Denken macht dumm

In der Mittagspause hatte ich heute ein Gespräch mit Jemandem, der mir von seinem interessanten Projektmanagementseminar erzählte. Dort, so wird einem häufig versichert, lernt man, wie man seine Ziele erreicht und welche Persönlichkeitstypen es gibt. Eine übliche Methode dabei ist die Festlegung von Meilensteinen. Beruflich habe ich die Freude gehabt, ausreichend von solchen Werkzeugen Gebrauch zu machen. Um von dem beruflichen Ernst wegzukommen, fragte ich, ob man solche Methoden wohl auf das eigene Leben anwenden könnte. Es war zuerst nicht ganz klar, was das bedeuten soll. Vielleicht, wie man finanzielle Sicherheit erreicht, oder wie man große materielle Wünsche verwirklicht. Ob man dazu nicht zuerst wissen müsste, welche Wünsche man denn hat, und wie man das herausfinden könnte, wollte ich wissen. Aber das scheint zu kompliziert zu sein. Wenn man anfängt, über so etwas nachzudenken, ist das nicht gut für die Gesundheit. Und auch nicht für die Karriere.

So ähnlich sah das auch ein Vater, der seinem Sohn, der Klassische Altertumswissenschaft studieren wollte, in einem Brief ausführlich darlegte, dass er davon nichts hielt. Es sei nutzloses Zeug. Zum Beleg führt er unter anderem einen befreundeten Effizienzexperten an, der mit seinem Sohn in ähnlicher Weise geschlagen ist. Der Empfänger des Briefes war Ted Turner, der spätere Gründer von CNN und Milliardär. Hier der Brief: “Dies ist mein Sohn. Er spricht Griechisch.

Darwinistische Ästhetik und Neuroästhetik

Adam Kirsch bespricht in “New Republic” drei Bücher, die sich aus einer darwinschen biologischen oder einer neurowissenschaftlichen Perspektive mit dem Phänomen der Ästhetik beschäftigen:
“Why Lyrics Last: Evolution, Cognition, and Shakespeare’s Sonnets”, von Brian Boyd
“Wired for Culture: Origins of the Human Social Mind”, von Mark Pagel
“The Age of Insight: The Quest to Understand the Unconscious in Art, Mind, and Brain, from Vienna 1900 to the Present”, von Eric R. Kandel

Im Raum stehen Fragen wie, ob das menschliche Kunstbedürfnis genetisch erklärbar ist, ob es etwas zur Fitness der Gene beiträgt, oder ob, wie Darwin schon angemerkt hat, der Schönheitssinn der Tiere gar nicht mit dem eines kultivierten Menschen vergleichbar sei. Analog für die – so Kirsch – verwandte neuere Neuroästhetik fragt man, wie Ästhetik als Funktion des Gehirns erklärt werden könne.

Kirsch wendet dagegen ein, Shakespeare habe in dritter Generation keine Nachfahren mehr gehabt. Nicht seine Gene, wohl aber seine Werke seien bis heute überliefert. Unter anderem dies zeige, dass die Möglichkeit, Kunst und überhaupt menschliche Unternehmungen rein darwinistisch zu erklären, einfach verschwinde, meint Kirsch. Ähnlich beurteilt er den Ertrag eines Buches des Nobelpreisträgers Eric Kandel. Auch der Neurowissenschaftler habe mit Blick auf die Erklärung lediglich Banalitäten vorzuweisen. Darwinistische und Neuroästhetik könnten, wenn sie denn mal die Mechanismen unserer ästhetischen Erfahrung erklärt haben werden, an der Art, wie wir Kunst erleben, nichts ändern.

Insgesamt ist Kirschs Kritik durchaus nicht destruktiv. Insoweit überzogene Ansprüche naturalistischer Erklärungen von Kultur bestehen, hält er sie für unbegründet.

Spocht: Olympia steht vor der Tür

Sommerzeit ist Sportzeit. Winterzeit auch. Eigentlich ist immer Sport. Und da in ein paar Tagen die Olympischen Spiele in London beginnen, sollte man noch einmal an diese beiden Klassiker der Sportdokumentation erinnern. Da sie das “Wesen” des Sports auf dialektisch-kritische Weise einfangen, müssen sie hier Erwähnung finden.

Damen und Herren, zunächst zum Fußball:

Und nun zu einer … ja, ganz anderen Sportart:

Ernest Gellner über Wittgenstein und Sprachphilosophie

Im vorigen Beitrag habe ich Ernest Gellners Buch “Words and Things” erwähnt, das von Ushanov kritisiert wird. Das Buch ist online hier zugänglich, und auf den ersten Blick scheint Gellners Argumentation nicht völlig daneben zugehen.

In der Einleitung zum Buch stellt Bertrand Russell fest, diese Sprachphilosophie enthalte als essentiellen Bestandteil einen Mystizismus, der schon in Wittgensteins Tractatus zu finden sei. Im Abschnitt über den Naturalismus enthüllt uns Gellner dann ironisch “DAS Geheimnis des Universums”, wie es sich aus Sicht der Philosophie der normalen Sprache darstellen soll:

“Seine Formulierung lautet: Die Welt ist das, was sie ist.”

Gegen die damit einhergehende abstinente Neutralität gegenüber der Welt beschließt Gellner das Buch mit den Worten:

“Philosophy is expliciteness, generality, orientation and assessment. That which one would insinuate, thereof one must speak.”

