Die professionelle Unfähigkeit zu schreiben

John Gray rezensiert in der Literary Review ein Buch von Mikkel Borch-Jacobsen und Sonu Shamdasani über Sigmund Freud und die frühen Jahre der Psychoanalyse: “The Freud Files: An Inquiry into the History of Psychoanalysis“. Er geht auf bekannte Streitpunkte der “Freud Wars” ein, gibt seine eigene Einschätzung dazu ab und ergänzt ein paar interessante Details. So soll Karl Popper seine Kritik, dass Freuds Psychoanalyse unfalsifizierbar und deshalb nicht wissenschaftlich sei, nicht erst in der “Offenen Gesellschaft” und in “Conjectures and Refutations”, sondern bereits um 1919 formuliert haben.

Aber ein anderer Aspekt der Rezension von John Gray beschäftigt mich hier: Freud sei ein deutlicher und direkter Autor gewesen, wohingegen das besprochene Buch von Borch-Jacobsen und Shamdasani oft unverständlich sei (als Gegenbeispiel lobt er Janet Malcolms “Psychoanalysis: The Impossible Profession” und “In the Freud Archives“). Gray bezeichnet dies als “the professional inability to write, which has become a requirement of academic life” – also die professionelle Unfähigkeit zu schreiben, die eine Anforderung des akademischen Lebens geworden sei.

Schaut man sich die im akademischen Betrieb jeweils vorherrschende Scholastik an – Analytische Philosophie, Postmoderne, “Kontinentale” Philosophie oder welche Geschmacksrichtung auch immer – so fällt die fehlende Bereitschaft, und möglicherweise ja auch Unfähigkeit, auf, den einen oder anderen allgemein verständlichen Text zustande zu bringen. Nun kann man über die Kriterien für Verständlichkeit geteilter Meinung sein. Ich würde hier zwei Anforderungen in Anschlag bringen: Nachvollziehbarkeit der Position für Interessenten mit anderen Hobbies, sowie einen Informationsgehalt, der über die 5 oder 6 Jahre, nach denen eine heiße Spezialistenthese wieder für alle Zeiten vergessen wird, erhalten bleibt.

Ich will damit nicht sagen, dass dies Standards für akademische Forschung sind. Es sind ausreichend Megabytes vorhanden, um kurioses Vokabular, interessante Formeln und kreative Schlussfolgerungen zu veröffentlichen. Verständlichkeit, Klarheit, Nachvollziehbarkeit sind vielleicht keine Kriterien, oder keine wichtigen, für wissenschaftliche Forschung. Aber zur Darstellung für ein interessiertes Publikum, dass über die drei Dutzend Fachkollegen hinausgeht, sind sie es. Die Fähigkeit, diese Kriterien anzuwenden, wird nur selten unter Beweis gestellt. Vielleicht ja auch, weil es mit dem Kult von Superhelden nicht vereinbar wäre.

7 thoughts on “Die professionelle Unfähigkeit zu schreiben

  1. Wer seine Gedanken nicht höchstgradig verschwurbeln kann, hat im akademischen Betrieb nix verloren!
    Wie dünn wäre die Arbeit des Doktoranden, der sich an Karl Popper hielte: „Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.“

  2. Sicher gibt es auch in der Philosophie bisweilen einen Mangel an Fähigkeit und Bereitschaft einen guten, an Kriterien der Verständlichkeit ausgerichteten Stil zu entwickeln. Wahrscheinlich aber findet man gerade unter Philosophen (mit großen Unterschieden zwischen den von Ihnen genannten Strömungen) auch echte Meister des an Verständlichkeit orientierten Stils; Meister, wie man sie in anderen geisteswissenschaftlichen vermutlich seltener antrifft. Aber darum geht es mir hier nicht. Was ich eigentlich anmerken möchte, ist, dass ihr Kriterium der “Nachvollziehbarkeit der Position für Interessenten mit anderen Hobbies” viel zu stark ist. Sowas liefe darauf hinaus, dass ein Ted Sider am besten so schreiben solle wie ein David Precht, doch kaum einer anderen Disziplin wird ein solcher Maßstab angelegt (und was ist an der Mathematik oder Physik der Gegenwart, schon noch nachvollziehbar für “Interessenten anderer Hobbies”).

    Philosophischer Fortschritt wird gegenwärtig in Teamarbeit zwischen Experten erzielt, deren Diskussion durchaus nachvollziehbar ist, aber eben unter der Vorraussetzung, dass man Philosophie nicht bloß als ein Hobby unter vielen betreibt, sondern sich intensiver mit ihr auseinander gesetzt hat (was in unserer Gesellschaft i.d.R. bedeutet, dass man Philosophie professionell betreibt bzw. das Fach und das jeweilige Gebiet an einer Universität studiert hat). Viele Journal-Artikel sind doch so geschrieben, dass sie direkt auf die zu diskutierende Problematik hinführen. Dies geschieht wenn nötig auch unter Rückgriff auf formal-logische Explikationen oder hilfreiche Fachterminologie, worin wiederum ein großer pragmatische Vorteil, letztlich auch ein Zeitersparnis begründet liegt. Dies ist es auch deshalb, weil es häufig eben verhindert, dass die Diskussionsteilnehmer einander nicht verstehen (im Gegenteil: Die Logik ist ein ganz hervorragendes Mittel der Verständigung geworden, ebenso ist es eine gute Fachterminologie – es ist vielleicht wie mit Noten: Ein Handicap für die, die des Notenlesens nicht mächtig sind, doch eine große Erleichterung in der Vermittlung dessen, was der Komponist von einem will, sofern man denn Noten lesen kann).

