:

“Russell himself did not understand Confucius. But, in fact his thought is very close to Confucius. … My philosophy brings them together. I am like a bridge”.

Der letzte unabhängige Mensch wird der mit dem größten Computer sein (Interview mit Jaron Lanier)

Beim Spectator gibt es ein Interview mit Jaron Lanier über unsere technologische Zukunft, die Notwendigkeit von Kritik und Humanismus, und Hackkerarroganz.

ontosOpen – Einige kostenlose E-Books beim ontos-Verlag

Im Blog vom Blinden Hund habe ich den Hinweis gefunden, dass der ontos-Verlag eine Reihe von philosophischen Büchern als kostenlose E-Books abgibt: “ontosOpen offers Open Access publications of selected eBooks.” Für den Download ist ein ganz normaler Bestellvorgang, wie in Onlineshops üblich, erforderlich.

Die Reihe dürfte wohl vornehmlich für das Fachpublikum interessant sein. Die meisten Titel sind englischsprachig. Autoren sind unter anderem Nicholas Rescher, Herbert Hrachovec, Georg Meggle, Reiner Hedrich und Friedrich Stadler.

Facebook löscht kirchenkritische Beiträge des Fernsehmoderators Domian

Wie der WDR berichtet, hat Facebook Beiträge des Fernsehmoderators Jürgen Domian gelöscht, in denen er sich kritisch mit kirchlichen Positionen auseinandersetzt. Domian teilte daraufhin mit, er sei “äußerst verärgert und fassungslos”. Die lauwarme Erklärung von Facebook räumt ein, “dass gelegentlich Fehler gemacht werden”. Ihr ist zu entnehmen, dass man offenbar auf Hinweise von “fanatischen Kirchenanhängern” – wie Jürgen Domian dies kommentiert – reagiert habe.

Die Maßnahme ist offenkundig eine Interpretationshilfe zum Verständnis sowohl von Facebook als auch von Religion.

Kirche, Evolution und Moral

Papst Benedikt hat die Behauptung, dass der Katholizismus nicht mit der Evolutionstheorie vereinbar sei, als absurd bezeichnet. Es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich in dieser Frage die Einstellung der katholischen Kirche unter dem neuen Papst entwickelt. Einige Anmerkungen dazu bei io9.

Und es geht ja nicht nur um solch theoretische Fragen. Die aus Rom propagierte Moral ist oft unmenschlich. Dazu einige Überlegungen von Stephen Fry in folgendem Video:

Der Frühling, der ein Winter war

Seit 24 Stunden hat Rom einen neuen CEO, der aus einer Region der Welt kommt, die, wie sich eine deutsche Moderatorin im Fernsehen ausdrückte, einen der schnellsten wachsenden Märkte darstellt. Nach ganztägiger Dauerberichterstattung und einigen live-gesendeten Auftritten, ist es nun klar, dass der neue Chef, ganz entgegen der im gebührenfinanzierten Fernsehen verbreiteten Jubel- und Eierkuchenstimmung, einen erzkonservativen, eher reaktionären als offenen Kurs einschlagen wird. Der orthodoxe Mitbewerber aus Moskau begrüßte denn auch die konservative Ausrichtung der neuen Leitung in der römischen Konzernzentrale. Strenger Dogmatismus, irrationale Moralvorstellungen, Ausweitung des globalen Geschäfts und eine CI, die auf das Mildtätigkeitsimage setzt, sind die Eckpunkte des Brandingkonzeptes der nächsten Jahre.

And now for something completely different:

Neurofolklore

Der Neurocritic beschäftigt sich mit der Geschichte der Hirnwissenschaften und untersucht, wie alt der Begriff “Neuroscience” wohl ist. Dass es auf den Begriff nicht so sehr ankommt, stellt er fest, aber es fehlen Überlegungen dazu, welche Rolle das philosophische Körper-Geist-Problem in dieser Geschichte spielt.