Philosophie der normalen Sprache – Ein Rückblick

T. P. Uschanov schreibt in “The Strange Death of Ordinary Language Philosophy” über die Attacken von Ernest Gellner auf die Philosophie der normalen Sprache in seinem Buch ‘Words and Things’ (1959). Das Buch erregte viel Aufsehen und eine Kontroverse. Bald darauf wurde es still um die Philosophie der normalen Sprache (Wittgenstein, Ryle, Austin u.a.). ‘Words and Things’ sei ein schlechtes Buch, das für viele falsche Auffassungen in der nachfolgenden Literatur verantwortlich sei.

Uschanovs Artikel ist recht umfangreich – er selbst nennt ihn einen “Leviathan”. Zahllose Thesen und Details werden aufgeführt. Darunter auch humorige, wie die von Mary Warnock wiedergegebene Beobachtung, es sei in Oxford ein running joke gewesen, dass Ryle nur deshalb die Idee eines “inneren Lebens” in Frage stellen konnte, weil er selbst keines gehabt habe.

Christine Korsgaard im Interview

Beim 3-AM-Magazine gibt es ein Interview mit der amerikanischen Kantexpertin Christine Korsgaard. Kant ist für sie ein naturalistischer Philosoph (der Meinung bin ich auch), für den alles entweder als Teil der natürlichen Welt erklärt werden kann oder aus der menschlichen Perspektive durch menschliche Bedürfnisse (wie z.B. “Tische” oder “Werte” oder “Vernunft”). “And it is right to think that the real source of all value in the world lies in people and animals”, so Korsgaard.

Sie pflichtet Kants Autonomiegedanken bei, klärt das seit Schiller bekannte Missverständnis auf, dass gute Taten, die mit Neigungen verbunden sind, für Kant angeblich moralisch wertlos seien (was bspw. auch schon Günter Patzig getan hat (“Der kategorische Imperativ in der Ethik-Diskussion der Gegenwart”)), und erläutert ihr Modell der konstitutionellen (statt kombativen) Funktion von Gefühl und Vernunft (“roughly speaking, passion proposes and reason disposes”).

Der Interviewer, Richard Marshall, macht seine Sache wie gewohnt gut. Er stellt die interessanten Fragen und kennt auch die roten Fäden einer Debatte oder eines Oeuvres. So fragt er Korsgaard, warum “Vernunft kein Despot ist”, worauf sie ihre Sicht von Identität erläutert und dass “wir uns mit unserer Vernunft identifizieren”. Das Interview greift zahlreiche weitere interessante Punkte auf, nicht zuletzt das Problem der Willensfreiheit, das ihr keine schlaflosen Nächte bereitet (“there is no point in saying …”)

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Scanlon gegen Libertarianismus

In einem ausführlichen Interview beim Utopian erfährt man Interessantes von Thomas Scanlon. Vorrangig geht es um seine Biografie und seine Philosophie. Auch über John Rawls erzählt er einiges Interessantes. Und er berichtet von der privaten Diskussionsgruppe, an der er bis in die 1990er teilnahm, zusammen mit Thomas Nagel, Ronald Dworkin, Robert Nozick, Judy Thompson, Michael Sandel, Christine Korsgaard und anderen.

Darüberhinaus enthalten gute Interviews auch gerne bemerkenswerte Details. Wie zum Beispiel diese beiden:

– Scanlon sagt seinen Studenten, sie sollten versuchen, sich nicht mit einer Position zu identifizieren, um ärgerliche Gegner zu schlagen, sondern die Plausibilität der anderen Position zu verstehen.

– Er ärgert sich über den Libertarianismus: “Yes, I certainly disagree with libertarianism, and it distresses me that it gets so much credibility.” Und man kann nicht sagen, er hätte sich nicht damit auseinandergesetzt (s. vorige Empfehlung).

Die Libet-Experimente und Willensfreiheit

Julian Nida-Rümelin hat auf seiner Webseite den Text eines Vortrags mit dem Titel “Libet and Liberty” veröffentlicht. Darin beschreibt er die Experimente und die Interpretationen, die sie als Beleg gegen Willensfreiheit anführen. Er zeigt, dass diese Interpretation auf logischen Fehlern beruht und dass sie nicht in Einklang steht mit anderen neurowissenschaftlichen Studien. Und schließlich ist er der Auffassung, dass das Libet-Experiment gar nicht das Problem der Willensfreiheit modelliert: “What Libet’s results could show at most is that in cases of indifference there are unconscious brain processes that cause our behaviour. But that is no argument against the existence of free will – and as we have seen, even this argument fails.

Deutsche Mentalität 2012?

Philip Oltermann, dessen Buch “Keeping Up with the Germans: A History of Anglo-German Encounters“, kürzlich erschienen ist, schreibt in der “London Review of Books” über die Sicht der Deutschen auf Griechenland und die Eurokrise. Dazu wirft er einen Blick auf die Art und Weise, wie Bildzeitung, Spiegel und Zeit die Sache kommentieren. Er empfiehlt, den Sportteil zu lesen, wenn man wissen will, “wie Deutschland denkt” – und das heißt, auch außerhalb des Themas Finanzkrise denkt. Und dort, so schreibt er, findet man Jogi Löws Ausspruch: “Bringschuld dauert ein bisschen länger.

Die Beschreibung nationaler Stereotypen ist ja selbst in besten Fällen zu 49,9 Prozent falsch, aber dieser Hinweis von Oltermann ist vielleicht nicht ganz unwahr.