    Das Training und Verständnis sich innerhalb solcher Systeme zurecht zu finden, bekommt man in guten Vorlesungen/Seminaren, sowie in Einführungsliteratur. Sicher: Letztere sollte teilweise so geschrieben/gehalten werde, dass sie Interessenten mit anderen Hobbies verständlich sind, denn diesen Leuten etwas zu vermitteln, ist häufig der eigentliche Zweck dieser Literatur. Aber es wäre schlecht für die Philosophie wenn sie sich durchgehend oder auch nur größtenteils dieser Idee unterwerfen würde. Sie soll sich so entfalten dürfen, wie andere Disziplinen auch. Alles andere ginge auf Kosten ihres Fortschritts (was auch immer das in der Philosophie am Ende ist, nicht liegt er darin begründet, möglichst vielen Hobbydenkern den Sonntag zu versüßen.)

  3. Danke für den Einwand! Diese Argumente gingen mir nach Abfassung des Textes auch durch den Kopf. Im Prinzip habe ich ihnen ja Rechnung getragen mit dem Hinweis, dass es in der Fachdiskussion (“Forschung”) nicht darum geht. Oder nicht allein – denn auch da gibt es genügend Beispiele für einen großzügigen Umgang mit Stil und Terminologie. Aber natürlich auch viele positive Beispiele – bspw. Beiträge zur angewandten Ethik.

    Darüberhinaus ist es aber durchaus angezeigt, Ergebnisse des Faches für Interessenten “mit anderen Hobbies” darzustellen. Das ist sicher auch eine Frage des Talents, das man nicht mit Kenntnissen in Logik erwirbt. Im Gegenteil, mit dem Erwerb von Logikkenntnissen geht oft das Missverständnis einher, sich auch allgemeinverständlich ausdrücken zu können.

    Aber mir geht es hier gar nicht darum, gegen Logik oder Fachdiskussionen zu polemisieren – das ist nicht mein Standpunkt. Mir geht es tatsächlich um Interessenten mit anderen Hobbies – und die finden sich, Stichwort Schulbildung oder Spezialisierung, sogar innerhalb des Faches.

  4. Liebe Frauke,

    sicher ist das Kriterium “Nachvollziehbarkeit der Position für Interessenten mit anderen Hobbies” zu stark, dein Einwand ist natürlich berechtigt. Die Polemik richtet sich wohl gegen eine unnötig unklare Ausdrucksweise, deren Kennzeichen z.B. ungewohnte grammatikalische Strukturen, Dominanz von metaphorischen Redeweisen, Pathos, Wortneuschöpfungen, aphoristischer Stil, allgemein eine Tendenz zur literarischen Gestaltung etc. sein können. (Keins dieser Kennzeichen ist natürlich für sich genommen problematisch.) In hermeneutischen oder poststrukturalistischen Theorien zählen z.B. Metaphern oder hochgradig unscharfe Begriffe geradezu zu den Kernbegriffen: “differance”, “Horizontverschmelzung”, “Unverborgenheit”, “Diskurs”, “Ereignis” – nur um mal ein paar Beispiele für Begriffe von Theorierichtigungen zu geben, die es m.E. mit dem Bemühen um Klarheit und Verständlichkeit nicht sehr genau nehmen.

    Grüße,
    dbH

  5. Und entsprechend der Gepflogenheiten in anderen Denkschulen gibt es auch dort scholastische Übertreibungen, die als vermeintliches Leistungsabzeichen dienen.

    Natürlich gibt es auch gute sachliche Gründe für einen Spezialistenstil, wenigstens wenn er in “verantwortungsvollen Kreisen” (Quine) geübt wird. Dann bleibt jedoch nicht nur für den Laien, sondern auch für die Fachphilosophin mit anderen Spezialisierungen das Problem, dass die “Fachsprache wuchert” und die nach allen Regeln der neuesten Kunst zerlegten Probleme “uninteressant oder noch schlimmer erscheinen müssen”. (Quine)
    Auch die moderne Physik kann nur durch Popularisierung für Nichtphysiker zugänglich gemacht werden: “ich mag Physik, doch im Rohzustand finde ich sie ungenießbar” (Quine). Dasselbe für die Philosophie zu leisten wäre gut und “würde allerhand Können erfordern”. (Quine)

    Im Gegensatz zu Quine vermute ich, dass man mit und für Philosophie sogar in einem positiven und verantwortungsvollen Sinn begeistern kann. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre – schon aus fachlichen und irgendwie gearteten pädagogischen Gründen (bei Quine) sollte es verständliche Darstellungen philosophischer Probleme und Ergebnisse geben.


    Die Zitate stammen aus Quine: Theorien und Dinge, S. 230 ff.

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