Vaughan Bell bemerkt im Guardian, dass nicht alles, was in der Öffentlichkeit als Neuroscience gehandelt wird, korrekt ist.

Roboter werden siegen – und langweilig sein

Schach spielen oder den Turing-Test bestehen, das kann bald jeder Staubsauger. Aber beim Ansehen des folgenden Videos habe ich mich gefragt, ob Maschinen je in der Lage sein werden, so sinnvoll aus Sinn Unsinn zu machen. Dazu muss man wohl – wie der Mensch – solche Fähigkeiten haben wie Pubertätsprobleme oder Zivilisationsneurosen auszubilden.

Oder hier, sowas – Plutarch, Chomsky und Wittgenstein in 5 Minuten:

Raphaël Enthoven traf Richard David Precht

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In Frankreich ist Raphaël Enthoven bekannt als Produzent und Moderator der Serie „Philosophie“, die sonntags auf ARTE gesendet wird. Am 27.2.2013 traf Richard David Precht, dessen neue Sendefolgen demnächst ausgestrahlt werden müssten, auf seinen französischen Counterpart im Auditorium der Französischen Botschaft in Berlin. Eingeladen hatte der Fernsehsender ARTE unter dem Titel “Raphaël Enthoven trifft Richard David Precht“, moderiert wurde der Abend von Emmanuel Suard, Botschaftsrat für Kultur und Leiter des Institut francais Deutschland. Nicht nur das Podium, auch das Publikum war gemischt deutsch-französisch besetzt, und so wurde das Gespräch simultan übersetzt – für jeden Sprachphilosophen und Hermeneutiker eine interessante Randbedingung für eine öffentliche philosophische Diskussion.

Auf die erste Frage nach dem Nutzen der Philosophie und ihre angemessene Rolle in den Medien antwortete Enthoven erfreulicherweise mit der Strategie, in Frage zu stellen, welcher Nutzen denn damit angesprochen werde und rang sich dann schließlich doch den Mut ab, darauf hinzuweisen, dass der Alltag ständig von selbst philosophische Probleme aufwerfe. Prechts Antwort war da zunächst etwas unglücklicher und gab denn auch im Laufe des Gesprächs Anlass zu dem einen oder anderen Missverständnis. Aus Sicht des biologischen Überlebens sei das Philosophieren sicher ein Luxus, so Precht. Ich glaube, das ist nicht einmal aus naturalistischer Sicht eine richtige Antwort, denn es ist ja die Biologie, die dieses Luxuswesen hervorgebracht hat, aber möglicherweise war Prechts These ja als Eröffnungssentenz für einen interessanten Gedankenaustausch bestimmt. Denn im Grunde war er sich mit Enthoven in dieser Sache einig. Wie dem auch sei – Enthoven griff das „Luxus“-stichwort auf, um darüber zu reden, dass man wohl erst einen vollen Bauch brauche, um zu philosophieren. Und obwohl auch dagegen einige Einwände auf der Hand liegen, kann man sich vorstellen, wie das gemeint sein könnte – nicht jedoch ein Zuhörer, der in der Diskussion am Ende des Abends der These von den vollen Bäuchen eine These des Philosophierens in Notlagen entgegenstellte.

Und diese fröhliche Kette von Missverständnissen und etwas überraschenden Gesprächsverläufen war denn auch eines der Kennzeichen dieses Abends. Aber dies soll noch nicht das voreilige Urteil sein. Es ist wohl eher unplausibel, Unterschiede der Philosophie und der Argumentationskultur an den modischen Unterschieden der Bekleidungsstile festzumachen, auch wenn dies das Schicksal von Philosophen zu sein scheint, die im Licht der Öffentlichkeit stehen. Aber es wurde doch deutlich, wie verschieden Enthoven und Precht ihre Auffassungen darstellten, welche Rolle Metaphern, narrative Elemente, Hinweise auf empirische Befunde oder die Assoziation von kulturellen Kontexten in ihren Beiträgen spielte.

