Wie effektiv war der Neoliberalismus?

“Neoliberalismus” ist eigentlich eine schwierige Vokabel. Anhänger und Gegner meinen damit durchaus nicht das Gleiche, und es scheint so, dass heute damit im Wesentlichen ein “Marktradikalismus” gemeint ist.

Daniel Stedman Jones hat bei Princeton University Press sein Buch “Masters of the Universe: Hayek, Friedman, and the Birth of Neoliberal Politics” veröffentlicht. Dies rezensiert Scott Summner bei reason.com. Der Rezensent kann dem Neoliberalismus mehr abgewinnen als der Buchautor. Allerdings hält er den Einfluss des Neoliberalismus auf den Konservativismus für überbewertet. In den letzten Jahren vertrete der Konservativsimus tatsächlich zunehmend eine dogmatische Form des Marktradikalismus, die sich vom Neoliberalismus unterscheide. Während seiner Ausbildung in der “Chicago School”, so Summner, sei der übliche Kommentar zum Wohlfahrtsstaat gewesen, dass es vermutlich am besten sei “to just give money to the poor”.

In der öffentlichen und politischen Wirkung ist es aber nun mal so, dass die Argumente von Friedman, Hayek und den offiziellen Bank- und Finanzexperten durcheinander gehen, und die Feinheiten, ob dies nun von dieser oder jener Schule gesagt wurde, keine Rolle mehr spielen.

Aktuelle Diskussionen in der Psychiatrie

Stephan Schleim berichtet von den 8. Berliner Psychiatrietagen, die unter dem Titel “Psychiatrie der Zukunft” liefen. Die große Zahl der psychischen Störungen ist offenkundig nicht allein auf Veranlagung, sondern in gravierenden Ausmaß auch auf soziale Faktoren zurückzuführen. Insofern ist ein wachsender Neuroskeptizismus die logische Konsequenz eines einseitigen Erklärungsansatzes. Schleim selbst diskutiert in seinem Vortrag den “Imperativ der Anpassung” in der Psychiatrie, und stellt ihm einen “Imperativ der Autonomie” entgegen. (Das erinnert mich an Fromms Charakterisierung von Freuds Therapieziel als “autoritär”.)

Wo er recht hat, hat er recht

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass unsere Generation der Philosophierenden, die nicht das Vergnügen hatte, die Zeit des sogenannten Positivismusstreits mitzuerleben, vielleicht das beste Objekt der Kritik abgeben würde, über das alle Beteiligten des damaligen Geschehens den Kopf schütteln würden. Theodor Adorno, selbst ein intellektueller Snob ersten Ranges, formulierte es seinerzeit so:

Ihre Spielregeln sind darauf zugeschnitten, dass das verdinglichte Bewusstsein geistferner bright boys sich als Spitze des Zeitgeistes betrachten kann. Sie sind aber bloß deren Symptom.

Und dass wir uns heute nur noch mit Symptomen abgeben, ist jedem Nicht-Akademiker zumindest bekannt (sofern er sich von seinem digitalen Hirnfortsatz lösen kann).

P.S.: Zur Überschrift
Ob Humor – bei Adorno eher verboten – daran etwas ändert, ist ungewiss. Aber im Verbund mit der völlig unterschätzten Tautologie kann er jedenfalls subversiv sein. Zum Beispiel so:

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Bertrand Russell für die gute Sache (Macht sowas ein richtiger Philosoph?)

Über Bertrand Russell liest man immer mal wieder, dass seine philosophisch bedeutenden Leistungen aus seiner ersten Lebenshälfte stammen. Gelegentlich wird dann noch freundlich ergänzt, dass er in der zweiten vor allem durch sein öffentliches Engagement gegen Krieg und für soziale Gerechtigkeit in Erscheinung getreten ist – sowas kann einem schon mal passieren, wenn man alt und schrullig wird.

Russell hielt allerdings zeitlebens nichts von der Auffassung, dass Philosophie eine staubtrockene Scholastik von größtmöglicher Irrelevanz sei und ein Einsetzen für eine gute Sache eher ein Ausweis von mangelnder intellektueller Stringenz (siehe zum Beispiel das Abschlusskapitel von “Problems of Philosophy” (1912)). Insofern ist er natürlich vollkommen veraltet, wie auch dieser pathetische Ausschnitt aus einem Bollywood-Streifen aus dem Jahr 1967, in dem der 95-jährige Russell von einem indischen Studenten besucht wird. Es gibt einige Filmaufnahmen aus diesen Jahren von Russell in seinem Heim, aber dies ist wohl die einzige in guter Farbqualität.

[via Open Culture]

Die negativen Konsequenzen von Bildungsgutscheinen

Im vorletzten Beitrag zu Albert O. Hirschmann wurde seine Arbeit zu Exit-Optionen in der Bildung erwähnt. Seit Milton Friedman in den 50er-Jahren die Idee der school vouchers, der Bildungsgutscheine, formuliert hat, wird diese Praxis mit marktökonomischen Begründungen zunehmend eingeführt und ist insbesondere in den USA bekannt.

