Über den ontologischen Gottesbeweis

John Haldane (St Andrews), Peter Millican (Oxford) und Clare Carlisle (Religionsphilosoph, London) diskutieren morgen auf BBC4 über den Ontologischen Gottesbeweis. Vermutlich wird die Sendung danach auf der Webseite des Programms abrufbar sein.

Anselm von Canterbury hat im Jahr 1077 die erste Version des Ontologischen Gottesbeweises formuliert. Es ist ein rein logisch-begriffliches Argument, das darauf hinausläuft, dass aus dem Begriff Gottes logisch auch seine Existenz bewiesen werden kann. Bekannte Varianten stammen von Descartes und Leibniz.
Als Kritker haben Thomas von Aquin, David Hume, Kant, Gottlob Frege, Bertrand Russell und Norbert Hoerster die logischen Mängel dieses Arguments aufgezeigt.

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Neuroblahblah

Steven Poole schreibt im New Statesman eine bissige Polemik gegen die “Neurowissenschaften-erklären-alles”-Mode. Gleich zu Beginn stellt er fest: “Eine neue Seuche ist ausgebrochen.” Man müsse nur das Präfix “Neuro” vor seine Erklärung kleben, und schon verschaffe man sich die Würde computerbasierten Laborkittelgefunkels. Ob Religion oder konservative Mentalität – die solcherart untersuchten Objekte sind nur noch pathologische Fälle der Gehirnbiologie und nicht mehr rationale Gesprächspartner. Ob persönliche oder politische Ratgeber – die “Ramschaufklärung” der populären Neurowissenschaft hat die Antwort auf alle Fragen.

Schon William James habe sich darüber mockiert, selbst die schwierigen Fragen der Psychologie neurologisch erklären zu wollen. Entsprechend hätten manche populären Neurobehauptungen heute einen vergleichbaren Status wie solche über das Gedächtnis von Wassermolkeülen.
Schlecht kommen bei Poole Autoren wie Jonah Lehrer und Jonathan Haidt weg. Haidts verquere Empfehlung, sich von der Vernunft zu verabschieden, habe Poole befolgt und gefühlsmäßig Haidts ganze Argumentation abgelehnt.
Gehirnscans zeigten jedenfalls weniger, als aufgebauschte Thesen daraus machten, weshalb man skeptisch gegenüber “brain porn” sein solle. Was sagt schon ein fMRI-Scan eines Musikhörers über das Musikerlebnis, so Poole.

Tierische Rituale beim Tod eines Artgenossen

Bilder von “trauernden” Elefanten oder Menschenaffen kann man gelegntlich in den Medien sehen. Dabei ist es ein noch nicht ganz aufgelöstes Problem, hier von “Trauer” zu sprechen, also den Tieren strukturell ähnliche emotionale und kognitive Prozesse zuzusprechen, wie wir sie von uns selbst kennen.

Die Tatsache allerdings, dass man bei Tieren spezifische Verhaltensweisen als Reaktion auf den Tod von Artgenossen beobachtet, ist gut erhärtet. Barbara J. King berichtet bei NPR in “Do Birds hold funerals” darüber, und kündigt ihr Buch “How Animals Grieve” für April 2013 an.

Das Phänomen der “Trauerrituale” bei Tieren ist nicht einfach nur eine zoologische Kuriosität. Als eine Instanz des emotionalen, kognitiven und sozialen Verhaltens von Lebewesen ist es im Rahmen eines naturalistischen Verständnisses des Lebens von besonderem Interesse.

Galileo, der Literat

Galileo hat nicht nur mit Werkzeug, Instrumenten und Formeln hantiert. Er hat auch gelesen, und zwar Literatur. Poesie.

Er hat Petrarca und Dante kommentiert. Ariosts “Orlando furioso”, den “Rasenden Roland”, hat er besonders geschätzt. Und sich selbst an poetischen Formen versucht, beispielsweise an Sonetten. Das berichtet John Heilbron.

Thomas Nagel über Theismus und Naturalismus

Thomas Nagel hat in der letzten Zeit seine Kollegen mit Äußerungen zur Evolutionstheorie überrascht. In der New York Review of Books diskutiert er jetzt die Thesen des Religionsphilosophen Alvin Plantinga über Theismus und Naturalismus.

Michael Ruse hingegen hatte sich zuvor schon kritisch zu Plantingas letztem Buch geäußert – wie ich hier berichtet habe. Insbesondere wirft er ihm vor, Positionen anderer verzerrt wieder zu geben und ein unfaires Diskussionsverhalten zu zeigen.

Versagt die Bioethik?

