Darwinistische Ästhetik und Neuroästhetik

Adam Kirsch bespricht in “New Republic” drei Bücher, die sich aus einer darwinschen biologischen oder einer neurowissenschaftlichen Perspektive mit dem Phänomen der Ästhetik beschäftigen:
“Why Lyrics Last: Evolution, Cognition, and Shakespeare’s Sonnets”, von Brian Boyd
“Wired for Culture: Origins of the Human Social Mind”, von Mark Pagel
“The Age of Insight: The Quest to Understand the Unconscious in Art, Mind, and Brain, from Vienna 1900 to the Present”, von Eric R. Kandel

Im Raum stehen Fragen wie, ob das menschliche Kunstbedürfnis genetisch erklärbar ist, ob es etwas zur Fitness der Gene beiträgt, oder ob, wie Darwin schon angemerkt hat, der Schönheitssinn der Tiere gar nicht mit dem eines kultivierten Menschen vergleichbar sei. Analog für die – so Kirsch – verwandte neuere Neuroästhetik fragt man, wie Ästhetik als Funktion des Gehirns erklärt werden könne.

Kirsch wendet dagegen ein, Shakespeare habe in dritter Generation keine Nachfahren mehr gehabt. Nicht seine Gene, wohl aber seine Werke seien bis heute überliefert. Unter anderem dies zeige, dass die Möglichkeit, Kunst und überhaupt menschliche Unternehmungen rein darwinistisch zu erklären, einfach verschwinde, meint Kirsch. Ähnlich beurteilt er den Ertrag eines Buches des Nobelpreisträgers Eric Kandel. Auch der Neurowissenschaftler habe mit Blick auf die Erklärung lediglich Banalitäten vorzuweisen. Darwinistische und Neuroästhetik könnten, wenn sie denn mal die Mechanismen unserer ästhetischen Erfahrung erklärt haben werden, an der Art, wie wir Kunst erleben, nichts ändern.

Insgesamt ist Kirschs Kritik durchaus nicht destruktiv. Insoweit überzogene Ansprüche naturalistischer Erklärungen von Kultur bestehen, hält er sie für unbegründet.

5 thoughts on “Darwinistische Ästhetik und Neuroästhetik

  1. Interessanter Hinweis. Danke.

    Ich finde es sehr interessant, auch mal die biologische Perspektive auf die Ästhetik einzubringen. Zwar stimme ich nicht allem zu, aber ein neuer Blickwinkel auf so alte Fragen ist immer nützlich.

  2. Das sehe ich auch so. Kenntnis biologischer Fakten ist eine Säule unseres Menschenbildes. Andererseits wird das allein keinen Phidias oder Beuys hervorbringen.

  3. Bei mir liegt gerade “Gehirn und Gedicht: Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren von Raoul Schrott und Arthur Jacobs” auf dem Zu-Lesen-Stapel, ich kriege die These gerade nicht zuammen aber es hat etwas zu tun damit das für’s Lesen wohl dieselben Gehirnbereiche genutzt werden wie für die Orientierung im Waldgestrüpp und deshalb die Imagination so einfach gelingt, weil eben die Empfindung geschärft ist. Hatte dazu ein Feature gehört, ich meine dieses hier

    http://swen.antville.org/stories/2084288/

    aber kann auch ein anderes gewesen sein. Hab ich Zuhause auf Festplatte liegen und schau nochmal nach. Man muss immer alles Bookmarken ;-)

    Jedenfalls vielen Dank für die Hinweise hier, da kann ich dann ja weitermachen. Sobald das erste Buch durch ist. Ungefähr in 4 Jahren vielleicht.

  4. Sich im Waldgestrüpp zu orientieren bzw. zu verlieren ist sicher auch eine großartige ästhetische Erfahrung. Danke für den Hinweis! Und hoffentlich brauchen wir nicht 4 Jahre, bis wir den Dschungel durchmessen haben und wieder voneinander hören. ;-)

  5. nein. ich brauch vier jahre bis ich das buch anfange zu lesen weil ich nichts lesemäßig hinbekomme, es ist ein graus! muss vllt. mehr mit dem zug fahren.

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