Hirschmann hat die Nachteile dieses Systems frühzeitig beschrieben. Eine negative Konsequenz von Bildungsgutscheinen zeigt sich aktuell in den US-Staaten, in denen der Kreationismus auf den Unterrichtsplan gehievt und die Evolutionstheorie verdrängt werden soll. In Louisiana profitieren mindestens 19 Schulen vom voucher system, in denen dem Monster von Lech Ness Realität zugesprochen, der Evolutionstheorie abgesprochen wird. Dies hat ein 19-jähriger Aktivist gegen die Verbannung von wissenschaftlichen Schulbüchern bei der Überprüfung von Schulprogrammen festgestellt.

Als die Principia Mathematica frisch aus der Presse fielen

B. Russell, 1907

Der letzte der drei Bände der “Principia Mathematica“, die Bertrand Russell und Alfred North Whitehead verfasst hatten, erschien 1913.

Zu dieser Zeit war die London Underground schon recht weit ausgebaut. Der Linienplan des Jahres 1913 mutet auch aus heutiger Sicht modern an:

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Eine größere Version kann man beim Retronaut betrachten.

Nachruf auf Albert Hirschmann von Francis Fukuyama

Der Ökonom und Soziologe Albert O. Hirschmann ist am 10. Dezember 2012 gestorben. Francis Fukuyama hat einen Nachruf auf Hirschmann geschrieben, in dem er einen Überblick über dessen Arbeit präsentiert.
Hirschmann hat weniger quantitative Forschung betrieben, als es heute in der Ökonomie üblich geworden ist. Vielmehr hat er die der Ökonomie angelegten methodologischen Grenzen überschritten und sich auch mit Disziplinen wie Politik und Philosophie beschäftigt, um die “intellektuelle Armut in diesem Gebiet” zu vermeiden.
Eines der bekanntesten Werke Hirschmanns ist “Exit, Voice, and Loyalty” (1970). Um die Performance öffentlicher Institutionen zu verbessern, hat man in der Ökonomie Maßnahmen diskutiert, die Wettbewerb einführen und den Subjekten Exitoptionen gewähren, so dass schlechtes Management durch Marktmechanismen bestraft würde. Diese Mechanismen sind seit Reagan und Thatcher und dem Aufstieg der orthodoxen Marktökonomie überall in den westlichen Gesellschaften vorangetrieben worden. Hirschmann hat auf die kaum beachteten Nachteile dieser Mechanismen hingewiesen. So wird die Exitoption insbesondere von den Gutgestellten in Anspruch genommen, so dass die verbliebenen Teilnehmer ärmer, ungebildeter und anspruchsloser zurück blieben. Außerdem untergräbt die Exitoption die Wirksamkeit von Feedback und Kritik (“Voice”), mit denen eine Änderung herbeigeführt werden könnte. Die Drohung mit Exit hat unmittelbarere und größere Konsequenzen als die Formulierung von Kritik, so dass Kritik in ihrer Relevanz abgewertet wird.

In seiner berühmtgewordenen Studie “Leidenschaften und Interessen” hat Hirschmann gezeigt, dass Montesquieus, John Millars und Adam Smiths Argumente für den Kapitalismus politisch-moralisch und nicht ökonomisch waren, wie Marxisten und heutige neoklassische Ökonomen behaupten. Ihr Anliegen war humanistisch, was aus Sicht der jetzt vorherrschenden Rational Choice Theorie geradezu außerirdisch ist. Die Denker des 17. und 18. Jahrhunderts versprachen sich von der freien Wirtschaftsweise eine Verbesserung der Moral und einen substanziellen Beitrag zum internationalen Frieden.

In einem seiner letzten Bücher, “The Rhetoric of Reaction” (1991), untersucht Hirschmann konservative Strategien, mit denen progressive Reformer, die sich um sozialen Wandel bemühen, kritisiert werden. Er zeigte, dass die konservativen Argumente in der gleichen Weise auch schon im 18. und 19. Jahrhundert von Gegnern der Französischen Revolution (z.B. Edmund Burke) und der britischen Armengesetzgebung vorgebracht wurden. Die von diesen Konservativen durchgesetzte Antireformpolitik war sozial so desaströs, dass sie anschließend für Jahrzehnte desavouiert war.

Statt Revolution befürwortete Hirschmann langsame, aber stetige Verbesserungen unter einem demokratischen Regime. Dies tat er auch in den 1960ern explizit, als viele Andere ihre Hoffnung eher in Revolutionen nach kubanischem Stil setzten.

In seinem Fazit bedauert Fukuyama, dass Entwicklungsökonomen wie Albert Hirschmann heute nicht mehr ausgebildet würden.