Tom Koch schreibt in der Huffington Post, dass die Bioethik keine robuste Ethik sei, sondern sich der neoliberalen, postmodernen ökonomischen Betrachtungsweise von Gesundheit als Ware angedient habe. Deshalb habe Bioethik weniger mit Ethik oder Philosophie zu tun, sondern vielmehr mit Geld und Macht. Moralphilosophen von Platon bis Kant seien aber keine Cheerleader, sondern Kritiker.
Tom Kochs Abrechnung mit der Bioethik ist als Buch unter dem Titel “Thieves of Virtue: When Bioethics Stole Medicine” gerade bei MIT Press erschienen.

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Technikträume

Während rund ums iPhone die Infantilisierung munter voranschreitet, hat Kalifornien ein Gesetz verabschiedet, das führerlose Autos, sogenannte Autonome Fahrzeuge, auf öffentlichen Straßen legalisieren soll. Ein Traum wird also bald Wirklichkeit, wie die Huffington Post schreibt – ist er ja eigentlich schon längst im Zeitalter autonomer Drohnengeschwader und von Robotern, die Menschen identifizieren und isolieren können.

Sicherlich wird alles immer besser und schöner, auch wenn Bertrand Russell vor 50 Jahren schon konstatierte: “Das ungeheure Wachstum der Macht der Technik machte das Leben viel komplizierter, als es zuvor war.” (Denker des Abendlandes)

Wer solche sinistren Grübeleien gleich wieder verscheuchen möchte, der kann im Web dank WebGL das Innere der Kathedrale Saint Jean betrachten und virtuell mittels Cursortasten durchlaufen. Das Laden der Seite dauert etwas länger, lohnt aber den Vergleich mit ähnlichen Bauten in Second Life (Kölner Dom, Mont Saint Michel, Chou Chou).

Kooperation statt Korruption

Die Bestrafung unkooperativen Verhaltens ist aus spieltheoretischer Sicht ein Problem, weil dieses Verhalten für den Bestrafer kostspielig ist und er mit Vergeltung rechnen muss. In einer korrupten Umgebung scheint es daher ratsam zu sein, nicht selbst ein Bestrafer zu sein.

Wie ist es dann aber möglich, dass sich Gesellschaften entwickeln, in denen Kooperation herrscht und die Korruption zurückgedrängt wurde? Boyd, Gintis, Bowles und Richerson haben 2003 beschrieben, wie altruistisches Bestrafen von Nicht-Kooperativen auch in größeren Gesellschaften möglich ist.

Edgar A. Duéñez-Guzmán und Suzanne Sadedin zeigen nun, wie durch Bestrafung der Korrupten und Belohnung der Bestrafer die Korruption zurückgedrängt werden kann und die Gesellschaft dabei Stabilität und ein höheres Maß an Lebensqualität erzielt.

Laurin, Shariff, Henrich und Kay zeigen in ihrer aktuellen Studie, dass die Überzeugung, eine göttliche Instanz würde Normverletzer bestrafen, dazu führt, dass reale Bestrafung reduziert und Korruption weniger bekämpft wird.

Der junge Carnap

Es ist gelegentlich eine interessante Beschäftigung, obskuren Ideen nachzugehen, teils weil sich so gewöhnliche Prokrastination als seriöse Beschäftigung kaschieren lässt, teils weil man dadurch auf interessante Details stößt, die das unvollständige Wissen, das man besitzt, wiederbeleben und so vielleicht Anlass geben, zu fruchtbareren Erkenntissen zu gelangen. Ein solches mir bislang unbekanntes Detail ist mir in der letzten Zeit beim “Fußnotenvergleich” und durch andere Zufälle vor die Füße gefallen:

Rudolf Carnap, der in Jena studierte und dort unter anderem Gottlob Frege gehört hatte, war Mitglied des Serakreises in Jena – einer freistudentischen Gruppierung, und der reformierten Akademischen Vereinigung Jena. Diese Vereinigung war Mitausrichter des Ersten Freideutschen Jugendtages auf dem Hohen Meißner im Oktober 1913, an dem auch Carnap teilnahm. Dort wurde er “Leiter des Druckamtes” (siehe z.B. H.-J. Dahms: Die Emigration des Wiener Kreises, in: Friedrich Stadler (Hg.), Vertriebene Vernunft I, S. 70).
Andere Teilnehmer dieses Jugendtages waren unter anderem Paul Natorp und Walter Benjamin (laut Wikipedia-Eintrag, in dem Carnap allerdings nicht erwähnt wird). Ungefähr 2000 bis 3000 Teilnehmer sollen dieses Treffen an einem Wochenende besucht haben, und so besteht immerhin eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass Carnap und Benjamin sich bei dieser Gelegenheit begegnet sind.

Ein anderes Detail aus Carnaps früher Jugend erwähnt heute der Blinde Hund: Ein Mini-Drama des 12-jährigen Rudolf Carnap über den römischen Feldherrn Scipio Africanus hat das Carnap-Archiv der Universität Pittsburgh ins Netz gestellt. Eine Inhaltsangabe findet man beim Blinden Hund.