Deshalb war dies eine gelungene Veranstaltung: sie machte einerseits die unterschiedliche „französische“ und „deutsche“ Gesprächskultur und damit so manches Überbrückungsproblem deutlich, andererseits brachte sie diese beiden ungleichen Geschwister zusammen. Das zwiespältige Ergebnis – Zweifel über den Grad des Gelingens der Kommunikation und zugleich der Genuss einer Begegnung, wie man sie so in der Öffentlichkeit selten erlebt – hat den Aufwand gelohnt.

Im Gegensatz zur auch von Precht und Enthoven kritisierten Talkshowkultur ist der Verlauf eines echten Gesprächs nicht vorhersehbar. In dieser Hinsicht hat dieser Abend nicht enttäuscht. Für ein gelingendes Gespräch fehlte es zwar hin und wieder an Zusammenhang, und ob der bei so unterschiedlichen Philosophiestilen herstellbar ist, ist vermutlich nicht gewiss. Aber mir hat es großes Vergnügen bereitet, an diesem gelegentlich ungeordneten Zwiegespräch teilzunehmen, für das es sonst in der Öffentlichkeit und in den Medien wenig Raum gibt.

So hatte der Moderator des Abends denn auch ein großes Interesse daran, in mehreren Anläufen von seinen beiden Gästen zu erfahren, welche Rolle sie der Philosophie im Fernsehen und in der Öffentlichkeit zuschreiben. Was auch immer sie an einer konkreten Antwort gehindert hat – das Ego, die Übersetzung, die Vielzahl von Gesprächsfäden, die mental abzuarbeiten sind – wir sollten es nicht erfahren. Erst als es um die Formate ihrer jeweiligen Sendungen ging, berichteten Enthoven und Precht Einiges über Konzepte und Medienpolitisches.

Bei der Frage nach den wechselseitigen Beziehungen zwischen französischer und deutscher Philosophie hat Precht die unterschiedliche Rolle des Philosophen, bzw. Intellektuellen in der französischen und der deutschen Kultur ausgezeichnet beschrieben: er verwies auf die historische Bedeutung des philosophe in Frankreich seit der Aufklärung, die bis heute eine gewisse Kontinuität hat, während in Deutschland lange Zeit eine solche Gelegenheit und eine solche Öffentlichkeit gar nicht bestand. Er erinnerte aber auch beispielsweise an die Faszination, die die französische Kultur und Philosophie in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland ausübte, und Einiges mehr (z.B. dass die aktuelle akademische Philosophie den Bezug zur Gegenwart verloren habe).

Dass von dieser Hochzeit heute nur noch wenig übrig ist, hat sicher auch mit dem Medien- und Kulturwandel zu tun. Vielleicht hat „die amerikanische Kultur“ ja doch gesiegt? Mag sein, dass diese Etikette falsch ist – wie das meistens bei simplen Etiketten der Fall ist. Jedenfalls werden Orte und Gelegenheiten für philosophische Reflexionen und breit reflektierte Kultur in der Öffentlichkeit und in den Medien knapp. (Auch bspw. Martha Nussbaum diagnostiziert ja in ihrem Buch „Nicht für den Profit!“ eine weltweite Krise der Bildung und der Kulturarbeit.)

Allein schon deshalb ist ein Abend wie dieser – mit einem mutigen Konzept, das zudem in Kauf nehmen muss, nicht vollständig zu gelingen – so wertvoll. Bleibt zu hoffen, dass dies nicht der letzte seiner Art war.

Umverteilung galore

Der Bedarf und die Notwendigkeit für Umverteilung von Einkommen und Vermögen wird in naher Zukunft aufgrund massiver Roboterisierung drastisch ansteigen – schreibt der Economist. Dies erfordert (natürlich) institutionelle Rahmenbedingungen, die dies gewährleisten.